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Tagesausflug: Entroncamento und sein Eisenbahnmuseum

Gäbe es einen Preis für Portugals hässlichste Stadt – Entroncamento hätte gute Chancen. Das Zweitbeste an dem Ort ist die Zugverbindung in die Hauptstadt. Das Beste ist das Eisenbahnmuseum, das fast niemand kennt. Ein Tagesausflug von Lissabon in Portugals Vergangenheit

Warten. Warten auf den Anschlusszug. Für viele Portugiesen bedeutet Entroncamento genau das. Wörtlich übersetzt heißt Entroncamento „Verzweigung“. Was für ein Name für eine Stadt: Verzweigung! In Berlin gibt es das Gleisdreieck, aber das ist nur der Name für einen U-Bahnhof. Hier haben Gleise und Weichen gleich der ganzen Stadt ihren Stempel aufgedrückt – ohne Bahn gäbe es den Ort gar nicht!

Die Eisenbahnstadt liegt gut 100 Kilometer nördlich von Lissabon und ist eigentlich eine Zumutung. Das allein taugt schon fast als Grund für einen Tagesausflug – Orte, um die die meisten lieber einen Bogen machen, haben ihren ganz eigenen Reiz. In diesem Fall ist das mit dem Bogen aber gar nicht so einfach. Vor der Nelkenrevolution, als die Bahn in Portugal noch eine tragende Rolle spielte, hat jeder, der in den Norden oder Osten des Landes wollte, mit Entroncamento Bekanntschaft gemacht. Zwangsläufig – es gab praktisch keine Zugverbindung ohne Umstieg an diesem Knotenpunkt. Alle mussten hier raus und auf den Anschlusszug warten, mal länger, mal kürzer. Das ist im Grunde immer noch so, nur dass nicht mehr so viele Leute mit der Bahn fahren. Auch wir haben hier schon oft gestanden und gewartet. Heute schreckt uns das nicht – unser Ziel ist das örtliche Eisenbahnmuseum.

Graffito auf einem Bahnsteig als Wegweiser zum Eisenbahnmuseum im Herzen der Eisenbahnstadt Entroncamento. Hier beginnt unser heutiger Tagesausflug.

Dass das größte Eisenbahnmuseum von Portugal in Entroncamento liegt, ist kein Zufall: Der Ort ist eine Eisenbahnstadt par excellence.

Entroncamento – Eisenbahnstadt par excellence

Wir sind ein bisschen zu früh da, das Eisenbahnmuseum öffnet erst um 11 Uhr. Also beginnen wir unseren Tagesausflug mit einem Stadtbummel. Auf die Idee würde in Portugal im Traum niemand kommen. Wir merken schnell, warum. Natürlich starten wir unseren Rundgang am Bahnhof – wo sonst? Dort führt eine Betonbrücke für Fußgänger über die Schienen. Die Brücke ist lang, weil es wirklich sehr viele Gleise gibt. Rechts und links von uns erstreckt sich ein unübersehbarer Rangierbahnhof, der einzige im ganzen Land. Hier wurden schon immer Bahnfahrten unterbrochen, um an- und abfahrende Züge hin und her zu schieben – seit 1864, um genau zu sein, da tritt die Eisenbahnstadt Entroncamento zum ersten Mal in Erscheinung.

Viele Gleise nebeneinander, darüber eine lange Fußgängerbrücke aus beige gestrichenem Beton: die Eisenbahnstadt Entroncamento in Portugal macht ihrem Namen alle Ehre. Unser Tagesausflug führt uns ins Eisenbahnmuseum gleich neben dem Bahnhof.

In der Eisenbahnstadt Entroncamento schlägt das Eisenbahnherz Portugals. Wie andere Städte Flüsse durchfließen, teilt hier ein breiter Strom von Gleisen die Häuser voneinander. Das Eisenbahnmuseum liegt gleich nebenan.

Vielleicht steckt auch nur eine der vielen Schikanen des Salazar-Regimes dahinter. Der katholische Priesterzögling und Wirtschaftsprofessor António de Oliveira Salazar, der Portugal von 1932 bis 1968 mit diktatorischer Hand regierte, kam aus armen Verhältnissen, lebte höchst bescheiden, fuhr selbst häufig Bahn und hielt viel auf Zucht und Disziplin. Unter seiner Ägide wurde Entroncamento eine eigenständige Gemeinde. Mag sein, dass er ihrer Bedeutung als Eisenbahnstadt nachhelfen wollte, indem er sie zur Umstiegsstation Nummer eins machte.

Braune Wandtäfelung, wuchtige Theke mit braunroten Kacheln, chromblitzendes Mobiliar: Jeder Tagesausflug braucht eine Kaffeepause, hier im Bahnhofscafé der Eisenbahnstadt Entroncamento in Portugal.

Der diskrete Charme der 70er Jahre: Fast schon rührend, wie sehr das Bahnhofscafé von Entroncamento aus der Zeit gefallen ist.

Verfallener Jugendstil und viel Beton

Tatsächlich hatte der Ort in den 1940er Jahren – also ungefähr zur Halbzeit der Ära Salazar und lange, bevor das Eisenbahnmuseum Gestalt annahm – sein endgültiges Comingout als Eisenbahnstadt. Mehr als die Hälfte der damals etwa 6.000 Einwohner lebte vom Geschäft mit dem Schienenverkehr. Seine Blütezeit hatte der Ort da allerdings schon hinter sich. Von dem einstigen Wohlstand, den die Eisenbahn im 19. Jahrhundert brachte, ist kaum etwas übrig geblieben. Auf eines der Relikte stoßen wir gleich am Rand des nichtssagenden Bahnhofsplatzes: eine verfallene Jugendstilvilla – ein ziemlich überraschender Anblick auf einem Tagesausflug nach Entroncamento.

Tagesausflug Entroncamento: Eine verfallene Jugendstilvilla in der Nähe von Bahnhof und Eisenbahnmuseum verrät den einstigen Wohlstand der Eisenbahnstadt Entroncamento.

War sie einmal das Domizil eines hohen Bahnfunktionärs? Verfallene Jugendstilvilla am Bahnhof von Entroncamento.

Der Rest der Stadt ist, gelinde gesagt, ein städtebaulicher Fehlgriff. Der Versuch der Wohnhochhäuser, etwas Farbe in die Tristesse zu bringen, macht es noch schlimmer. Es gelingt uns nicht, auch nur ein halbwegs nettes Lokal ausfindig zu machen. Die deprimierende Fußgängerzone ist verwaist, die Straßen so gut wie leer – der Sonntags-Blues lastet tonnenschwer auf Entroncamento, dabei ist erst Freitag. Ob die Einwohner alle das Weite gesucht haben? Für ortsansässige Bahnfahrer bietet die Eisenbahnstadt immerhin einen in Portugal einzigartigen Vorteil: Man muss nicht in Entroncamento umsteigen. Wir haben genug gesehen, gleich ist es elf Uhr, das Eisenbahnmuseum wartet.

Einen Katzensprung vom Eisenbahnmuseum entfernt: Hochhausfassaden, deren asymmetrische Elemente und Farbspielereien die Tristesse im Stadtzentrum der Eisenbahnstadt Entroncamento in Portugal nur unzureichend übertünchen.

Schöner wohnen geht anders: Impressionen von Entroncamento downtown.

Eisenbahnmuseum als lebendiger Organismus

Die zweite Überraschung unseres Tagesausflugs: Das Eisenbahnmuseum ist hochmodern. Überall flimmern Monitore und digitale Displays, laufen Filme in Endlosschleife. Gleich zu Beginn spazieren wir durch einen dunklen Korridor, der einen Tunnel imitiert und die Aufmerksamkeit ganz auf Bilder und Töne lenkt. Hübsch anzusehen ist eine Bildschirm-Installation mit Video-Impressionen von Bahnhöfen und Zügen in aller Welt. Der Tunnel ist eine Art Initiation, an deren Ende wir bereit sind für 160 Jahre Eisenbahngeschichte in Portugal.

Tagesausflug ins Eisenbahnmuseum der Eisenbahnstadt Entroncamento in Portugal: Auf kleinen Bildschirmen, übereinander und nebeneinander angeordnet, zeigt das scheinbar zufällig angeordnete Videoclips mit alltäglichen Bahnepisoden aus aller Welt.

Die Welt der Bahn in all ihren Facetten läuft hier über Bildschirme, die in ihrer Ausschnitthaftigkeit an Guckgästen auf traditionellen Jahrmärkten erinnern.

Für die moderne Erscheinung des Museums gibt es eine einfache Erklärung: Es wurde erst 2005 gegründet. Erstaunlich, dass eine Eisenbahnstadt wie Entroncamento so spät ein eigenes Eisenbahnmuseum bekommt. Dafür ist es das größte in ganz Portugal, nicht einmal Lissabon hat Ähnliches vorzuweisen – ein weiterer Grund für unseren Tagesausflug. 2008 erhält das Museum einen neuen Ringlokschuppen, und weil sich das Haus als lebendiger Organismus versteht, der sich ständig verändert und erweitert, feiert es bereits 2015 nach erneuten Umbauarbeiten die erste Wiedereröffnung.

Symbolkraft der kleinen Dinge

Spannend sind die vielen Erzählstränge der Ausstellung. Hier kommen nicht nur Technik-Freaks auf ihre Kosten, wir erfahren nebenbei viel über die Sozialgeschichte und die politischen Verhältnisse in Portugal. Wie sehr die Eisenbahn die Menschen von Beginn an fasziniert hat, verrät die Spielzeugsammlung des Museums. Weil sich nicht jeder eine Modelleisenbahn leisten konnte, behalf man sich mit dem, was gerade zur Hand war: Streichholzschachteln, Garnrollen, Sardinendosen und Kronkorken.

Eine selbst gefertigte Bimmelbahn aus leeren Sardinenbüchsen und Kronkorken: Ausstellungsstück aus der Spielzeugsammlung im Eisenbahnmuseum von Entroncamento in Portugal

Not macht erfinderisch: eine selbst gefertigte Bimmelbahn aus leeren Sardinenbüchsen und Kronkorken.

Immer wieder macht das Eisenbahnmuseum Details zum Platzhalter für das große Ganze. Ein Raum etwa zerlegt eine Dampflok sehr anschaulich in ihre Einzelteile: vom Dampfkessel über den Scheinwerfer bis zur Ölkanne. Viel Aufmerksamkeit widmet die Ausstellung dem Drum und Dran des Bahnfahrens in vordigitaler Zeit. In einem eigens gefertigten Magazin liegen gestanzte Fahrkarten aus dickem Karton, als wären sie gerade erst hineingelegt worden. Ganz in der Nähe stellt ein Holzständer mit Klapptafeln die Fahrpläne der einzelnen Bahnlinien aus – ehemals Pflichtlektüre vor jeder Reise, selbst wenn es nur um einen Tagesausflug ging.

Wie viele dieser Bahnlinien es einst gab, veranschaulicht ein animiertes Display, das den Bau der einzelnen Strecken in ihrer chronologischen Reihenfolge einblendet. In den 1960er Jahren war das Eisenbahnnetz so dicht, dass es ganz Portugal erschloss. Seither werden, wie andernorts in Europa auch, immer mehr Nebenstrecken stillgelegt. Doch eines bleibt gleich: die Eisenbahnstadt Entroncamento als zentraler Knotenpunkt des Landes.

Ein historischer Holzständer mit Fahrplänen auf Klapptafeln ist eines von vielen Ausstellungsstücken, mit denen das Eisenbahnmuseum von Entroncamento das Bahnfahren von einst veranschaulicht.

Ein Gruß aus dem prädigitalen Zeitalter: Ein historischer Holzständer mit Fahrplänen der portugiesischen Staatsbahn steht für das Bahnfahren von einst.

Als das politische Portugal noch Eisenbahn fuhr

36.000 Ausstellungsobjekte zählt das Eisenbahnmuseum – von der Trillerpfeife bis zum ausgewachsenen Zug. Besonders der Bestand an Dampfloks ist beeindruckend, die frühesten Exponate stammen noch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die meisten von ihnen stehen in dem neuen Ringlokschuppen und tragen die Namen renommierter Lokschmieden wie Henschel & Sohn in Kassel oder die Cockerill-Werke im belgischen Seraing. Aber Entroncamento wäre nicht Entroncamento, wenn es nicht auch modernere Loks und Züge zu sehen gäbe – Rangierloks natürlich eingeschlossen.

Das älteste Stück der imposanten Loksammlung ist zugleich der Star des Eisenbahnmuseums und ein Highlight auf unserem Tagesausflug: die Zugmaschine Dom Luis I. anno 1862 aus der Werkstatt von Beyer Peacock & Co. in Manchester. Bis zur Proklamation der Republik Portugal im Jahr 1910 zog sie den extravaganten Zug des Königshauses, das trotz zerrütteter Staatsfinanzen und schreiender Armut der Bevölkerung in Saus und Braus lebte und sich damit schließlich selbst abschaffte. Wie dieser königliche Luxus aussah, können wir im Eisenbahnmuseum anhand der beiden noch erhaltenen Salonwagen besichtigen. Äußerlich erinnern sie an Kutschen, im Inneren stehen Plüschsessel mit Troddeln und elegante, intarsienverzierte Holztische.

Dieser grün-gold lackierte Salonwagen, der aussieht wie eine Kutsche auf Rädern, ist das Prunkstück im Eisenbahnmuseum von Entroncamento und ein Highlight auf unserem Tagesausflug aus Lissabon.

Geschwungene Linien, barocke Verzierungen, königliche Wappen – diese prachtvolle „Kutsche auf Schienen“ war das Hochzeitsgeschenk des italienischen Königs Vittorio Emanuele II. an seine Tochter Maria Pia aus Anlass ihrer Vermählung mit Dom Luis I. von Portugal im Jahr 1861.

Nüchterner im Stil, aber ebenfalls komfortabel eingerichtet reiste Diktator Salazar durch Portugal. Der sogenannte Präsidentenzug war blau statt grün, hatte zwei Bordküchen und zwei Sitzungsräume und zählte insgesamt sechs Wagen. Einer davon stand mitreisenden Reportern zur Verfügung, denen Salazar unterwegs seine Politik in die Feder diktierte. Dass er seine Dienstreisen aus eigener Tasche zahlte, um den Staatshaushalt nicht zu belasten, wird noch heute kolportiert – besonders dann, wenn wieder einmal ein Korruptionsfall an die Öffentlichkeit kommt.

Grüne Sessel in Reih und Glied, grüner Teppichboden, holzgetäfelte Wände: Wer den Präsidentenzug im Eisenbahnmuseum von Entroncamento betritt, bekommt ein gutes Bild davon, wie Diktator Salazar einst durch Portugal reiste.

Für die Staatschefs der Republik angeschafft, doch seit dem Militärputsch 1926 ein Vehikel der Diktatur: Der Präsidentenzug war Salazars reisendes Büro und bot Platz für seine gesamte Entourage.

Ist Entroncamento einen Tagesausflug wert?

Das Eisenbahnmuseum auf jeden Fall – und das nicht nur als Pausenfüller, um die Wartezeit auf den Anschlusszug zu verkürzen. Unser Museumsbesuch dauerte drei Stunden und trotzdem haben wir nicht alles gesehen. Die Lage direkt am Bahnhof ist ideal für Durchreisende, aber auch für die, die den Museumsbesuch gemächlicher angehen. Allein das historische Videomaterial und die interaktiven Displays verdienen mehr als einen flüchtigen Blick. Dazu kommt eine Sammlung an Lokomotiven und Waggons, die nicht nur umfangreich, sondern auch vielfältig ist und die unterschiedlichsten Fahrzeugtypen vereint. Als wir das Museum verlassen, haben wir die Eisenbahnstadt drum herum fast vergessen. Kaum 90 Minuten später sind wir wieder in Lissabon – ohne Umsteigen!

Der Bahnhof von Entroncamento liegt unter grauen Regenwolken – ein idealer Tag für einen Tagesausflug von Lissabon aus in das örtliche Eisenbahnmuseum.

Vom Eisenbahnmuseum zum Bahnhof von Entroncamento sind es nur ein paar Schritte und nach Lissabon noch mal anderthalb Stunden OHNE Umsteigen – ein leicht zu planender Tagesausflug.