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Tourismus ist keine Einbahnstraße

Wir sind mitten im „Internationalen Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung„. Auch auf der aktuellen Tourismusmesse ITB ist Nachhaltigkeit ein Thema. Die Frage ist: Sind jährlich über eine Milliarde Reisende Fluch oder Segen? Dazu starten wir heute eine lose Artikelserie

Um die Jarawa ist es ruhig geworden. Ein schlechtes Zeichen? 2013 geriet das Jarawa-Volk auf den indischen Andaman-Inseln in die Schlagzeilen. Auf der Fernstraße, die durch ihr Reservat führt, stauten sich die Autokolonnen. Drinnen saßen Touristen, die die Jarawa wie Zootiere begafften und fotografierten. Die Menschenrechtsorganisation Survival International prangerte die „Menschensafaris“ an und rief zum Tourismus-Boykott auf. Der Fall landete schließlich vor Indiens Oberstem Gerichtshof.

Heute dürfen Fahrzeuge die Straße nur dreimal am Tag passieren. Aussteigen, fotografieren und jegliche Kontaktaufnahme mit den Bewohnern des Reservats ist strengstens verboten. Trotzdem werden die Jarawa und die anderen Urvölker der Inselgruppe es schwer haben, ihre freiwillige Isolation aufrechtzuerhalten. Denn die Andamanen sind touristisch noch weitgehend unerschlossen und der Strom der Besucher schwillt an.

Tourismus - Blau, grün, tropisch, exotisch: Luftaufnahme der Andamanen in der Andamanensee

Blau, grün, tropisch, exotisch: Luftaufnahme der Andamanen in der Andamanensee [Foto: Venkatesh K from Bangalore, India – Heavenly view, CC BY 2.0]

Auswüchse des Tourismus

Der Hype um Naturvölker ist ein extremes Beispiel für die zerstörerische Wirkung des Reisens. Das Unberührte übt auf uns einen unwiderstehlichen Reiz aus. Wir wollen Pioniere sein und Entdecker. Oft kommen wir mit den besten Absichten. Ethnotourismus nennen wir das. Wir Ethnotouristen wollen keine Massentouristen sein, wir suchen die persönliche Begegnung mit der fremden Kultur. Die soll möglichst fremdartig und unverdorben sein – und natürlich authentisch. Was authentisch ist – eine Welt ohne Kühlschränke, Fernseher und Mobiltelefone, dafür voll mit „Traditionen“ und exotischen Alltagsgegenständen, die sich im Idealfall gut als Souvenirs eignen – bestimmen wir. Die Reiseagenturen finden immer einen Weg, unsere Sehnsuchtsbilder zu inszenieren. So funktioniert Tourismus.

Das Bild des „Edlen Wilden“ passt perfekt in dieses Reisekonzept. Wir bewundern ihn, aber mit ihm tauschen – Gott bewahre! Die Reise ist ja eine Auszeit, wir wollen etwas erleben, das uns bereichert, und dann kehren wir gern zurück in unsere geordneten Verhältnisse. Im Gepäck haben wir außer schönen Erinnerungen viele tolle Fotos. Besonders gelungen finden wir die Schnappschüsse mit Einheimischen. Haben wir die gefragt oder einfach nur draufgehalten? Egal, manchmal ist einfach keine Zeit zu fragen, und es soll ja auch nicht gestellt wirken. Ist ja ohnehin nur ein Foto. Wie die Betroffenen damit klarkommen, Reisestatisten zu sein, berührt uns nicht wirklich.

Tourismus - Eine Korbflechterin der Yanomami, die im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet leben

Eine Korbflechterin der Yanomami, die im venezolanisch-brasilianischen Grenzgebiet leben [Foto: Cmacauley, CC BY-SA 3.0]

Tourismus-Kollaps mitten in Europa

Der Tourismus ist aber nicht nur für weit entfernte Destinationen ein Problem. Beispiel Venedig: Seit Jahren leidet die Lagunenstadt unter dem Massenansturm von Kreuzfahrtpassagieren und Billigreisenden. Zusammen mit der ständigen Bedrohung durch Hochwasser und der allgegenwärtigen Korruption treibt das Venedig immer mehr in die Krise.

Im Sommer letzten Jahres machten einige Venezianer ihrem Ärger mit touristenfeindlichen Plakaten Luft: „Geht weg! Ihr zerstört diese Gegend!“, war darauf zu lesen. Tatsächlich bereichern die jährlich 24 Millionen Besucher das Stadtsäckel nicht nur um mehr als eine Milliarde Euro, sie bringen auch viele Probleme mit sich. Überfüllung, horrende Preissteigerungen und ein hohes Müllaufkommen sind nur die drängendsten davon. Dennoch ist man von einem Besucherlimit mittlerweile abgerückt – unter anderem mit dem Argument, dass Venedig dann noch mehr zur Museumsstadt würde. Der Massentourismus geht also weiter, die Abwanderung der Einheimischen ebenso.

Tourismus ist keine Einbahnstraße: Die Basilica di San Marco am Markusplatz in Venedig

Die Basilica di San Marco am Markusplatz in Venedig [Foto: Nino Barbieri, CC BY-SA 2.5]

Ganz anders das Bild in Barcelona. Dort ergreift die Bürgermeisterin Ada Colau von der basisdemokratischen Plattform Barcelona en Comú drastische Maßnahmen, um den Strom der 32 Millionen Besucher pro Jahr einzudämmen. Die Gründe: Die Einwohner können sich die Wohnungspreise nicht mehr leisten, überall schießen „Touristenfallen“ und Bars aus dem Boden, die Beschäftigungsverhältnisse im Tourismussektor sind oft prekär und saisonal begrenzt. Deshalb sind neue Hotelgründungen im Stadtzentrum bis auf weiteres untersagt.

Aber das ist noch nicht alles. Die soeben verabschiedete Tourismusstrategie 2020 verfügt eine drastische Erhöhung der Immobiliensteuer auf Ferienwohnungen und verweigert neuen Tourismus-Apartments die Lizenz. Außerdem will die Stadtregierung die Einrichtung neuer Privatunterkünfte streng regulieren, indem sie die Zahl der buchbaren Zimmer pro Stockwerk festlegt und außerdem vorschreibt, für wie viele Wochen im Jahr diese Zimmer vermietet werden dürfen.

Tourismus ist keine Einbahnstraße - Barcelona, Hauptstadt Kataloniens, Heimat von 1,6 Millionen Menschen und Ziel von 32 Millionen Besuchern im Jahr

Barcelona, Hauptstadt Kataloniens, Heimat von 1,6 Millionen Menschen und Ziel von 32 Millionen Besuchern im Jahr [Foto: GeoTravellers, CC BY-SA 3.0]

Die Menschen vor Ort müssen den Tourismus steuern

Ist Planwirtschaft à la Barcelona das richtige Mittel? Schon ist von einem Krieg gegen den Tourismus die Rede. Venedig dagegen unternimmt vorerst nichts – und ignoriert damit die berechtigten Klagen der Anwohner. Dass diese Vogel-Strauß-Politik am Ende erfolgreicher sein wird, ist zweifelhaft. Touristen lieben Lokalkolorit. Wenn davon vor lauter Kommerz nichts mehr übrig bleibt, verkommt jeder Ort früher oder später zum Disneyland.

Solange Tourismus hierarchisch funktioniert, wird er nichts Gutes bewirken – auch wenn die Vereinten Nationen noch so oft ein „Internationales Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung“ ausrufen. Armut bekämpfen, Hunger besiegen, für Beschäftigung sorgen: Das alles bleibt ein frommer Wunsch, wenn allein die Besucher oder die Interessen der internationalen Tourismuskonzerne das Maß aller Dinge sind. Dagegen hilft ein simpler Perspektivwechsel: Die Tourismusentwicklung muss in den Händen der betroffenen Gemeinden liegen, eine reine „Beteiligung“ reicht nicht aus. So formuliert es eine lokale Gemeinschaft in Mothakkara im südindischen Kerala. Das heißt nicht, dass daraus immer gleich tragfähige Lösungen entstehen.

Wir müssen uns eben zusammenraufen, Besucher und Besuchte. Das geht nicht ohne Konflikte. In Barcelona haben sie das erkannt.

Tourismus ist keine Einbahnstraße - Wie krieg ich die Treppe bloß aufs Foto? Touristen und Einheimische in Chiang Mai, Nord-Thailand

Wie krieg ich die Treppe bloß aufs Foto? Touristen und Einheimische in Chiang Mai, Nord-Thailand [Foto: Catatonique, CC BY-SA 3.0]

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