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Castel del Monte & die heilige Zahl

Castel del Monte ist eine von Geheimnissen umrankte Burg. Allein die 8 Ecken dieser Krone Apuliens inspirierten unzählige Legenden. Bauherr, Kaiser Friedrich, ist eine der rätselhaftesten Persönlichkeiten des Mittelalters. Geheimnisse, Rätsel, Legenden! Gibt es bessere Gründe, eine Reise zu machen?

Es gibt Orte auf der Welt, die haben einen Ruf wie Donnerhall. So typische Bucket-List Kandidaten. Sie locken als Orte, die man auf jeden Fall gesehen haben muss. Bevor man den Löffel abgibt. “Also das und das muss ich unbedingt noch gesehen haben, solange es noch geht … “ Ich versteh diesen Zwang das muss ich noch gesehen haben zwar nicht. Aber vielleicht steht ja Petrus oder ein anderer Oberlehrer an der Tür zum Paradies und fragt, bist Du auch da oder dort gewesen? Zum Beispiel in Castel del Monte.

Castel del Monte in Apulien ist ganz und gar so ein Ort, der davon lebt, dass man ihn gesehen haben muss. Castel del Monte gehört zum weltkulturellen Pflichtprogramm! Dieser Ruf wird sicherlich nicht von allen Generationen gehört. Aber spätestens wenn das Leben auf die Zielgrade einbiegt und die letzte Ausfahrt in der näheren Ferne sichtbar wird – die Bücher auf dem Nachttischchen sind auch schon staubiger und fetter geworden – erblüht der sehnliche Wunsch, endlich einmal Castel del Monte im fernen Apulien zu besuchen.

Ein turmartiges Castel mit vier Türmen. Blick auf Castel del Monte aus der Ferne

Aus der Ferne ist der Blick auf Castel del Monte am eindruckvollsten. Prächtig und einfach schön

Castel del Monte Kandidat für jede Bucket-List

Gedacht, getan. Es könnte schnell zu spät sein. Deswegen sind die meisten Besucher Castel del Montes in dezentes Rentner-Beige gehüllt, das schön mit dem silbrigen Glanz des wattigen Haupthaars harmoniert. Junge Menschen verirren sich eher selten hierher, außer sie werden in Brigadestärke als Schulklassen vor die Tore des Castel del Monte gekarrt. Und manchmal spült der Zufall Menschen auf den einsamen Burghügel in der Murge Apuliens, die sowieso schon auf Urlaub in Apulien sind und außer blauem Meer, Wein und Olivenbäumen auch Kultur bewundern wollen.

Was bringt die Menschen zum Castel del Monte? Ich wollte das durch eine kleine Recherche bei TripAdvisor klären, doch dann bin ich an einem ganz anderen Punkt hängen geblieben. Viele Besucher des Castel del Monte ärgern sich über den Eintrittspreis. 10 Euro für eine Burg aus dem 13. Jahrhundert erscheinen den meisten als zu happig. Die Hauptkritik auf TripAdvisor: in Castell del Monte, der Krone Apuliens, wird nichts geboten für das schöne Geld. Zu sehen gibt es nur 16 gleichförmige und dazu auch noch leere Räume. Nichts zu entdecken in Castel del Monte, außer einer fadenscheinigen Ausstellung zum Leben des Bauherrn Kaiser Friedrich II. Und auch der Parkplatz ist super teuer.

Die Krone Apuliens. Vordergrund. Mittelgrund. Hintergrund

Gedankenstrom versus Spektakel

Wer hofft, in Castel del Monte ein unterhaltsames oder informatives Mittelalter-Erlebnis mit Ritterrüstung oder Burgfräulein geliefert zu bekommen, wird tatsächlich enttäuscht. Denn die Burg ist eher ein Stein gewordener Gedankenstrom als Spektakelbühne. Castel del Monte regt noch heute zu verwirrenden Denkbewegungen an und zur andächtigen Kontemplation.

Im Oktober 2016 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung Richtung Europa – interpretierte der Spiegel Castel del Monte in einer Titelcollage als Symbol für die Festung Europa. Klar die mächtige Trutzburg steht irgendwo im Süden Italiens. Und dort – besonders in Sizilien – kamen und kommen viele Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer an. Wird schon irgendwie passen, hat man sich da wohl gedacht.

Dabei ist Castel del Monte ein Bauwerk, das mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht aus dem Geist der kulturellen Abwehr und der Abschottung vor dem Fremden errichtet wurde. Vielmehr lässt sich der rätselhafte Grundriss des Kastells – ein Achteck mit 8 achteckigen Türmen an jeweils einer der 8 Ecken – nur erklären, wenn Vorbilder aus unterschiedlichen Kulturen herangezogen werden.

Castel del Monte als Festung Europa. Spiegel Cover vom 05.03.2016

Castel del Monte – Die Krone Apuliens

Pate gestanden für den genialen achteckigen Entwurf von Castel del Monte haben vielleicht die uralte, achteckige deutsche Kaiserkrone – daher auch der Beiname Krone Apuliens – oder die noch ältere achteckige Kirche San Vitale aus Ravenna oder der achteckige Felsendom in Jerusalem, der älteste islamische Sakralbau an dem Ort, an welchem Mohammed zur Himmelfahrt gestartet sein soll, Abraham den Sohn Isaak nicht schlachtete und Christus die Händler aus dem Tempel trieb.

Es scheint so zu sein, als ob das Oktogon der kaiserlicher Burg auf dem Humus eines kulturellen Austauschs wuchs, der – aller gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Staaten, Religionen und Kulturen zum Trotz – den Kommunikationsraum Mittelmeer im 13. Jahrhunderts belebte und zur attraktivsten Region Europas machte. Friedrich II. hat diese verschiedenen Ströme gebündelt und sie im Castel del Monte zu einem rationalen Bauwerk verschmolzen, das vielleicht den weltumspannenden, universellen Anspruch seiner Herrschaft symbolisierte.

Wegen dieser vielfältigen Einbettung in den Kommunikationsraum Mittelmeer hat die UNESCO Castel del Monte zum Weltkulturerbe geadelt. Erstaunlich, was während der Herrschaft Friedrich II. – ich meine mitten im finstersten Mittelalter zur Zeit der Kreuzzüge – so alles ging. Zum Beispiel trotz heftigster Kontroversen von anderen Kulturen lernen. Heute in unserer von Fremdenfeindlichkeit und Nationalismus verpöbelten Gegenwart scheint dieser Austausch fast unmöglich zu sein.

Der achteckige Innenhof von Castel del Monte

Detail des Portals von Castel del Monte

Stupor Mundi – Das Staunen der Welt

Diese kulturelle Aufgeschlossenheit – vielleicht lässt sich die sogar als Toleranz bezeichnen – hat Friedrich II. den fantastischen Beinamen Stupor Mundi eingebracht. Das Staunen der Welt. Für andere Zeitgenossen – die weniger Aufgeschlossenen – war Friedrich allerdings eher Terror Mundi, der Schrecken der Welt, dem ganz und gar nichts heilig war. Der Bauherr des Castel del Monte muss eine ziemlich schräge Type gewesen sein. Auf jeden Fall hatte er einen Zahlentick, denn anders lässt sich die Begeisterung für die Zahl 8 nicht erklären.

Mit seinem Tick war Friedrich nicht allein. Es ist ja so. In 6 Tagen schuf Gott die Welt. Am 7. ruhte er. 7 Tage hat unsere Woche. Am 8. Tag aber geht wieder alles von neuem los. Die Zahl 8 kann also Neuschöpfung, Wiederauferstehung, Reinkarnation Christi symbolisieren. Die 4 Symmetrieachsen des Oktogons bedeuten wahrscheinlich Vollendung, Vollkommenheit, göttliche Perfektion.

Überhaupt ist das Achteck die Übergangsform zwischen dem Quadrat – Zeichen für die vergängliche irdische Welt – und dem Kreis – Symbol für das ewige Himmelreich. Und außerdem symbolisiert das Oktogon das himmlische Jerusalem. Soviel mal zur christlichen Symbolik der Zahl 8. Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam könnten den Symbolgehalt der Zahl 8 bestimmt noch erhöhen.

Ein bisschen Zahlenmystik

Diese manische Begeisterung für Zahlen geht in Europa auf Pythagoras, diesen griechischen Zahlentrickster, zurück. Der landete schon im 6. Jahrhundert vor unserer Zeit – übrigens als Flüchtling – an der Küste Süditaliens. In Krotone und Metapont, lehrte er für die staunenden Zuhörer hinter einem Vorhang verborgen, die geheimnisvolle Lehre der heiligen Zahlen 1, 2, 3 und 4.

1 symbolisiert den Punkt. 2 die Gerade, 3 die Fläche, 4 den Raum. Mehr braucht es nicht, um die gesamte Welt zu beschreiben. Ist doch toll, oder? Deswegen denken wir heute immer noch, dass sich die Welt mit Mathematik erklären lässt. Die Quersumme der heiligen Zahlen ist übrigens10. Und darum finden wir heute fast alles großartig, was mit 10, 100 oder Tausend zu tun hat. Zum Beispiel diese 10 Tipps für den perfekten Sommerrasen. Nur die 10 Euro Eintritt für Castel del Monte natürlich nicht. Obwohl als Erlebnis ist Castell Del Monte eigentlich unbezahlbar.

Wo wir schon mal bei den Zahlen sind. Castel del Monte schmückt tatsächlich die Rückseite der italienischen 1 Cent Münze. Die ist ein sehr hübsches und äußerst preiswertes Souvenir. Auf den 8 Münzen des italienischen Münzsatzes finden sich außerdem Motive aus Florenz, Mailand, Turin und Rom. Die Toskana ist mit Künstlern wie Dante, Leonardo, Michelangelo und Botticelli sogar 4 mal vertreten. Das ist wahrscheinlich keine Magie. Die Dominanz Norditaliens auf dem italienischen Münzsatz beschreibt einfach die Gegenwart Italiens mit seiner abgehängten, vergessenen und schamhaft verdrängten südlichen Peripherie. Im Süden Italiens ist anscheinend nur wenig zu holen für die nationale Identität.

Sogar in den Fenstern. 2 x 4 = 8. Überall im Castel del Monte gibt es diese mystische Zahl

Lohnt sich der Besuch von Castel del Monte?

Aber nochmal zurück zu TripAdvisor. Tatsächlich ist Castel del Monte – genau wie es einige Rezensenten beschreiben – ein langweiliges Monument. Es gibt nur nackte Mauern und leergeräumte Hallen. Dennoch ist das Castel del Monte ein besonders geheimnisvolles Denkmal. Dessen Aussehen sich mit Zahlen zwar beschreiben, dessen Wert sich mit Zahlen aber nicht bemessen lässt. Denn “∞“ sind die Wege der 8.

Schon deswegen lohnt sich ein Besuch in Castel del Monte. Aber meiner Meinung nach gibt es auch einiges zu bewundern und zu bestaunen in dieser Burg. Da ist die fantastische Lage auf einem Hügel der Murge mit diesem tollen Blick auf die Küste, das adriatische Meer und den Gargano, den Berg des heiligen Michael. Da ist die perfekte Handwerkskunst der Baumeister und der Steinmetze zu bewundern, die Fenster, Portale und Gesimse aus kostbarem Material gemeißelt haben. Und außerem sind da diese vielen super interessanten Fragen. Zum Beispiel, was macht eigentlich ein deutscher Kaiser und König von Sizilien in Apulien? Hast Du eine Antwort? Dann lass es uns wissen.

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