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Alberobello & Trulli-Häuser – Schlumpfhausen in Apulien

Alberobello, der schöne Baum, heißt ein bemerkenswertes Städtchen in Apulien. Der Ort liegt zentral im Valle d’Itria, dem Wassertal, mitten auf einer Hochebene der Murge, jenem verkarsteten Kalkstein-Höhenzug, der Apulien in Nord-Südrichtung durchzieht. Berühmt ist Alberobello für seine fabelhaften Trulli-Häuser.

Vielleicht hast Du schon einmal von Alberobello gehört, denn dort wuchern die berühmten Trulli aus dem Boden. Die Trulli sind Häuser, die aussehen, als wohnten hier Schneewittchen und die 7 Zwergen oder Schlumpfine, Papa Schlumpf und ihre jüngeren Geschwister Haui und Zickie. Die Reise nach Alberbello scheint also eine fabelhafte Reise hinter die 7 Berge aus Grimms Märchen oder nach Schlumpfhausen im Verwunschenen Land.

Auf dem Weg nach Alberobello fahre ich über enge und kurvige Straßen und diese malerischen, weißgekalkten apulischen Landstädte. Links und rechts der Straße schrauben sich uralte Olivenbäume in der Himmel. Die Landschaft ist von weißen Mäuerchen geordnet, die aus Kalksteinen als Trockenmauerwerk errichtet worden sind. Ein bisschen sieht die Landschaft aus wie ein ordentlich gepflegter Garten, und weil hier alles wächst, was es zum guten Leben braucht, Mandeln, Kirschen, Oliven, Getreide und natürlich Wein, liegt auch die Metapher vom Paradies nicht fern. Ein bisschen zu dick aufgetragen vielleicht, denn dass die Zustände in Apulien mal paradiesisch waren, davon lassen sich für die jüngere Zeit keine Spuren finden.

Grüne Felder, Ölbäume und Trockenmauern in der Nähe von Alberobello. Kegel, die Dächer der Trulli-Häuser, ragen mit weißen Spitzen aus den Ölhainen heraus.

Trulli-Häuser ducken sich in die Landschaft des Valle d’Itria

Drei Kegeldächer aus Kalkstein sind mit einfachen geometrischen Formen, die an Kreuze erinnern, bemalt.

Magische Zeichen. Die mit weißer Tünche gemalten Zeichen auf den Dächern sollen das Böse draußen halten

Trulli – Architektur des Mittelmeers

Am Straßenrand bücken sich schon die ersten Trulli-Häuser in die Wiesen und Felder hinein. Bei einem Trullo wird auf einen geduckten, weiß gekalkten Sockeln ein Kegel aus grau verwitterten Steinen als Dach gesetzt. Fertig ist das Minihaus. Diese klare Geometrie eines Trullo – das ist der Singular von Trulli – aus Rechteck und Dreieck steht in einem malerischen Kontrast zum unregelmäßigen, fast naturhaften Baumaterial dieser Zwerghäuser.

Auf den Feldern stehen eher einzelne Trulli. Vielleicht werden die als Stall, Lager oder einfachen als Schutzhütte gebraucht. Am Straßenrand haben sich mehrere Trulli zu ganzen Häusern zusammen gekuschelt. Wegen der unregelmäßigen Höhe ihre Zipfelmützen Dächer erinnern sie an Gebirgslandschaften in Miniatur.

So ein Trullo scheint immer, nach dem gleichen Prinzip gebaut zu sein. Auf einen quadratischen Grundriss wird ohne Mörtel eine ungefähr 1,5 Meter dicke Trockenmauer aus Kalksteinen aufgeschichtet. Hat die Mauer die Höhe von ungefähr 1,5 Metern erreicht, wird aus dem Quadrat ein Achteck, auf welchem eine Kuppel – wieder ohne Mörtel – aufgemauert wird. Diese Kuppel wird durch einen Haufen Geröll stabilisiert. In dieses Geröll werden Kalksteinplatten, die wie Dachziegel oder bessern Schindeln zugerichtet sind, geschoben. So entsteht der Kegel des Daches.

Die Dicke der Mauern garantiert die Stabilität der Häuser. Sie sorgt aber auch für Kühle im Sommer und für Wärme im Winter. Das aufwändig geschichtete Kegeldach, dessen Kalkstein-Schindeln nach unten geneigt verlegt werden, leitet Regenwasser so ab, dass der Innenraum des Trullo trocken bleibt. Tatsächlich besteht ein Trullo immer nur aus einem überkuppelten Innenraum mit Kegeldach. Soll ein Haus mehrere Zimmer haben, brauchst für jeden Raum einen Trullo. Das scheint mir eine ziemlich aufwändige Art, Häuser zu bauen. Vielleicht kommen die Trulli deswegen so begrenzt nur in Apulien und besonders häufig rund um Alberobello vor.

Blick auf die Trulli der Rione Monti in Alberobello.

Baustelle eines Trulli in Alberorbello. Das Dach aus Kuppel und Kegel ist teilweise eingestürzt.

So sieht es beim Trullo unter der Mütze aus. Ziemlich unordentlich, aber gut erkennbar, wie Kuppel und Kegel der Trulli aufgebaut sind

Alberobello – UNESCO Welterbe in Apulien

Tatsächlich ist es so, je näher ich Alberobello komme, desto mehr Trulli Häuser sehe ich. Alberobello hat den Spitznamen Capitale dei Trulli, Hauptstadt der Trulli, mehr als verdient. Wegen der ungewöhnlich Schlumpfhäuser hat die UNESCO Alberobello als Welterbe der Menschheit anerkannt. Auf der UNESCO Welterbe Site wird die universelle Bedeutung Alberbellos so beschrieben: “die Trulli, typische Kalksteinwohnungen von Alberobello in der süditalienischen Region Apulien, sind bemerkenswerte Beispiele für den Kragstein-Trockenbau, eine prähistorische Bautechnik, die in dieser Region noch immer verwendet wird. … Die Trulli von Alberobello repräsentieren eine mehrere tausend Jahre alte Tradition des Trockensteinbaus, die im gesamten Mittelmeerraum zu finden ist.“

In Alberobello sind noch über 1600 Exemplare der bemerkenswerten Trulli-Häuser zu finden. Aber wohnen da noch Menschen? Natürlich nicht. Die meisten Trulli sind verlassen. Ein modernes Leben mit Tiefkühltruhe, Waschmaschine und Internet ist in so einer Steinkiste auch nur schwer vorstellbar. Viele Trulli sind inzwischen zu nostalgischen Ferienunterkünften mit angeberischen Namen wie Miratrulli Suites oder Tipico Resort umgewandelt worden. Die wenigsten sind noch bewohnt.

Mehrer Trulli sind U-förmig um einen schmalen Innenhof gebaut. Die Türen gehen auf den Hof hinaus.

Typisch für Trulli-Häuser ist der Innenhof.  In der guten, alte Zeit war der Innenhof ein Freiluft-Wohnzimmers

Ein Sträßchen in der Rione Aia Piccola

Die Trulli-Häuser in der Rione Aia Piccola

Bei einem Spaziergang durch das eigentlich menschenleere, aber von Touristen gestürmte, Stadtviertel Rione Aia Piccola komme ich an einigen dieser Trulli Resorts vorbei. Sauber und weißgetüncht sehen sie aus. Dann läd mich eine ältere Dame, mit Wischmopp in der Hand, dazu ein ein, das Haus zu besuchen, in dem sie groß geworden ist. Sie zeigt auf eine rohe Balkendecke und schreit mir: “7 Geschwister, da oben alle geschlafen!“ ins Ohr. “Da alle gegessen.“ Sie weist mich auf einen Tisch im Zimmer hin, auf dem kein Mittagessen aber eine Tonschale voller Euromünzen, steht. Ah, denke ich, interessantes Geschäftsmodell, die alte, verwaiste Steinbude für Besucher zu öffnen. Tatsächlich ernähren die Spenden der Touristen eine ganze Familie. Ich muss schon sagen, eine tolle Inszenierung.

Im Gespräch mit der Hausbesitzerin erfahre ich, dass sie mit Ihrer Familie heute viel besser im Neubau als im Trulli wohnt. Morgens um 9:00 Uhr, kurz bevor die ersten Touristen kommen, schließt sie ihr ehemaliges Wohnhaus auf, gegen 17:00 Uhr schließt sie wieder ab. In der Zwischenzeit ermöglicht sie den Besuchern von Alberobello einen “authentischen Blick“ in die gute alte Zeit.

Aber wie authentisch ist es eigentlich, durch eine von ihren Bewohner verlassene Stadt zu wandeln. Kann ein Gebäude-Ensemble überhaupt “authentisch“ sein? Klar wird mir bei diesem Spaziergang, dass die unpraktischen Trulli aus der Zeit gefallen sind. Alberobello ist zu einem Museumsdorf verstaubt und verkitscht. Die schrecklichen Trulli-Souvenirs und der noch schrecklichere Mandelwein, die an jeder Hausecke angeboten werden, geben da die Richtung vor.

Drei kleine geometrische Formen bilden die Spitze von Kegeln.

Die Krönung! Weiße Pinakel auf den Kegeldächer  von Alberobello

Lohnt sich die Fahrt nach Alberobello?

Lohnt es sich eigentlich, einen Ort zu besuchen, der von seinen Bewohner, die lieber in Neubauten leben wollen, nach und nach aufgegeben wird. Die UNESCO hat da eine klare Meinung: “Trotz der Bedrohung der Stadt durch die städtische Entwicklung und die zunehmende touristische Aktivität behält (Alberobello) ein hohes Maß an Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit in Bezug auf den Ausdruck des außergewöhnlichen universellen Wertes.“ Das heißt doch, nichts wie hin, oder.

Grundsätzlich finde ich – UNESCO Welterbe hin oder her –, jeder Ort der Welt, den ich noch nicht kenne, ist eine Reise wert. Denn ich weiß noch nicht, was mich erwartet. Bei Alberobello bin ich mir allerdings nicht so sicher. Die Fahrt durch das Valle d’Itria ist bemerkenswert schön und die Trulli-Häuser passen in diese Landschaft, wie die Faust aufs Auge, aber in Alberobello stehe ich dann ein bisschen ratlos rum. So ein Trulli sieht schon gut aus und auf Fotos machen Trulli eine bella figura. Aber sonst?

Ich schaue mir das Museum an, das immerhin mit einem Porträt Pier Paolo Passolinis für sich wirbt. Dort erfahre ich aus einem Video, wie Trockenmauern bauen, korrekt geht, das ist interessant. Auch der Trullo Sovrano soll einen Besuch wert sein. Er hat tatsächlich einen zweiten Stock und wird in Alberobello vermarktet, als wäre er das höchste Gebäude der Welt. Das ist immerhin lustig.

Und jetzt? Bleibt eigentlich nur noch essen. Essen geht in Italien immer, auch in Apuliens Schlumpfhausen. In Alberobello , wie könnte es anders sein, Essen nur im Trullo, und zwar in einem goldenem, dem Trullo D‘Oro. Kann ich empfehlen, das Essen war sehr ordentlich.