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Entdecken, das

Gibt es noch echte Entdecker? Was gibt es heute überhaupt noch zu entdecken? Wie wollen wir diesen Begriff verstehen? Beim Nachdenken übers Entdecken in Bezug aufs Reisen habe ich entdeckt, wieviel Frust und Lust doch im modernen Entdecken steckt.

ent·dẹ·cken
Verb [mit OBJ] (jmd. entdeckt jmdn./etwas)
1. auf etwas stoßen, was bisher noch unbekannt war.
„Das Phänomen wurde erstmals 1920 entdeckt.“
2. (heraus)finden.
„Wir haben das Versteck entdeckt.“ (lexikalische Definition)

Unsere Erde ist bis in den letzten Winkel hinein kartografiert. Alles entdeckt – zumindest an Landmasse. Lonely Planet hat seinen Namen auch ad absurdum geführt. Selbst am äußersten Winkel vom Arsch der Welt trifft Heinz auf seine Nachbarin Uschi. Du hier? Lustig! Und voll schockierend. Selbst Nicht-Reisende können heut ganz easy Entdecker spielen.

In TV-Dokus wird uns das Entdecken vor-erlebt, spektakuläre Luftaufnahmen und Drohnen machen selbst den extremen Thrill leicht passiv konsumierbar. Vielleicht komme ich in diesem Leben nicht mehr auf die Azoren, aber mit Google Earth und ein paar Dokus darf ich mir zumindest einbilden, sie gesehen zu haben. Neurologisch gesehen ist’s zumindest egal, das Gehirn produziert auch beim gefakten Entdeckungserlebnis die entsprechenden Hormone.

Die Reisterrassen von Bali, die markanten Kalksäulen an der Great Ocean Road, auch Twelve Apostel genannt, die  Salzwüste Bolivien oder die bunten Regenbogenberge von Cusco in Peru … 1000-fach abgefilmt. Diese Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen. Auch auf diesem Reiseblog gibt es zahlreiche von uns für euch entdeckte Klassiker des Reise-Wow’s zu entdecken. Den Tafelberg bei Kapstadt zum Beispiel, die Maya Pyramiden von Monte Alban in Mexiko, italienische Weltwunder ohne Ende.

Alle einfach wunderschön – und zeitlos faszinierend anzuschauen. Aber müssen wir diese Orte, die man gesehen haben muss selbst noch entdecken? Oder reicht eine gute Dosis der unzähligen Fotos, die im Netz kursieren? Die alte Diskussion um Original und Abbild. Und wenn der alte Spruch Nothing beats the Original noch gilt, was werde ich dort entdecken?

So viele Orte sind von unserem Entdeckungswahn betroffen. Nadelöhre in Destinationsform, um deren Besuch sich ebenfalls unzählige Individualreisendee bemühen. Blicken wir nochmal nach down under, auf die weltberühmten Twelve Apostel an der Great Ocean Road. Ich schreibe diesen Reise-Essay aus dem Glashaus. Reise im Januar 2018 nach Australien. Wandern in Tasmanien. Freunde in Sydney und Melbourne besuchen, die mir hier sehr fehlen. Unerhört und wunderschön. Natürlich werde ich dann auch die Great Ocean Road entlang pilgern. Muss man doch. Ist doch keine Frage, oder?

In der Vorbereitung sehe ich Bilder, auf denen Horden von Menschen um einen guten Platz in der ersten Reihe kämpfen. Me and my selfie. Ich war hier. Hilfe. Ähnliches habe ich bei meinem Roadtrip durch Portugal am Cabo da Roca erlebt. Menschenmassen mit aufgerissenen Augen, hektisch nach dem besten Fotospot suchend. OMG, der äußerste Festland-Zipfel Europas! A U S – D E M – W E G! Ich habe kein Foto mitgebracht. Bin auf dem Absatz umgedreht und habe in Bezug auf diese „Sehenswürdigkeit heute noch arg gemischte Gefühle. Auch das Gedränge bei den Maya Tempeln in Chichen Itzà war grenzwertig.

Viele Orte, die den Status Weltkulturerbe vermarkten erfahren noch zusätzliche Aufmerksamkeit. Das „Qui bono?“ hat Lorenz in seinem Beitrag über diese UNESCO-Marke beleuchtet. Auch urbane Hotspots touristischer Verdichtung, Museen wie die Uffizien, mit dem Lars sich in seinem dreibeteilten Beitrag wunderbar intensiv auseinander, sind davon betroffen. Angesichts solcher Erfahrung kehren wir zurück zur Eingangsfrage: Was gibt es für Reisende heute noch zu entdecken? Entdeckt der „moderne Entdecker“ etwas Neues oder bleibt er zurückgeworfen auf einen Blick in einen Spiegel mit anderem Hintergrund? Kann Entdecken heute mehr sein als ein individuelles Entdecken des Bereits Entdeckten?

Finden beispielsweise Teilnehmende geführter Touren überhaupt die Zeit, einen eigenen Zugang zu dem Vorgeführten und Aufbereiteten zu entdecken? Wo kann der Entdeckungswillige sich aus der Herde befreien und wieder zum Flaneur werden? Ich habe es in Puerto Escondido versucht, wo ich einen Monat Alltag simuliert habe. Mich ganz bewusst aus dem Zwang, die Zeit effizient vollstopfen und möglichst viel entdecken zu wollen, freigemacht habe.

Ob ich mir die Twelve Apostel Ende Januar 2018 „reinziehe“? Ich werde berichten… Sagt, wie geht es euch auf euren Reisen? Wie definiert ihr Entdecken für euch? Was waren eure schönsten, was eure schlimmsten Entdeckungen? Erzählt es uns!

Über das Lesen Entdecken

Auch die Reiseliteratur stellt sich in einer Zeit, in der alles schon entdeckt ist, die Frage nach möglichen Blickwinkeln immer wieder neu zu Entdecken. In Die seltsamsten Orte der Welt führt Alistair Bonnett den Leser in Geisterstädten, übersehener Phänomene und andere Merkwürdigkeiten der Lost and Forgotten Places. Erschienen im C. H. Beck Verlag München 2015; 295 Seiten.

Der Berliner Lektor und Herausgeber Rainer Wieland lädt mit Das Buch des Reisens zu einer literarischen Entdeckungsreise ein, in der wir nicht nur durch Orte und Landsschaft geführt werden, sondern auch durch Zeiten reisen. Vor allem Herodots Bestandaufnahme unterschiedlicher Sitten und Gebräuche um 450 vor unserer Zeitrechnung versöhnt uns zumindest für die Dauer der Lektüre mit der Illusion, es gäbe auch für uns immer wieder neue Blickwinkel auf etwas anderes als uns selbst zu entdecken. Propyläen, München 2015; 493 Seiten mit zahlreichen Abbildungen.

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