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Vesuv – Einem Vulkan geht die Puste aus

Der Vesuv ist der Schicksalsberg der süditalienischen Megacity Neapel. Millionen Menschen leben an den Hängen dieses hochexplosiven Vulkans, dessen katastrophaler Ausbruch im Jahre 79 die Städte Pompeji und Herculaneum zerstörte. Wie sieht so ein gefährlicher Feuerberg aus nächster Nähe aus?

“Das ist eben Italien!“ schimpft Massimo. Wir stehen auf dem Parkplatz oben auf dem Vesuv, diesem unglaublich berühmten und wahnsinnig gefährlichen Vulkan am Golf von Neapel.

Der Vesuv ist berühmt, weil jedes Schulkind weiß, dass der Ausbruch dieses Vulkans im Jahr 79, die Römer Städte Pompeji und Herculaneum unter sich begrub. Er ist berühmt, weil Plinius als Zeitzeuge anschaulich von diesem historischen Ausbruch erzählt. Der Vesuv ist weltberühmt, weil unzählige Filme oder Romane wie Robert Harris’ Pompeji von dessen explosiver Zerstörungskraft berichtet. Haben eigentlich die Menschen, die rund um den Vesuv leben einen dieser Filme gesehen oder so ein Buch jemals gelesen und, wenn ja, die richtigen Schlüsse aus der Lektüren gezogen?

Auslagen eines Souvenir Ladens auf dem Vesuv.

Vesuv, Pompeji, Herculaneum so viel Geschichte an einem Ort.

Der Vesuv – Der gefährlichste Vulkan der Welt

Denn tatsächlich ist dieser schlafende Riese nur deswegen so gefährlich, weil drum herum die am dichtesten besiedelte Region Europas gewachsen ist. Unzählige Häuser der Städte Ercolano, Torre Annunziata oder Torre del Greco wuchern fast bis an den Kraterrand. Völlig unverantwortlich! 13.000 Menschen leben hier pro Quadratkilometer. Reiner Wahnsinn! Der schmale Küstenstreifen zwischen Neapel und Castellamare di Stabia ist fast so dicht besiedelt wie Tokio.

Wenn der Vesuv, dieser schlafende Gigant, die Muskeln anspannt und unter dem Arsch der Neapolitaner explodiert, dann ist hier aber die Hölle los. 700.000 Menschen müssten bei einem drohenden Ausbruch innerhalb weniger Tage evakuiert werden. Kann das klappen? Glaubst Du an Wunder?

Der Golf von Neapel fast so dicht besiedelt wie Tokio. Leuchtende Städte und ein schwarzes Loch. Der explosive Vesuv. Nachtaufnahme vom 30. Januar 2017 © NASA

Der ganz normale Wahnsinn am Vesuv

Diesen häßlichen Blumenstrauß aus Ignoranz, Plan- und Gewissenlosigkeit meint Massimo aber gar nicht, als er resigniert: “Das ist eben Italien!“ schimpft. Denn heute schnarcht der Vesuv ganz friedlich vor sich hin und pufft nur laue Wasserdampfschwaden aus. Explodieren wird der Vulkan in den nächsten Stunden nicht.

Gefährlich ist nur der Druck auf meiner Blase. Deswegen bin auf der Suche nach einem Klo. Keines zu finden. Tatsächlich soll es ein Klo geben. Hinter einer auf den Parkplatz improvisierten Baracken-Bar. Deren Türen sind aber mit Metall verrammelt. “Dixi-Klos werden erst Mitte Juli von der Kommune aufgestellt!“ Erklärt Massimo entschuldigend, irgendwie scheint er sich gerade etwas für sein Italien zu schämen. Ich dagegen wollte eigentlich nicht bis Mitte Juli warten … Also wild pinkeln in die geschichtsträchtige und erhabene Natur.

Noch ist es ruhig. Der Vesuv am frühen Morgen …

… aber hier kommen sie schon

Vom Feuerberg zur Goldgrube

Vor dem Parkplatz kommt am Vesuv übrigens das Kassenhäuschen. Hier haben wir pro Person schlappe 10 Euro Eintritt für den Aufstieg auf den Vesuv-Gipfel bezahlt, inklusive einer Gebühr für den Bergführer. Fette Hinweistafeln weisen am Kassenhäuschen darauf hin, dass es auch hier keine Toiletten gibt. Toiletten sind am Vesuv anscheinend ein knappes und vielleicht gerades deswegen so hoch begehrtes Gut.

Der Gipfel des Vesuvs wird von der Gemeinde Ercolano verwaltet. Die hat schon vor Jahrzehnten einfach einen Zaun um den Vesuv-Gipfel gezogen und dieses Kassenhäuschen davor gestellt. Warum auch nicht? Kann man so machen in einer wirtschaftlich schwachbrüstigen Region wie dem Golf von Neapel. Seit gut einem Jahr berappen die Reisebusse für die Auffahrt auf den Vesuv weitere 30 Euro. Geschenkt. Das gibt es auch an anderen Orten.

Wie viele Menschen schieben am Tag den Vesuv hinauf? Die Verkäufer an den Souvenir-Buden haben mir die Zahl 2000 zugeraunt. Aber im Sommer während der Hochsaison sollen es pro Tag schon mal über 5000 sein, behaupten sie. Außerdem schwankt die Besucherzahl nach Wochentagen. An Dienstagen, wenn die Kreuzfahrer von den Mega-Linern im Hafen von Neapel den Berg erobern und dazu noch die Ausflugs-Busse aus Sorrent ihre Insassen auf die Berghänge kippen, dann ist hier die Hölle los und die Einnahmen sprudeln.

So schön können Steine sein. Aber sind die auch echt?

Goldige Drachen, die kleinen feuerspukenden Kollegen des Vesuv

Träumen und Gipfelstürmen

Durch den Massentourismus hat sich der Vesuv von einem Feuerberg zu einer Goldgrube gewandelt. Schön für die Gemeinden am Vesuv. Auch schön für die Restaurantbesitzer, die Taxifahrer, die Kartenverkäufer und die Kartenabreißer, die Wanderstock-Verleiher und die Souvenir-Anbieter.

Aber – so mein ganz und gar verträumter Gedanke – es könnte alles noch viel schöner sein, flösse nämlich etwas von diesem Geldregen zurück in touristische Infrastruktur am berühmtesten Vulkan der Welt: Toiletten, Parkplätze eine ordentliche Bar. Wäre das phänomenal? Also, liebe Stadtverwaltung von Ercolano mit solch einfachen Mitteln könntet ihr das Bild von eurer Stadt, das Image des Golfs von Neapel und überhaupt das von ganz Italien unkompliziert überall in der Welt aufwerten. Wirklich! Überall!

Jetzt aber Gipfelstürmen. Vor dem Gatter, an dem die Tickets kontrolliert werden, gibt es einen Besucherstau. Ein alter Herr nutzt den Auftrieb und verleiht gegen eine freiwillige Gebühr Stöcke an die wackeligen Wanderer. “Nein, hinterher bezahlen, ein kleines Trinkgeld am Schluss, mehr nicht.“ Kräht der Wanderstock-Verleiher. Lohnt sich das, dieses auf Mitleid basierende prekäre Geschäftsmodell? Wäre der alte Herr auch hier, wenn das Geschäft gar nicht liefe, vielleicht aus Langeweile? … Und dann geht es endlich los auf den Vulkan.

“Was für ein Scheiß für 10 Euro …“ bölkt neben mir auf dem Weg ein fetter Deutscher. “… was für eine Quälerei!“ Geht halt erstmal steil bergauf. Nicht so gut für die Knie, wenn man sowieso schon viel zu tragen hat. Eine staubige, ordentlich befestigte Aschepiste führt vom Parkplatz hinauf zum Kraterrand. Die eisenhaltige, rote Asche des Vesuvs ist ziemlich rutschig, so dass der Fuss nicht überall gut Tritt fassen kann. Außerdem läuft mir die Asche wie Rollsplitt in die Schuhe.

Vor mir rennt eine französische Schulklasse, so schnell den Berg hinauf, dass es qualmt. Ich atme nur Staub und fange an, zu schnaufen. Freundliche ältere Herren in jägergrünen Uniformen haken den Weg und rupfen etwas Unkraut am Wegesrand. Noch mehr Staub.

Manchmal fallen Kaufentscheidungen echt schwer. Nehm ich jetzt den Himmelsstürmer …

… oder doch lieber den Totenkopf mit den rot leuchtenden Augen … oder beides?

Gefährliche Vulkane so weit das Auge reicht

Rechts neben mir öffnet sich der Blick in das Valle del Gigante. Völlig unvorstellbar, der weit entfernte und zerklüftete Bergkamm genau gegenüber, der Monte Somma, soll die Kraterwand des Vulkans sein, der im Jahr 79 explodierte und in Pompeji und Herculaneum alle Lichter auspustete.

Vulkanologen schätzen, dass der Monte Somma vor der Explosion mindestens 2500 Meter hoch war. Ganz und gar unvorstellbar, welche gewaltigen Kräfte die Erde freisetzten kann, wenn so ein Vulkan die Korken knallen lässt. In die weggesprengte Vulkan-Caldera ist in den folgenden Jahrhunderten der Vesuv auf 1281 Meter hinein gewachsen. 1944 ereignete sich die letzte Eruption.

Dann liegt unter mir der Moloch Neapel. Was für ein fantastischer Blick. Sieht von so weit oben wie eine Bauklotz-Landschaft aus. Der Hafen, das Castell del’ Ovo, das Centro Direzionale alles zum Greifen nahgerückt. Die niedlichen Hügel im Hintergrund das müssen die Campi Flegrei, die brennenden Felder, sein.

Die Vulkanologen vom Vesuv Observatorium, der ersten Vulkan-Beobachtungs-Stelle der Welt, beobachten auch die Vulkane der Campi Flegrei ganz genau. Sie sind ziemlich beunruhigt über das, was sie aus ihren komplexen Messungen herauslesen. Nach ihrer Meinung ist der Solfatara Vulkan mitten in den Brennenden Feldern nämlich viel gefährlicher als der Vesuv. Denn während das Magma im Vesuv abkühlt und ein Vesuv-Ausbruch damit unwahrscheinlicher wird, spielt die Fieberkurve der Solfatara ganz und gar verrückt. Deswegen erwarten die Forscher auch hier den nächsten großen Knall. Dabei sehen die Campi Flegrei von hier oben ganz und gar friedlich aus.

Plötzlich erfolgt eine hinterhältige Attacke auf den dösig eingelullten Sehnerv. Hinter einer Biegung stapeln sich vor einem ausgesprochenen schäbigen Kiosk die schönen Dinge des schlechten Geschmacks grell überpudert mit garstigem Glitter. Völlig durchgeknallt, was sich aus so ein bisschen Plastik und ein wenig Farbe alles zaubern lässt: Adler, Mumien, Pharaonen, Madonnen, Aschenbecher, Knudellhunde, Gladiatoren, Totenköpfe und natürlich der Vesuv. Auf dem Rücken dieses geschichtsträchtigen Berges machen sie hier ein ganz billiges Geschäft.

Motivsuche am Vesuv

Flaschen mit Lacrima Christi Wein vom Vesuv

Auf dem Vesuv muss sogar Christus weinen. Vor Glück … ? Geschäftstüchtig wie die Menschen hier sind, haben sie aus den Tränen Christi ein Produkt gemacht. Bloß nichts umkommen lassen …

Der Vesuv erstickt

Endlich am Ziel! Ich stehe am Krater. Ein riesiges Loch. 500 Meter Durchmesser. 300 Meter tief. Eine senkrecht abfallende Felswand. Am Grund Asche und Geröll. Ganz weit hinten steigt Rauch aus einer Spalte auf. Kein vulkanisches Gas, Wasserdampf. Alles irgendwie interessant.

Die Aussicht ist super toll. Von hier oben lässt sich der gesamte Golf von Neapel überblicken. Neapel ist gar nicht zu übersehen, da schwimmen Capri und Ischia im Meer, dort die Halbinsel von Sorrent, sogar Pompeji finde ich am Fuß des Berges. Dann ist es auch schon Zeit umzukehren. Schon 90 Minuten rum. Denn Massimo hat den Aufstieg natürlich nicht gewagt. Typisch Italiener. Also wieder durch den Staub hinunter. Vor dem Auto wartet Massimo mit einer Schuhbürste auf mich. Mit dreckigen Latschen komme ich ihm nicht in den Wagen. Schon brausen wir den Vesuv hinunter, vorbei an ausgebrannten Restaurantruinen und Müllbergen der Autobahn entgegen.

Hat sich der Aufstieg gelohnt. Ein ganz klares “Jain“! Der Vesuv ist ein Player der Kulturgeschichte, Museen, Ausgrabungen, Bücher, Filme, Bilder legen dafür ein überwältigendes Zeugnis ab. Außerdem ist die Aussicht bei klarem Himmel einfach nur grandios.

Aber, wie das eben so ist, der Tourist ist der größte Feind des Touristen. Der Massenandrang am Vormittag, die unübersichtliche Zahl von Bussen, die schäbigen Souvenirs, die fehlende touristische Infrastruktur und die katastrophale Bewirtschaftung des Vesuvs machen den Ausflug auf den Berg zu einem außerordentlich unerfreulichen Erlebnis. Der Vesuv erstickt an seinem Ruf wie Donnerhall.

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