Langstreckenflug_053

Langstreckenflug, Der

Praktische Tipps, wie Du einen Langstreckenflug überstehst, gibt es im Netz viele. Aber lässt sich ein Langstreckenflug wirklich gut überstehen? Mieses Essen, fremdelnde Sitznachbarn, tödliche Langeweile, ohrenbetäubender Lärm. Müssen wir mit leben, um was von der Welt zu sehen. Oder?

Unsere Reiseträume: Colombo, Auckland, New York, die weißen Strände der Karibik oder was auch immer. Meistens heißt das Langstreckenflug. Ein Alptraum. Die Werbefilmchen der Fluggesellschaften versprechen Luxus pur über den Wolken. In der Holzklasse, in der ich fliege, wird knallhart um jeden Quadratmillimeter Leg Space und Armlehne gefeilscht. Gosh. Krieg der Armen auf engstem Raum. Ganz ehrlich nirgendwo klaffen Werbung und Realität so krass auseinander wie beim Thema Langstreckenflug.

Deswegen ist der Langstreckenflug ein Erlebnis, das ich lieber ausblende. Und das hat noch viel mehr Gründe. Die zäh und leer verrinnenden Stunden voller erzwungener und ohnmächtiger Bewegungslosigkeit. Der Lärm und die schlimme Luft im Flugzeugs. Die Schlange vor den viel zu kleinen Toiletten zweifelhafter Sauberkeit und die viel zu engen Sitze. Die unglaubliche Menge an Plastikmüll und die Luftverschmutzung …

Aber Menschen müssen reisen. Auch ich! 2016 waren über 1,2 Milliarden Menschen unterwegs. Reisen ist inzwischen sowas wie ein Menschenrecht. Universal und klassenlos. Beim Boarding denke ich allerdings manchmal, Mensch, die sehen gar nicht aus, als ob die sich das leisten können. Fliegen trotzdem mit. Irre.

Der Ärger fliegt immer mit

Ich weiß, dass ist eine dumme Perspektive und für meine Person sowieso völlig albern. Denn ich gehöre zu der vom sozialen Abstieg bedrohten, wirtschaftlich abrutschenden, sich auflösenden Mittelschicht.

Es ist einfach so, beim Langstreckenflug, beim Fliegen überhaupt, wird mir dieser gefährdete sozialen Status ganz besonders bewusst gemacht. Schon beim Check in geht das los. First Class, Business Class, Gold Card und Senator Circle Members werden privilegiert angesprochen … Und ich gehöre nicht dazu. Deswegen fliegt auch immer der Ärger mit auf all diejenigen, die sich mehr leisten können als ich und das auch noch – ganz nah bei mir – bekommen. Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen ich mich so aufspulen kann, wie beim Langstreckenflug.

Suspendierte Lebendigkeit und spirituelle Leere

Denn beim Langstreckenflug werde ich zu einem Gepäckstück normiert. Ich werde einer standardisierten Behandlung unterzogen, die mir verdeutlichen, dass ich mich anzupassen habe, nur deshalb weil ich nicht zu den Auserwählten und Privilegierten gehöre. Ich werde auf einen Platz bugsiert, der ganz und gar nicht auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ausgelöscht und quasi unsichtbar gehe ich an Bord und soll mich dennoch freuen, mit dabei zu sein. Vorfreude – auf das Ziel der Reise – das ist ja bekanntlich die größte Freude. Werde ich gesehen? Bekomme ich das, was mir zusteht? Werde ich gerecht behandelt? Ist da genug Platz? Kann ich nicht auch mal der Erste sein?

Für den Soziologen Zygmunt Bauman ist die Flugzeugkabine der Ort eines stationionären Zusammenseins. Für Bauman eine dieser typischen, eingeschränkten Erfahrung des Menschseins im Zeitalter der Überfüllung. Niemand gibt sich überhaupt die Mühe zusammen zu kommen. In der Kabine sitzen eine “Ansammlung von Fremden, die wissen, sie werden bald wieder eigene Wege gehen, um sich nie wieder zu treffen“. Darum erscheint Bauman die Flugzeugkabine als eine “Stätte der suspendierten Lebendigkeit, der unterkühlten Begegnungen“. Das Design der in der Regel mit Menschen übervollen Kabine hat nur eine einzige Aufgabe nämlich den Fremden auf Abstand zu halten. Nach Bauman transformiert die Raumaufteilung physische Fülle in spirituelle Leere.

Und deswegen ist beim Langstreckenflug die wahnsinnig tödliche Langeweile der reizarmen Flughäfen und Flugzeugkabinen viel schlimmer als diese nagenden Statusfragen. Wer hat sich diesen widerstandslosen, einschläfernden Haferschleim-Farbton der Kabinenverkleidung bloß ausgedacht? Ein Farbton, der mir sofort beim Betreten des Flugzeugs mit seiner kalten Hand um die Seele fasst und wie ein überdosiertes Narkotikum Empfindsamkeit und Lebensenergie aus den Knochen lutscht.

Gefangen in gesichtslosen Transitzonen

Meine Freundin Jo spricht beim Fliegen nur von der Welt der abstoßenden Plastikdärme. Freiwillig begibt man sich hinein, wird einmal durch gesichtslose Transitzonen verdaut und am Ende auf einem anderen Kontinent wieder rausgeschissen. Und irgendetwas ist beim Verdauungsprozess abhanden gekommen. Aber was?

Auch mir sind diese gesichtslosen Transitzonen, in die ich mich während des Fliegens begebe, entsetzlich. Überall gibt es schon Burgerking oder McDonalds. Irgendetwas mit Porschedesign oder Thumi Koffern. Orientierungslosigkeit. Der Körper weiß nicht, wo er ist. Die Seele kommt ja sowieso erst später hinterher. So steht nach der Landung auch erstmal nicht die Begegnung mit dem bereisten Land im Vordergrund sondern die Beschäftigung mit dem empfindungslosen Selbst, mit Mattigkeit und Erschöpfung, mit der Frage, was tue ich mir an? Erst, wenn ich mich aus diesem dumpfen Wust heraus gelöst habe, kann die Reise beginnen.

“Wenn es eine Erfahrung des 21.Jahrhunderts gibt, dann die des Nicht-Ortes. Er unterscheidet sich nicht von anderen Orten, hat keine Kennzeichen. Bei der Zeit entwickelt es sich ähnlich. Es wird immer schwieriger, ein Jahr vom anderen zu unterscheiden. Epochen ähneln einander, man bewegt sich durch die Geschichte wie von Flughafen zu Flughafen, von Einkaufscenter zu Einkaufscenter. So wie man irgendwo sein kann, kann man irgendwann sein“, erklärt Kulturwissenschaftler Mark Fisher in dem sehr lesenswerten Interview Wir sind alle Cyborgs. Ist das die perfekte Definition von Reisen heute: So wie man irgendwo sein kann, kann man irgendwann sein? Vielleicht lässt sich das Urlaubsland ja bald streamen so wie andere Entertainment-Formate: Musik und Video

Die Welt steht uns offen! Aber warum?

Eine Beobachtung fasziniert mich immer wieder beim Langstreckenflug. In Frankfurt oder München steigen in die Flugzeuge meist die europäischen oder amerikanischen Urlauber und Freizeitreisenden ein. Auf der Suche nach Entspannung und Erholung in exotischen Welten.

In Dubai, Singapur, Colomobo oder Auckland ändert sich überraschender Weise das Bild. In der Flugzeug-Kabine sitzen neben den Urlaubsreisenden plötzlich Arbeitsmigranten und Saisonarbeiter aus diesen begehrenswerten exotischen Welten. Sie sind dem Weg zur Kiwi-Ernte nach Neuseeland. Auf dem Weg zur Baustelle nach Dubai. Auf dem Weg zur Altenpflege irgendwo in den arabischen Emiraten oder in Europa. In der Holzklasse treffen sich die Abgehängten der Globalisierung wieder. Europas Mittelklasse resigniert und geplagt von Abstiegsängsten vereint mit der globalen Konkurrenz aus Billig-Arbeitskräften. Die Werbefilmchen der Fluggesellschaften die fantasieren wirklich das Blaue vom Himmel herunter.

Ich wage mal die steile These, dass Reisen als immaterielles Produkt die ideale Ware für unsere durchgeknallten Zeiten ist. Denn, seien wir mal ehrlich, eigentlich zahlen wir beim Reisen viel Geld für nichts. Reisen verschleiert, dass wir materiell immer ärmer werden. Denn uns scheint ja, – als Reichtums-Äquivalent – die ganze Welt offen zu stehen. Freiwillig verschleudern wir unsere sauer verdienten Penunzen für flüchtige Erlebnisse und Eindrücke unterwegs. Nach Hause nehmen wir nichts außer zweifelhaften Souvenirs, Erinnerungen und digitale Fotos. Erinnerungen, die kann mir doch keiner nehmen. Ist das die Logik, die hinter dem Langstreckenflug steckt?

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  • Manu Ela

    Herrlich! Ich mag den Sarkasmus! super gut geschrieben, voll auf den Punkt gebracht, untermauert mit einer Brise Ironie und einem Haufen Sarkasmus – und dabei noch guten content geliefert. I love it. Made my day! Danke, LG Manu vom Reiseblog worldcalling4me

    • sirenenundheuler

      Hey Manu, vielen Dank für Dein Feedback. Fliegen ist halt ein Gesicht des modernen Wahnsinns, da verrutscht einem manchmal das Lächeln ;-) Super, dass Du mit dem Post gut durch den Tag gestartet bist. Was sind denn Deine Erfahrungen im Flugzeug?

      • Manu Ela

        Das verrutscht einem nicht nur manchmal das Lächeln – mir sehr häufig. Gerade vor ein paar Wochen bin ich die Langstrecke Frankfurt – Delhi geflogen und habe auf dem Hinflug den Fehler gemacht, auf die Premium Eco upzugraden. Ich musste 7 Stunden an mir halten, um nicht auszuflippen. Mein investiertes Geld hätte ich auch auf die Straße werfen können.
        Der Rückflug in der Holzklasse war dann aber noch unterirdischer. Entertainment-Ausfall und Essenskatastrophe: Hier gab es bei LH bspw. als Hauptmahlzeit exakt das Essen, das ich zuvor als Snack in der Billigairline bei einem domestic flight von einer Stunde von Goa nach Mumbai bekommen hatte. Vom Frühstück will ich gar nicht erst anfangen. Und glaub‘ mir, nach 4 Wochen Indien war ich zu diesem Zeitpunkt essenstechnisch einiges gewöhnt. :-D

        Ich poste mal meinen Blogbeitrag zum Premium Upgrade dazu. Wenn es nicht für dich passt, lösche ihn gerne wieder. Ich will ja keine Werbung streuen, aber er passt gerade zu gut hier her. :-)

        https://worldcalling4me.com/lufthansa-premium-economy-upgrade/

        • sirenenundheuler

          Da ist ja wirklich eins zum anderen gekommen. Manchmal ist halt der Wurm drin. Du hast recht, das Futter beim Fliegen ist meistens nicht das Gelbe vom Ei. Ich wüsste zu gerne wer sich diese abenteuerlichen Menüs ausdenkt und nach welchen Kriterien die getestet werden. Aber das ist eine ganz andere Geschichte … Ich hoffe Indien hat Dich für all diese Ereignisse mehr als entschädigt.