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Capodimonte – Odyssee auf den Kunstolymp

Das fantastische Museum Capodimonte auf einem Hügel oberhalb der Mega-Metropole Neapel lockt seine Besucher mit weltberühmten Kunstwerken. Allerdings ist es gar nicht so einfach, Capodimonte zu erreichen. Meine Odyssee ins Museum war so abenteuerlich, dass ich erstmal davon berichten muss.

Im Frühjahr. Während der Previews der Biennale in Venedig habe ich einen ausgesprochenen unterhaltsamen Abend mit einem Italiener verbracht, der heute eine sehr hohe Position im Ministerium für Kultur und Tourismus innehat. Wir haben intensiv und engagiert über unterschiedlichste Dinge geplaudert. Unter anderem darüber, wie Museen in Italien – von denen manche ausgezehrt und unterfinanziert ein trauriges Schattendasein als schmuddeliges Mauerblümchen führen – reanimiert und erfolgreich für ein neues Publikum erschlossen werden können.

Sein Projekt für das Museum Capodimonte – diese fantastische Gemäldegalerie oberhalb der Mega-Metropole Neapel – sah die Wiedereröffnung eines alten Tunnel aus der Bourbonenzeit vor, der den Hügel von Capodimonte mit dem tiefer liegenden Altstadtzentrum Neapels verbindet. Durch diesen Tunnel sollten die Museumsbesucher per Shuttle hinaufgezogen werden in den Kunst-Olymp und ganz nebenbei weitere fantastische Eindrücke aus dem alten Neapel erfahren. Eine tolle Idee für die fortschreitende Touristifizierung des italienischen Kulturerbes. Besonders lohnenswert sei – seiner Meinung nach – in Capodimonte das Gemälde Judith und Holofernes von Artemesia Gentileschi. Großartiger als das Gemälde in den Uffizien von Florenz, über das ich hier schon geschrieben habe.

Ein alter Mann mit weißem Bart, langer Nase und wachen Augen. Rote Mütze auf dem Kopf und roter Umhang. Ein Meisterwerk aus Capodimonte

Immer noch unglaublich lebendig, listig und verschmitzt. Papst Paul III porträtiert von Tizian

Mit den Öffentlichen zum Museum Capodimonte

Heute fiel mir das wieder ein, denn ich hatte mich von Pozzuoli aus auf den Weg gemacht, die herrlichen Meisterwerke in Capodimonte zu bewundern. Tizian, Michelangelo, Angelica Kaufmann, Madame Vigee Lebrun halten dort Hof. Die ganz Großen der Malerei. Die Fahrt mit den versifften und zerschlissenen Zügen der Metropolitana Richtung Neapel – durch all die aus Zement gegossenen Bausünden in der verwahrlosten und mit Müll zugeschissenen Vorhölle rund um diesen süditalienische Moloch – ist schon anspruchsvoll. Nichts für schwache Nerven. Es geht aber noch besser. Nämlich dann, wenn man mutig den öffentlichen Bus Richtung Capodimonte besteigt.

Ich habe mich von der Metro-Haltestelle Montesanto bis zur Piazza Dante durchgeschlagen und warte dort erst mal auf den Bus. Regelmäßige Fahrzeiten für Busse der Linie 168 oder 178, die mir als Verbindung nach Capodimonte mitgeteilt werden, existieren vielleicht auf dem Papier; in der Realität Neapels kommen sie nicht vor.

“Pazienza Signore, Geduld, vielleicht kommt ein Bus, vielleicht auch nicht. Wir sind hier in Neapel, vielleicht kennen sie diese Stadt noch nicht.“

Wahrscheinlich soll ich dankbar sein, dass überhaupt Busse fahren, ist doch schon ein Wunder. Aber regelmäßige Taktzeiten, davon haben sie hier noch nie gehört, das gibt es vielleicht in Hamburg oder München. In einer Stadt die damit kokettiert, dass sie nur eine Regel kennt, nämlich keine, ist es wahrscheinlich naiv, darauf zu hoffen, dass Busse regelmäßig fahren.

Ein blasses Gesicht vor dunklem Grund. Viel Schmuck um den Hals und im Haar.

Porträt of a Lady. Um 1550 gemalt von Bronzino, einem der großartigsten Porträt-Maler aller Zeiten

Hände wie Klauen. Rosso Fiorentino malt bizzare Bilder, wie diesen hübschen Knaben

Neapel hautnah

Endlich kommt ein Bus, die Türen werden gestürmt, es herrscht drangvolle Enge. Ein üppiger Busen wird mir unter die Nase gedrückt. Ein weiches Gesäß presst sich an meinem Arsch vorbei. Das ist schon etwas unangenehm. Ganz eindeutig zu viel Land und Leute. Ich stehe am Automaten, in dem die Tickets entwertet werden müssen, also werde ich zum Ticketentwerter geadelt und schiebe ritschratsch Tickets am Fließband in den Entwerterschlitz.

An der nächsten Haltestelle versucht eine alte Dame den Bus zu besteigen. Sie zieht sich an den Türgriffen hinauf. Von hinten wird sie geschoben. Von vorne gezogen. Ihre Kräfte reichen halt nicht, die extrem hohe Stufe des Einstiegs zu nehmen. Der Bus fährt kräftig, rumpelnd an. Eine weitere ältere Dame mit weißen Haarwellen und blätternden blutroten Fingernägeln verliert den Halt, stolpert mir entgegen und bedankt sich für meinen starken Arm, der sie aufgefangen hat.

Wie kommt es, frage ich mich, dass in Italien die zweitälteste Bevölkerung Europas lebt? An der öffentlichen Dienstleistung Nahverkehr kann es nicht liegen. Denn hier herrscht gnadenlose Selektion, survival of the fittest. Andererseits, wenn man Busfahren in Neapel überlebt hat, dann haut einen wirklich nichts mehr um.

Kühle Schönheit. Il Parmigianino pinselt diese bedrohliche Beauty um 1530

Krasser Hipster Look um 1530. Wieder Il Parmigianino. Wahnsinnig toll

Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Eleganz

Und um ganz ehrlich zu sein: Auch in dieser – der Willkür und Launenhaftigkeit der Einrichtungen des öffentlichen Lebens ausgelieferten – Situation sind die Neapolitanerinnen und Neapolitaner von einer ausgesuchten Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft und Eleganz. Nur nicht das Leben vermiesen lassen von schmalbrüstigen Apparatschicks in der staatlichen Verwaltung, die gemächlich ihre Eier schaukeln und sich anstelle ihrer Aufgabe, nämlich das Leben aller so angenehm und komfortabel wie möglich zu gestalten, lieber mit der Frage beschäftigen, was es zum Mittagessen gibt. Sind ja auch nur Menschen, die da in der Verwaltung.

Kulturell und überlebenstechnisch sind die Neapolitaner einfach viel fortschrittlicher und weiter entwickelt als die Deutschen. Die sich als aufgespulte Wutbürger für´s grelle Gröl- und Pfeifkonzert immer noch auf den beschwerlichen Weg zum Marktplatz  machen. Viel zu viel Aufwand. Denn hier in Neapel weiß man schon sehr lange, es gibt ein Leben ganz und gar ohne Staat. Wirklich! Also einfach weiter machen und das absurde Gewurschtel von denen da oben tapfer ignorieren. Chi va piano, va lontano! Sagen sie im schönen Neapel. Wer langsam geht, kommt weit. Allunga la vita! Wahrscheinlich ist es einfach diese abgeklärte Mentalität, die den Italienern die Lebensspanne verlängert.

Ein erschöpfter Herkules mit den Früchten der Hesperiden. Verrückte Goldschmiederei auf der Cassetta Farnese

Und noch verrückter: Das Opfer Abrahams von Lelio Orsi. Wenig Blut, viel schrilles Gelb und Rosa. Was hat sich der Künstler dabei gedacht?

Chi va piano, va lontano!

Vielleicht ist es aber auch einfach die Lebensfreude oder nie verebbende Lebensenergie der Neapolitaner. Denn die Busfahrt hinauf nach Capodimonte schenkt mir auch diesen bemerkenswerten Dialog zwischen zwei alten Herren, beide Mitte 70, beide Rentner.

Rentner 1:
Morgen fahre ich in den Urlaub. Zum Baden nach Bulgarien. Ich bin alt, ich bin Rentner, ich brauche die Thermen.

Rentner 2:
Oh, Bulgarien, da sind auch die Mädchen schön …

Renter 1:
Ach, dafür habe nicht mehr das Alter …

Rentner 2:
… Aber die Mädchen haben das Alter dafür und du hast 20 Euro. In Bulgarien wird der Euro noch geschätzt.

Rentner 1:
Ich weiß, in Bulgarien mögen sie Euro. Viele Rentner fahren nach Bulgarien, wegen des Euro. Und weil sie dort keine Steuern zahlen, ist alles viel billiger als in Chianciano Terme, wo ich sonst immer hingefahren bin.

Hört halt nie auf, auch wenn man das Alter nicht mehr hat. Prophezeit mir auch mein Hausarzt. Ich wollte ihm nie glauben. Aber jetzt … ? Leider ist da auch schon die Haltestelle vor dem Park von Capodimonte. Hier muss ich raus. Schade, jetzt wäre ich doch gerne etwas weitergefahren.

Wäre der uralte Bourbonen Tunnel als Touristenschleuder hinauf in den Kunstolymp Capodimonte schon geöffnet, hätte ich bei der Fahrt ins Museum nicht so viel Erstaunliches erlebt und erfahren wie auf dieser ungewöhnlichen Bustour. Ich wäre halt wegisoliert unterwegs gewesen in einem wattigen, touristischen Parallel-Universum. So war es doch viel aufregender! Auf dem Fußweg ins Museum beschäftigt mich die Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, öffentliche Gelder weniger in prestigeträchtige Inselprojekte zu verplanen, die an der Lebensrealität der Menschen vor Ort so deutlich vorbei zielen.

So lebt es sich im Paradies. Arrigo der Haarige, Pietro der Schwachsinnige und Amon der Zwerg. Für Annibale Carracci war die Welt irgendwie aus den Fugen.

Und nochmal Herkules. Diesmal am Scheidweg. Gut oder Böse?

Im Park von Capodimonte

Aus meinen Tagträumen werde ich von einem schrillen Trillerpfeifenpfiff geschreckt. Gibt es ihn doch in Neapel, den Wutbürger? Nein. Es ist ein Parkwächter, der so energisch pfeift. Er fordert ein junges Pärchen auf, den Zierrasen nicht zu betreten. Und jetzt fällt mir auf, überall im Park von Capodimonte stehen Tafeln, die darauf hinweisen, wie der Park in den letzten Jahren auf Vordermann gebracht worden ist. Hier neuer Rasen angelegt. Dort Bäume beschnitten. Etwas weiter das Belvedere restauriert. Bänke aufgestellt, Wasserbrunnen installiert und und und …

Der Park von Capodimonte ist der größte öffentliche Park in Europa. Hier wird gejoggt, gespielt, geflirtet und gechilled. Geld, den Park von Capodimonte zu erhalten, fehlt allerdings im armen Süden Italiens an allen Ecken und Enden. Deswegen werden Spender angesprochen, mit 500 Euro bist Du dabei, den Park etwas mehr zu retten! Mit einem neu gepflanzten Baum, einer neuen Parkbank oder einem Trinkbrunnen für den treusten Freund des Menschen. Ein großartiges Projekt. Schaut her, es lohnt sich, in Neapels Schönheit und den kulturellen Reichtum des Südens zu investieren.

Ein Flussgott, wieder von Annibale Carracci. Haut mich um diese pralle, fleischige Männlichkeit …

… und auch vor diesem Bacchus kann ich eigentlich nur staunen.

Endlich Museum …

Auch das Museum von Capodimonte könnte einen warmen Geldsegen gut gebrauchen. Irgendwie schluffen die Besucher durch eine Art Hintertür in das Museum von Weltrang hinein. Mein Eintrittsticket erwerbe ich an der Kasse des Museumsshops. Hätte ich mir auch sparen können, denn meine Eintrittskarte wird nirgendwo überprüft. Das Personal am Eingang hat sich gemütlich tuschelnd in eine Nische zurückgezogen. Nachvollziehbar. Es kommt ja eh fast kein Besucher vorbei. Das Museum Capodimonte träumt einen gefährlichen Dornröschenschlaf, der nach unzähligen halbgaren Versuchen, Capodimonte endlich wieder wach zu küssen, zäh und komatös in jeder Ecke lauert.

Aber als ich in die aberwitzig neugierigen Augen von Papst Paul schaue, die noch 500 Jahre nachdem das Genie Tizian sie auf die Leinwand gezaubert hat, so funkeln, als sei der gemalte Kirchenfürst lebendig, da ist mein Ärger sofort verflogen. Ich biege ab in eine fantastische Zauberwelt und als ich 2 Stunden später wieder daraus auftauche, bin ich so begeistert, dass mir die 45 Minuten Wartezeit auf den Bus hinunter in die Altstadt schon komisch aber nicht mehr so schrecklich vorkommen. Aber den Lift – durch den alten Bourbonen-Tunnel – hätte ich jetzt schon gerne ausprobiert. Judith und Holofernes von Artemesia Gentileschi habe ich leider nicht gesehen. Die Abteilung mit den Bildern aus der Epoche des neapolitanischen Barocks macht blöderweise erst am Nachmittag um 16 Uhr auf. Für mich zu spät.

Service Capodimonte

Das Museum Capodimonte ist täglich – bis auf Mittwochs – von 8:30 bis 19:30 geöffnet. Am besten überprüfst Du diese Info noch mal auf der Website des Museums. Hier findest Du auch Informationen rund um das Museum und die aktuellen Ausstellungen. Außerdem erfährst Du hier, mit welchem Bus Du das Museum von Capodimonte am besten erreichsts. Denn den Shuttel-Tunnel gibt es ja noch nicht ;-)

Die Bilder hier im Post zeigen vor allem Werke aus der Sammlung Farnese, die auf komplizierten Wegen aus Rom nach Neapel gekommen ist. Es ist eine ganz subjektive Auswahl. Großartige Werke, wie der Blindensturz von Pieter Bruegel dem Älteren oder das erstaunliche Porträt des berühmten Mathematikers Luca Pacioli bleiben genauso unerwähnt wie die Sammlung zeitgenössischer Kunst oder die fantastische Sammlung neapolitanischer Malerei und Skulptur von der Romanik bis in das 19. Jahhundert. Im Museum Capodimonte gibt es also viel, viel mehr zu entdecken als hier beschrieben.

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