Neustrelitz_Blick-von-Helgoland-auf-Zierker-See

Neustrelitz‘ charmante Industriekultur

Heute nehmen wir euch mit nach Neustrelitz, einem Ort im Herzen der Mecklenburgischen Kleinseenplatte. Hier wird Geschichte lebendig und die Gegenwart bietet Natur und Kulturvergnügen. Ein Ort, an dem für unsere Autorin alles zusammenfließt, ist die alte Kachelofenfabrik, heute Basiskulturfabrik.

Neustrelitz und Alt-Strelitz. Zwei ungleiche Schwestern

Von Berlin aus ist Neustrelitz nur ein Katzensprung. 70 Minuten dauert die Fahrt mit der Regionalbahn, das ist mit dem Auto, es sei denn ihr fahrt nachts, kaum zu unterbieten. Meist sind es eher 1,5 Stunden Fahrtzeit. Dafür kommt ihr in den Genuss der weit geschwungenen Umgehungsstraße, kürzester Weg in die Stadt rein, die einen galant am südlichen Teil der Stadt, Alt-Strelitz, vorbei führt.

Alt-Strelitz war, erfahre ich von Einheimischen, einmal richtig schön. Doch nun scheint es durch seine neue Schwester abgehängt. Ursprünglich stand hier mal das Schloss, 1901 abgebrannt, wurde es in den 1930ern wieder aufgebaut und dann, ja dann bekam das alte Strelitz kurz vor Kriegsende 1945 noch einmal richtig aufs Dach. So wie es anschließend wieder neu aufgebaut wurde, kann man nur noch erahnen, was das einmal war.

Doch da ich bepackt und mit dem Auto angereist bin, habe ich die zugunsten von Neustrelitz und seiner spätbarocken Stadtanlage mit oktogonalem Marktplatz, sternförmigen Straßen und Schloss aufgegebene Perle ohnehin schwungvoll umfahren. Doch auch die hübsche neue Schwester stand nicht immer im Rampenlicht. Zu DDR-Zeiten erhielt Neubrandenburg aufgrund seiner Rolle als Bezirksstelle mit Abstand die meisten Investitionsmittel.

Neustrelitz_Hafen

Der Stadthafen von Neustrelitz Ende März 2016, der Frühling lässt sich Zeit. Dramatische Wolken und entspannte Atmosphäre, außer einigen wenigen Anglern alles ruhig.

Mich hat das Kanufahren auf der Mecklenburgischen Kleinseenplatte hergespült. Und genauso, wie das intensive Naturerlebnis zuvor, zieht mich nun die alte Reichsstadt in den Bann. Der achteckige Marktplatz nach dem Vorbild einer barocken Planstadt erbaut, ist angeblich verkehrsberuhigt. Davon merke ich, als ich mich furchtlos an die Überquerung mache, allerdings wenig.

Von da kreiselt einen der Schwung fast automatisch an den Neustrelitzer Stadthafen am Zierker See. Die alten Kornspeicher sind echte Hingucker, klar, dass sich hier Restaurants und Hotels angesiedelt haben. Ich aber habe Lust auf eine urige Umgebung. In der Inselgaststätte Helgoland, bei Sabine Fichtelmann und ihrem Mitarbeiter Peter, bin ich da gerade richtig.

Die Gaststätte Helgoland, auf einer kleinen Insel direkt am Stadthafen von Neustrelitz gelegen, ist eine urige Institution. Auf der Terrasse kann man einen herrlichen Ausblick auf den Zierker See genießen und den Vögeln beim abendlichen Kreisen beobachten.

Die Gaststätte Helgoland, auf einer kleinen Insel direkt am Stadthafen von Neustrelitz gelegen, ist eine urige Institution. Auf der Terrasse kann man einen herrlichen Ausblick auf den Zierker See genießen und den Vögeln beim abendlichen Kreisen beobachten.

Wer mit dem Boot kommt, checkt hier beim Hafenmeister ein, Radwanderer ohne eigenes Equipment finden hier auch einen Fahrradverleih. Ich lasse mir die Sonne auf die Nase scheinen, während ich mit der Inhaberin der Inselgaststätte plaudere und beschließe dann mein Quartier aufzusuchen. Das befindet sich am Sandberg, in, beziehungsweise neben der Basiskulturfabrik, von Einheimischen auch liebevoll KOF (= KachelOfenFabrik) genannt.

Neustrelitz_KOF_Tor

Industriekultur mit Charme und Patina. Hier tobt das kulturelle – und das kulinarische Leben von Neustrelitz.

Die KOF: ein Gespräch mit dem Inhaber Horst Conradt

Ich möchte mehr erfahren über die Geschichte dieses Ortes. Seines weit verzweigten Backsteingemäuers mit Galerie, dem Restaurant, dessen Name „fabrik.kneipe“ ein wenig untertrieben scheint und – dem Herz des Ganzen – den zwei kleinen Kinosälen. Dieser ehemaligen Fabrik, die zwischen 1852 und 1910 in mehreren Bauabschnitten errichtet wurde und in der ganz zu Beginn Formen für Milchprodukte hergestellt wurden, bis dann die Töpferei und die Brennöfen für die Kachelofenproduktion hinzukamen.

Wie schön, dass der umtriebige Inhaber am nächsten Morgen ein wenig Zeit für mich hat – und während des Gesprächs (es ist noch früh) tüchtig Kaffee in mich reingießt. Horst Conradt begegnet mir als Typ entspannter Macher. Wache Augen, flinke Zunge, souveräne Ausstrahlung, klare Visionen. Er wirkt streng und liebevoll zugleich. Obwohl ich noch nicht richtig wach bin, traue ich mich, ihn mit Fragen zu bewerfen. Wie ist er, der vorher in Süddeutschland und Hessen in der Kultur- und Kommunalkino-Szene aktiv war, denn bitte hier her gekommen?

Ein Mann und sein Kino. Hans Conradt vor seiner KOF.

Ein Mann und sein Kino. Horst Conradt vor seiner KOF.

„Neugierig bin ich erst geworden, weil die alte Kachelofenfabrik meinem Vater gehört hat und ich mich auf einmal um dieses Ding kümmern musste. Also habe ich erst einmal die lokale Tageszeitung abonniert und mich mal so grundlegend informiert, was in Neustrelitz los ist.“ Die Stelle der Kulturamtsleitung kam ihm in jener Phase wie gerufen, „weil ich dann alle Institutionen von dieser Tätigkeit her problemlos kennenlernen konnte.“

Ob er dann gleich in „seine Fabrik“ eingezogen ist, will ich wissen. Conradt schmunzelt ein wenig über meinen naiven Eifer. Dann erzählt er. Die Fabrik war bis 1969 privat und ab dann Konsumgenossenschaft. Da sei gar nichts passiert. Die damalige Infrastruktur war unterentwickelt. es gab nur eine Kaufhalle in Alt-Strelitz und hier, an die Stelle der KOF, sollte eine neue errichtet werden. Daraufhin habe man noch weniger an dem alten Gebäude gemacht also ohnehin schon.

Neustrelitz_KOF_Kino2

Liebevoll restauriert. Backsteinfreaks kommen in der KOF voll auf ihre Kosten. Hier der Eingang zu Kino 2.

„Als ich ankam, war das Gebäude eine echte Ruine und sollte abgerissen werden. Nach der Wende gab es Wohnungsnot in Neustrelitz und tatsächlich konnte ich mir damals in der Fabrik eine alte Wohnung einrichten. Als ich ankam, habe ich mir erst einmal Plastikbottiche gekauft und je – nachdem wie der Wind stand – habe ich die Dinger verschoben um noch Schlimmeres zu verhindern. Mit der Fabrik hatte ich zuerst etwas ganz anderes vor.

„Als ich begriff, dass ich als Kulturamtsleiter vorwiegend für die Abwicklung der Kulturtätigkeiten zuständig sein sollte, habe ich gekündigt und begonnen, mich hier ganz hineinzubegeben, um hier etwas Neues aufzubauen.“ Es folgte eine Phase der Eindeckung und Gebäudesicherung. Nach seinem Abschied vom Kulturamt startete Conradt ganz klein, mit einem kleinen Kino und der Galerie. Parallel dazu türmten sich die Renovierungs- und Aufbauarbeiten auf. „Das, was heute Kino 1 ist, haben wir in jener Zeit für Konzerte genutzt.“, erinnert er sich.

KOF_Conradt_Galerie

Die Galerie befindet sich im oberen Stockwerk der KOF. Die Ausstellungen wechseln in regelmäßigem Turnus. Das sorgfältig kuratierte Programm vertieft die Verbindung zwischen (groß)städtischem und ländlichem Raum.

Zum Glück waren die Bemühungen um Fördergelder erfolgreich, so konnte ab 2000 mit der Grundrenovierung begonnen werden. Die alten Brennöfen wurden Stück für Stück abgetragen, neue Heizungen installiert, und mit der Zeit kam hinter der Ruine die neue, alte Schönheit zum Vorschein. Neben dem wechselnden Ausstellungsprogramm in der Galerie ist das Programmkino so beliebt, dass laut Aussage von Conradt sogar Leute aus dem nicht fernen Schwerin kommen, um hier mal ein Wochenende richtig in kulturellen und kulinarischen Freuden abzutauchen.

„Tagsüber den Zierker See umwandern und abends ins Kino oder ins Theater gehen, das ist für viele Städter genau die richtige Mischung aus Natur und Kultur„, so Conradt. Auch ich habe ich mich in kürzester Zeit spürbar erholt. Abgesehen von der frischen Luft und den anregenden Eindrücken, habe ich außergewöhnlich gut geschlafen. Ich frage mich – und ihn – wieso. Die Augen des Kulturmachers grinsen. Er wisse ja nicht, was ich sonst als Einschlafhilfe nähme, aber die Zimmer und Apartments des Öko-Hotels verfügen durch ihre Holz- und Lehmschichten über ein besonders gutes Raumklima.

Ein Herz fürs Kommunalkino

Kulturförderung hat es nicht leicht. Das ist in Mecklenburg-Vorpommern nicht viel anders als in Berlin. Das beliebte Neustrelitzer Theater wackelt, das Programmkino in der KOF hält wacker die Fahne hoch. Seit Jahren wird es regelmäßig vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien für sein hervorragendes Kinoprogramm ausgezeichnet. Ferner gibt es in Neustrelitz eine Musikschule, die viele Preise abräumt und entsprechend viele Musikangebote auf Höfen und Scheunen im Umfeld, in der Schlosskirche und in der Stadtkirche.

Darüber hinaus gibt es in dem Altkreis Mecklenburg-Strelitz bis zu 40 professionell schaffende Bildende Künstler. Das, so Conradt, gehe alles ein in das kulturelle Klima dieser Stadt. Zumal viele Künstler ihre Ateliers auch regelmäßig für Besucher öffnen. Zum Beispiel an Pfingsten würden regelmäßig „offene Ateliers“ veranstaltet, auch sonst seien die ortsansässigen Künstler während der Sommermonate sehr bereit, Besucher in ihren kleinen oder größeren Anwesen zu empfangen.

 

In den neuerrichteten Ökohäusern, die zur KOF gehören, finden lärmgeplagte Städter himmlische Nachtruhe.

In den neuerrichteten Ökohäusern, die zur KOF gehören, finden lärmgeplagte Städter himmlische Nachtruhe.

Ich mache mir gleich eine Notiz in meinem Büchlein mit Ausflugs- und Reisezielen für 2017. Für einen meiner nächsten Besuche in Neustrelitz plane ich neben Kanufahren eine Radwanderung ein. Am besten gleich zu Pfingsten 2017. Wie die Stadt wohl dann aussieht, was es Neues geben wird – und was vielleicht bis dahin aus der örtlichen Kulturlandschaft verschwunden sein wird?

„Es ist immer die Frage, ist das Glas halb voll oder halb leer und ich tendiere dazu zu sagen, es ist halb voll.“, beschließt Conradt fröhlich resolut. Und ich bin mir sicher: Für die KOF geht es sowieso immer weiter. Zumindest wünsche ich es ihr von Herzen.

Service

Wer mit dem Boot in Neustrelitz ankommt, nimmt in jedem Fall zuerst Kontakt mit der Hafenmeisterei Kontakt auf.
Die charmant-rustikale Inselgaststätte Helgoland müsst ihr besuchen! Geliebtes Kleinod mit Gebrauchsspuren fühlt sich an wie eine kleine Zeitreise.
Schön schlafen, lecker essen, Programmkino pur und das alles inmitten der charmanten Wasserlandschaft der Mecklenburgischen Kleinseenplatte? Könnt ihr hier alles. In der Basiskulturfabrik in Neustrelitz. Wenn ihr genauso Filmfreaks seid wie ich, könnt ihr euch das Kinoprogramm auch monatlich zuschicken lassen.

Herzlichen Dank an die KOF für ihre Gastfreundschaft. Die persönliche Meinung der Autorin bleibt hiervon unberührt.