Schwarz

Blackbox Neuseeland

Kennst Du das? An einer tollen Sehenswürdigkeit willst Du ein Foto machen doch plötzlich merkst Du: Du bist nicht allein. So ging es mir in Neuseeland. Überall Menschen, die Berge, Wolken, Farnknospen und Grillteller fotografieren. Wozu überhaupt noch Bilder machen?

Heute war ich in Punakaiki. Ein kleiner nichtssagender Ort, mit verflucht zungenbrecherischem Namen, an der Westküste der Südinsel Neuseelands. Nichtssagend, gäbe es dort nicht die Pancake Rocks, die Pfannkuchenfelsen. Eine gehypte und völlig überlaufene Touristenattraktion. Über 460.000 Besucher kommen im Jahr vorbei. Mehr als die Hälfte davon in nur 3 Monaten zwischen Dezember und Februar. Die großartige Landschaft erstickt an ihrem eigenen Erfolg.

Kalkstein und schluffige Tonerden haben sich in Punakaiki während Jahrmillionen zu einer Karstlandschaft verdichtet. Sie sind durch die Kraft des Regens, des Windes und der Meeresbrandung zu einem horizontal gegliederten bizarren Fels-Relief erodiert, welches den geneigten Reisenden – wenn er oder sie es denn vorher im Reiseführer gelesen hat – sehr entfernt an gigantische Stapel verlockender American Pancakes erinnern kann.

Schautafel mit drei Kreuzen und dem Text: Lohnt es sich für ein Foto zu sterben?

Lohnt es sich für ein Foto zu sterben? Warnung an den Pancake Rocks in Punakaiki

Lohnt es sich, für ein Foto zu sterben?

Der Tourist wandert die Steilküste bei Punakaiki sicher auf bequem asphaltierten Wegen entlang, während unterhalb in verflixt tiefen Trögen und Schloten der Pazifik bedrohlich gurgelt, donnert und röhrt. Weiße salzige Gischt schießt in Kaminen gefährlich weit nach oben. Welch ein erhabenes Schauspiel hat sich die Natur hier bloß ausgedacht. Alles, was mit der Urgewalt des Meeres kollidiert, wird von der zerstörerischen Energie des Meerwassers gnadenlos zu Knochenmehl und Fischfutter zermahlen. Wie schaurig ist das denn?

Diese gewaltigen Felsen verlocken dazu, Zäune und Absperrungen zu überklettern und sich das fantastische Naturschauspiel einmal genauer anzusehen oder aus nächster Nähe spektakuläre Fotodokumente zu produzieren. Diesem dummen Gedanken vorauseilend warnen deswegen oben am Geländer Hinweistafeln: Lohnt es sich, für ein Foto zu sterben?

Blöde Frage das. Denn auf jeden Fall lohnt es sich, für ein Foto zu sterben! Wir leben in aufgekratzen, bildergeilen Zeiten. Andere Schlüsse lassen sich gar nicht ziehen aus der unglaublichen Menge an Menschen, die in Neuseeland auf Brücken, an Schnellstraßen, an Seeufern, Bergspitzen und Aussichtsplattformen kleben oder an Helikoptern und Paraglidern hängen und die traumschönen Landschaften durch das Display ihres Smartphones, das Okular ihrer Kompaktkamera oder die Megaobjektive ihre Spiegelreflex-Oschis für späteren visuellen Konsum digital konservieren.

Wie Hühner auf einer Stange reihen sich die Fotograf*Innen von allen Enden der Welt in Reih und Glied, die Objektive in die gleiche Richtung ausgerichtet. Wie mich das nervt! Sie drücken ab, um Gletscher, blaugrüne Bergseen, reißende Flüsse, beschneite Gipfel oder eben krasse Felsen abzulichten. Warum bloss wollen alle die immer gleichen Bildertrophäen mit ihren Kameras erlegen und nach Hause tragen?

Mich schüchtert diese Bildersucht einfach nur ein. Ich stehe da mit meinem Fotorucksack und trau mich gar nicht meine schnuckelige Lumix mit den schicken Wechselobjektiven auszupacken. Denn in der Gesellschaft dieser bildberauschten Mitmenschen komme ich mir nur noch wahnsinnig dämlich vor. Wie ein ferngesteuerter Me-Too-Hampelmann. Will ich auch haben, genau dieses Bild. Bei soviel Konkurrenz da lass ich das knipsen unentschlossen bleiben und versinke in trüber Grübelei, über den Unsinn des Fotografierens auf Reisen.

Ich knipse, also reise ich! Ich share, also bin ich!

Wo sollen zum Beispiel diese Milliarden Megabit Bildmaterial bloß hin? Schaut sich doch eh kein Hund mehr an, oder gibt es etwa noch diese Dia-Abende? Ist dieses Fotografieren von Landschaften und Reiseländern nicht eine unglaublich Vernichtung technischer Ressourcen? Hinter mir kräht eine Stimme: “Ich halt die Kamera einfach nur so hin. Ist Automatik. Da fällt bestimmt was Schönes ab.“ Kann schon sein. Aber was ist das für ein Foto, das da einfach so beim Hinhalten ganz ohne Wahrnehmung, Regel und Erfahrung entsteht? Oder kommt es darauf heute auch nicht mehr an? Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto. Sieht das wirklich so aus?

Ein Bild sagt angeblich mehr als 1000 Worte. Ist das wirklich so? Denn woher sollen diese mehr als 1000 Worte eigentlich kommen, wenn an die Entstehung eines Foto, keine Gedanken verschwendet werden, die mehr taugen als 5 Cent? Boah is geil, muss ich Foto. Oder: Boah is super, muss ich Foto teilen.

Ich knipse, also reise ich. Ich share, also bin ich. So geht es mir auf jeden Fall. Ich teile über Whatsapp einen Schnappschuss voller blauem Wasser, strahlender Sonne und weißem Schnee. Huschhusch habe ich den noch durch krasse Filter aufgepimpt. Von Zuhause bekomme ich in Sekundenschnelle ein super aufmunterndes Feedback:

“Wie kannst Du es wagen, mir das zu schicken, hier pisst es nur …“
oder
“Ich beneide Dich …“
oder
“Mensch, Du hast es ja richtig schön, schöne Restreise noch …”
oder
“Das sieht ja aus, wie auf einer Postkarte …“

Hast Du doch auch schon mal gehört! Wenn auf Insta die Feedbacks nur langsam tröpfeln, werde ich depressiv und wenn bei Facebook die Kommentare sprudeln, bin ich glücklich. Solche Reaktionen kennt jeder, der von Reisen – über welchen Channel auch immer – Schnappschüsse an die daheim gebliebenen Lieben schickt.

Die Herzchen, die Likes und die schönen Worte rinnen wie Öl an meinem narzisstischen Reise-Ich herab. Aber so hänge ich eben auch fest in dieser pausenlos rotierenden Bewertungsschleife. Obendrein schleppe ich in meinem Rucksack den Ballast Zuhause mit mir herum. In Form von Erwartungen auf den nächsten heißen Klick. Wie verändert sich eigentlich Reisen, wenn ich immer schon daran denke, was ich denen daheim aus der Ferne berichten und mitteilen kann? Wie komme ich raus aus dieser Zuhause Weichspüler Feedback Blase? Warum darf ich nicht mal auf Reisen einfach darauf scheißen, was sie Zuhause denken?

Postkarten Perspektiven

Aber vielleicht ist es ja so, dass sich ein großartiges Reiseerlebnis erst dann einstellt, wenn die Likes, die Herzchen und die Kommentare meine geteilten Fotos in eine bedeutungsvolle Perspektive stellen? Wie arm wäre das eigentlich, wenn wir die Schönheit unserer Welt nicht mehr selber empfinden könnten, sondern nach diesen Likes und Herzchen von anderen gierten, um uns dieser Schönheit zu versichern? Wäre dann unserer Wahrnehmung und unseren Gedanken überhaupt noch zu trauen?

Oder brauchen wir inzwischen die digitale Feedback Maschine, die uns diese Antwort ausspuckt: Alles schön, alles gut, alles richtig gemacht? Sind wir etwa auf dem Weg in eine neue Unmündigkeit? Geht es dann überhaupt noch um eigenes Erleben und Entdecken? Oder sind wir von unseren eigenen Erfahrungen schon so weit entfremdet, dass wir den Umweg über deren Bespiegelung und Veredelung in der endlos rotierenden Feedbackschleife benötigen, um sie überhaupt noch ordnen und bewerten zu können? Wahrscheinlich kreieren wir am laufenden Band Situationen, Erlebnisse und Bilder, die das Potential haben, zu echten Feedback-Knüllern zu werden. Wie konnte es eigentlich so weit kommen, dass wir Landschaften, Stadträume und Natur zu beliebig reproduzierbaren Fotomotiven herabwürdigen?

So summsen auf den Pancake Rocks in Punakaiki an der Westküste der Südinsel Neuseelands also meine trostlosen Gedanken hin und her. Ich nehme Abschied und sage der Fotografie auf immer Lebewohl. Meine Fotos bei Facebook oder Insta teilen, mag ich auch nicht mehr. Ist mir gruselig und unerfreulich geworden. Aber warum soll ich dann noch fotografieren?

Trotzdem habe ich den Finger ganz schnell wieder am Drücker, denn in dieser Frage liegt auch schon eine Antwort. Fotos einfach mal wieder um ihrer selber Willen machen. So einfach ist das. Weil da irgendwas fasziniert oder lockt oder verführt. Und genau, daheim einfach mal vergessen, wozu bin ich schließlich auf Reisen.

In der Galerie Neuseeland – very beautiful habe ich ein Fotos geposted von Flechten, Moosen und Wasserfällen, die mich auf Neuseeland fasziniert, gelockt und verführt haben.

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