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Azoren: Vulkanland mit Banlieue

Gemäßigtes Klima, fruchtbare Böden, spektakuläre Landschaften: Die vulkanische Azoren-Insel São Miguel sieht aus wie ein rundum glückliches Eiland. Doch das Glück ist ungleich verteilt – nicht alle profitieren vom Segen der üppigen Natur. Dabei liegt gerade in ihr die Zukunft

Der Rezeptionist im Hauptstadthotel ist jung und beflissen. Wir haben für heute ein Auto gemietet und fragen ihn nach dem besten Weg zu den Vulkanseen bei Sete Cidades. Dort wollen wir wandern, denn zum Wandern sind die Azoren wie gemacht. Bereitwillig zeichnet er uns die Strecke auf einer Touristenkarte ein und macht Kringel um die Aussichtspunkte, die wir unterwegs passieren. Die müssten wir unbedingt ansteuern, sagt er.

Wanderparadies Azoren: Manchmal möchten wir alle paar Minuten stehen bleiben, um die Bilder aufzusaugen.

Wanderparadies Azoren: Manchmal möchten wir alle paar Minuten stehen bleiben, um die Bilder aufzusaugen.

Gleichzeitig macht er keinen Hehl daraus, dass ihm unser Tagesprogramm viel zu dürftig ist. Mit flinker Hand skizziert er eine Route zu den wichtigsten Highlights von São Miguel. Nach den Vulkanseen könnten wir ein bisschen der Nordwestküste folgen, kurz Station in Mosteiros, Remédios und Ponta de Santa Bárbara machen – „lauter tolle Blicke dort“ – und in Ribeira Grande – mit knapp 33.000 Einwohnern eine der größten Städte auf den Azoren – nach rechts in die Berge zum Naturpark Lagoa do Fogo abbiegen. Dann runter zur Südküste und in östlicher Richtung weiter zum Kurort Furnas, wo wir ohne Hetze rechtzeitig zur Mittagspause wären, um nachmittags in den heißen Quellen zu baden und abends über die Autobahn zurück zur Hauptstadt fahren.

39 Grad warm ist das Wasser im großen Becken von Furnas. Die trübe Färbung kommt von dem hohen Eisengehalt. Der Park um das Bassin gehört zu den schönsten auf den ganzen Azoren.

39 Grad warm ist das Wasser im großen Becken von Furnas. Die trübe Färbung kommt von dem hohen Eisengehalt. Der Park um das Bassin gehört zu den schönsten auf den ganzen Azoren.

Er meint es natürlich gut. Viele Touristen hüpfen von einer Azoren-Insel zur anderen und absolvieren die Besichtigung der Höhepunkte im Sauseschritt. Wir dagegen bleiben die ganze Zeit auf São Miguel und sind schon hier überwältigt von den vielen Eindrücken. Die sind durchaus widersprüchlich.

Azoren: Wo Licht ist, ist auch Schatten: Abendhimmel über der Lagoa Seca bei Furnas

Wo Licht ist, ist auch Schatten: Abendhimmel über der Lagoa Seca bei Furnas

Steilküsten wie Bollwerke

Die raue Steilküste – Strände gibt es nur sehr wenige – schirmt die Insel wie ein Bollwerk gegen den Atlantik ab. An manchen Stellen treten die Felsen ein wenig zurück und machen an ihrem Fuß einer kleinen Geröllebene Platz. Die Handvoll Häuser, die auf so einer „Fajã“ hockt, profitiert von einem Mikroklima, das manchmal sogar Weinbau erlaubt. Erreichbar sind diese versteckten Orte nur über schmale, steile Pfade.

Azoren: Nur an wenigen Stellen hat der Atlantik Strände aus der Steilküste ausgewaschen. Hier schäumt er über schwarzen Lavasand.

Nur an wenigen Stellen hat der Atlantik Strände aus der Steilküste ausgewaschen. Hier schäumt er über schwarzen Lavasand.

Wir erleben das in Rocha de Relva, nur wenige Kilometer westlich der Hauptstadt Ponta Delgada, die zugleich die Hauptstadt der Azoren ist. Beim Abstieg erhebt sich rechts von uns die Felswand mit zum Teil schulbuchartig übereinander getürmten geologischen Schichten, auf der anderen Seite fällt das Land jäh zum Meer hin ab.

Azoren: Wind und Wetter nagen an der Küste, deren Geologie sich liest wie ein Buch.

Wind und Wetter nagen an der Küste, deren Geologie sich liest wie ein Buch.

Kurz bevor wir Rocha de Relva erreichen, blicken wir in steile Terrassengärten, manche zugewuchert, wenige noch in Gebrauch. Unten im Dorf hören wir einen Hahn krähen, irgendwo schlägt ein Hund an, aber die Haustüren sind verschlossen und es zeigt sich kein Mensch. Erst auf dem Rückweg begegnen wir zwei Jugendlichen, die Maultiere mit Zementsäcken am Zügel führen – Baumaterial für Häuser, die wegen ihrer Abgeschiedenheit meist nur noch als Feriendomizile genutzt werden.

Azoren: Rocha de Relva ist ein schöner Flecken Erde – aber die Mühsal, ihn zu erreichen, ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Rocha de Relva ist ein schöner Flecken Erde – aber die Mühsal, ihn zu erreichen, ist heute nicht mehr zeitgemäß.

Azoren: Land aus Milch und Butter

São Miguel liegt mitten im Ozean, ist aber Bauernland. Drei Farbtöne beherrschen die Szenerie: das helle Grün sanft gehügelter Weiden, das Blau-Grün der Bergwälder und das Blaugrau der Vulkanseen. Ureinwohner gab es hier nie, ein paar antike Münzfunde legen nahe, dass die Insel verschiedentlich besucht wurde. Geblieben sind die Portugiesen, die die Azoren offiziell 1427 in Besitz nahmen.

Seitdem hat sich São Miguel in ein Auenland verwandelt, auf dem eine beeindruckende Population von Rindern tagaus, tagein in saftig grünes Gras beißt. Die Insulaner machen daraus Milch, Butter und Käse – Erzeugnisse, nach denen sich sämtliche Festlandsportugiesen die Finger lecken, weil Geschmack und Qualität ihresgleichen suchen. Ein Cowboy-Land sind die Azoren deshalb noch lange nicht, dazu sind die Weiden zu übersichtlich und die Inseln ebenso. Vielmehr geht es, Atlantik hin oder her, sehr bodenständig zu, selbst an der Küste ist das so. Natürlich gibt es Fischer, aber die Seefahrernation Portugal hat hier nicht unbedingt eine ihrer Hochburgen.

Uns kommt es vor, als seien die Kühe hier auf den Azoren glücklicher als anderswo.

Uns kommt es vor, als seien die Kühe hier auf den Azoren glücklicher als anderswo.

Keine Insel der Seligen

Was uns erstaunt: Unterwegs begegnen wir wiederholt jungen Bauern, die auf PS-starken Traktoren über die Landstraßen brettern. Dass sich junge Leute wieder für Landwirtschaft interessieren, ist nicht selbstverständlich in einer Region, die unter der Salazar-Diktatur chronisch vernachlässigt wurde, jahrzehntelang hohe Auswandererzahlen zu verkraften hatte und unter Portugiesen bis heute als hoffnungslos rückständig gilt.

Als Urlaubsziel dagegen entwickeln sich die Azoren immer mehr zum Geheimtipp. Während unserer Wanderung an den Vulkanseen bei Sete Cidades öffnen sich uns buchstäblich umwerfende Blicke – der Wind ist teilweise so stark, dass wir kaum stehen können. Überwältigend an dem Höhenweg über den erloschenen Kratern ist aber nicht nur die Vulkanlandschaft: Der Atlantikdunst, der hinter dem nächsten Bergrücken aufsteigt, fühlt sich an, als stünden wir auf der Brücke eines gewaltigen Ozeandampfers.

Azoren: Wie ein Smaragd im blauen Ozean: Blick über die Kraterseen von Sete Cidades

Wie ein Smaragd im blauen Ozean: Blick über die Kraterseen von Sete Cidades

Später, beim Besuch des Ortes Sete Cidades, treffen wir auf dieselbe gespenstische Leere, die wir schon aus Rocha de Relva kennen: malerisch, aber tot. Hier ist alles auf Urlaubsbetrieb eingestellt, aber jetzt im Winter ist Nebensaison und die vielen Ferienwohnungen und -komplexe liegen verlassen da. Noch ernüchternder wird es, als wir gegen Spätnachmittag doch noch der Empfehlung unseres Hotelrezeptionisten folgen und wenigstens einen kurzen Abstecher an die Nordküste machen. Dort geraten wir in einen Ort namens Rabo de Peixe, dessen Name, wohlwollend übersetzt, Fischschwanz bedeutet und von dem uns anschließend ein Freund erzählt, er gehöre zu den ärmsten Kommunen Portugals.

São Miguel, überhaupt die Azoren, segeln unter einem ständig wechselnden Himmel mit ausreichenden Niederschlägen, gemäßigtem Klima und einer üppig sprießenden Natur, doch die Vorzüge dieser Lage kommen nicht allen Bewohnern zugute. In Rabo de Peixe – und nicht nur dort – sehen wir zu jeder Tageszeit Männer in Trauben vor Kneipen stehen und Frauen, die ungeachtet ihres Körperumfangs nur abenteuerlich gemusterte Leggins als Kleidermode zu kennen scheinen. Wer hier geboren wird, wächst in heruntergekommen Straßen auf und hat geringe Aufstiegschancen, weil es offensichtlich am Zugang zu Bildung hapert. Ganz anders das Bild in der Hauptstadt Ponta Delgada, wo uns in den gepflegten Parks manchmal Trauben von Schülern über den Weg laufen und viel Geld in die Renovierung des Stadtbildes fließt.

Azoren: Allein in die Gestaltung des Straßenpflasters wird in Ponta Delgada viel Aufwand gesteckt. Orte wie Rabo de Peixe wirken dagegen wie eine verarmte Banlieue.

Allein in die Gestaltung des Straßenpflasters wird in Ponta Delgada viel Aufwand gesteckt. Orte wie Rabo de Peixe wirken dagegen wie eine verarmte Banlieue.

Tourismus ist gut, wenn er allen nützt

Neben Portugiesen vom Festland kommen zunehmend auch skandinavische und deutsche Besucher auf die Azoren. International wird dem Archipel gerne das Etikett „nachhaltig“ verliehen, was vor allem den vielen Parks und Gärten, den reichlich sprudelnden heißen Quellen und überhaupt der artenreichen Natur geschuldet ist. Nicht so nachhaltig wirkt der erstaunlich rege Autoverkehr, der mit der Angewohnheit der Bewohner zu tun hat, jede noch so kleine Strecke im PKW zurückzulegen. Ähnliches haben wir schon auf der französischen Atlantikinsel Ouessant erlebt – vielleicht ein Inselphänomen? Unser Auto mieten wir bei einer Firma, die das Wort „Green“ im Namen trägt, doch das einzige Elektromobil ist gerade in der Werkstatt.

Azoren: Gleich hinter dem Rollfeld liegt das Meer: Viel Himmel am Flughafen der Hauptstadt Ponta Delgada

Gleich hinter dem Rollfeld liegt das Meer: Viel Himmel am Flughafen der Hauptstadt Ponta Delgada

Dennoch: Für die wirtschaftsschwachen, trotz EU-Geldern ungleich entwickelten Azoren ist Tourismus eine Chance, wenn er allen nützt. Das muss nicht immer schön anzusehen sein, wie der Auftritt einer deutschen Reisegruppe im Kurpark von Furnas zeigt: Beim Bad in einer der vielen heißen Quellen des Ortes nutzen die Besucher nicht die öffentlichen Umkleidekabinen, sondern strecken beim Umziehen ihren Hintern allen Anwesenden entgegen.

Unschön ist auch die Erfahrung, die wir in „Tony’s Restaurant“ gleich gegenüber der Hauptkirche von Furnas machen: Das Thunfischsteak ist trocken, das Gemüse verkocht, der Service lieblos. Andererseits verschaffen Besucher wie wir der redefreudigen Delicia, die jeden Tag unsere privat angemietete Ferienwohnung reinigt, ein gutes und in der Hauptsaison sogar regelmäßiges Einkommen.

Zudem kommen seit einigen Jahren auch die Einheimischen in den Genuss der heißen Quellen: Die Poças de Doña Beija, ein vorbildlich in die Landschaft von Furnas integriertes Ensemble von Heißwasserbecken, wurden eigens für die Inselbewohner gebaut, schaffen Arbeitsplätze und haben bis 23 Uhr geöffnet – sensationell für einen verschlafenen Provinzort, in dem die Bürgersteige schon am frühen Abend hochgeklappt werden und die Mitarbeiter im Supermarkt Haarnetze zur Schau tragen.

Es tut sich also etwas auf den Azoren – in den Urlauberhochburgen und auch jenseits davon. Die Natur als Kapital, das allen zugutekommt, spielt dabei eine wesentliche Rolle. Das zeigt sich zum Beispiel an dem Naturschutzzentrum direkt an der Lagoa das Furnas, das ein Naturkundemuseum mit einer Forschungseinrichtung verbindet und vor allem junge Leute beschäftigt. Und die Dame, die uns im Tourismusbüro von Furnas berät, bedauert ausdrücklich, dass die meisten Besucher nur einmal kommen, „dabei gibt es doch so viel zu sehen“. Wie Recht sie damit hat, beschreibe ich an anderer Stelle.

Azoren: Der See von Furnas liegt in einer der meistbesuchten Gegenden der Insel. Im Winter haben wir ihn fast ganz für uns allein.

Der See von Furnas liegt in einer der meistbesuchten Gegenden der Insel. Im Winter haben wir ihn fast ganz für uns allein.

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