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Von Amrum nach Ouagadougou

Amrum zu verlassen ist immer ein bisschen traurig. Normalerweise. Denn der Bootssteg führt zurück in den Alltag. Doch diese Fähre legt ab nach Ouagadougou. Mit an Bord: Eine Geschichte über Engagement, Empowerment, grenzenlose Liebe zu eigenverantwortlicher Lebensgestaltung. Eine inspirierende Begegnung.

Mit uns im Auto sitzt eine Frau, die mich sofort in ihren Bann zieht. Sie unterhält sich angeregt mit der Seeblick-Chefin Nicole Hesse. Ich merke, auch die beiden kennen sich schon länger. Die Frau strahlt eine außergewöhnliche Gelassenheit und Souveränität aus und ist auf angenehme Weise sehr präsent. Wir verabschieden uns von unserer Freundin und betreten die Fähre. Bye bye, Amrum. Schön war’s wieder einmal.

Schnell haben die andere Frau und ich eine Sitznische gefunden. Und tauchen aus dem Nichts in ein intensives Gespräch ein, das bis zum heutigen Tag in mir nachklingt. Eine Geschichte über Reisen und Ankommen, Leben und Wirken. Verzicht und Reichtum – und echt nachhaltiges Engagement.  Ihre Geschichte ist ein Beispiel dafür, wie sich jeder von uns zu den großen Themen der Menschheit positionieren kann. Wir können vielleicht nicht alle so weit gehen wie diese Frau. Doch wir können sie aktiv dabei unterstützen, in ihrer unglaublichen Kraft weiter zu wirken.

Aus Katrin Rohde wird | Mama Tenga

Katrin Rohde lebt die meiste Zeit des Jahres in Ouagadougou. Vor 30 Jahren tauschte die ehemalige Buchhändlerin aus Plön ihre bisherige Existenz gegen ein Leben in einem der ärmsten Länder der Welt. Burkina Faso, Westafrika. Das Land ist geographisch und wirtschaftlich benachteiligt. Binnenlage in der Sahel-Zone. Es gibt Missernten und Trockenheit, lange Transportwege und hohe Kosten für Wareneinfuhr, dazu kommen eine hohe Kindersterblichkeit, eine Lebenserwartung von durchschnittlich 48 Jahren und eine Analphabetenquote von immer noch knapp 73%.

Bei so einer komplexen Fülle an Problemen kann man wegschauen – oder sich auf die Schönheit und das Machbare besinnen und anpacken. Katrin Rohde, die bei ihrer ersten Begegnung bereits engen Kontakt zu einer Gruppe Burkinabé geknüpft hat, entscheidet sich damals fürs Anpacken. Sie kehrt zurück – und bleibt. Sie nimmt Straßenkinder bei sich auf, baut wenig später ein Waisenhaus, gründet 1995 A.M.P.O. = Association Managré Nooma pour la Protection des Orphélins. Wie aus der Buchhändlerin ein Afrikanisches Leben wurde, hat Katrin Rohde anschaulich in dem Buch Mama Tenga beschrieben. Eine spannende Lektüre (hinter dem Link verbirgt sich eine Leseprobe), die ich jedem, der sich für ungewöhnliche Lebensläufe starker Persönlichkeiten interessiert, gern ans Herz lege.

AMPO-Gründerin Katrin Rohde in Ouagadougou, inmitten „ihrer“ Kinder.

Managré Nooma | Das Gute geht nie verloren

Das ist das Motto von A.M.P.O., dessen Aktivitäten auf deutscher Seite von Sahel e.V. mit Sitz in Katrins ehemaliger Heimatstadt Plön gestützt werden. „Das Gute geht nie verloren“ – Wie kommt man in einem Land, in dem der Mangel so vorherrschend ist, zu einer solchen Aussage? Wohl nur durch unermüdlichen Optimismus und konsequente Tatkraft. Durch den Willen, mit echtem Interesse und großer Herzenswärme auf die Menschen vor Ort zu schauen, ihnen genau zuzuhören und gemeinsam mit ihnen Wege zu erschaffen und gehen, die sie selbst aktiv gestalten. Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Mehr wollte AMPO nie tun. Aber auch nie weniger.

Junge Frauen, die in den Häusern MIA und ALMA Unterkunft und Ausbildung finden. Es gibt mittlerweile drei Schneider-Werkstätten, eine Seifenmacherei, einen Friseurladen und ein Lehrrestaurant für Köchinnen und Serviererinnen.

Nach 23 Jahren versammeln sich neben den beiden Waisenhäusern für Jungen und Mädchen viele Einrichtungen unter dem Dach von AMPO. In den Häusern MIA und ALMA finden minderjährige Mütter und HIV-infizierte Frauen Unterkunft und bekommen eine Ausbildung. Neben P.P.Filles, einem Beratungshaus für Frauen zu Familienplanung, Gesundheit, Ernährung und Frauenrecht, zu dem auch ein Cinémobile gehört, das die Arbeit in die ganze Sahel-Zone trägt, gehören eine Rollstuhlwerkstatt, die AMPO-Krankenstation, die pro Jahr bis zu 60.000 Patienten behandeln, da sie als einzige Medikamente an die Armen kostenlos abgeben. Daran angegliedert gibt es noch das Projekt LINDA zur Bekämpfung und Behebung von Mangelernährung bei den Kleinsten und Schwächsten.

Neben nahrhaften Breigerichten zum Aufpäppeln der Mangelernährten und allem, was satt macht, steht auch Obst regelmäßig auf dem Speiseplan der AMPO-Kinder. Bei AMPO finden Kinder ein stabiles Zuhause, bekommen Verantwortung übertragen und erhalten eine berufliche Perspektive für ein selbstständiges Leben.

Unterstützungswillige können dem Projekt allgemeine oder zweckgebundene Geldspenden zukommen lassen, Sachspenden oder gezielt Ausbildungspatenschaften übernehmen (mehr dazu auf der Seite von Sahel für AMPO und am Ende dieses Beitrags).

Tondtenga | Wie AMPO bei Ouagadougou tiefe Wurzeln schlägt

Besonders faszinierend finde ich die Landwirtschaftsschule Tondtenga – in der Sprache der Mossi heißt das Unser Land. Das mag auch an meiner persönlichen und journalistischen Auseinandersetzung mit Klimapolitik und Welternährung liegen, die die dringende Suche nach Alternativen für eine klimaverträgliche Landwirtschaft beinhaltet. Einer Landwirtschaft, die hier wie dort zwingend Anreizsysteme entwickeln muss, um kleinteilige ökologische und bio-dynamische Landwirtschaft für die Menschen vor Ort möglich und einträglich zu gestalten.

Während die kleinteilige Landwirtschaft in den ländlichen Regionen auch in der Sahelzone funktionieren kann, sind an die Versorgung einer so großen Anzahl von Menschen in den Metropolen der südlichen Weltgemeinschaft noch einmal ganz andere Anforderungen geknüpft. An Ouagadougou lässt sich das Problem der Landflucht der Bevölkerung gut ableiten. Die Stadt wächst jährlich derzeit um 10% und hat die ehemals am Stadtrand liegenden Einrichtungen von AMPO längst umspült. Im Wikipedia-Eintrag scheint die Einwohnerzahl mit 1,2 Millionen auf dem Stand von 2006 eingefroren, mittlerweile sind es gut 2,2 Millionen Einwohner.

Die Landwirtschaftsschule mit angegliedertem Internat bei Ouagadougou vermittelt den jungen Männern alles, was sie wissen müssen, um in ihren Herkunftsdörfern biologische Landwirtschaft zu betreiben.

Seit 2005 lernen pro Ausbildungsjahrgang 10 Jungen im Alter von 10-18 Jahren aus acht verschiedenen Dörfern und über die Dauer von zwei Jahren hinweg  Methoden zur Verbesserung des landwirtschaftlichen Ertrags und im Bereich Viehzucht. Sieben Hektar umfasst das Tondtenga-Gelände in Balkouy, das von den AMPO-Kindern liebevoll TT genannt wird. Solarpumpen befördern das benötigte Wasser aus 65 Meter Tiefe in einen Turm. Die Jungs lernen ihr eigenes Beet zu betreuen, zu kompostieren und wie sie Bewässerungssysteme geschickt einsetzen, um in diesem anspruchsvollen Klima die Anbauflächen gut zu versorgen.

Unterstützt werden die Direktoren von Tondtenga unter anderem von Erziehern, Veterinären. Gärtnern, Lehrern und Köchinnen. Wenn die Jungen nach erfolgreicher Ausbildung in ihre Dörfer zurückkehren, erhalten sie, erzählt mir Katrin Rohde, einen Grundstock, um die Landwirtschaft auf den Stand des erworbenen Wissens zu heben. Neben einem Pflug und anderen Werkzeugen müssen auch Brunnen gebaut werden. Eine kostenintensive, aber langfristig lohnenswerte Investition in den tropischen Bio-Landbau, die den Burkinabé eine unabhängige Existenz sichert.

Bei unserer Begegnung erzählt Katrin Rohde viel darüber, wie stolz es die Männer macht, für sich und ihre Familien sorgen zu können und mit nachhaltigen Bewirtschaftungsmethoden gute Erträge zu erzielen. Sie inspirieren sich gegenseitig, lernen voneinander und profitieren von der kleinteiligen ökologischen Landwirtschaft.

Wie AMPO die Zukunft von Burkina Faso mitgestaltet

Katrin Rohde hat in den Jahrzehnten ihrer Arbeit vor unzähligen Politikern gesprochen, sie hat mit Königen und Stammesfürsten gesessen. Vor Kurzem hat sie die operative Leitung der Einrichtungen abgegeben. Ein Generationenwechsel, der ihr sicher nicht leicht gefallen sein dürfte. Ich freue mich für sie und alle rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort, dass sich eine Lösung gefunden hat, mit der AMPO weiterhin und trotz politischer Unwägbarkeiten so wirkungsvoll und stark im Land aktiv sein kann: Eine paritätische Doppelspitze, bestehend aus Dénis Yameogo, einem Burkinabé, und Andrea Reikat, einer Deutschen, wird künftig die Geschicke von AMPO vor Ort leisten. Beides sind langjährige Mitarbeiter, die sich vielfach bewährt haben.

Gemeinsam werden die beiden dafür sorgen, dass das Gute nie verloren geht. Sie werden die jeweiligen Direktoren und Mitarbeitenden in den einzelnen Einrichtungen führen, anleiten und auf ihrem weiteren Weg begleiten. Dieser Weg heißt heute wie morgen: Afrika den Afrikanern, Empowerment vor Ort für die Menschen vor Ort. Mama Tenga Katrin Rohde wird als Botschafterin für AMPO weiter aktiv sein. In ihrem jüngsten Rundbrief über die neue Führungsstruktur könnt ihr mehr über den erfolgreich eingeleiteten Wandel bei AMPO und ihr zukünftige Rolle erfahren. Ich hoffe, wir begegnen uns wieder. Auf Amrum, in Plön, oder in Ouagadougou. Alles Gute, Dir, liebe Katrin, alles Gute den Menschen in Burkina Faso.

Infos | Spenden | Patenschaften | Praktika @ AMPO

Bildrechte: Alle Fotos im Beitrag wurden mit der freundlichen Genehmigung von Sahel e.V. für AMPO zur Verfügung gestellt. Mein Dank an dieser Stelle geht an Babette Otto in der Plöner Geschäftsstelle und die Katrin-Rohde-Stiftung. „Der Sahel e.V. in Plön ist eine anerkannte gemeinnützige Organisation, die sich sich zur Aufgabe gemacht hat, die von Katrin Rohde gegründeten Einrichtungen und Projekte von AMPO in Ouagadougou nachhaltig zu finanzieren und zu sichern, um bedürftigen jungen Menschen, Kindern und Jugendlichen im westafrikanischen Staat Burkina Faso eine Lebensperspektive zu geben.“ (Auszug aus der Vereinsbroschüre)

Katrin Rohdes Lebensgeschichte Mama Tenga kann man zum Preis für 4,99 Euro hier downloaden.
ISBN 978-3-89567-028-2 (ePub) und 978-3-89567-029-9 (mobipocket)
Verlag: Nieswand Verlag Erschienen im Juli 2012

Am wichtigsten für die Arbeit von AMPO vor Ort in Ouagadougou sind allgemeine Spenden. Um im akuten Notfall helfen und Neuzugänge auffangen zu können, braucht es flexibel einsetzbare Beträge. Darüber hinaus kann die Unterstützung ganz punktuell und zielgerichtet aussehen:

Wie das genau geht, welche Dinge helfen und welche nicht, lest ihr am besten auf der Webseite selbst. Wer sich über einen längeren Zeitraum mit dem Projekt verbinden und an Entwicklungsverläufen teilhaben möchte, kann eine Patenschaft übernehmen. Bereits mit 25 Euro im Monat kann ein Teil der Kosten für Unterbringung, Verpflegung und Schulbesuch eines AMPO-Kindes übernommen werden.

Darüber hinaus sind Ausbildungspatenschaften möglich und willkommen, die die Ausbildungskosten eines jungen Erwachsenen in Teilen oder komplett übernehmen. In Burkina Faso erhalten Auszubildende keine Vergütung sondern müssen Schulgebühren entrichten. Aktuell werden Paten gesucht für Elektriker/in, Grundschullehrer/in, Krankenpfleger/in, Mechaniker/in, Schweißer/in und Schneider/in.

Auch Praktika bei AMPO sind möglich. Das Bewerbungs- und Auswahlverfahren ist zurecht streng. Gebraucht werden helfende Hände, willkommen sind Menschen mit Fähigkeiten im Bereich Krankenhaus, Pflege, Pädagogik, Kochen oder Nähen. Auch sollte man sich gut auf Französisch verständigen können. Katrin Rohde beantwortet meine Frage nach Voluntarismus diplomatisch, aber klar: „Wir freuen uns über jeden, der ernsthaft (!) Interesse an unserer Lebensweise hat und stabil genug ist, sich mit ganzem Herzen einzubringen.“ 

Auch die Amrumer Seeblicker sammeln und spenden regelmäßig für AMPO, seit sie Katrin Rohde 2005 kennenlernten. Hier ein Artikel aus der SHZ von 2011.

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