180506-0-Hasenrennen-an-der-U-Bahnstation-Cais-do-Sodre

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos

Lissabon ist so etwas wie die europäische Hauptstadt der Kacheln. Egal, ob blau-weiß oder bunt, ornamental oder figürlich verziert, historisch oder modern: Azulejos schmücken Hauswände, Brunnen, Kirchen, Klöster – und die Metro. Unser Lissabon Tipp: Mach die Azulejos zu deinem Stadtführer

Am Cais do Sodré sind die Hasen los. In großen Sätzen, eine Uhr in der Hand, lässt der Künstler Pedro Morais sie durch den U-Bahnhof hasten. Sie sehen nicht freundlich aus, eher hektisch, wie das weiße Kaninchen aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Die Leute, die hier warten und aus- und einsteigen, nehmen die Wanddeko kaum zur Notiz. Wir dagegen sind extra deswegen hier. Die überdimensionalen blauen Strichzeichnungen auf der weißen Kachelwand sind der Auftakt für eine Tour zu den modernen Azulejos – ein Lissabon Tipp nicht nur für Regentage.

Die Metro als Revival der Azulejos

In Gegensatz zu anderen Städten sieht die Metro in Lissabon sehr neu und erstaunlich sauber und geräumig aus. Hier muss niemand auf verschlungenen Wegen treppauf und treppab steigen wie in Paris oder London. Stattdessen sind Rolltreppen, Hallen und Gänge effizient angeordnet und Gedränge gibt es kaum. Das an sich ist schon eine Leistung. Die Azulejos, eine Art Streetart mit Kacheln, machen die U-Bahn zusätzlich zur Besucherattraktion.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Versetzte Barock-Figuren des Künstlers Eduardo Nery am U-Bahnhof Campo Grande machen aus unbeabsichtigt verschobenen Darstellungen an manchen historischen Azulejos-Gemälden ein eigenes Kunstmotiv.

An historischen Azulejos-Gemälden sind manchmal unbeabsichtigt leichte Verschiebungen aufgetreten. Am U-Bahnhof Campo Grande macht der Künstler Eduardo Nery daraus ein künstlerisches Motiv.

Selbstverständlich ist das nicht. Als die Bauarbeiten an der Metro Mitte der 1950er Jahre begannen, galten Azulejos in Portugal als hoffnungslos piefig und verstaubt. Kein Künstler, der etwas auf sich hielt, wollte etwas damit zu tun haben – die Zeit der bunten Kacheln war einfach vorbei. Aber der Architekt der U-Bahn, Francisco Keil do Amaral, fand sie praktisch, weil sie gut isolierten und leicht sauber zu halten waren. Seine Frau, die Malerin Maria Keil, machte sich in den folgenden 25 Jahren einen Namen mit kleinteiligen Fliesenmustern. Die Dekorationen aus dieser Zeit sind geradezu ein Werkkatalog ihres Schaffens. Ganz nebenbei verhalf sie damit der Kunst der Azulejos zu neuer Blüte und Lissabon zu einer neuen Sehenswürdigkeit.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Die Idee der geometrischen Verzierung – hier eine Azulejos-Dekoration in Schwarz-Weiss in der Metrostation Saldanha – geht auf die Künstlerin Maria Keil zurück.

Mit kleinformatigen Azulejos in unterschiedlichen Mustern dekorierte die Künstlerin Maria Keil in den 1950er und 1960er Jahren 19 Bahnhöfe der Lissaboner U-Bahn. Wie hier zu sehen, nahmen später andere Künstler ihre Idee der geometrischen Verzierung auf.

Lissabon Tipp: Metrofahrt als Kunstereignis

Zum Glück gibt es (noch) keinen touristisch vermarkteten Routenplan zu den Azulejos der U-Bahn. Deshalb gehört dieser Lissabon Tipp – ähnlich wie der Spaziergang auf den Spuren des Wassers von Lissabon – zu den wenigen, die nicht an Überfüllung leiden, und ich werde einen Teufel tun, hier bestimmte Strecken oder persönliche Highlights zu empfehlen. Am besten macht ihr es wie wir: Bringt Zeit mit, kauft euch ein 24-Stunden-Ticket, fahrt einfach drauflos und steigt aus, wo ihr euch näher umsehen wollt. Einen ersten, allerdings keineswegs repräsentativen Eindruck vermitteln die Bilder hier und am Ende dieses Beitrags.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Buntes Architekturbild von Friedensreich Hundertwasser.

Auch Friedensreich Hundertwasser hat sich mit einer Azulejos-Wand in der Metro von Lissabon verewigt.

Und wer mehr über die Kunst der Azulejos wissen will, besuche anschließend unbedingt das Museu Nacional do Azulejo. Denn wenn es ein Museum gibt, das viel über Lissabon erzählt, dann dieses. Zum Glück wissen die meisten das nicht – Gedränge gibt es hier an normalen Tagen ebenso wenig wie in der Metro.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Eingang zum Museu Nacional do Azulejo, das die Geschichte der Azulejos in Portugal bis ins frühe 20. Jahrhundert nacherzählt.

Das Azulejos-Museum erzählt die Geschichte der Azulejos in Portugal bis ins frühe 20. Jahrhundert nach. Danach verlor diese Kunstrichtung an Bedeutung – bis zum Bau der Lissaboner Metro.

Wie die bunten Kacheln nach Portugal kamen

Als die Mauren auf der Iberischen Halbinsel Fuß fassten, brachten sie etwas mit, das sie az-zulaiǧ nannten – glasierte Steinchen oder Kacheln. Nach Italien gelangen diese Keramikfliesen über den Umschlagplatz Mallorca und erhalten den Namen Majolika, in Frankreich heißen sie Fayencen nach der italienischen Stadt Faenza, in Spanien und Portugal wird aus dem arabischen Wort Azulejo, im Spanischen hart, im Portugiesischen verschliffen ausgesprochen: [ɐzuˈleʒu]. Beliebt sind die blau-weißen oder bunten Kacheln überall, aber in Portugal erreichen sie eine außergewöhnliche Qualität und Vielfalt.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Geometrisch verzierte Azulejos aus einer Kirche.

Für Kirchen eigneten sich Dekorationen aus Azulejos besonders gut. Gewöhnlich verzierten kleinteiligere Muster die unteren Wandhälften, während der weiter vom Betrachter entfernte obere Teil der Wände großformatigen Kompositionen vorbehalten war.

Das Museu Nacional do Azulejo im Kloster Madre de Deus nicht weit vom Hauptbahnhof Santa Apolónia – ebenfalls der Standort eines ehemaligen Klosters – ist der Ort in Lissabon, der die Geschichte der Azulejos ganz wunderbar nacherzählt. Allein das Klostergebäude wäre einen Lissabon Tipp wert. Der größte Teil wurde beim großen Erdbeben von 1755 zerstört, doch der doppelstöckige Renaissance-Kreuzgang hat die Katastrophe trotz seiner zierlichen Säulengänge weitgehend unbeschadet überstanden.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Der Kreuzgang des Klosters Madre de Deus im maurischen Stil.

Der Kreuzgang des Klosters Madre de Deus im maurischen Stil ist eines der wenigen architektonischen Ensembles, das das Erdbeben von 1755 unbeschadet überstanden hat.

Religiöse Kunst – erst geometrisch, dann malerisch

Dass das Museum in einem Sakralbau logiert, ist nur konsequent – die Kirche war einer der Hauptauftraggeber für Azulejos. Ganze Hallen schmückten die Kacheln aus, in der Frühzeit als Teppich aus geometrischen Mustern ähnlich den arabischen Vorbildern oder inspiriert von indischen Stoffen, später zunehmend mit Bildfeldern oder ganzen Figurenfriesen.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus als Azulejos-Gemälde in der großen Barockkapelle des Klosters Madre de Deus.

Azulejos, hier in der großen Kapelle des Klosters Madre de Deus, sind selbstverständlicher Teil der barocken Kirchenausstattung. Abgebildet sind Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus.

Der technischen Entwicklung widmet die Ausstellung gleich zu Anfang des Rundgangs einen eigenen Saal. Anfangs waren die Linien des Motivs kleine Grate, die verhinderten, dass sich die Farben vermischten. Im Lauf der Zeit verhinderte eine spezielle Glasur das Ineinanderlaufen der verschiedenen Farbtöne.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: In der Frühzeit der Azulejos wird das Motiv durch Abformung von Patrizen als Relief kopiert und anschließend eingefärbt, Bildfeld für Bildfeld.

In der Frühzeit der Azulejos wird das Motiv durch Abformung von Patrizen als Relief kopiert und anschließend eingefärbt, Bildfeld für Bildfeld.

Im 19. Jahrhundert, mit der Erfindung des Siebdrucks, begann die Massenproduktion der Azulejos und mit ihr die Verbreitung auf ganze Straßenzüge und sogar Fabrikfassaden. Die großflächige Verwendung der Kacheln erschwert ihren Erhalt, und der Bestand ist zusätzlich dadurch bedroht, dass Azulejos mutwillig abgeschlagen und an Touristen oder sonstige Interessenten verkauft werden. Wer also – wichtiger Lissabon Tipp – auf der Suche nach Kacheln für sein Badezimmer ist, sollte sich dafür nur an zertifizierte Anbieter wenden.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Dieser Treppenfries mit Grotesken verrät den Geschmack des portugiesischen Adels. Neben kirchlichen Themen waren auch satirische Darstellungen, mythologische Geschichten und Jagdszenen beliebt.

Dem Geschmack des Adels entsprechend zeigen die Azulejos neben kirchlichen Themen auch satirische Darstellungen, mythologische Geschichten und Jagdszenen. Hier ist ein Treppenfries mit Grotesken zu sehen, der seinen Platz ursprünglich im Lissaboner Kloster São Bento da Saúde hatte.

Der Kunstraub betrifft auch die künstlerische Blütezeit der Kachelproduktion. Die fiel ins späte 17. und frühe 18. Jahrhundert und brachte Künstler wie Manuel dos Santos hervor. Er gehört zu dem sogenannten Kreis der Meister, die zwischen 1690 und 1725 den Ruf der Stadt Lissabon als Zentrum der Azulejos-Kunst begründeten. Das Museum zeigt sein Können in der Manuel-Halle, dem Hauptschiff der ehemaligen Klosterkirche, dessen Azulejos wahre Kachelgemälde mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Franziskus wiedergeben.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Dekoration der Klosterkirche des Konvents Madre de Dios mit Azulejos von Manuel dos Santos, einem der Meister aus der Blütezeit der portugiesischen Kachelmalerei um 1800.

Die Dekoration der Klosterkirche mit Azulejos von Manuel dos Santos geht auf eine umfangreiche Restaurierung des Kirchsaals im späten 19. Jahrhundert zurück. Die prachtvolle Ausstattung bedient sich ganz bewusst der Werke aus der Blütezeit der portugiesischen Kachelmalerei um 1800.

Panorama von Lissabon

Das spektakulärste Ausstellungsstück des Museums, das sich übrigens auch gut in der Metro machen würde, ist das Panorama von Lissabon als fast 23 Meter langer Fries aus Azulejos. Das Besondere daran: Die Ansicht entstand um 1700, also vor dem verheerenden Erdbeben von 1755, das mit einem Tsunami einherging und die Stadt fast komplett zerstörte. Allein dieses Kachelbild macht das Museu Nacional do Azulejo zum ultimativen Lissabon Tipp.

Die Naturkatastrophe war so gewaltig, dass sie den Flusslauf des Tejo veränderte. Der Torre de Belém, eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, erhebt sich heute am Tejo-Ufer. Ursprünglich stand er mitten im Fluss, wie ein Blick auf das historische Panorama verrät. Dagegen lag der massige Klosterbau des Mosteiro dos Jerónimos, ebenfalls ein Publikumsmagnet, ehemals näher am Flussufer als heute.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Das Panorama von Lissabon zeigt den Torre de Belém noch in seiner ursprünglichen Lage mitten im Fluss.

Der Torre de Belém, 1521 im Auftrag des portugiesischen Königs Manuel I. fertiggestellt, diente ehemals als Leuchtturm und stand mitten im Tejo. Das Erdbeben von 1755 hat ihn verschont, jedoch seine Umgebung derart verändert, dass er ans Tejo-Ufer gerückt ist. Das Panorama von Lissabon zeigt ihn noch in seiner ursprünglichen Lage.

Die Stadtansicht zeigt Lissabon auf einer Länge von 14 Kilometern aus der Vogelperspektive. Hinweisschilder erläutern, was zu sehen ist und welche Gebäude noch stehen oder wiederaufgebaut wurden. Wer sich ein bisschen in der Topografie der Stadt auskennt, kann hier sein Wissen testen.

Was diesen Lissabon Tipp so spannend macht, sind die unzähligen Details, die sich auf den Kacheln entdecken lassen und die viel über den Alltag Lissabons erzählen. Da ist zum Beispiel das Viertel Mocambo, das heute Madragoa heißt. Der historische Name ist ein Bantu-Wort und bedeutet in etwa „Zufluchtsort“. Hier lebten Afrikaner aus der ehemaligen portugiesischen Kolonie Angola, die sich offenbar auf die Keramikherstellung spezialisiert hatten. Das lassen jedenfalls die drei konischen Schornsteine mit ihren dunklen Rauchschwaden vermuten.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Große konische Schlote mit Rauchfahnen im Azulejos-Panorama von Lissabon kennzeichnen ehemalige Keramikfabriken im Stadtviertel Mocambo bzw. Madragoa.

Am oberen Bildrand des Lissabon-Panoramas aus Azulejos sind die rauchenden Schlote im Viertel Mocambo bzw. Madragoa gut zu erkennen.

Natürlich spielen in der Hauptstadt einer Seefahrernation Schiffe eine wichtige Rolle. Die Azulejos zeigen gleich mehrere Werften und Hafenanlagen, darunter auch die königlichen Docks, die ihre Ursprünge im späten 15. Jahrhundert hatten. Auch ein Markt mit langen Verkaufstischen ist zu sehen. Nicht weit davon entfernt, am östlichen Rand des Stadtpanoramas, steht das Mosteiro da Madre de Deus, heutiger Standort des Azulejos-Museums – und des Betrachters.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Die Stände des Mercado da Ribeira lagen gleich am Flussufer. Laut der Darstellung des Azulejos-Panorama von Lissabon war er gut besucht.

Die Stände des Mercado da Ribeira sind gut besucht. Der Markt aus dem 16. Jahrhundert lag gleich am Flussufer. Nicht lange nach dem Erdbeben wurde er aufgelöst.

Zurück in die Metro

Wer nach dem Museumsbesuch mit der Metro fährt, wird die Azulejos mit anderen Augen sehen. Zur Einstimmung gibt es unten ein paar weitere Impressionen. Und wer jetzt mal auf ganz andere Gedanken kommen will: Hier gibt’s Tipps zum Alternativ shoppen in Lissabon.

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: „Begegnung“: Azulejos-Motiv von Luís Filipe de Abreu in der Metrostation Saldanha

„Begegnung“: Azulejos-Motiv von Luís Filipe de Abreu in der Metrostation Saldanha

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Wimmelbild von Antonio Seguí in der Metrostation Oriente

Wimmelbild von Antonio Seguí in der Metrostation Oriente

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Flaggen von Sean Scully in der Metrostation Oriente

Flaggen von Sean Scully in der Metrostation Oriente

Lissabon Tipp: Mit der Metro zu den Azulejos Kacheln: Azulejos von Yayoi Kussama in der Metrostation Oriente

Azulejos von Yayoi Kussama in der Metrostation Oriente