Cervia_Badeanstalt

Amarcord – ich erinnere mich an Cervia

Vor 40 Jahren fuhr unser Gastautor Marcus zum ersten Mal an die italienische Adria. Familienurlaub im reizenden Badeort Cervia. Das erste Mal war so beeindruckend, dass Marcus Wiederholungstäter wurde. Immer wieder Italien. Hier seine begeisterte Liebeserklärung an das bezaubernde Cervia.

Es war im Sommer 1974; ich saß mit meinen 8 Jahren zusammen mit meinem kleinen Bruder auf der Rückbank unseres roten Ford Kombi, zwischen uns gezwängt die voluminöse Großmutter. Mit großen Augen schauten wir nach draußen, “Italien!“, und suchten die “Viale Cristoforo Colombo“, die kleine Christoph-Kolumbus-Strasse (was viele nicht wissen: Auch er kommt in Wirklichkeit nicht aus Genua, sondern aus der Emilia Romagna, aber pssst!)

Die Jahre zuvor verbrachten wir unsere Urlaube in Ferienhäusern in Dänemark, doch in jenem Jahr stieg meine Mutter auf die Barrikaden: Sie wollte endlich auch einmal Urlaub haben und den hausfraulichen Alltag (kochen, putzen waschen) nicht einfach nur in ein Ferienhaus verlagern. Meine Mutter wollte ins Hotel! Eine entfernte Großtante, die in Nürnberg ein Reisebüro unterhielt, empfahl die Adriaküste: breite Strände, flaches Wasser und die Italiener seien ja, ach, so kinderlieb.

So machten wir uns also auf, beluden den Kombi mit Gepäck für drei Wochen – und der Großmutter – nahmen ausreichend Proviant mit und fuhren zunächst bis Brixen. Komisch, dieses Italien, dachte ich mir, sah irgendwie aus wie Bayern und deutsch sprach man da auch. Aber nach der langen Autofahrt wollte ich eh nur noch schlafen.

Doch schon am nächsten Tag öffnete sich mir Italien – bis heute liebe ich die Autofahrt von Südtirol Richtung Verona: Nach den bergigen Serpentinen werden ab dem Gardasee die Felsmassive nach und nach immer flacher und man blickt auf einmal auf die weite Ebene dieses wunderschönen Landes.

Cervia – Ankunft in Italien

Zurück nach 1974: Endlich waren wir angekommen! Cervia hieß der Ort, bestehend aus einem kleinen Hafen, einer kleinen Altstadt, zwei kleinen Hauptstraßen mit sehr vielen Einbahnstraßen dazwischen, die uns dazu zwangen, den Ort wieder und wieder zu durchfahren, bis wir endlich vor der Hoteleinfahrt standen, und viel Strand – so erschien es mir zumindest als Kind. Das Hotel Gadames in der besagte Viale war schnell gefunden und überschwänglich wurden die neuen Gäste begrüßt.

Oma und ich bezogen ein Zimmer. Mein kleiner Bruder schlief bei meinen Eltern. Wie war es doch alles ungewöhnlich und so ganz anders als in Dänemark: Der Strand war lang, dünenlos flach und ein Strandbad, Bagno genannt, reihte sich an das nächste: Dort gab es Eis, Arranciata, Sonnenschirme und Liegen, Duschen, eine Bocciabahn, Tischtennisplatten und vieles mehr.

Jedes Hotel hatte seinen Bagno-Partner, so dass wir gar nicht lange wählen mussten. Die Liegen und Schirme standen – fast schon deutsch – ordentlich aufgereiht, wenn man morgens an die Spiaggia ging. Allerdings löste sich diese Ordnung sehr schnell auf, denn jede italienische Familie gruppierte diese schöne Ordnung sehr schnell um, öffnete den eigenen Bereich den Nachbarn, um in ein schier nie enden wollendes Stakkato dieser schnellen, fremden Sprache zu verfallen, von dem ich – und meine Eltern – kein Wort verstand.

Tretboote schaukelten im Wasser, das wirklich sehr flach war; morgens erfrischend kalt, nachmittags dann eher badewannenwarm. Es war herrlich. Der Tag wurde unterbrochen nur durch die Mahlzeiten. Wir hatten – zu Mutters Entlastung – Vollpension gebucht, ohne zu wissen, wie üppig die Italiener auch im Hochsommer zu speisen pflegen: Salat oder Suppe, dann Pasta oder Risotto, dann die Hauptspeise und hinterher noch Wassermelone oder ein Eis. Abends dann das gleiche noch einmal. Die Stoffservietten wurden nach dem Essen zusammengelegt, in einen Papierumschlag gesteckt und bei der nächsten Mahlzeit weiter genutzt; alle drei Tage gab es frische Servietten.

Abends, wenn die Erwachsenen Karten im Garten spielten, lag ich sonnenverbrannt und glücklich im Bett und lauschte der Musik, die von der nahegelegenen Freiluft-Disco in unser Zimmer wehte: One for me, one for you …

Kaffee Hag statt Espresso

Die drei Wochen Sommerferien vergingen viel zu schnell – und bei der Abfahrt war jedem im Auto klar, dass wir nächstes Jahr wieder nach Cervia fahren würden. Dann allerdings besser vorbereitet: Der italienische Kaffee war beispielsweise für meine Mutter und meine Großmutter viel zu stark und ungenießbar. Jahrelang wurde also ein großes Glas löslicher Kaffee Hag nach Italien mitgenommen, ebenso wie Schwarzbrot-Scheiben, die wenigstens das Frühstück in der ersten Woche noch genießbar machte. Italienische Brötchen waren außen steinhart und innen hohl. Vater mochte den Kaffee übrigens, als Cappuccino stark gesüßt. Er trank ihn morgens, mittags und auch abends (bis heute) – sehr zu Verwunderung der Italiener. Aber auch für uns Kinder war dieses Wunderland voller Genüsse: Stracciatella-Eis! Kandierte Früchte am Strand!! Gekochte Sahne!!! Was für ein wunderbares Land, in dem man statt Wechselgeld Bonbons bekam und in dem der Sala Giocchi (im Deutschen böse-finster „Spielhölle“ genannt) schon uns Kindern zugänglich war.

Wir wechselten nach zwei Jahren das Hotel, eines mit Pool, noch besser für uns Kinder, die jeden Sommer dem Aufbruch nach Cervia entgegen fieberten. Mittlerweile wurde auch die Anreise entspannter: Wir fuhren nur noch bis München und von dort mit dem Autoreisezug nach Rimini. Die abenteuerliche Klappbetten-Konstruktion im Liegewagen werde ich nie vergessen – die arme sechste Person, die zu uns fünfen in Abteil musste …

Ferragosto in plüsch

Wir waren fast immer die einzigen Deutschen – im Hotel wie am Strand. Cervia war zu klein und es waren die großen Orte wie Rimini und Riccione, die eher die deutschen Touristen anzogen. Für uns Kinder bedeutete das, dass wir schnell Kontakt aufnahmen zu den italienischen Kindern und uns irgendwie mit Händen und Füßen verständigten. Von Vorteil war, dass in unserem Hotel Jahr für Jahr die gleichen Gäste waren, Stammgäste wie wir.

Der sehnsüchtig erwartete Höhepunkt eines jeden Jahres war Ferragosto, den wir, am 15. August, im Hotel alljährlich mit einem großen Bankett und als Kostümfest feierten. Ferragosto ist die Halbzeit des einzig wahren Sommermonats, zugleich bei vielen Italienern dann auch Ferienende, nebenbei noch Mariä Himmelfahrt – und es wird die Küste auf und ab gefeiert, mit Live-Musik, Feuerwerk und reichlich Vino.Tatsächlich gab es am Ort einen Kostümverleih, der mit einem unendlichen Fundus von Plastik und Kunstpelz-Kostümen ausgestattet war. Die Hoteliers bevorzugten historische Themen und so zwängten wir uns am Abend bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit in Verkleidungen, die schon beim ersten Körperkontakt Schweißausbrüche ohne Ende verursachten. Doch das große Defilee die Freitreppe hinunter, dann der Zug zum Strand (Gruppenfoto!) und wieder zurück ins Hotel waren ein Muss!

Das Hotel war an Ferragosto zum Thema ausgestattet wie eine Filmkulisse. Doch nicht nur an diesem, sondern an jedem Abend wähnte ich mich in einem filmreifen Spektakel, das nur für meine Familie aufgeführt wurde. Ich wusste zwar damals noch nicht, wer Fellini war, geschweige denn hatte ich auch nur einen seiner Filme gesehen, aber rückblickend saß dort Fellini-Personal. Da dort ja keiner deutsch konnte, malten wir uns bei den Mahlzeiten die tollkühnsten Geschichten aus: da war zum Beispiel die alte Comtessa, zu jeder Mahlzeit perfekt gekleidet und onduliert, die mit hängendem Augenlid den ganzen Speisesaal überblickte. Wir nannten sie nur den Habicht, denn sie hatte alles und jeden scheinbar fest im Visier. An den Wochenenden kam ihr Neffe zu Besuch, eine Fellkugel (gewölkähnlich), dessen Augenbrauen nahtlos in den Vollbart überzugehen schienen.Jahre später haben wir herausgefunden, dass sie sehr gut deutsch sprach …

Die ein Koloss von Frau, die immer stark überschminkt und stets kaugummikauend am Strand saß und mit einer monströsen Badekappe, die ihre blondierten Haare verbarg, zweimal am Tag ins Meer stampfte. Anita Ekberg für Arme, spottete mein Vater. Zu Ferragosto las sie mit großem Pathos gerne ihre selbst verfassten Gedichte vor, natürlich kaugummikauend …

Auch der Bahnhofsvorsteher, den wir so nannten, weil er – pfeiferauchend – eine gewisse Würde ausstrahlte, kam jedes Jahr mit seiner Familie. Er, dünn und schlank, seine Frau eine lebhafte runde Mama, seine Mutter und sein Sohn. Die Nonna sitzt heute noch mit Mitte 90 jedes Jahr im Hotel und winkt …

Die Familien kamen aus Modena, Mailand und Bologna, kannten und besuchten sich und sorgten bei jeder Mahlzeit für eine ausgelassene Partystimmung im Speisesaal, denn selbstverständlich unterhielt man sich lautstark quer über alle Tische und kommentierte die Qualität und den Geschmack der dargereichten Speisen: der Fisch hatte zu viele Gräten, die Spaghetti Vongole zu wenig Muscheln, der Broccoli zu bissfest, nein, viel zu weich tönte es da aus einer anderen Ecke – doch spätestens beim Dessert herrschte gefräßiges Schweigen.

Apropos Speisesaal: Wir dienten uns nach vorne. Beim ersten Aufenthalt saßen wir ganz hinten an der Wand, direkt neben den auf- und zu schwingenden Flügeltüren zur Küche. Doch Jahr für Jahr haben wir uns eine Reihe vorgearbeitet, bis wir einen der begehrte Fenstertische zur Terrasse hin zugewiesen bekamen, wo es natürlich viel luftiger war als im stickigen Speisesaal. Die nächste Adelung kam dann mit einem Tisch auf der Terrasse und heute „gehört“ uns der große Ecktisch …

Berühmtheit in Cervia

Ja. Heute. Denn wir fahren immer noch nach Cervia. Seit 40 Jahren waren wir fast jeden Sommer dort, meistens mit der gesamten Familie, manchmal aber auch nur in kleiner Besetzung. Wir fahren in 4. Generation, meine Großmutter, meine Eltern, mein Bruder und ich – und nun auch unsere Kinder. Wir sind aufgewachsen mit den Kindern unserer italienischen Freunde, die wir heute jedes Jahr dort wiedersehen – mit ihren Kindern. Und nach wie vor sind wir meistens die einzigen Deutschen im Hotel.

Die Zimmer wurden mit der Zeit immer moderner: Auf den Luxus des Deckenventilators folgte die Klimaanlage, aus dem kleinen Kompaktfernseher wurde ein Satelliten-Flat-TV, die Freitreppe unserer Defillees wurde zugunsten eines Liftes abgerissen. Manche Gäste sind einfach nicht mehr gekommen. Auch Cervia ist ein anderer Ort als vor 40 Jahren, nach Benetton und Sisley haben die teuren Modegeschäfte Einzug gehalten, aus kleinen Trattorien wurden geschäftige Wine-Bars, aus dem Minigolf-Platz eine Apartmentanlage. Und doch ist es immer noch „mein“ Cervia. Das erste, was ich jedesmal mache, noch bevor die Koffer ausgepackt sind, ist der giro, der Spaziergang durch den kleinen Ort, um zu schauen, was hat sich verändert, was ist noch da. Ein banger wie freudiger Begrüßungsgang. Beim ersten Aperitivo dann der Wettstreit mit meinem Bruder: Hat er vielleicht etwas gesehen, das mir entgangen ist? Oder war ich doch wieder aufmerksamer als er?

In einem Sommer erlangte ich sogar lokale Berühmtheit – meine 15 Minuten italienischen Ruhms, denn ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der es je geschafft hat, in der großen Badewanne Adria mit einem Tretboot zu kentern. Alle, wirklich alle haben es gesehen, und als ich, abgefüllt mit Campari, den der Tretbootverleiher zu meiner und seiner Beruhigung in Mengen ausgab, ins Hotel zurückkehrte, wusste es auch dort schon jeder …

Die geheime DNA Italiens

Als einziger in meiner Familie habe ich italienisch gelernt. Und spreche es – mehr schlecht als recht. Ich habe den Stiefel von oben nach unten und wieder zurück bereist, gemerkt, dass es viel schönere Strände als an der Adria gibt, habe meine Magisterarbeit in einem baufälligen Bauernhaus in Umbrien geschrieben, meine (erste) Hochzeitsreise auf Sizilien verbracht, auf Capri Kaninchen gegessen, Venedig im Winter lieben gelernt, den Jugendstil in Viareggio entdeckt, mich einmal hoch und runter durch Bologna gefressen, war mondän in Amalfi und Portofino, bin durch die Vatikanischen Verliese gewandert (nun ja, fast …), liebe Bergamo ebenso wie Bozen, Neapel, Meran, Ravenna, Verona, Arezzo, Catania, Sorrent – und Lucca, immer wieder und wieder Lucca!

Doch die DNA Italiens, den genetischen Code, den ich überall, an jedem Ort wiedergefunden habe, ist der Code von Cervia. Das, was Italien ausmacht, das Leben, die Liebe, das Lachen, das dolce far niente, der Genuss – das alles hab ich als Achtjähriger erstmals in dieser kleinen Strandstadt an der Adriaküste kennen und lieben gelernt. Und so suche ich in jedem Ort in Italien ein Stück Cervia – und habe es bisher stets gefunden.

Was es ist? Es ist so einfach: Es sind die Menschen! Diese liebenswerten Italiener mit ihrem Temperament und ihrer Melancholie, ihrem Humor und ihrem Drama, der Bella Figura und der unendlichen Gelassenheit. Wenn man ein Land heiraten könnte, würde ich Italien ehelichen (und meine beste Ehefrau aller Welten möge mir das kurz verzeihen!).

Und letztendlich ist es auch das, was ich in Italien gelernt habe: Im kleinen Glück das große finden …