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Ausspannen zwischen São Martinho und Nazaré

An der portugiesischen Costa do Prata zwischen Lissabon und Porto machen die Einheimischen am liebsten Urlaub, heißt es. Ob sie sich wundern, was wir unter ihnen verloren haben? Im Hinterland von São Martinho do Porto, anstatt an der Algarve abzuhängen?

Costa do Prata, die Silberne Küste. Vor vier Jahren haben der Mann und ich hier unser Herz verloren. Bei unserem Roadtrip durch Portugal von Chaves übers Dourotal und das wunderbar morbide Portwein-Mekka Porto, die Costa do Prato hinunter, über die westlichsten und südwestlichsten Zipfel Festland-Europas bis durchs Alentejo an die Algarve. Jetzt die Rückkehr in dieses wunderbare Land. An den Streifen Atlantikküste, den ich am wildesten, am schönsten in Erinnerung habe.

Der Spätsommer ist auch hier launisch in diesem Jahr. Aber auf eine vergleichsweise nette Art. An einigen Tagen wirkt die Sonne wie mit einem schmutzigen Lappen geputzt. Dann strahlen die Blautöne wieder mit den weißgetünchten Häusern um die Wette. Wie flüssiges Silber glitzert das Meer im Sonnenlicht. Diese wunderschönen Lichtreflexe geben der mittelportugiesischen Atlantikküste auch ihren Namen: Costa do Prata.

Silberne Lichtreflexe auf dem Oceano Atlantico. Das ist die Costa do Prato, die SilberKüste Portugals, hier zwischen Sao Martinho und Nazare am Praia do Salgado.

Wie so oft am Meer ist das Wetter auch hier wechselhaft. Ist es windstill, hängen die dicken Wolken über den Hügeln vor Sao Martinho do Porto rum und wissen auch nicht so recht. Aus Verlegenheit nieseln sie manchmal sogar etwas rum.

Gesäumt wird diese Silberküste von feinen Sandstränden mit rauen Klippen und weiten Dünen. Das Wasser ist kälter und wilder als an der Algarve. Trotzdem tobt hier an den Stränden von Nazaré und Sao Martinho do Porto das Strandleben. Eine natürliche Meerenge, die die Küste vor Sao Martinho in eine hufeisenförmige Lagune verwandelt, sorgt für Kleinkind- und familienkompatibles Planschvergnügen.

São Martinho do Porto liegt landschaftlich ungewöhnlich reizvoll, mit der fast kreisrund wirkenden Lagune, dem schmalen Durchbruch zum Ozean, auf der südlichen Seite einer unter Naturschutz stehenden Dünenlandschaft und den schönen Höhenzügen. Die Lage hat den Ort schon im 19. Jahrhundert zu einem sehr begehrten Sommerkurort gemacht. Aber auch von dieser für das 19. Jahrhundert typischen Strandbebauung sind nur noch einige wenige Objekte übrig geblieben, da sie vielfach modernen hochgeschossigen Gebäuden gewichen sind.

Plansch plansch, quietsch, kreisch, paddel, paddel. Vom Schwimmreifen bis zum SUP (ihr seht die Stand Up Paddel im linken Bilddrittel) kriegt hier jeder seinen Spaß. Auch sehr beliebt: Rumliegen ohne Liegen. Also Strandliegen. Hauptsache man hat einen Sonnenschirm dabei.

Am wilden Praia do Salgado, circa 4 Kilometer nördlich von Sao Martinho, erfrischt die Gischt in Form von Sprühnebel. Die Reifenspuren kommen von der portugiesischen Strandwache, die Plastikflaschen im Vordergrund vom größten bekannten Umweltärgernis, dem Menschen…

Im Hinterland von São Martinho und Nazaré

Unsere Unterkunft liegt hinter der Praia do Salgado, ein wenig im Hinterland. Zu Fuß sind es Luftlinie sicher nur 15 Minuten zum Strand. Wären da nicht die Höhenmeter. Und was ne Steigung. Da wird der Spaziergang zum Strand zum Sportprogramm. Zum Einkaufen auf dem örtlichen Markt gehen wir aber nicht zu Fuß. Das Gemüse verkaufen hier die Frauen, Schwestern und Kinder der Erzeuger direkt an die örtliche Bevölkerung. Krumm und schief darf es sein. Möhren und Tomaten, Äpfel und Melonen sind so hoch aromatisch, wer von Verstand würde da eine Schablone anlegen?

Der alte Fischerort Nazaré ist ganz schön gewachsen seit dem letzten Besuch. Oder liegt es an der Jahreszeit? Vor vier Jahren, im Juni, waren am Strand noch keine der für Portugal so typischen Strandhütten aufgebaut. Jetzt befinden wir uns in den Ausläufern der Sommerferien. Dieses Mal will ich einmal mit dem Fahrstuhl fahren, der den unteren und den oberen Teil der Stadt miteinander verbindet.

Die Hügelkette zwischen Sao Martinho do Port und Nazaré ist spärlich bebaut. Zwischen alten Häusern und Ruinen glitzern einige Neubauten in der Sonne, auch die alten Mühlen haben neue Liebhaber gefunden.

Wenn der Adrenalin-Kick des Tages eine 3-minütige Juckel- und Gondelfahrt in einer Seilbahn ist. Der kleine Elevador verbindet den strandnahen Teil von Nazaré mit dem oben gelegenen Sitió.

Auch hier in Nazaré ist Licht am Ende des Tunnels. Natürlich. Dies ist ein Urlaubsparadies.

Projekt Urlaub | Ausspannen, Abspannen, Entspannen?

Es gibt Momente, in denen bin ich froh, dass Atmen ein Reflex ist. Gucke die größten Löcher in die Luft und produziere astreine Sabberfäden. Noch besser. Es gibt Momente, da produziere und mache ich gar nix. Ich bin einfach. Krass. Und dann gibt es diese Momente, an denen frage ich mich, was das überhaupt sein soll, Urlaub. Wie das geht. Und ob ich das überhaupt (noch) kann. Urlaub. So bezeichnet man die Zeit, in der man nicht arbeiten muss.

Oder noch offizieller, so finde ich es zumindest im Wirtschaftslexikon beschrieben: die „bezahlte Freistellung zur Wiederherstellung und zum Erhalt der Arbeitskraft. Gesetzlich geregelt ist dies im Bundesurlaubsgesetz.“ Selbstständige Unternehmer benötigen hier wohl eine andere Definition. Wenn auch das kühle Swimmingpool-Wasser den Kopf nicht zur Ruhe bringen kann, setzt der Mann mich für eine Runde „Gegend erkunden“ in den kleinen Mietwagen. Ich klettere auf den Beifahrersitz und kurbel das Fenster runter. So wagt das kleine Urlaubsgefühl sich wieder zart hervor.

Kaum zu glauben, aber oft bin ich am Pool der Unterkunft im Hinterland von Sao Martinho do Porto die einzige, die selbstverordnet versucht sich mal so richtig wundzuliegen.

Tagesausflüge | Um São Martinho herum

Im Umkreis von 2 Stunden Autofahrt von „unserem“ Küstenstreifen gibt es mittelalterliche Puppenstubenstädte und Grachtenstädte. Orte, an denen Salz gewonnen wird und Orte des Glaubens und Devotionalienhandels. Kirchen und Klöster, die Teil des UNESCO Weltkulturerbe sind. Dieses kleine große Land ist so abwechslungsreich wie übersichtlich.

Mit Aveiro, Óbidos und Tomar entdecke ich in diesem Urlaub Orte, an denen ich auf meiner Reise vor vier Jahren vorbeigefahren bin. Die Reise durch Europa, in der für ganz Portugal knapp zwei Wochen zur Verfügung standen, war von viel Bewegung und ständigen Ortswechseln geprägt. Jetzt mache ich alberne Rundfahrten und anderen Touristenspaß mit, erkunde Kreuzgang um Kreuzgang, probiere mich durch das Sortiment der Konditorei Alcoa in Alcobaça und schlage mit Anlauf und Vorsatz Zeit tot.

Herumziehen, immer in Bewegung bleiben? Oder einfach mal den Hintern parken und in die Luft gucken? Beides ist schön und beides ist richtig. Wie so oft macht die Mischung. Hauptsache man ist in diesem Moment da, wo man ist.

Drehe ich die Zahl der gefahrenen Kilometer bewusst runter. Und warte, dass mein Kopf, der mittlerweile von jedem Ort der Welt aus arbeiten kann, hinterher kommt. Denn so wie ich das Reisen und ortsunabhängig arbeiten in den vergangenen Jahren trainiert habe, so ist der Urlaubs-Muskel – muss ich feststellen – etwas verkümmert. Portugal ist ein guter Ort, um die entschleunigte Gangart zu praktizieren. Ein guter Ort zum Urlauben. Und zum Urlauben üben.

In Kürze berichte ich an dieser Stelle ausführlicher über Aveiro, Óbidos und Tomar. Über die drei gibt es nämlich wirklich viel Spannendes zu erzählen. Aber immer mit der Ruhe. Für Hektik besteht, auch wenn wir das in der Waschmaschine des Alltags immer mal wieder vergessen, überhaupt kein Grund.

Immer mit der Ruhe. Wenn das so einfach wäre. Wir üben noch. Aber wir üben gerne. Vor allem hier, im Hinterland von Sao Martinho do Porto.

Fotos: Kirsten Kohlhaw und Frank Ringwald
Titelbild: Praia do Salgado, Frank Ringwald

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