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Winterlich Wardern in Heiligenhafen

Lange Strandspaziergänge in klirrender Kälte, bibbernd in die Butze und es sich dann gemütlich machen. Ein echter Wintertraum. Der sich an Nord- und Ostseeküste gut verwirklichen lässt. Warum Heiligenhafen eine Neuentdeckung wert ist? Na, weil’s was Neues gibt aufm Warder…

Laufen und Luft holen

Vor meiner Unterkunft blinkt ein Schriftzug HOLY HARBOUR. In der Verlängerung schaue ich direkt auf die Seebrücke Heiligenhafen. 435 Meter ist sie lange und eine vergleichsweise neue Attraktion in dem kleinen Ort in Ostholstein, der seit in den 1970ern verstärkt touristisch erschlossen wurde. Seitdem dann aber auch so richtig…

Die Seebrücke von Heiligenhafen – dein Weg zum Ostsee-Panorama.

Auf der Seebrücke kann man heiraten, doch das nur nebenbei. Was mich am meisten fasziniert, ist ihr geschlossen verglastes Ende, die einem ermöglicht, auch während amtlicher Winterstürme geschützt und trocknen Hauptes das Meer zu beobachten.

Nirgendwo lassen sich kurze Regenschauer schöner auszusitzen. Hinter deren Schleier sich im Osten der Graswarder erstreckt und im Westen die Steilküste vermuten lässt. In der eigenen Vorstellungswelt wird die Seebrücke zu einer Schiffsbrücke und man selbst zum Kapitän auf rauer See.

In Heiligenhafen im Winter fällt einem wieder ein, wieso die blaue Stunde so heißt. Die historischen Häuschen am Sandwarder schützen sich mit Betonkragen vor den herbstlichen Stürmen, die das Wasser bis an die Türe bringen.

Im Wonnemonat Mai liegt die Schönheit plakativ auf der Hand. Hier der Yachthafen, die Marina von Heiligenhafen.

Es ist Dezember und eigentlich ab 15h schon wieder dämmrig dunkel. Das bisschen Licht, das sich in dem Norddeutschen Grau-Pottpourri durchsetzt, ist besonders. Ich möchte es eher trotzig nennen als mystisch, als würde es sagen: Das Spektakel jenseits der Saison muss man schon sehen wollen, Schätzchen. Wir sind immer schön, auch wenn niemand guckt.

Die historischen Strandhäuser auf dem Graswarder haben ein paar Jahre mehr auf dem Buckel. Ich bewundere ihre hochgestreckte, stabile Gestalt, während ich mich auf dem schmalen Spazierweg gegen den Wind stemme. Direkt gegenüber Salzwiesen, Nist- und Brutplätze, ein Aussichtsturm.

Von Frühling bis Herbst sensibilisiert hier der NABU die Besucher von Heiligenhafen für die fragilen Wunder der Natur. Bietet Führungen an, betreibt Informationspolitik. Jetzt ist das Tor, das zum Aussichtsturm führt, verschlossen.

In der Altstadt von Heiligenhafen

Die Fischhalle in Heiligenhafen. Heute „nur“ noch ein großer Fisch-Imbiss.

Dass die Seeluft Appetit macht, habe ich mir nicht ausgedacht. Der Hunger überfällt einen wie Windböen an ungeschützten Küstenabschnitten. Am Ende des Steinwarders, gleich hinter der großen Marina, schließt die Seestraße an. Sie führt Autofahrer außen um den Altstadtbereich herum, Fußgänger nehmen die Abkürzung durch die Fischerstraße mit ihren putzigen kleinen Häusern.

Die obligatorischen Fischbrötchen, die es am Hafen überall gibt, locken mich heute nicht. Das Restaurant im alten Salzspeicher scheint eine gute Adresse für den großen Appetit. Die Atmosphäre unter dem Fachwerk ist gemütlich, und auch wenn der Platz begrenzt ist, wirkt es nicht beengt. Die Karte ist winterlich rustikal und natürlich jetzt, im Dezember, ganz auf Gans und co.

Begegnung mit der Bretterbude

Ich wollte die Bretterbude in Heiligenhafen gar nicht so toll finden, aber was soll ich machen, nun bin ich Fan.

Bei meinem letzten Besuch in Heiligenhafen war hier alles noch Baustelle. Jetzt feiert die Bretterbude schon ihren ersten Geburtstag. Und auch ich habe mir eine kleine Butze gemietet. Die Bretterbude ist ein Phänomen. Die jungen Inhaber haben das Hotelerlebnis mal eben umgedichtet, ohne dabei zu hostelig zu werden.

Sichtbeton statt Blümchentapete, Container statt funktionalen Hotellerie-Einheitsmöbeln, im hinteren Lobby-Bereich steht eine Halfpipe. Draußen Europaletten und kesse Sprüche, im vorderen Teil der Lobby stramm bespannte Leder-Lounge-Sesselchen und Hingucker-Bücher in den offenen Regalen.

Bretterbude Holzklasse in Heiligenhafen, der Blick, wenn man aus dem Fahrstuhl steigt. Hinter der schweren dunklen Tür geht es zu den Butzen.

Das Wording ist konsequent augenzwinkernd und changiert zwischen nahbar charmant und penetrant. Im Gegensatz zu einem großen schwedischen Möbelhaus, wo ich das Geduze als Frechheit empfinde und mich sofort nach Betreten des Monstercontainers im Bällebad ersäufen möchte, funktioniert die betont lockere Ansprache hier gut. Warum? Es bleibt mir vorerst ein Rätsel.

Ich liege auf dem Bett in meiner Butze wie in einer Koje. Könnte runter gehen an die Bar, ins Restaurant oder mich auf mein Skateboard schwingen (hahaha, fast hättet ihrs geglaubt, oder?), aber wieso ein Zimmerchen verlassen, das in seiner lässigen Kargheit alles hat, was ich im Moment brauche? Ich lese, schaue von meinem Buch auf und schaue raus. HOLY HARBOUR. Gleich da vorne ist die Ostsee.

Infos | Heiligenhafen auf einen Blick

Wer richtig Kohldampf hat, sollte sich einen Besuch im alten Salzspeicher nicht entgehen lassen, der 1587 errichtet wurde. Ein Besuch im Restaurant, das sich für seine Pfannkuchen und Steaks rühmt, könnt ihr super mit einem Bummel durch den kleinen Alstadtbereich verbinden.
Monumente für Legenden. Hendrix-Fans aufgepasst. Die Insel Fehmarn fühlt sich dem rebellischen Gitarrenvirtuosen besonders verbunden. Das letzte Konzert vor seinem Tod im September 1970 spielte er tatsächlich hier, auf einem kleinen Festival namens Love-and-Peace-Festival. Ein Gedenkstein mit Gitarre erinnert uns heute noch daran. Jimi Hendrix Gedenkstein, Flügge 1, 23769 Fehmarn.

Butzenhausen-City. Dass ich mich in der Bretterbude wohlgefühlt habe, dürfte sich vermittelt haben. Ob sich dieser Erlebnis reproduzieren lässt, wird sich zeigen. Im Sommer sind der Ort – und natürlich auch alle Unterkünfte von Sporthotel bis privaten Ferienwohnungen krachvoll. Entsprechend laut und aufgeregt kann es werden, Skateboards sind ja auch keine Flüstertüten. Ich werde es im kommenden Sommer, ach nee, lieber Frühling, einmal ausprobieren…

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