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Marokko 2/2: Berg und Tal im Atlas

Der zweite Teil dieses Reiseberichtes aus Marokko erzählt von einem Tagesausflug ins Ourika-Tal und Atlas-Gebirge. Genauer, dem Hohen Atlas. Von Berber-Märkten und Berber-Kultur. Atmet frische Luft und sammelt starke Eindrücke. Und verbindet Arganöl für Haut und Haar mit marokkanischer Frauenpower.

Im ersten Teil standen Marrakeschs Märkte und das Gewimmel in den Souks im Fokus. Die Pracht von Palästen und Kaktusgärten, in majorelle-blaues Licht getaucht. Von dem sinnlichen Zauber und den Reize dieser faszinierenden, fremden Kultur überwältigt, kommt ein Tagesausflug ins Atlas-Gebirge gerade recht. Wir vermuten frische Luft, viel Weite und ein spannendes Panorama, wollen wandern. Wir, das sind meine Freundin Amanda und ich sowie ein Paar, mit dem wir uns dort angefreundet haben. Rob und Vicki. Zusammen werden wir einen unvergesslichen Tag erleben.

In Marokko, diesen Eindruck habe ich bei meinem ersten Besuch gewonnen, bewegt man sich nicht so einfach auf eigene Faust oder ohne Plan irgendwo hin. Wer nicht in der glücklichen Position ist, Einheimische zu kennen oder zumindest arabisch zu sprechen, dem bleiben nur geführte Touren. Unser Guide Soufian ist sympathisch, spricht fließend französisch und sehr gut englisch. Früh morgens holt er uns im Riad ab. Auf dem Weg zum Hohen Atlas fahren wir durchs Ourika-Tal, die Berge immer vor Augen.

Auf dem Berber-Markt Jomaa Ghmat

Keine Stunde süd-östlich von Marrakesch entfernt halten wir zum ersten Mal. Eine Art Berber-Pop-up-Markt, der immer nur Freitags (Jomaa) in Ghmat stattfindet. Der Markt beherrscht den Ort. Auf einer Seite der Hauptstraße ist der Flohmarkt oder Gebrauchtwaren-Markt. Von Telefonen und Handyhüllen über den Kaftan bis zum Lieferwagen gibt es hier alles. Ich habe mich ja schon im ersten Teil als jemand geoutet, der sich recht wenig für die bunte, blinkende Warenwelt interessiert. Hier finde ich nun gar nichts Ansprechendes. Die Berber finden’s klasse und treiben regen Handel.

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Auf dem „Parkplatz“ von Jomaa Ghmat warten die Mulis geduldig auf ihre Besitzer. Manche bekommen Besuch vom Hufschmied – hier bei der Arbeit – und schicke neue Schuhe.

Auf der anderen Seite der Straße, jenseits des Rondells, liegt der Schwerpunkt auf Lebensmitteln. Obst und Gemüse in Hülle und Fülle. Auf dem Boden ausgebreitet, auf Plastikplanen. Immer neue Gänge tun sich auf. Stände mit dem klobig-eleganten (ja, das geht!) Schmuck der Berber und einfachste Garküchen. Hinter der nächsten Ecke begegnet er uns wieder. Der mittlerweile wohl bekannte, doch immer noch atemberaubende Geruch auf kleinem Raum lebender Tiere und ihrer Exkremente. Wir halten die Luft an. Ein junger Mann läuft an uns vorbei, tänzelt . Auf seiner Schulter thront ein Rinderschädel, er trägt ihn ganz vertraut, ganz selbstverständlich. Aus der Halsschlagader des Tieres sickert noch Blut. Jetzt sehe ich, das ganze T-Shirt steht vor Blut.

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Das blutige T-Shirt erspar ich euch gerne, aber so sieht es da halt aus. Gestempelte Hoden, gehäutete Köpfe und Handel treibende Männer.

Wie abgekoppelt wir in unserer Gesellschaft von der Natur sind, dem Ursprung und Kreislaufsystemen dessen, was wir essen, oder wie wir die brutalen Anteile von Leben und Tod verdrängen, befremdet mich immer wieder. Bärchen-Mortadella finde ich viel gruseliger als das, was ich hier sehe. Oder Phänomene wie die Körperwelten-Ausstellung. Vielmehr den Mann dahinter. Riechen tut es bei den frisch geschlachteten Tieren um Längen besser als bei den zusammengepferchten Hühnern. Amanda und Rob sind genauso gebannt wie ich. Dann schaue ich in Vickis Gesicht. Es ist grün.

Zu Besuch in einem Berberhaus

Wir verlassen diesen Markt und fahren weiter den Bergen entgegen. Die Route führt uns weiter entlang des glasklaren Flusses, der so heißt wie das Tal. Ourika. Sprudelnd und unbeirrbar bahnt er sich seinen Weg, kieselt Steine rund und glitzert in der Sonne. In einem Dorf namens Tafza biegen wir ab. Jetzt besuchen wir ein Berberhaus. Ich befürchte Folklore. Oh je, kommen die jetzt und tanzen für uns? Ich möchte erleben, nicht begaffen. Ich kann nicht sagen wieso, aber mir ist so etwas immer peinlich.

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Teppiche vor Atlas-Panorama. Berber-Teppichkunst ist allgegenwärtig. Ob diese Exemplare einfach zum Lüften hier hängen oder um Käufer anzulocken?

Wir betreten das Haus und passieren zuerst einen gemauerten Verschlag. Eine Kuh und ihr Kalb, schätzungsweise drei bis vier Monate alt, in einem winzigen, dunklen Stall. Im Durchgang liegt frisches Gras. Die Straßen sind steil und verwinkelt, es gibt kein umgebendes Weideland. Also Anbindehaltung statt Auslauf. Der Deal lautet: Frische Milch für die Bewohner und das Kälbchen, frisches Grünfutter und ein sauber mit Stroh eingestreuter Stall für die beiden Nutztiere. Wir treten durch eine weitere Tür. Linkerhand sehe ich Frauen aus vier Generationen in der offenen Küche. Sie walzen Teigfladen mit der Hand aus und reden leise miteinander. Von uns scheinen sie keinerlei Notiz zu nehmen. Das ist nun das Gegenteil von Tanzen. Die Überraschung ist gelungen.

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Fröhlicher Muster-Mix und Mut zur Improvisation. Der Tee-Salon in dem Berberhaus im Ourika-Tal, Marokko.

Soufien spicht kurz mit den Damen und stößt dann wieder zu uns. Zeigt uns die Feuerstelle, den Ofen und ein Gefäß, in dem Käse hergestellt wird. Fromage rouge maroc nennen sie ihn. Ein milder Frischkäse, der sich auch oft in den kleinen Filoh-Teigtaschen wiederfindet, die– mit reichlich frischem Koriander garniert – zu jeder Tageszeit als Zwischenmahlzeit angeboten werden. Wir gehen nach draußen auf eine der Veranden. Ah, ein weiterer Brotofen! Groß ist er. Soufien lacht mich aus. Wo denkst du hin, das ist ein Hamam. Echt jetzt? Jetzt sehe ich es auch. Links neben dem Einstieg liegen Waschlappen und Savon Noir, die „schwarze Seife“ aus Arganöl. Angeheizt wird das mit Lehm verkleidete Ding, das aus der Ferne wie ein Termitenhaufen aussieht, von außen, durch eine kleine Luke. Der Dampf gelangt ins Innere und heizt dem Dampfbadenden tüchtig ein. Ich schiebe mich durch die Öffnung, sogar der Hintern passt hinein. Doch sich hier einseifen und den Dampf genießen ohne klaustrophobische Zustände zu entwickeln? Ich weiß nicht.

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Termitenhügel? Brotbackofen? Hamam! Wenn ich das richtig verstanden habe, hat jedes Berberhaus so eines. Die Wintervariante der gleichen Ausführung fand ich noch im Inneren.

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Die Symbolsprache der Berber-Teppiche ist spannend. Wellen z.B. stehen für das Auf und Ab des Lebens. Jeder Teppichverkäufer kann über Details und Geschichte fundierte Referate halten.

Arganöl und Frauenkooperativen

Zur Rolle der Frau in der marokkanischen Gesellschaft… Die Situation ist nach wie vor stark durch Glauben und Traditionen geprägt. Verwitweten und geschiedenen Frauen bleibt häufig nur betteln zu gehen. Im Einzelnen ist das für Außenstehende und Kurzbesucher schwer nachvollziehbar. Doch ich beobachte – es tut sich was. Zahlreiche neue Frauen-Initiativen bieten Perspektive, demonstrieren Engagement und ein neues Selbstbewusstsein, das den marokkanischen Frauen sehr gut zu Gesicht steht. Das Al-Fassia Restaurant in der Neustadt Marrakeschs zum Beispiel ist so ein Vorzeige-Projekt. Hier arbeiten um die 40 Frauen, führen eigenständig den gesamten Betrieb. Auch außerhalb der Städte gibt es immer mehr Orte, an denen Frauen sich gemeinsam eine eigene Lebensgrundlage schaffen. Eine eigene Gemeinschaft formen. So auch die Arganöl Kooperativen.

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Während ihre Kolleginnen Mittagspause machen, arbeitet diese Frau weiter. Und singt dabei ein Lied in einer Berbersprache. Taschelhit oder Tamasight? Natürlich verstehe ich kein Wort, doch die Melodie berührt mich tief.

Wir besuchen eine. Die Marokkaner benutzen Arganöl schon ewig. Innerlich und äußerlich. Für die Haare und die Haut. Als Kosmetik und zum Kochen. Sie nennen es auch flüssiges Gold. Für uns ist Arganöl ja gerade eher der neue heiße Scheiß. Gleich nach Chia-Samen und Quinoa. In den Kooperativen steht Arganöl ganz pragmatisch für die Hoffnung auf ein würdiges Leben. Und für harte Arbeit. Denn aus der für uns ungenießbaren Arganfrucht des Arganbaumes das begehrte Arganöl zu gewinnen, ist verdammt aufwändig. In einem schummrigen Raum sitzen ein Dutzend Berberfrauen und demonstrieren uns, wie sie es machen. Die Mandeln aus der dattelgroßen Hülle schlagen. Noch eine Hülle entfernen, klopfen, mahlen, kneten. Alles in Handarbeit und mit Geräten, die zumindest ich nur aus Museen kenne. Wir unterhalten uns lange mit den Frauen. Und gehen mit vollen Taschen. Arganöl zur Verfeinerung von Zaâlouk und anderen Salaten, reichhaltige Creme gegen raue Ellenbogen und winterfahle Haut, Seifen und schmackhafte Brotaufstriche.

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Wahrlich, es gibt schlechtere Orte auf der Welt. Mittagessen im Hohen Atlas. Hier kauen wir im Takt zum Rauschen des Flusses Ourika.

Essen unter freiem Himmel und wandern, endlich wandern

Die Verkostung in der Kooperative war wie ein Amuse Gueule. Jetzt haben wir richtig Hunger. Auf einmal reiht sich entlang des Flusses ein Restaurant an das nächste. Direkt am Wasser stehen sie. Ein Meer aus knallbunten Ledersofas und quietschbunten Plastikstühlen. Für mich sehen sie alle gleich aus und ich denke alle 3 Minuten, dass wir jetzt sicher halten, doch Soufien fährt weiter. Wir halten. Hier muss der Einstieg zu den Bergtouren sein, auf einmal sehe ich überall größere Gruppen, vornehmlich Spanier, Franzosen, Engländer und Deutsche. Nachdem wir uns an Salade Maroccaine, Tajine und Orangenscheiben mit frisch gemahlenem Zimt gütlich getan haben, soll es endlich losgehen. Wir schlüpfen in dicke Sneaker, verstauen unsere Wasserflaschen und werden an einen anderen Guide übergeben. Mohammed wird dafür sorgen, dass wir am Ende des Gekraxels auch gut wieder unten ankommen.

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Ein Häuschen im Atlas, direkt am Fluß. A Vendre steht auf diesem Haus am Einstieg zu unserem mehrstündigen Wanderpfad.

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Der Himmel strahlt, die Blüten leuchten prachtvoll. Dieses Haus könnte auch in einer Erweiterung des Majorelle Gartens, den ich im ersten Teil besucht habe, stehen.

Gleich der Einstieg macht eine amtliche Ansage. Die schmale, wackelige Brücke hat kein Geländer, die „Treppen“ verdienen diesen Namen nicht. Die Steigung nimmt merklich zu je weiter wir kommen. Es wird immer kühler. Mir kommen tatsächlich marokkanische Frauen in bodenlangen Gewändern sowie Leute in Flip Flops – oder noch schlimmer – Wedges (!) entgegen. Auf diesen Schuhen mit dem komischen Keilabsatz kann ich nicht mal zu ebener Erde laufen. Wir kraxeln und wandern, schnaufen und staunen, und saugen uns die Lungen voll. Meine drei Mitreisenden steigen an einer Station mit frischen Säften aus. Drei große Wasserfälle sind ihnen genug. Ich möchte noch ein bisschen weiter.

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Mehr als 100 Fotos habe ich geschossen von den Bergen im Nachmittagslicht. Jede Sekunde ein neuer Zauber, eine andere Nuance. Dies hier: Auch nur ein Moment, und doch ein Wunder.

Also bringt Mohammed mich auf knapp 2.000 Meter Höhe, von wo aus wir die Lichtspiele der Nachmittagssonne noch besser verfolgen können. Doch leider sinkt sie auch in Marokko im November schon recht früh. Rasch kündigen dunkle Schatten auf dem goldenen Herbstlaub die blaue Stunde an. Wir müssen zurück. Und der Abstieg dauert. Die anderen begrüßen mich mit großem Hallo. Für einen Moment fühle ich mich wie eine Gemse.

Als wir im Auto sitzen, ist es schon richtig dunkel. Und still. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Jemand nickt weg. In Sauerstoff gebadete Glückseligkeit. Mein Grinsen lässt auch nicht nach, als ich an die laute, staubige Medina denke. Marrakesch, du kannst mich gerne wiederhaben. Doch du, Atlas-Gebirge, hast mein Herz erfüllt.

Service

Ich würde bei einer Wiederkehr in jedem Fall nach Soufian fragen, aber das ist die Firma dahinter: STÉ ECO VOYAGES – Transport Touristique

Die Cooperative Feminine Tiguemine Argane bei Essaouira erreicht man bei Interesse am besten per Email: margane22@hotmail.com oder latifargan@hotmail.fr. Die Ansprechpartnerinnen für den Shop sprechen alle französisch, viele auch englisch.

Das von Frauen geleitete Restaurant in Marrakesch Al Fassia im Netz.

Ihr wollt mehr über Marokko erfahren? Über seine Kultur und sein Kunsthandwerk? Dann schaut doch auch mal bei Lorenz‘ Artikel über die Handwerker von Fes vorbei.

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