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Das Museum Jatta in Ruvo – Eine Wunderkammer in Apulien

Ruvo ist eine kleine Landstadt im Nirgendwo Süditaliens. Eingebettet in staubige Ölhaine und langweilige Weinfelder döst Ruvo unter der heißen Sonne Apuliens. Manchmal verirren sich Reisende hierher. Sie sind auf der Suche nach einer verwunschenen Wunderkammer, dem spektakulären Museum Jatta.

Als ich zum ersten Mal durch Apulien gereist bin, habe ich auch das völlig unspektakuläre Städtchen Mattinata, dessen schründigen Häuschen sich an der südlichen Flanke des Monte Gargano ducken, besucht. Obwohl dieser Besuch auf dem Gargano, dem heiligen Berg Apuliens, schon sehr, sehr lange her ist, haben sich drei Dinge fotografisch fest in mein Gedächtnis gebrannt.

Zuerst hat mich ein monumentales, dunkelgrün gestrichenes Monument für die Opuntie, die Kaktusfeige, am Ortseingang kolossal beeindruckt. Mattinata war anscheinend mal ein bedeutendes Zentrum der Opuntienzucht in Süditalien. Anderes als Kakteen wächst auf dieser verkarsteten Erde des Monte Gargano auch nicht so gut. Vor Zeiten ließ sich mit der Opuntie noch ordentlich Geld verdienen. Nicht mit den Fichi di India, wie sie hier in Apulien die ollen und stacheligen Kaktusfeigen liebevoll nennen. Nein, mit klebrigem Läuseblut. Auf der Opuntie wohnt die Conchenille-Schildlaus – roter Farbstoff auf sechs Beinen – früher unentbehrlich, um Campari und Lippenstift in prächtiges Rot zu färben. Also haben die Opuntienbauern Läuseblut von den stacheligen Kakteen gezapft. Muss ziemlich hart gewesen sein, das Leben auf dem Gargano.

Rotfigurige Vase mit 3 Figuren aus dem Museum Jatta in Ruvo.

Rotfigurige Vase mit einem jungen Mann, der in einem kleinen Tempel steht. Rechts ein alter Mann. Aus dem Museum Jatta in Ruvo.

Die apulischen Vasen sind fazinierend vielfältig bemalt. Oben eine Dame mit Schmuckkästchen. Hier ein junger Mann mit einem Löwenfell und Keule. Sieht aus wie der jugendliche Herakles

Überraschungen in Apulien

Außerdem habe ich in Mattinata zum ersten Mal Pasta e Fagioli gegessen. Diese blasse, beige Suppe aus dicken Saubohnen, Rosmarin und Nudeln. Farblich ein fades und verstörendes Gericht aber geschmacklich eine Wucht. Wie könnte ich diese phänomenale Überraschung jemals vergessen? Denn Pasta e Fagioli ist seitdem eines meiner Lieblingsgerichte. Steht leider viel zu selten auf der Speisekarte.

Sehenswürdigkeiten entdeckte ich in Mattinata nicht, dafür die Apotheke un die war sehr speziell. Denn diese Apotheke entpuppte sich fantastische Wunderkammer. Anstelle von Grippemitteln, Kopfschmerztabletten, Nasensprays oder Rheumacremes füllten wurmzerfressene Figurinen des Erzengel Michaels, figurenreich bemalte, griechisch Vasen und daunische Krüge mit geometrischen Henkeln und messerscharfen Lippen die Vitrinen und Regale.

Oben Amazone im Kampf. Die Reiterin trägt keine Netzstrümpfe sondern einen Beinschutz aus Metalschuppen. Toll wie sich die Umhänge aufbauschen. Unten der Raub der Töchter der Lekippos.

Wunderkammern in Apulien

Ein Rätsel, wie der greise Apotheker diese prächtige Sammlung über Jahre zusammengetragen hatte. Meine Theorie: feudale Abhängigkeiten und Traditionen haben diese Sammlung entstehen lassen. Bauern, Tagelöhner und Stadtbewohner, die von der Sammelleidenschaft des alten Apothekers wussten, werden ihm die ollen Kammellen, die sie in Schuppen, Abstellkammern oder in der roten Erde Apuliens fanden, vorbeigebracht haben. Als klitzekleine Aufmerksamkeit für eine Dienstleistung auf dem weiten Felde der Gesundheit. Macht man auch heute noch genauso. Allerdings weiß ich nicht, ob ein Heiliger Michael mit rostigen Flügeln als Gefälligkeit reichte. Die Wunderkammer in der Apotheke gibt es übrigens nicht mehr. Inzwischen haben sie in Mattinata ein Museum gebaut. Da gehören die alten Schätzchen ja auch hin. Der Zauber ist dort allerdings verschwunden.

Ich stelle mir vor, dass eine andere, überwältigende Wunderkammer in Apulien, das herrliche Privatmuseum Jatta in der ländlichen Gemeinde Ruvo, auf eine ähnliche Art und Weise zusammengerafft worden ist. Vielleicht kommen auch noch abenteuerlichere Ursprünge mit dazu. Denn unzählige Schatzsucher und Grabräuber haben im Antikenrausch des 18. und frühen 19. Jahrhundert die rote Erde Apuliens umgegraben und nach wertvollen Schmuckstücken, griechischen Vasen, bronzenen Rüstungen und goldenen Münzen durchwühlt. Rund um Ruvo waren die vandalierenden Raubgräber beim Umpflügen der Vergangenheit besonders erfolgreich, gab es doch unzählige vergessene und unberührte Gräber aus der dunkelsten Vergangenheit aufzubrechen und auszuplündern.

Von Räubern und Gelehrten

Ganz und gar nicht ungewöhnlich. Johann Wolfgang von Goethe berichtet in seiner Italienischen Reise, dass in seiner – die alten Griechen und Römern verherrlichenden Zeit – Kunstraub in Süditalien bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise ganz selbstverständlich war. Sogar der englische Botschafter in Neapel, Sir William Hamilton, dessen bizarrer Charakter den geheimen Rat aus Weimar immer wieder zu spöttischen Kommentaren animiert, ist ein skrupelloser Antikendieb.

Eines Abends steigt Sir Hamilton mit Goethe in “ sein geheimes Kunst und Gerümpelgewölbe. Da sieht es denn ganz verwirrt aus; die Produkte aller Epochen zufällig durcheinander gestellt: Büsten, Torse, Vasen, Bronze, von sizilianischen Achaten allerlei Hauszierat, sogar ein Kapellchen, Geschnitztes, Gemaltes und was er nur zufällig zusammenkaufte. In einem langen Kasten an der Erde, dessen aufgebrochenen Deckel ich neugierig beiseiteschob, lagen zwei ganz herrliche Kandelaber von Bronze. … sie mochten sich freilich aus den pompejischen Grüften seitwärts hieher verloren haben. Wegen solcher und ähnlicher glücklicher Erwerbnisse mag der Ritter diese verborgenen Schätze nur wohl seinen vertrautesten Freunden sehen lassen.“ Seine verborgenen Schätze lässt Hamilton letztlich nach London transportieren.

Ewige Martern oder ewiger Genuss …

Die berühmte Sammlung Sir William Hamiltons hat Kulturgeschichte geschrieben und den europäischen Geschmack um 1800 maßgeblich beeinflusst. Die von Hamilton in Apulien zusammengeklaubten griechischen Vasen gehören zum hoch geschätzten Gründungsbestand des British Museums. Überhaupt gibt es heute keine bedeutende Antikensammlung auf der Welt, die nicht antike griechische Vasen aus Apulien in ihren Beständen hat.

Antiken-Wahnsinn in Apulien

Da um 1800 überall in der Welt private Sammler und Direktoren gerade neu entstehender öffentlichen Museen nach spektakulären, griechischen Vase lechzten, muss unter den Grabräubern in Apulien und besonders unter jenen rund um Ruvo und Canosa di Puglia ein regelrechtes Antikenfieber ausgebrochen sein. Denn rund um und unter diesen mittelalterlichen Landstädtchen schlummerte ein unermesslich reicher Schatz an fantastischsten schwarzfigurigen, rotfigurigen und knallig bunten Vasen. Tiefgläubige oder einfach nur prestigehungrige Menschen hatten diesen Schatz vor Jahrtausenden mit ihren Toten als Grabbeilagen in feuchte Grüfte versenkt. Im großen Stil wurde die wertvolle Beute nun gehoben und über den Antiquitätenmarkt an meistbietende Kunden im Ausland verscherbelt.

rotfriguriger Mischkrug aus dem Museum Jatta in Ruvo.

Feiern mit Dionysos

Ermordung der Niobiden.

Blick in die Wunderkammer des 19. Jahrhunderts. Verstaubt und charmant

Das funktionierte so lange, bis in Ruvo einigen Enthusiasten, Bildungsbürgern und Dilettanten der Ausverkauf ihrer tönernen Vergangenheit so sehr auf die Nerven ging, dass sie selber zu Coinnaiseurs und Sammlern wurden, um wenigsten einen kleinen Rest der wertvollen Fundstücke vor Ort behalten und zeigen zu können. Zu dieser wackeren Truppe gehörten auch die Brüder Giovanni und Giulio Jatta, supereiche Feudalherren in Ruvo. Sie trugen eine spektakuläre Sammlung antiker Wunderwerke zusammen. Die wird bis heute in vier Museumssälen im Palast der Familie Jatta am Rande der Landstadt Ruvo gezeigt. Allerdings gehört sie nicht mehr der Familie Jatta. Seit 1991 sind die prächtigen griechischen Vasen Staatsbesitz. Das Privatmuseum Jatta wurde zum Nationalmuseum Jatta.

Dieses Museum ist ein weiterer Beleg für den unglaublichen Reichtum der italienischen Kultur- und Kunstlandschaft. In diesem einzigartigen und erstaunlichen Italien findet der Reisende noch im provinziellsten Winkel überwältigende Zauberwerke. Wie eben das Museum Jatta in Ruvo, das auch im 21. Jahrhundert noch so aussieht wie es vor zweihundert Jahren eingerichtet wurde. Der größte Teil der Sammlung wird in wuchtigen Vitrinenschränken präsentiert. Die besonders wertvoll und üppig bemalten Vasen werden durch Sockeln, die aussehen wie Säulenstümpfe, hervorgehoben.

Aufforderung zum letzten Tanz.

Botschaften für das Reich der Toten

Die meisten bemalten griechischen Vasen im Museum Jatta sind aus Gräber entwendet worden, deswegen finden sich überall Bilder, die irgendwie über Sterben, Tod, Kampf und Jenseits meditieren. Wilde Amazonen werden von frauenfeindlichen Griechen erschlagen. Gräßliche Dämonen quälen sowieso schon unglückliche Menschen. Göttinnen versammeln sich im paradiesischen Garten der Hesperiden und so fort. Der oder die Tote werden oben auf den Vase in einem kleinen Portikus aus zierlichen und einem niedrigen Giebeldach gezeigt.

Die Frauen sind häufig in weich fließende Gewänder mit einem dramatischen Faltenwurf gekleidet. Sie zeigen ihre Schmuckkästen und halten einen Spiegel in der Hand. Sie sehen so aus, als ob sie sich zu einem rauschenden Fest aufrüschen; Perlenkette um den Hals, Armbänder am Handgelenk und Blütenkränze im Haar. Was gibt es denn, wenn man gestorben ist, zu feiern? Für wen machen sich die toten Frauen zurecht? Rätselhaft. Vielleicht glaubte man damals an ein Leben nach dem Tod als ein nie endenden Fest.

Ewige Jugend im Jenseits

Die Männer zeigen ganz ungeniert ihre jugendlichen, makellosen, muskulösen Körper her; sie treten als Reiter, als Soldaten oder Kämpfer auf. Überhaupt fällt mir auf, dass die Verstorbenen als junge, schöne Frauen und als junge schöne Männer gezeigt werden. Muss eben eine ganz andere Zeit gewesen sein damals. Heute sterben wir alt und runzelig so um die 80 Jahre, da ist ans Feiern nicht mehr zu denken. Aber vor 2500 Jahren starben die Menschen unverbraucht und knusperig, in der Blüte ihrer Jahre. Die Friedhöfe müssen voll mit Gräbern für Kinder oder jungendliche Männer und Frauen gewesen sein.

Die berühmteste Vase im Museum Jatta ist ein attischer Krater, ein Mischkrug um Wein mit Wasser zu mischen, der den Tod des Talos zeigt. Friedhofskunst eben. Talos ist ein gigantischer Riese aus Bronze, der von der Zauberin Medea ermordet, in den Armen der Argonauten seinen traurigen Tod stirbt. Toll, wie detailreich diese Vase bemalt ist.

Höhepunkt im Museum Jatta, Mischkrug mit dem Tod des Tales

Feiern bis der Arzt kommt

Was sagt es eigentlich über die damalige Gesellschaft, dass fast alle Gefäße, die im Museum Jatta ausgestellt sind, mit Weinkonsum zusammenhängen? Da sind einmal die prächtigen Kratere, also die Mischgefäße, in denen Wein mit Wasser und Gewürzen versetzt wurde, um ihn überhaupt genießbar zu sein. Dann gibt es Trinkschalen, Becher und Trinkhörner. Weinkonsum muss in Süditalien vor 2500 Jahren einen ziemlich hohen Stellenwert genossen haben. Man könnte auf den Gedanken kommen, die Menschen damals hätten ihre Tage und Nächte völlig vernebelt im Vollrausch verbracht.

Gleich neben dem Museum Jatta hat Mickey seine Bar eröffnet. Für einen Drink ist es nach dem Besuch des Museum Jattas noch zu früh. Aber auch ohne Alkohol versetzt micht die Bar in eine Art Rausch. Denn drinnen knistert eine bizarre Bilderhöhle. Es gibt kein Fleckchen, an dem nicht irgendein Bildchen oder eine Fotografie baumelt. Dieser Bilderwahnsinn erscheint mir ziemlich beunruhigend, obwohl Mickey einen ganz aufgeräumten Eindruck macht. Trotzdem, schnell raus hier. Nach einem starken Caffé mache ich mich auf zur Kathedrale von Ruvo. Das soll ja eine ganz beeindruckende romanische Kirche mit noch mehr Bildern sein.

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