Karibik_StLucia_Gros_Pitons

Insel, die

Inseln üben auf viele Menschen eine große Magie aus. Eine Insel kann Zufluchtsort und Sehnsuchtsort sein. Man kann auch stranden und einen Inselkoller kriegen, anwachsen und sein persönliches Inselglück finden. Was suchen wir auf Inseln? Und ist jeder seine eigene?

Was kümmert mich der Schiffbruch der Welt, ich weiß von nichts als meiner seligen Insel.
(Friedrich Hölderlin, Hyperion)

Insel ist … Abenteuer pur

Manche Orte waren Inseln, bevor sie Land gewannen, andere Landstriche wurden durch steigende Wasserspiegel zu Inseln. Und immer wieder findet sie der Mensch. Versucht sie zu kultivieren und sich auf ihr zu verlieren, sich wiederzufinden oder neu zu erfinden. Tippt man „Ich will + Insel“ in die Suchmaschine, kommen als erstes Vorschläge wie „Ich will auf einer Insel leben“ und „Ich will eine Insel kaufen.“ Verräterische Suchmaschine! Dass damit nicht bevölkerungsreiche Inseln wie Java gemeint sind oder einer der 47 weltweit anerkannten Inselstaaten, liegt auf der Hand des so Suchenden…

Was wohl Hölderlin, mit dessen Zitat dieser Reise-Essay beginnt, zu den Google-Suchanfragen sagen würde? Ich gestehe: Beide Aussagen habe auch ich schon des öfteren gedacht. Und mich durch Artikel geklickt mit Bilderstrecken von käuflich zu erwerbenden Eilanden wie durch die Auslage eines Süßigkeitenladens, den man nie betreten wird. Temporärer Eskapismus, auch unter Tagträumerei oder Gedankenreise bekannt. Per se nix Schlimmes, oder? Nur ist „Haben wollen“ ja eigentlich Quatsch. Vor allem wenn die Welt Schiffbruch erleidet. Wenn man eine Insel hätte, dann säße man da auf seiner Insel. Und dann?

Doch ich gestehe: Inseln faszinieren mich. Allein die Anreise auf eine Insel ist doch Abenteuer pur. Mit der Fähre, mit dem Segelboot oder mit einem klitzekleinen Flugzeug, das wie ein Kleinbus mit Flügeln aussieht. Das Gefühl ist jeweils ganz unterschiedlich. Mit gehisstem Segel ist der Abenteurer, der vermeintliche Entdecker, mit an Bord. Ein verschämt erhabenes, weil fast kolonialistisch angehauchtes Gefühl macht sich hinter dem schiefen Grinsen des so Reisenden breit. Selten schämt sich der moderne Pseudo-Entdecker schöner als mit salzigem Wind im Haar, an der Einfahrt zur Marina.

Dekadenter noch der lässige Sprung vom Festland aufs Eiland mit dem Inselflieger. Sonnenbrille ins Haar, Kopf einziehen, die dicken Kopfhörer auf und die Welt schrumpft unter einem auf handliche Spielzeuggröße. Einfach irre. Was heute alles möglich ist! Ein exklusiver Quick-Fixe ganz ohne das enervierende und auslaugende Transit-Zombie-Ballet der Unorte moderner Großflughäfen. Wie schräg die allgegenwärtige Fliegerei soziologisch betrachtet ist, hat Lars kürzlich in seinem Beitrag über Langstreckenflüge beschrieben.

Eine Insel ganz für einen allein, das wär’s doch. Oder?

Insel ist … Leben auf überschaubarem Raum

Faszinierend an Inseln auch, wie verdichtet das Leben hier spielt. Enger. Ein Cluster, ein Miniatur-Wunderland in Lebensgröße, ein Dorf oder in eine Kleinstadt, nur umgeben von Wasser. Man kann nicht einfach rauf und runter, wenn man will, sondern ist von Fahrplänen, Flugverbindungen und vor allem, von Wetterverhältnissen oder Gezeiten abhängig. Für manche erhöht das den Kitzel, manch einem macht das Brustenge. Für Einheimische und heimisch Gewordene ist das einfach so. Auf einer Insel.

Als jemand, der in einem Ort mit knapp 2.000 Seelen groß geworden ist und seit 17 Jahren in einer Millionenstadt lebt, erzeugt der Gedanke, dauerhaft auf einer Insel zu leben, in mir ein zwiespältiges Prickeln. Geht man sich nicht bisweilen furchtbar auf den Keks? Wie arrangiert man sich, wenn man sich vielleicht nicht grün ist und keine Chance hat, sich aus dem Weg zu gehen?

Und wie ist es im Winter, wenn die Ablenkung der Urlauber und Tagesgäste fehlt? Als Besucher ist es leicht, sich in Ruhe und Abgeschiedenheit zu verlieben. Aber (wie) funktioniert das auf Dauer? Ich habe einfach mal zwei Freunde von mir gefragt. Denn als ich vor 17 Jahren nach Berlin zog, zog es meine Freundin Nicole nach Amrum. Sie ist glücklich hier. Im Sommer, wenn die Insel brummt, und auch im Winter, wenn man sie mehr für sich hat. Die dunkle, ruhige Jahreszeit zur Einkehr nutzt.

Insellove – Sonnenuntergang in Norddorf, Amrum

Nicoles Inselkoller-Radar funktioniert bestens. Wenn sich der Drang, mal wieder Festlandluft und -Boden unter den Füßen zu haben, bemerkbar macht, kommt sie dem zuvor und düst mal eben in ihr geliebtes Hamburg, auf ein Konzert oder besucht Festland-Familie. Gebürtige Insulaner wie der Vater ihrer beiden Kinder, mit dem sie gemeinsam das Hotel Seeblick in Norddorf betreibt, kennen dieses Koller-Gefühl nicht so stark wie Zugezogene. Die Art, wie Kinder hier aufwachsen können, empfindet Nicole als Geschenk. Die Kinder anscheinend auch. Gerade auf Amrum kehren erstaunlich viele in die alte Heimat zurück, nachdem sie andere Luft geschnuppert haben und rumgereist sind. Übernehmen elterliche Betriebe, bauen hier ihre eigene Existenz auf.

Auch mein Freund Benno, der etwas älter ist als Nicole und ich und der vor 14 Jahren von Berlin nach Norderney zog, ist heute gerne Insulaner. Was der Ex-Großstädter, der hier mit seinem Mann die Neyland Apartments betreibt, besonders genießt, sind die guten Vibes und glücklichen Gesichter. „Die sind ja alle im Urlaub! Das Glück und die Zufriedenheit der Besucher färbt schon ab,“ findet er. Dass Norderney tidenunabhängigen Fährverkehr hat und das kulturelle Angebot einer ambitionierten Kleinstadt, lässt ihn noch weniger vermissen. Für die Identität der Insulaner schwierig ist, dass aufgrund kosten- und effizienzgetriebener struktureller Veränderungen immer mehr Geburtenstationen auf Inseln geschlossen werden. Auch auf Norderney wird es per Definitionem künftig nur noch Insulaner, keine „echten Norderneyer“ mehr geben.

Insel ist … Was du draus machst

In D.H. Lawrence zeitloser Parabel Der Mann, der Inseln liebte, geht es darum, was wir – in diesem Fall stellvertretend ein männlicher Protagonist – auf Inseln suchen. Ein Umfeld, das maximale Freie gewährleistet und Ruhe schenkt – vor allem von anderen Menschen und ihren Befindlichkeiten.  Das Büchlein handelt auch davon, wie sich, wenn man die Scholle zu klein wählt, diese Sehnsucht nach einem eigenen, überschaubaren und kontrollierbaren Umfeld, ins Gegenteil verkehren und gegen einen wenden kann. Beschreibt eindrücklich die Unmöglichkeit, dauerhaft ohne herausfordernde Interaktion und nährende Formen menschlicher Nähe zu sein. Und stellt die These auf, dass der dauerhaft isolierte Mensch mit der Zeit verkümmern, sich selbst auflösen, muss.

Nicht umsonst redet die von Tom Hanks gespielte gestrandete Figur in LOST manisch mit Wilson, einem Basketball… Und bleibt der konsequente Eremit eine spirituell überhöhte Ausnahmefigur, die sich vermutlich durch die permanente Zwiesprache mit etwas, das sie Gott nennt, in Interaktion und damit auch in der isolierten Askese lebendig hält.

Ich nutze weiterhin jede Chance, kleine oder auch größere wasserumschlossene Landflecken aufzusuchen. Unter dem Suchbegriff Insel finden sich auch auf Sirenen & Heuler mittlerweile einige Geschichten. Eine Anekdote, die ich sicher noch als Tattergreis erzählen werde, spielt auf Sylt. Und handelt von meinem studentischen Ausflug in die Saison-Gastronomie. Bei Gosch bekam damals jeder eine Chance, der willens war, hart zu arbeiten. Vorgeschichte egal, tarifliche Bezahlung und Unterkunft garantiert. Vom Unternehmerischen her fand ich das damals beeindruckend.

Hier konnte sich jeder neu erfinden, alles hinter sich lassen. Gut, vielleicht nicht alles. Außer meiner Freundin und mir fuhr fast die ganze damalige Mannschaft unserer Filiale 1x monatlich aufs Festland um ihre Bewährungshelfer zu treffen. Ich lenkte mich damals mit Arbeit und Inselluft von einer noch schmerzhaft frischen Trennung ab. So hatten wir alle unsere Gründe dafür, in jenem Sommer genau hier zu sein. Jeder von uns war – und blieb – unter dem Dach der gemeinsamen Arbeit eine Insel. Und doch waren wir unter der Wasseroberfläche alle miteinander verbunden.

Hier kann man ihn spüren, den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Hier: Allein mit allem – und verbunden auf Norderney.

Sollte nun jeder, dem die Stadt oder das Festland auf den Keks geht, auf die Insel ziehen? Ist das Leben auf einer Insel wirklich einfach schöner? „Kommt drauf an“, sagt Nicole. „Wenn man Inseln mit Rückzug und Erholung verbindet, nimmst man sich mit dem dauerhaften Übersiedeln und dem Insel-Alltag eben auch genau diesen Rückzugsort. Hier leben ist anders als hier zu Besuch sein.“ Da ist was dran, denke ich. Nicht jeder mag dauerhaft für die Insel geschaffen sein. Und doch ist es gut zu wissen, dass sie da ist. Als Rückzugsort, als Arbeitsort, als Ort für Entdeckungen, als Zuhause. Und was die Lebensqualität angeht, kommt es bei einer Insel vielleicht doch auch ein bisschen auf die Größe an, oder?

Was ist Deine Lieblings-Insel? Und welche Deiner Lieblingsgeschichten spielen auf einer Insel? Erzähl es uns hier in den Kommentaren oder auf unserer Facebook-Seite.

Titelbild: St. Lucia Gros Pitons, Kleine Antillen.

Danke an Nicole Hesse und BennOtto Strauch für eure Statements und euer Sein.

Flattr this!