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Auf Spreerundfahrt – Tuckern durch Berlin

Sommer in Berlin. Unzählige Ausflugsdampfer schippern mit informationshungrigen Passagieren über Kanäle, Flüsse und Gewässer. Lohnt sich der Berlin-Besuch vom Wasser aus überhaupt? Ich habe Alex, einen Conférencier für Spreerundfahrten, zu dieser Frage ausgequetscht. Porträt eines Stadtbilderklärers auf Spreetour in Berlin.

Alex und ich kennen uns aus einem queeren Chor. Ich war Bass. Er war Tenor mit heiterem sanguinischen Gemüt. Ich bin bei den Sangesschwestern schon lang nicht mehr dabei. Deswegen habe ich Alex aus den Augen verloren. Seine schöne Stimme, sein spritziges Showtalent und seinen gewinnenden Charme habe ich in bester Erinnerung. Relevante Begabungen, um als Conférencier 5 mal am Tag, 6 mal die Woche 100 Gäste auf Spreerundfahrt in Berlin Ekstasen zu rocken.

So ein Spreedampfer ist schon eine spezielle Bühne. Mir schwirren die Fragezeichen nur so durch den Kopf. Wie kommt Alex zu diesem Beruf? Welche Ausbildung hat er gemacht? Wie sieht sein Arbeitsalltag aus? Wie wehrt er sich gegen die Routine und die Langeweile? Wir verabreden uns zum Interview.

Spreekapitän Dieter Hadynski nimmt Kurs auf Berlin Mitte. Der schnöde graue Kasten links vorm Dom wird  das neue Berliner Schloss

5 Mal am Tag, 6 Mal die Woche – Arbeitsplatz Spreerundfahrt

Nicht ganz einfach wegen eines getakteten Fahrplans, der Alex Arbeitstag strukturiert. Pünktlich ablegen, pünktlich wieder anlegen. Unterwegs mit einem Boot, das ist auch auf der Spree eine ernste Angelegenheit. Aber dann klappt es doch. Ich stehe oben am Kai an der Friedrichsbrücke gegenüber von Dom und Museumsinsel. Unten auf der Spree tuckert ein Bötchen heran, die Franziska. Alex winkt mir zu. Ach, das ist schwer romantisch.

Wie ist Alex bloß an diesen tollen Arbeitsplatz gekommen? “Also wir haben zwei Schiffe. Andreas, mein Freund fährt auf dem anderen”, erzählt Alex. “Irgendwann war da so eine Ödnis in meiner Lebensgestaltung. Da hat Andreas gesagt, da hat jetzt jemand bei uns aufgehört, willst Du nicht anfangen?” Dann ging es ruckzuck. Das Testsprechen besteht Alex mit Bravour und vor Leuten ganz einfach eine gute Show machen, das mag er auch. Die Sache ist geritzt.

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Der Berliner Dom, ein architektonisches Ungetüm. Kann mir mal jemand erklären, warum die Türme links und rechts so unterschiedliche Formate haben?

Dieses Schiff heißt Titanic

Ein bisschen wundert sich Alex immer noch, dass es geklappt hat mit diesem Job. Ihm fehlt die richtige Ausbildung. “Bei mir war die Qualifikation, dass mein Freund Andreas, diesen Job schon so lange sehr gut macht. Er ist total interessiert dafür und guckt genau, ob alles bei mir stimmt.” Hört sich nach Home Schooling oder Learning by Doing oder ganz einfach nach der Schule des Lebens an.

Eine Gruppe Italiener geht an Bord. Hört man schon von Ferne, dass da Italiener kommen. Reisegruppen, die hektisch gestikulieren, jeden Schritt kommentieren und unentwegt laut lachen. Gute-Laune-Tourimsus so können das nur Italiener. “Questo nave si chiama Titanic”, verabschiedet der italienische Reiseleiter sie. “Dieses Schiff heißt Titanic”. Heiterkeit, entsetze Zwischenrufe, angedeutete Angstschreie. Naja es ist Sommer. Eisberge sind auf der Spree nicht in Sicht. Ich bin sicher wir werde die kurze Fahrt gut überstehen.

Die Italiener setzen sich nach hinten. Langsam tröpfeln noch mehr Gäste ein. Eine deutsche Kleingruppe. Die Herren mit Vokuhilla oder dünnem Pferdeschwanz. Sie setzen sich ganz vorne hin. Dann bestellen sie schon mal ein Großes mit Bulette.

Gründerzeit Fassaden-Protz neben ostiger Platten-Nüchternheit

Gründerzeit Fassaden-Protz neben ostiger Platten-Nüchternheit

Gute Menschenkenntnis erleichtert Geschäft

Während sie einsteigen, beobachtet Alex seine Passagiere ganz genau. Der Job an Bord hat ihn mit untrüglicher Menschenkenntnis ausgestattet. “Schon wenn sie sich setzen, kann ich abschätzen, was das für Menschen sind.” Klassischer Fall ist der Berliner, der seine Freunde auf Hauptstadtbesuch zur Spreetour schleppt. “Je mehr Freunde es sind, um so interessanter wird’s, denn irgendwann fängt er an dazwischen zu moderieren. Der sitzt dann dahinten und dirigiert so mit,” erzählt Alex belustigt. “Manchmal steht sogar einer auf und ruft dazwischen.”

Auffällig sind auch die älteren Herrschaften, häufig Stammgäste, die immer wieder zu den Touren kommen. Sie sitzen gerne vorne. Irgendwann kriegen sie das Bedürfnis, sich zu unterhalten. Dann sprechen sie Alex direkt an. Sie wollen Erinnerungen teilen. Denn sie waren noch dabei als die Bomben fielen, der Hunger kam, die Mauer Ost und West trennte, die Wende ihre Welt veränderte. Sie sind der Meinung, dass der jugendliche Alex von ihrer alten Lebensgeschichte noch viel lernen kann. Irgendwie verständlich findet Alex dieses Mitteilungsbedürfnis auch. “Die Herrschaften denken dann: ich muss jetzt aber mal was sagen, der da vorne hat das doch gar nicht miterlebt.” In ihrem Eifer vergessen sie, dass Alex nicht nur die erste Reihe sondern ein großes Publikum unterhalten möchte.

Und dann heißt es Leinen los. Der Spreedampfer legt ab. Alex betritt seine Bühne hinter im die Brücke und der Kapitän. Vor ihm sein erwartungsfrohes Publikum. Alex nimmt das Mikrofon in die rechte Hand führt es Richtung und Mund und stützt mit der linken Hand den Ellenbogen ab.

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“Links sehen sie, rechts sehen sie …“ Alex bei Spreerundfahrt auf der Franziska

Strategiespiel: Spreerundfahrt

In der Regel weiß er nicht, welche Nationalitäten vor ihm sitzen. Deswegen erzählt Alex Deutsch-Englisch. Damit fängt er schon bei der Begrüßung: “Guten Tag, Herzlich willkommen an Bord der Franziska. Mein Name ist Alex. Ich werde Sie für eine Stunde durch Berlin begleiten.” Und dann sofort im Anschluss: “Hello, welcome on board … “ Neben einem gepflegten Deutsch ist akzentfreies Englisch also eine Voraussetzung diesen Job zu machen.

Aber warum stütz Alex seinen Arm so ab? “Michelangelo hatte einen steifen Hals beim Malen der Sixtina”, legt er souverän dar, “die Berufskrankheit des Stadtbilderklärers ist der Tennisarm.” Alles klar, einseitige Belastung.

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Rosa Röhren, blaue Röhren? was es damit auf sich hat erfährst Du auf der Spreerundfahrt

Besonders interessant ist Alex Erzähltechnik. Er erklärt nicht nur zweisprachig. Er muss auch noch links und rechts versetzt betrachten. Außerdem sind wir mit einer Rundfahrt unterwegs. Die Stadt, die wir auf der Hinfahrt schon gesehen haben, muss Alex auf der Rückfahrt so interessant neu darstellen, dass Langeweile sich nicht als blinder Passagier an Bord einschleicht.

Aus der Perspektive eines Stadtbilderklärers sieht eine entspannte Spreerundfahrt deswegen wie ein komplexes Strategiespiel aus. Darum hat Alex auch mehrere Geschichten zu einer Sehenswürdigkeit parat. Er schöpft aus einem unendlichen Pool von Anekdoten, Kalauern, Witzen und Geschichten. Um wirklich abgedroschenes, abgegessenes Zeug schlägt Alex einen großen Bogen. “Die Schuhgröße der Siegessäule, das sagen alle. Wenn ich das vermeide, ist das irgendwie ganz gut”, findet er.

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Im Nicolai Viertel kämpft der Heilige Georg gegen einen Drachen. “Deswegen nennen ihn einige auch das Schwiegermutter-Denkmal.“ Kalauer geht immer

So schön ist nur Berlin – Spreetour durch’s Regierungsviertel

Die Spreerundfahrt tuckert mitten durchs politische Berlin. Deswegen versucht Alex auch immer aktuelle Themen mit reinzubringen. Könnte ja sein, dass ein Passagier kurz vorher auf dem Handy in der U-Bahn was brandaktuelles gelesen hat.

Für Gäste aus Süddeutschland ist der Länderfinanzausgleich ein Riesen-Thema. “Die Leute kommen mit so einem Provinzneid: Wir habens bezahlt, die Berliner habens verschleudert.” Bei jeder Baustelle droht dumpfes Gemurmel und Gejohle. “Ich versuche diesen Berlin Stereotypen deswegen abseitige, vielleicht auch verwirrende Berlin Bilder gegenüber zu stellen.” Und das gelingt Alex erfolgreich.

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Diese Durchblicke stehen im politischen Berlin für Transparenz. Da wiehert sogar ein Pferd. Marino Marinis Bronzeskulptur bäumt sich auf einem Balkon des Marie-Elisabeth-Lüders-Haus

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Hier schufftet die Kanzlerin. Spektakulärer Blick auf die Bundeswaschmaschine

Am Hauptbahnhof zeigt Alex wie in Berlin soziale Gerechtigkeit funktioniert: die erste Klasse steht ohne Bahnsteigdach im Regen. Sparen am richtigen Ende sozusagen. Er lenkt meine Aufmerksamkeit auf den Fuhrpark des Bundeskindergartens: Go Karts, Kinderautos und Caddies. Der Durchblick durch das Paul Löbe Haus steht für transparente Bundes-Polititk. Waschmaschine hieß das Bundeskanzleramt schon vor dem Einzug der Frau Kanzlerin.

Neben der Schwangeren Auster steht tatsächlich Notre Daimler und Big Benz. In der Ferne glitzert die goldene Siegessäule. Ein Wimpel weht auf Schloss Bellevue. Links windet sich die Bundesschlage. So abwechslungsreich und vielfältig zieht Berlin an mit vorbei. Das kleine Stückchen Spree zwischen Mühlendamm Schleuse und Lutherbrücke bietet mit Preußens Glanz und Gloria, DDR Charme und Piefigkeit, Wende Euphorie und Großmannssucht einen tollen Ausschnitt aus dem lebendigen Berlin zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Irre, was ich bei einer kompakten Stunde Spreerundfahrt mit der Franziska so alles sehen kann. Zu Fuss oder mit dem Bus hätte ich das niemals hinbekommen.

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Schicke 50er Jahre Architekur. Das Haus der Kulturen der Welt an der Spree. Mitten in einem schönen Park

Das Berliner Stadtschloss in 90 Sekunden

Richtig viel Zeit zu erklären, gibt es nicht. In nur 90 Sekunden schaukelt der Spreedampfer an der Großbaustelle Stadtschloss entlang. In nur 60 Sekunden ist der Tränenpalast aus den Augen verschwunden. Das Weltkulturerbe Museumsinsel schnurrt auf Nofretete und Pergamon Altar zusammen. Aber Alex schaut anders auf Berlin: “Wie hat sich die Geschichte in diese Stadt eingegraben?” fragt er sich. “Wie kann ich das, was mir diese Stadtlandschaft erzählt, an meine Gäste weitergeben? So einfach, dass sie sich das merken können und so lustig, dass sie sich das merken wollen.”

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Abhängen auf der Museumsinsel. Die Säulenarkaden vor der alten Nationalgalerie laden dazu ein.

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Dauerbaustelle Museumsinsel. Erst 2025 ist mit der Sanierung des Pergamonmuseums Schluss

Im Raume lesen wir die Zeit. Für Alex erschließen sich immer wieder andere Zusammenhänge. Gerade weil er Berlin erklärt, schaut er ziemlich genau hin. “Ich mach das jeden Tag, bis auf Mittwoch, 5 Mal. Und plötzlich, beim 200 Mal macht es plötzlich Klick und da ist eine neue Verbindung. Das hat was Meditatives.” Überhaupt gibt eine Stadt total viel, wenn man sie vom Wasser aus sieht.

Und dann ist da noch der 1 Stunden Takt. Die Zeit sitzt Alex praktisch immer im Rücken und am Steuer. In Person des Bootsführers Dieter Hadynski. Alex Chef weiß genau wie eine Spreerundfahrt aussehen soll. Es soll ein persönliches unterhaltsames Erlebnis sein. Deswegen ist Alex, der Conférencier aus Fleisch und Blut, auch mehr als nur ein Alleinstellungsmerkmal im Konkurrenzkampf mit den Mitbewerbern. Ohne echte Begegnungen macht Schifffahrt für Dieter Hadynski einfach keinen Sinn.

Dieter ist der Dramaturg von Alex Erzählungen. Dauert ihm ein Vortrag zu lang, drückt er auf die Tube. Findet er, hier fehlt noch ein Detail oder etwas Kolorit, dann dümpelt die Franziska ein bisschen vor sich hin. So stellt sich ganz einfach keine Routine bei der Spreetour ein. Trotz dieser kleinen Variationen legt die Rundfahrt pünktlich nach 1 Stunde wieder an der Friedrichsbrücke an.

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Ein Danke schön ist nett. Ein Trinkgeld noch viel netter …

In der Blechbüchse klingelt das Trinkgeld. Beglückt und ganz artig sagen die Passagiere “Auf wiedersehen“. Sie bedanken sich für eine gute Show und witzige Unterhaltung auf der Spree. Manche flüstern Alex noch ein dickes Kompliment ins Ohr: „Das war wirklich neu für mich, aus dieser Perspektive habe ich Berlin noch nie gesehen!“ Schöneres Lob gibt es für eine gelungene Spreerundfahrt nicht.

Alex hat noch ein bisschen Zeit vor der nächsten Tour. Er steigt mit mir zum Kai hinauf. “Als ich hier auf der Franziska begonnen habe, war ich gar nichts. Jetzt bin ich Decksmann. Nächste Jahr werde ich Matrose.” Das überrascht mich jetzt wirklich. “Mein Freundchen ist Matrose und Motorenwart. Er arbeitet an seinem Schiffsführerpatent.” Das haut dem Fass den Boden aus. Ditte is Berlin, denke ich. Hier gibt es sogar ein Paar schwuler Matrosen mitten auf der Spree.

Service Spreerundfahrt

Wem kann Alex eine Spreerundfahrt empfehlen? “Ich glaube eine Spreerundfahrt eignet sich für Leute, die ein bisschen Zeit mitbringen. Für Berlin Besucher, die sich auf das Gefühl einlassen können, dass man so ein bisschen runterfährt. Bei einer Spree Tour mit der Franziska sehen die Passagiere total viel und trotzdem ist eine Spreerundfahrt kein Alles auf einmal Tourimus. Wer einen leichten und entspannten Urlaub haben will, der startet ganz gut mit einer Spreerundfahrt.“

Denn das gilt auch für Berlin: Wasser und Urlaub gehören zusammen. “Bei einer Spreerundfahrt wird man so ein bisschen lull und lall. Das finde ich ganz schön. Das gefährliche ist, dass man superschnell braun wird und dass man eine gute Sonnencreme braucht.”

Die Reederei Hadynski fährt von März bis zum 31.Dezember. Die Rundfahrt auf der Spree dauert 1 Stunde. Hier geht es zum Fahrplan der Reederei Hadynski.

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  • Nati

    Hallo Lars,

    als Berlinerin „im Herzen“ schwärme ich schon seit langem für diese besondere Stadtrundfahrt durch Berlin. Einfach mitten durch Berlin gleiten und neue Perspektiven gewinnen. Das geht sowohl für Einheimische als auch für Besucher.

    Toller Bericht aus neuer Perspektive (sic!) – herzlichen Dank dafür!

    Und jetzt werde ich den Blog mal gleich zwei „echten“ Berlinern weiterempfehlen.

    Liebe Grüße, Nati

    • sirenenundheuler

      Hallo Nati,
      Mit dem Dampfer durch Berlins Mitte gleiten, das ist wirklich etwas besonderes. Toll, dass Du diese Rundfahrt auch so magst. In dieser einen Stunde auf der Spree gibt es wirklich jede Menge neue Sachen zu erleben.

      Was mir außerdem auf der Spreerundfahrt mit der Franziska besonders gefallen hat, war die familiäre Atmosphäre an Bord. Ein Team von Menschen, die wirklich Lust haben auf das, was sie machen und was sie ihren Passagieren und Gästen zeigen. Deswegen dachte ich, es interessant mal aus dieser Perspektive zu berichten.

      Vielen Dank für Dein schönes Feedback und die Weiterempfehlung (-:

      Herzliche Grüße Lars