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Völlig losgelöst: Im Orbit von Bad Sassendorf

Wo liegt Bad Sassendorf? Darauf gibt es mehr als eine Antwort. Um das herauszufinden, hatte ich drei Wochen Zeit. Eine Wahl hatte ich nicht. Denn mit Kuren ist es ähnlich wie mit Soldaten: Den Einsatzort suchen andere für dich aus.

Eine Reha-Klinik ist eine ernste Angelegenheit. Das fängt schon mit der Bezeichnung an. Kurklinik sagen nur die, die keine Ahnung haben. Am Anfang war ich auch so ein armer Irrer. Jetzt, nach drei Wochen körperlicher Ertüchtigung in Bad Sassendorf, sehe ich klarer. Ich bin kein Kurgast, der hier mal ein Bein von sich streckt und da seine Knochen ins heiße Wasser hievt. Nein, ich bin ein Rehabilitand, und Rehabilitation ist Arbeit!

Am Anfang komme ich noch ein bisschen durcheinander: Rehabilitand und Replikant, das hört sich für meine Ohren ähnlich an. Vielleicht liegt es daran, dass ich kürzlich zufällig den Film „Blade Runner“ wieder gesehen habe. Aber so falsch ist die Assoziation gar nicht. Ich bin zwar kein Kunstprodukt, habe mich aber verwandelt: Ich bin jetzt leistungsfähiger und sehe dem Menschen, der ich vor drei Wochen war, dennoch verteufelt ähnlich – ein wichtiges Wesensmerkmal der Replikanten, die von den natürlich geborenen Erdlingen äußerlich nicht zu unterscheiden sind.

Eigenwerbung im Power-Point-Stil: Seit mehr als 100 Jahren lebt Bad Sassendorf von seinen Rehabilitanden. Die erste Kinderklinik eröffnete bereits in den 1870er Jahren.

Eigenwerbung im Power-Point-Stil: Seit mehr als 100 Jahren lebt Bad Sassendorf von seinen Rehabilitanden. Die erste Kinderklinik eröffnete bereits in den 1870er Jahren.

Klare Verhältnisse

Die Hausordnung meiner Reha-Klinik nimmt Rehabilitations-Greenhorns wie mich fürsorglich an die Hand. Damit auch jeder weiß, wo er sich befindet, heißt es dort: Bad Sassendorf „liegt eingebettet zwischen Sauer- und Münsterland, 5 km von der alten Hansestadt Soest entfernt, am Fuße des Haarstrangs, 100 m über dem Meeresspiegel. Im Umkreis von 15 km befinden sich der idyllische Möhnesee und der Naturpark Arnsberger Wald.“ Außerdem ist dort die Rede von einem „Paradies für Wanderer, Walker, Radfahrer und naturverbundene Menschen“.

Hier hat alles seine Ordnung. Im Kurpark ist Radfahren nicht erwünscht. Der Herr auf dem Schild entspricht der Hauptzielgruppe von Bad Sassendorf.

Hier hat alles seine Ordnung. Im Kurpark ist Radfahren nicht erwünscht. Der Herr auf dem Schild entspricht der Hauptzielgruppe von Bad Sassendorf.

Das klingt gut und richtig und gibt Halt. Unsicherheit hat hier keinen Platz. Dafür sorgt auch der „orthopädisch-rehabilitative Therapieplan“. Allein dessen Umfang zeigt, dass das Wort Kur hier völlig fehl am Platze wäre. Morgens um sieben Uhr geht es los, meistens mit Walking. Es gibt Wasser- und Trockengymnastik, Gerätetraining, Training auf dem Ergometer, Einzel-Krankengymnastik, Warmpackungen (vulgo Fangopackungen, aber ohne Schlamm) und sogar Akupunktur. An manchen Tagen bin ich – die Mahlzeiten eingeschlossen – bis 15.30 Uhr beschäftigt. Das macht fit.

Aber das ist noch nicht alles. Zum Programm hier in Bad Sassendorf gehört auch eine „Rückenschule“. Dort lerne ich, wie die Wirbelsäule aufgebaut ist, wie ich meine Bandscheiben „ernähre“, wie ich sitze, liege, stehe und gehe, ohne meinen Rücken zu belasten. Das ist wichtig, weil ich das bisher nicht richtig hinbekommen habe, sonst wäre ich ja nicht hier. Wichtig ist auch das Entspannungsseminar, um zu lernen, den Kopf abzuschalten und etwaige Gelenk- oder sonstige Schmerzen einzudämmen – wenigstens zeitweise.

Beruhigende Motive, wohin man blickt: Die perfekt gepflegte Fachwerkidylle fördert die Entspannung nach getaner Reha-Arbeit.

Beruhigende Motive, wohin man blickt: Die perfekt gepflegte Fachwerkidylle fördert die Entspannung nach getaner Reha-Arbeit.

Die Kuchenesser

Kein Zweifel: Gesundheitlich hat sich der Aufenthalt in Bad Sassendorf gelohnt! Dabei fängt es gar nicht gut an. Gleich am ersten Wochenende bekomme ich Besuch, da bin ich gerade zwei Tage da. Am Sonntag setzen wir uns in ein Café, die Bedienung ist sehr nett, das Lokal nur schwach besucht. Um 13.30 Uhr füllt es sich merklich. Plötzlich sind wir von Übergewichtigen umgeben, eine regelrechte Körperfett-Invasion. Nun erst fällt uns auf, dass etwas mit dem Kuchen nicht stimmt. Wir haben keinen bestellt, aber die neuen Gäste tun das umso reichlicher. In Windeseile stehen Kuchen- und Tortenstücke in XXL-Version auf den Tischen. Die Stücke sind so groß, dass es dafür extra lange und breite Teller gibt.

Bad Sassendorf Downtown. Im Hintergrund die eigenwillige Abschussrampen-Architektur des Kurmittelhauses

Bad Sassendorf Downtown. Im Hintergrund die eigenwillige Abschussrampen-Architektur des Kurmittelhauses

Am Nebentisch beobachten wir drei Personen: Oma, Mutter und einen etwa 10-jährigen Jungen. Der Junge ist bereits übergewichtig, aber immerhin beweglich. Er kann sich nicht entscheiden und isst am Ende keinen Kuchen – gute Wahl! Die Oma bringt bei geringer Körpergröße gut und gerne 100 Kilo auf die Waage und packt, da sie schon mal hier ist, noch ein Stück Schichttorte obendrauf. Die Mutter, vermutlich ihre Tochter, hat aufgrund ihrer Fülle kaum noch erkennbar menschliche Körperkonturen. Sie passt nur mit Mühe auf den Stuhl, bewegt sich in Zeitlupe, offenbar fällt ihr sogar das Atmen schwer, weshalb ihr Mund dauerhaft geöffnet ist wie bei einem Fisch. Wenn ihr Sohn etwas von ihr will, was häufig geschieht, schafft sie es nur mit Mühe, sich ihm zuzuwenden. Auch sie gönnt sich ein Stück Torte.

Bad Sassendorf: Hier wurde schon kräftig abgeräumt. Die Länge der Stücke beträgt deutlich mehr als eine Kuchengabel. Und dies sind noch recht bescheidene Torten. Ein Schichtkuchen etwa ist doppelt so hoch. Zwei davon machen den Teller voll.

Hier wurde schon kräftig abgeräumt. Die Länge der Stücke beträgt deutlich mehr als eine Kuchengabel. Und dies sind noch recht bescheidene Torten. Ein Schichtkuchen etwa ist doppelt so hoch. Zwei davon machen den Teller voll.

Andere Gäste –selbstverständlich ihrerseits fettleibig – bekommen gleich zwei der XXL-Stücke, die passen gerade so auf den ohnehin schon größengetunten Teller. Ein ältlicher Hüne mit gewaltigem Bauchumfang ordert gar sechs Tortenecken zum Mitnehmen. Mit jedem Zentner Körperfett, mit jeder Kuchenladung wächst unser Anarchisums. Wie kann es sein, dass sich in einem Kurort wie Bad Sassendorf aktuelle oder potentielle Kurgäste – Pardon: Rehabilitanden – einer derart hemmungslosen Völlerei hingeben, um dann auf Kosten der Allgemeinheit ihre körperlichen Gebrechen auszukurieren? Kein Wunder, dass die Gesundheitskosten durch die Decke gehen. Müsste es nicht Gewichtskontrollen an den Eingängen von Cafés geben oder ist das schon totalitär? Das Thema hat vielleicht nicht das Zeug zum Wahlkampfrenner, aber irgendetwas läuft da schief.

Westfälische Metamorphose und tote Hose

Im Lauf der Zeit werde ich ruhiger. Vielleicht wirken die Entspannungsübungen. Was sicherlich wirkt, sind die Anwendungen. Ich bin so damit beschäftigt, meinen Körper auf Trab zu bringen, dass ich es am Ende sogar schaffe, mir ein komplettes Wochenende in Bad Sassendorf und Umgebung zu vertreiben.

Rush Hour in Bad Sassendorf: Besonders am Wochenende ist viel los. Dann bekommen die Rehabilitanden Besuch, und außerdem ist im Kurort immer verkaufsoffener Sonntag.

Rush Hour in Bad Sassendorf: Besonders am Wochenende ist viel los. Dann bekommen die Rehabilitanden Besuch, und außerdem ist im Kurort immer verkaufsoffener Sonntag.

Das ist eine echte Herausforderung. Natürlich: wandern, joggen, Rad fahren, ins Solebad gehen, im Kurpark spazieren – im beginnenden Frühling sind das nicht zu verachtende Zerstreuungen. Außer Cafés mit Monsterkuchen bietet der Ort noch eine übersichtliche Fußgängerzone, einmal pro Woche Kino in der „Kulturscheune“, Bastel-Workshops, Arztvorträge und ein sehenswertes Museum zum Thema Salz.

Salz ist nicht gleich Salz: Die Weltkarte des Salzes im Museum „Westfälische Salzwelten“ in Bad Sassendorf“ verzeichnet mehr als ein Dutzend Salzsorten.

Salz ist nicht gleich Salz: Die Weltkarte des Salzes im Museum „Westfälische Salzwelten“ in Bad Sassendorf“ verzeichnet mehr als ein Dutzend Salzsorten.

Und dann gibt es natürlich noch das Musikprogramm. Absolut hitverdächtig: das „Gute Laune Duo aus dem schönen Sauerland“. Sie singt mit blondierter Prinz-Eisenherz-Frisur, er steht mit eingefrorenem Lächeln am Keybord, das betagte Kurcafé-Publikum isst Kuchen. Den „Tanz mit Marco“ musste ich mir leider entgehen lassen, obwohl mich schon interessiert hätte, ob Marco tatsächlich so aussieht wie auf dem Foto, das für die Veranstaltung wirbt. Da guckt er mit einem Grinsen in die Kamera, das nicht klar erkennen lässt, ob es in die Kategorie der wahnsinnigen Grimassen von Jack Nicholson gehört oder einfach nur verunglückt ist.

So sieht gute Laune aus dem schönen Sauerland aus: Das Duo beim Soundcheck vor dem Sonntagsnachmittagsauftritt im Kurcafé von Bad Sassendorf

So sieht gute Laune aus dem schönen Sauerland aus: Das Duo beim Soundcheck vor dem Sonntagsnachmittagsauftritt im Kurcafé von Bad Sassendorf

Mich rettet am Ende der Besuch aus der Heimat und das nahegelegene Soest. Auch die Mit-Rehabilitanden können eine echte Bereicherung sein.

Im Orbit von Bad Sassendorf

Im Speisesaal der Reha-Klinik werde ich platziert und habe Glück: Ich sitze am Fenster. Meine drei Tischgenossen haben schon fast zwei Kurwochen auf dem Buckel und sind ausgesprochen maulfaul. Nach ihrer Abreise bin ich gespannt, wer sie wohl ersetzt. Die drei Nachrückerinnen sind deutlich lebendiger und gesprächiger, da schmeckt das Essen gleich besser.

An die Abendbrotzeiten gewöhne ich mich bis zum Schluss nicht: 17.15 bis 18 Uhr. Befremdlich finde ich auch, dass die Welt um uns herum keine Rolle mehr spielt. Bad Sassendorf könnte auf dem Mond liegen, so weit entfernt ist hier alles, was auch nur ansatzweise mit aktuellen Ereignissen zu tun hat. Hunger, Kriege, Terroranschläge, Wahlen, das ganze Nachrichtengetöse spielt hier keine Rolle. Vielleicht ist es gut so. Vielleicht ist es gut, dass wir über Kinder, gesunde Ernährung und die Salzgrotte im Solebad sprechen. Und darüber, welche Anwendung als nächstes ansteht.

Salz spielt in Bad Sassenburg eine wichtige Rolle. Im Kurpark steht dieses Gradierwerk. An den Schwarzdornzweigen, die seine Wände bilden, rieselt natürliches Solewasser herab. Durch die Verdunstung erhöht sich der Salzgehalt des Wassers.

Salz spielt in Bad Sassenburg eine wichtige Rolle. Im Kurpark steht dieses Gradierwerk. An den Schwarzdornzweigen, die seine Wände bilden, rieselt natürliches Solewasser herab. Durch die Verdunstung erhöht sich der Salzgehalt des Wassers.

Bad Sassendorf: Hier sieht man das Wasser rieseln. Die Rückstände der Sole legen sich mit der Zeit wie eine Haut über die Spitzen der Schwarzdornzweige.

Hier sieht man das Wasser rieseln. Die Rückstände der Sole legen sich mit der Zeit wie eine Haut über die Spitzen der Schwarzdornzweige.

Ein beliebtes Thema sind die Therapeuten. Sie sind alle gut, keine Frage, aber eben auch ein Abbild der Bandbreite menschlicher Charaktere. Eine ist streng, die andere immer gut gelaunt, die dritte sanft, der vierte ein kleiner Feldwebel. Irgendwann kommt immer das Gespräch auf den Cheftherapeuten – zumindest halten wir ihn dafür. Hast du den schon mal lachen sehen? Nein, noch nie! Doch, heute in der Rückenschule hat er sogar einen Witz erzählt. Kann nicht sein…

So kommt man sich näher. Die Mit-Rehabilitanden, mit denen ich drei Wochen lang dieselben Gruppenanwendungen absolviert habe, treffen sich am Schluss zu einem Abschiedsabend. Das ist hübsch. Wenn es nach mir geht, komme ich nicht wieder. Trotzdem: So schnell werde ich Bad Sassendorf nicht vergessen. Quite an experience, würde ein Engländer sagen.

Für bestimmte Arten von Freizeitvergnügen ist gesorgt in Bad Sassenburg…

Für bestimmte Arten von Freizeitvergnügen ist gesorgt in Bad Sassenburg…

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