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Gulbenkian. Kunstrausch in Lissabon

Lissabon ist der Star unter Europas Städten. Jeder liebt die Stadt am Tejo. Über Lissabon ist alles gesagt worden, oder? Nicht alles, denn es gibt einen Ort für eine Reise in Raum und Zeit. Ein Mekka für Kunst – und Schildkröten.

Museumsbesuche sind Reisen auf Reisen. Ausflüge in andere Welten. Ein Beispiel für den zeitlosen Zauber von Kunstschätzen und Sammelleidenschaft auf höchstem Niveau ist der Besuch des Gulbenkian-Museums in Lissabon. Die Sammlung des berühmten Stifters und Namensgebers, Calouste Sarkis Gulbenkian, bietet einen kaum fassbaren Überblick über das menschliche Bestreben, sich über Kunstschaffen in der Welt zu verorten und auszudrücken. Das eitle wie ehrwürdige Bestreben großer Sammler, diese Schätze für die Öffentlichkeit zugänglich und erlebbar zu machen, ist – auch wenn man Eintritt zahlt – ein Geschenk.

So wie jeder Bücher durch seine Brille liest, Filme durch seine Brille schaut, erlebt sicher auch jeder Besucher Lissabons sein eigenes Lissabon. Hakt bei seinem ersten Besuch Empfehlungen und Tipps ab, schlendert durch die Straßen, nimmt das Treiben auf den Straßen vom Café aus wahr, bei einem Galao und einem Pastel de Nata, vielleicht. Oder geht auf Entdeckungstour beim Shoppen.

Diese Geschichte über Lissabon ist persönlicher Natur. Sie handelt von mir und einem Mann, den ich nie getroffen habe. Bis diesen September ist sein Name mir ein abstraktes Faszinosum. Calouste Gulbenkian. Ein ferner Klang, ein Überbleibsel aus meinem Studium der Kunstgeschichte. Der viele der Postkarten und briefmarken-kleinen blassen oder gar schwarz-weißen Abbildungen von Kunstwerken ziert, mit denen ich mich im Studium befasst habe. Der Name und der Zusatz „Sammlung“. Ein Name, der mir auf einigen Ausstellungsbesuchen, für die Kunstwerke aus seiner Sammlung ausgeliehen werden, wieder begegnet. Und die blassen Abbildungen lebendig werden lasst. Erstaunlich viele Bilder bleiben trotz der intensiven Auseinandersetzung mit ihnen und ihrer Bedeutung für die Geschichte der Kunst ein Abbild. Bis jetzt.

Ein kleiner Park inmitten von Lissabon. Eine Oase mit großer Wirkung und historischer Relevanz. Hinter den Betonmauern der schrägen, brutalistischen Flachbauten präsentiert sich die umfangreichste und vielfältigste Kunstsammlung Portugals. Eine schier endlose Reise durch Epochen, Stile und Geschichte(n).

Der Sammler Gulbenkian. Eine Ausnahme-Persönlichkeit

1869 geboren in Konstantinopel avanciert der Ingenieur armenischer Abstammung, der heute als Pionier der Ölforschung im Nahen Osten gilt und mit dem Rohstoff ein Vermögen machte, zu einem bedeutenden Kunstsammler. Der reisende Weltenbürger erhält seine Ausbildung in Frankreich, zieht Anfang des 20. Jahrhunderts nach London und nimmt die britische Staatsbürgerschaft an und vermehrt sein Vermögen durch geschickte Geschäfts- und Verhandlungsführung.

Ein Glück für uns, dass der Mann, der als Philantrop galt und sich viel um Menschen kümmerte, die sonst keine Unterstützung erfuhren, auch die Kunst noch mehr liebt als das schwarze Gold. Den Grundstein für diese lebenslange Leidenschaft legt bereits seine Kindheit in Konstantinopel und im traditionsreichen Kappadokien, in dem sich römische, griechische und ottomanische kulturelle Einflüsse begegneten. Mithilfe seines beachtlichen Vermögens baut er eine Sammlung von Gemälden, Skulpturen und dekorativen Kunstgegenständen auf, deren Goldfaden sich durch alle Stile und Epochen zieht. Allesamt bildsprachliche Leuchttürme ihrer Zeit. Auf gut 6.000 Werke beläuft sich dieser Schatz, von denen vor allem die Orientalische Kunst hervorzuheben ist und die Europäische Kunst vom 11. bis zum 19. Jahrhundert.

(c) Museu Calouste Gulbenkian

Dieser im besten Sinne verrückte Sammler und äußerst glückliche Geschäftsmann stirbt 1955 in Lissabon. Portugals Neutralität im 2. Weltkrieg ist es zu verdanken, dass die Werke zum einen noch erhalten sind und sich das Land heute mit ihnen schmücken darf. Der größte Teil des riesigen Vermögens Gulbenkians fließt nach seinem Tod in die von ihm gegründete Stiftung Fundação Calouste Gulbenkian. Diese testamentarische Entscheidung betrifft seine beachtliche Privatsammlung.

Den Wettbewerb, der bald nach seinem Tod ausgelobt wurde, entscheiden die Architekten Alberto Pessoa, Pedro Cid und Ruy d’Athouguia für sich. Im Jahr 1969 wurde das Museum Museu Calouste Gulbenkian eröffnet. Entstanden ist ein Raumprogramm, das mit sich und der Natur verschmolz. Dass der globalen Kunstsammlung eines Ölmagnaten eine Heimat liefert, deren Ruhm auf die ganze Welt abstrahlt. Nicht schlecht.

(c) Museu Calouste Gulbenkian

Brutal schön | Einstimmung auf einen Kunstrausch in Lissabon

Jetzt bin ich hier. Die Metro spuckt mich bei Saldanha aus, gleich beim Corte Ingles. Das Museumsgebäude selbst befindet sich in In der Av. de Berna 45A. Eine geschäftige Ecke der Stadt, die normales, nicht vornehmlich touristisches Treiben suggeriert. Universität, Geschäfte, Park. Fast muss ich ein bisschen suchen, bis ich die flatternde Fahne sehe. Sie weist den Eingang zu einem brutalistischen Traum.

Diesem Architekturstil hat sich Sirenen&Heuler-Autor Lars bereits in wunderbaren Beiträgen gewidmet. Über Beer Sheva zum Beispiel. Er findet die dollsten Bauwerke des Brutalismus. Nun hab ich auch mal eins gefunden. Sogar mit Park. Ganze acht Hektar ist die Anlage groß. Kaum habe ich sie betreten, umfängt mich eine wohltuende Stille. Ist die Geräuschkulisse von Lissabon wie ausgeknipst. Was für ein starker Kontrast.

Sich an feinster Kunst berauschen und die Eindrücke im Park des Museums verdauen. In der portugiesischen Sonne versteht sich, Lissabon, Du Schöne.

Das Gebäudeensemble ist eines der ersten weltweit, das verschiedene Bereiche des kulturellen Lebens so organisch miteinander verbindet. Was mit Blick auf die Betonhülle besonders anmutet. Sammlung, Hörsäle, Stiftungsräume, die verschiedenen Funktionsbereiche der Anlage fließen gleichsam ineinander. Noch heute gelten Museum und Parkanlage als internationales Aushängeschild zeitgenössischer, portugiesischer Architektur. Von der Sammlung mal ganz abgesehen.

Way down Memory Lane mit Europäischen Meistern und Kunstschätzen aus aller Welt

Wenn es darum geht, womit ich heute mein Geld verdiene, müsste ich mich als Kunsthistorikerin a.D. bezeichnen. Außer Dienst. Aber das wäre nicht richtig. Begeisterungsfähigkeit und Leidenschaft sind nicht nur in Lohnarbeit messen (zum Glück!). Meine Liebe zu den alten Meistern, und die Weise, in der das Studium meine Art, die Welt zu erfassen, geprägt hat, ist frisch wie am ersten Tag. Wie frisch, das merke ich, als ich in einem Saal „meinen“ frühniederländischen Meistern begegne.

Diese Jungs, allen voran Hans Memling und Jan van Eyck, waren Thema des allerersten Referats an einer Universität. Das Referat sollte zeitgleich zur Präsentation im Seminar in schriftlicher Form vorliegen und die Freundschaft zwischen mir und PC’s sollte erst noch geschrieben werden… Ohne die Hilfe der damaligen Sekretärin des kunsthistorischen Instituts, die meine handschriftliche Version im Tausch gegen einen gemeinsamen Abend auf meine Kosten in Windeseile wacker abtippte, wäre ich verloren gewesen. Ein guter Tausch, finde ich noch heute. Auch wenn die Gute sehr trinkfest und der Abend dadurch für mich und mein schmales studentisches Budget recht teuer wurde.

(c) Museu Calouste Gulbenkian. Hier Abteilung Islamische Kunst.

Rubens, Rembrandt, Corot, Fantin-Latour, Lancret, Guardi, alle sind sie da. Optimal ausgeleuchtet, wunderschön präsentiert, und trotz der großen Beliebtheit des Museums entspannt anzuschauen. Das Ensemble, bestehend aus Founder’s Collection und Modern Collection sowie Räumen für wechselnde Ausstellungen, ist so weitläufig, dass sich die Besucherströme gut verteilen. Der Park mit seinen kleinen Cafés entzerrt und entspannt die Wucht der Hochkunst zusätzlich. Das architektonische Konzept geht noch heute auf.

Immer wieder tauche ich ein in eine der 17 Abteilungen, schaue, verweile, gehe weiter, und gehe doch noch einmal zurück. Kunsthistoriker A.D. oder nicht. So vergehen die Stunden. Verliere ich mich. Bin wieder Anfang 20, als ich ganze Tage nichts anderes getan habe, als Bildwerke zu studieren. Der Mann wartet schon längst draußen in der Sonne auf mich. Er seufzt. Aber nachsichtig. Was soll man machen. Ich bin Kunsthysterikerin. Und ein Teil von mir wird dies wohl immer bleiben.

Das kleine Bächlein, das an den Museumsgebäuden im Stil des Brutalismus entlang fließt, wird von Schildkröten bevölkert. Brutal hoher Niedlichkeitsfaktor. Und auch wieder so ein schöner Kontrast zu dem Architektur- und Parkensemble und der ernsten Hochkunst-Fülle im Inneren.

Ihr habt Bock auf einen gepflegten Kunstrausch in Lissabon? Hier findet ihr alle Infos, auch in englischer Sprache: Museu Calouste Gulbenkian

Das Museum hat mir zur Bebilderung des Artikels auf Anfrage einige Bilder zur Verfügung gestellt. Auch das Titelbild des Beitrags. Ich selbst habe in dem Museum nur mit den Augen fotografiert. Und bin einmal mehr davon überzeugt, dass man Kunstwerke am besten selbst erlebt. Vor allem Werke der Malerei und Skulptur visuell abtastet, Details entdeckt und seine eigene Beziehung zu den Arbeiten aufbaut. Und das Handy oder auch die Kamera mal im Schließfach in der Garderobe lässt.

Was sagt ihr? Fotografiert ihr in Museen und wenn ja, aus welcher Motivation? Was bringen euch Fotos von Bildern? Was stellt ihr mit ihnen an? Erzählt es uns gern, hier in den Kommentaren. Ach, und kann mir jemand sagen, wer die Schildkröten hier angesiedelt hat? Ist das eine besonders süße Kunstinstallation oder Teil des Garteninventars? Ich recherchiere noch…

Der mit Schildplatt gepanzerte kleine Superstar macht meine Kunstrausch in Lissabon an diesem Septembertag perfekt. Denn Schildkröten find ich fast so toll – wie Kunst.

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