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Urlaub unter Flüchtlingen?

Gut, dass wir keine Afghanen sind. Die dürfen ohne Visum gerade mal in 25 Länder einreisen. Wir: 177. Das ist Weltspitze. Nur: Am Ende wird aus der wunderbaren Reisefreiheit ein Urlaub unter Flüchtlingen. Was also tun? Ein Beitrag zur Entspannung

“Warum sollen wir darunter leiden, dass sich die Pfälzer Bauernlümmel [“Palatine boors“] in unsere Ansiedelungen drängen“, wettert 1751 Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA. “Warum soll Pennsylvania … eine Kolonie von Fremdlingen werden, die bald so zahlreich sind, dass sie uns germanisieren … und die ja so wenig unsere Sprache und Gebräuche annehmen, wie sie unsere Hautfarbe erlangen können?“

Klingt irgendwie bekannt, oder? Fremdlinge, Hautfarbe, Sprache und Gebräuche alias “Leitkultur“, nur eben angewandt auf deutsche “Wirtschaftsflüchtlinge“, die im 18. Jahrhundert den Nordwesten der damals noch britischen Kolonien “überschwemmen“.

Hierzulande wird derzeit ganz ähnlich gewettert. Wir sind angeblich nicht nur im Urlaub unter Flüchtlingen, sondern bald auch zu Hause, so sehr, dass in kurzer Frist das ganze Abendland dabei hops gehen könnte. Die Hysterie ist gewaltig, speziell vor Landtagswahlen schlagen die Wellen hoch – ein Tsunami ist nichts dagegen.

Flüchtlinge als Touristen

In der aufgeheizten Debatte ist die Auswirkung der Flüchtlingskrise auf den Tourismus eher Nebensache. Seit gestern allerdings ändert sich das ein bisschen. Die ITB in Berlin, als größte Reisemesse des Planeten ein Branchentreffen der Superlative, macht das Aufeinanderprallen von Flüchtlingen und Reisenden zu einem Schwerpunktthema.

In Sachen Integration werden da längst Nägel mit Köpfen gemacht, zum Beispiel mit dem Berliner Projekt Multaka: Treffpunkt Museum. Das bildet syrische und irakische Flüchtlinge zu Museums-Guides fort, damit sie andere Flüchtlinge durchs Museum führen – auf Arabisch, versteht sich. Mit dabei sind das Museum für Islamische Kunst, das Vorderasiatische Museum, die Skulpturensammlung und das Museum für Byzantinische Kunst und – das ist der Coup an dem Projekt – das Deutsche Historische Museum. Gezeigt wird also nicht nur die Kultur der alten, sondern auch die der neuen Heimat.

Für Flüchtlinge ist das eine Chance anzukommen. Denn sie sitzen fest in ihren Wohnheimen, dürfen nicht arbeiten, haben wegen der Sprachbarriere kaum Kontakt zu Deutschen und natürlich auch keine Ahnung davon, was dieses Deutschland eigentlich ist.

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Flüchtlinge am Budapester Bahnhof, im September 2015

Urlaub unter Flüchtlingen – na und?

Und die deutschen Urlauber? Stornieren scharenweise ihre Reisen nach Griechenland und in die Türkei oder sehen sich gleich woanders um. Aber es gibt auch die, die sich von der Flüchtlingskrise nicht beirren lassen und trotzdem – oder gerade jetzt – nach Griechenland fahren: aus Neugier, aus Mitgefühl oder einfach, weil sie die Reise eben gebucht haben.

Das kann wirklich leicht zu einem Urlaub unter Flüchtlingen werden. Ist das so ein Drama? Oder vielleicht eher die Chance, mal nicht durch die Medienbrille zu gucken und stattdessen eigene Eindrücke zu sammeln? Im Urlaub entwickelt sich daraus vielleicht eine ganz persönliche Geschichte.

Wir überlegen, im Sommer mal wieder an einen der oberitalienischen Seen zu fahren. Ort und Unterkunft kennen wir gut. Jetzt haben wir erfahren, dass ganz in der Nähe ein Asylbewerberheim eingerichtet wurde. Da wohnen überwiegend junge Männer, über 100 an der Zahl, und laut ist es wohl auch. Ist uns das egal? Natürlich nicht. Sollen wir’s riskieren? Aber was ist denn eigentlich das Risiko? Schön ist es da auch mit Flüchtlingen, nur dass wir uns diese Schönheit nun teilen müssten.

Pragmatismus statt moralischer Keule

Wir Deutschen sind Weltmeister im Versichern. Das Problem ist: Gegen Flüchtlingskrisen gibt es keine Versicherung. Und es geht uns auch nicht besser dadurch, dass wir die Flüchtlinge selbst für die Misere verantwortlich machen – die haben sich das schließlich nicht ausgesucht.

Niemand sagt, dass wir die Flüchtlinge lieben müssen oder schlechte Menschen sind, wenn wir das nicht tun. Aber sie sind nun mal da und es kommen noch mehr, das können wir weder durch martialische Rhetorik noch durch Grenzschließungen und erst recht nicht durch Tränengaseinsätze oder gar Schießbefehle verhindern. Aber wir können versuchen, das Beste daraus zu machen. Das Potential dazu haben wir – wirtschaftlich, aber auch menschlich. Die letzten 70 Jahre Demokratie sind ja nicht ganz spurlos an uns vorbeigegangen. Ein Rückfall in die Zeit der Barbarei – “wir“ gegen “die“ – würde alles aufs Spiel setzen und ist, bei gesundem Menschenverstand betrachtet, keine Option.

Und eins ist sicher: Dem syrischen Lehrer, den das Schicksal nach Deutschland verschlagen hat, fühle ich mich deutlich näher als den “Volksgenossen“ von Pegida und Co. Die könnten von mir aus gern mal ein paar Wochen Urlaub unter Flüchtlingen machen – am besten gleich in einem Flüchtlingslager!

Flüchtlinge und Urlaub sind ein gesuchtes Thema, auch hier auf Sirenen & Heuler. Der Beitrag Reisen in Zeiten der Flüchtlingsströme wurde und wird fleißig geklickt. Das ist toll! Krass sind allerdings die dazugehörigen Suchanfragen: “Urlaub ohne Flüchtlinge“ ist das, was die Leser offenbar am meisten interessiert. Damit kann ich nicht dienen. Mir geht’s ums Einblenden, nicht ums Ausblenden. Wer dazu Erfahrungen beitragen kann, ist herzlich eingeladen, das per Kommentar zu tun.

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