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Caravaggio – Der Kunst-Rowdy von Rom

Der Künstler Caravaggio stellt um 1600 die Malerei in Rom auf den Kopf. Kontrovers, gewalttätig, psychologisch raffiniert, ausgeleuchtet in grellen Schlaglichtern erzählt er altbekannte Geschichten revolutionär neu. 400 Jahre später springt der Funke noch über. Ich bin Feuer und Flamme!

1986 Caravaggio in Berlin

1986 gewinnt Derek Jarman mit seinem Film Caravaggio einen Silbernen Bären bei der Berlinale. Michelangelo Merisi da Caravaggio, den Titelhelden seines Künstler Bio-Pics stellt Jarman als einen triebgesteuerten Kunst-Rowdy vor. Das fand ich damals sehr sexy.

Für die Karriere tut der junge Caravaggio so ziemlich alles. Der aufsteigende Malerstar pinselt sinnliche Knaben für päderastische Kirchenfürsten. Nach Feierabend stellt er selber den gefährlichen scharfen Jungens nach. Zum Saufen treibt Caravaggio sich in üblen Kaschemmen rum. Dort fraternisiert er mit Nutten, Tagedieben und bösen Buben. Die holt er sogar als Modelle in sein Atelier. So werden in seinen Werken aus Heiligen wieder einfache Menschen. Seine wütenden Kritiker werfen ihm dafür billigen Populismus vor. Caravaggio sei auf die Welt gekommen, um die Kunst zu vernichten, maulen sie rum.

Als er den Tod der Mutter Maria malt, schafft er sogar eine Wasserleiche aus dem Tiber herbei. So nah am Abgrund schreckt der Maler auch vor einem Mord aus Leidenschaft nicht zurück. Ein Künstler als Mörder, das zieht immer!

Eitel, jähzornig, gewaltbereit, begnadet. Ein freundlicher Zeitgenosse ist dieser Caravaggio nicht. Aber mit dieser geschmackvollen Mischung aus Aggressivität und Sensibilität, Berechnung und Leidenschaft, Grausamkeit und Zartheit verhilft Jarman seinem Caravaggio zu einem schillernden, außerordentlich attraktiven Charakter. Als junger Mann bin ich sofort fasziniert. Jarmans Film hat einen ungeheueren Einfluss auf mich. Ich bin sofort losgerannt, um mir Caravaggio anzuschauen.

2017 Caravaggio in Rom

2017 ist die Begeisterung für Jarmans Film schon lange verschwunden. Die Leidenschaft für die Malerei Caravaggios ist geblieben. Deswegen freue ich mich immer wieder auf eine Reise nach Rom. Denn dort gibt es unglaublich großartige Gemälde des Meisters. Zu finden sind sie in 6 Museen, 3 Kirchen und 1 Villa. Insgesamt 23 Werke. So viel Caravaggio wie in Rom gibt es an keinem anderen Ort der Welt. Fantastisch.

Was fasziniert mich an den Gemälden Caravaggios? Warum bezaubern und begeistern mich diese alten Schinken immer wieder? Tatsächlich bin ich mit meiner Begeisterung nicht allein. In Rom gibt es einen regelrechten Run auf die Meisterwerke Caravaggios.

In diesem Frühjahr erlebe ich zum ersten Mal, dass die Seitenschiffen der Kirchen San Luigi dei Franscesi und Santa Maria del Popolo verstopften, weil so viele Menschen die Bilder des genialen Künstlers bewundern wollen. Es wurden sogar Sicherheitsleute angestellt, um den Ansturm zu bewältigen. Nach über 400 Jahren mutiert Caravaggios Kunst zur Jobmaschine. Irre!

Ist es immer noch Caravaggios Ruf als Skandalnudel, der die Menschen vor dessen Bilder treibt? Dann hätten all die Biographen, Künstlerfeinde und frühen Kunsthysteriker, die Caravaggio mit dem Dreiklang Genie, Kriminalität, Wahnsinn dissen wollten, genau das Gegenteil ereicht. Caravaggios Kunst ist so stark, dass sie jeden Shitstorm überlebt.

Aber zurück zu meiner Frage. Warum bezaubern mich diese alten Schinken immer wieder? Also es ist so. Ich stelle mich vor einen Caravaggio und meistens wird sofort ein Spotlight angeknipst. Die Bilder strotzen vor unglaublicher Intensität. Sie transportieren starke Emotionen. Außerdem erzählt Caravaggio lebendig und psychologisch raffiniert. Besonders überrascht er mich mit aufregenden Bildkompositionen, die meine Aufmerksamkeit fesseln.

Caravaggio, Martyrium des Heiligen Matthäus.

Martyrium des Heiligen Matthäus in der Kirche San Luigi dei Francesi. Caravaggio hat sich hinter einer Säule versteckt und beobachtet wie ein Voyeur den Mord im Vordergrund

Der erste Großauftrag in der Kirche San Luigi dei Francesi

Caravaggio malt nur wenige Gesten, aber die sitzen. Wie schockgefroren inszeniert er ganz sachlich die entsetzlichste Grausamkeit. Zum Beispiel in seinem Meisterwerk Das Martyrium des Matthäus in der Kirche San Luigi dei Francesi. Da schaut der Betrachter in den nach vorne offenen Bildraum eines Baptisteriums. Ort des allerheiligsten Sakramentes. Jetzt aber Schauplatz eines entsetzlichen Mordes. Die Zeugen kreischen schockiert und stieben in alle Himmelsrichtungen auseinander.

Von einem krassen Schlaglicht angestrahlt erhebt sich monumental der prächtige, fast nackte jugendliche Mörder. Unter ihm am Boden ausgestreckt ein alter Mann, Matthäus. Der Täter tänzelt über dem gebrechlichen Körper seines Opfers. Das Schwert hält er noch fest in der Hand. Ist er bereit zum zweiten Mal zuzustechen? Brutaler geht Generationen-Konflikt ja gar nicht. Aus einer unsichtbaren Wunde rinnt Blut in feinen Bächlein auf das blütenweiße Gewand des Apostel.

Oh Gott, wir sind zu spät gekommen. Was ist passiert? Wie Gaffer bei einem Unfall auf der Autobahn! Wir verlangsamen das Tempo, um ganz genau zu sehen. Gibt es schon Tote? Nein gibt es noch nicht. Matthäus ist zwar tödlich verwundet zu Boden gesunken. Aber er lebt. Doch bald wird er sterben. Blöderweise hat er sein Gesicht abgewendet. So können wir ja gar nicht erkennen, ob er leidet. Mist! Wie lange wird sein Todeskampf wohl noch dauern? Der sexy Mörder hat den Arm des alten Mannes empor gerissen. Und blickt wütend in dessen Gesicht? Was schreit er ihm bloß zu? Vielleicht: “Stirb schneller alter Mann.“

Caravaggio spielt souverän mit dem Voyeurismus der Betrachter. Er macht den Betrachter sogar zu seinem Komplizen. Im Hintergrund, hinter einer Säule malt der Künstler das Gesicht eines bärtigen Mannes. Er betrachtet die grausame Szene mindestens so interessiert wie wir vor dem Bild. Es ist ein Selbstporträt!

Er kann es nicht glauben. Das Martyrium des Petrus in der Kirche Santa Maria del Popolo.

Santa Maria Sopra Minerva – Das Martyrium des Petrus

Ähnlich nüchtern analysiert Caracaggio das Martyrium des Petrus in der Kirche Santa Maria del Popolo. Gleich beginnt die Hinrichtung. Die Vorbereitungen sind schon fast abgeschlossen. Petrus ist an ein Kreuz genagelt. Jetzt muss das Kreuz nur noch in die Vertikale. Dann kann der lange Todeskampf beginnen.

Mich zieht die körperliche Präsenz dieses bärtigen Greises in ihren Bann. Für sein Alter ist ziemlich gut in Schuss der alte Herr. So einen Body möchte ich auch mit 70 haben. Petrus ist ganz verlassen. Denn drei gesichtslosen Handwerker sind in ihre ungewöhnliche Arbeit versunken. Ziemlich ungeschickt versuchen sie, das Kreuz kopfüber aufzurichten. Petrus ist gar nicht in der Lage, auf die Aktivität um ihn herum zu reagieren.

Ganz ungläubig schaut er auf den monströsen Nagel, der durch seine Handfläche getrieben ist. Gleich geht es los mit den Qualen. Was für eine Anspannung. Ist es nicht so, dass wir die Gedanken Petri britzeln hören? “Das ist doch nicht wahr, was hier gerade geschieht. Das ist doch nicht meine Hand, die da auf das Holz genagelt ist.” Petrus wird sterben. Wir wissen das aus den Geschichtsbüchern. Aber im Moment seines nahenden Todes, mag Petrus davon anscheinend gar nichts wissen. Ziemlich menschlich, oder? Keine Angst. Verleugnung.

Wie kommt es, dass Caravaggio so ein kenntnisreicher Spezialist für das sachlich Grausame ist? Um 1600 muss verstörende Gewalt in Rom immer gegenwärtig und alltäglich gewesen sein. Vielleicht sogar ein Quell von deftigem Spektakel und prickelnder Unterhaltung für die sensationsgeilen Bewohner der ewigen Stadt. Zum Beispiel waren die Hotels rund um den Campo dei Fiori bei damaligen Rom Reisenden auch deswegen so beliebt, weil auf dem Campo regelmäßig Hinrichtungen stattfanden. Da hatte man es nicht so weit zur nächsten Kadaver-Show. Man saß quasi in der ersten Reihe.

So viel Blut. Judith – die schöne und listige Witwe – ermordet den überrumpelten Holofernes. Palazzo Barberini – Galleria Nazionale d’Arte Antica

Die schöne Witwe – Caravaggio im Palazzo Barberini

Im Gegensatz zu den mit Kunstpilgern vollgepfropften Kirchen ist es im Palazzo Barberini angenehm leer. Die Galleria Nazionale liegt etwas abseits. Dabei ist der Besuch ein tolle Sache. Denn es gibt nicht nur Kunst zu bestaunen. Besucher des Museums erhalten zusätzlich einen Eindruck, wie Päpste im 17. Jahrhundert residierten. Der Palazzo war das Zuhause des Papstes Urban des VIII.

Ich bin aber wegen einer schönen Witwe gekommen. Wegen der listigen Judith, die Holofernes ermordet. Dieser blutige Kampf zwischen den Geschlechtern war ein beliebtes Bildmotiv im blutrünstigen 17. Jahrhundert. Hier nochmal die Erzählung des Mordgeschehens. Nach einem festlichen Gastmahl, das mit der Vergewaltigung Judiths enden sollte, sinkt Holofernes besoffen aufs Bett …

… Judith trat an das Lager des Holofernes, ging  zum Bettpfosten am Kopf des Holofernes und nahm von dort sein Schwert herab. Sie ergriff sein Haar und betete: „Mach mich stark, Herr, du Gott Israels, am heutigen Tag!“ Zweimal schlug sie mit ihrer ganzen Kraft auf seinen Nacken und hieb ihm den Kopf ab. …

Holofernes – dieses Prachtexemplar herrlichster Männlichkeit – zeigt sich genauso wie Petrus erstaunt über den nahenden Tod. Damit hat er nicht gerechnet. Sein Blut strömt wie aus einer Wasserleitung aufs Kopfkissen hinab. Der Mund ist weit aufgerissen, als hätte er gerade noch geschrien. Die geöffneten Augen gleiten schon hinüber in die Dunkelheit.

Judith schneidet außerordentlich konzentriert und gleichzeitg angeekelt den Kopf vom Leib. Sie ist schon ziemlich weit gekommen. Aber wenn sie den Kopf als Trophäe in des Sack, den die Magd rechts hält stopfen möchten, dann muss sie noch ein bisschen schuften. Auch hier strahlt dieses krasse Schlaglicht – ganz typisch für Caravaggio – die grausame Szene an. Mich fasziniert besonders das runzelige Gesicht der geifernden Magd. Sie ist ja gewissermaßen meine Stellvertreterin als Betrachter im Bild.

In sich selbst versunken. Narziss betrachtet sein Spiegelbild. Angelpunkt der Komposition ist das hell erleuchtete Knie. Der weiße Puffärmel lenkt die Aufmerksamkeit auf die Hand, die das Wasser berührt

Verführerische Knaben

Gleich nebenan hängt der Knabe Narziss. Das ist der, der sich am Ufer eines zauberhaften Teichs in sein Spiegelbild auf der glänzenden Wasseroberfläche verliebt und bei der Betrachtung seines Spiegelbildes stirbt.

Die Psychoanalyse hat aus dem Mythos des Narziss die Selbstverliebtheit heraus destilliert. Kennt jeder. Allerdings unterschlägt, diese Deutung einen besonderen Clou der Geschichte. Nach einer besonders alten Version erkennt Narziss sich in dem Spiegelbild nicht wieder. Er weiß gar nicht, dass er sich selber betrachtet. Ist dem so, dann erzählt die Geschichte von Narziss nicht von der Selbstliebe. Sie erzählt von der Gefährlich- und Tödlichkeit von Bildern. Besonders dann, wenn man sich mit ihrem Gebrauch nicht auskennt. Und wie gefährlich dieses Bild ist, zeigt Narziss selbst. Sein sinnlicher Mund ist wollüstig geöffnet. Mit der Hand versucht er sein instabiles Bild zu berühren.

Verführerisch. Johannes der Täufer poussiert mit dem Ziegenbock. Kapitolinische Museen

Der Narziss ist betörend schön. Er leitet über zu dem rätselhaften Johannes Knaben, der in den Kapitolinischen Museen hängt. Ist das ein religiöses Bild oder eine erotische Malerei? Ein hübscher Junge dreht sich selbstbewusst vielleicht sogar auffordernd dem Betrachter zu. Ganz entspannt und unverkrampft bietet er damit seine Nacktheit an. Was macht der Ziegenbock im Hintergrund? Mir rauschen lauter unanständige Gedanken durch den Kopf.

Vor der Caravaggios Kreuzabnahme in der Pinakothek der Vatikanischen Museen steh ich dann aber wieder ganz ruhig und demütig.

Die monumentale Kreuzabnahem aus den Vatikanischen Museen

Caravaggio Tipps

Rom bietet viel mehr Bilder von Caravaggio als in diesem Post vorgestellt. In der Contarelli Kapelle der Kirche San Luigi dei Francesi gibt es sogar drei Bilder des Meisters. Neben dem Martyrium des Matthäus noch seine Berufung und Matthäus mit dem Engel.

In der Cerasi Kapelle in der Kirche Santa Maria del Popolo hängt dem Martyrium des Petrus die Bekehrung des Paulus gegenüber. In der Kirche San Agostino – ganz in der Nähe der Piazza Navona – kannst Du die unglaublich schöne Madonna von Loreto bewundern.

Die Galleria Doria Pamphili beherbergt zwei frühe Caravaggio Bilder. Die Büßende Magdalena und die die Ruhe auf der Flucht nach Ägypten. Wenn Du die Maria in dem einen Bild mit der im anderen vergleichst, kannst Du sehen, dass Caravaggio mit dem selben Model arbeitet.

Beim Besuch der Galleria Borghese findest Du nicht nur Meisterwerke Caravaggios sondern eine echte Wunderkammer angefüllt mit den fantastischsten Kunstwerken in Rom.

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