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Amrum: Große Kleine in der Nordsee

Schietwetter im Hochsommer oder Herbstwetter vom Feinsten? Die Nordsee lehrt einen, das Leben zu nehmen, wie es ist. Und die Feste so zu feiern, wie sie fallen. Wer kommt mit uns nach Amrum, auf die charmante Nordseeinsel mit dem berühmten Kniepsand?

Die zweistündige Überfahrt nach Amrum ab Dagebüll Hafen stimmt einen perfekt ein auf die große Kleine unter den nordfriesischen Inseln. Mithilfe moderner Fähren kreiert die W.D.R. ein bisschen Kreuzfahrtfeeling. An beiden kurzen Seiten laden Flächen mit Liegestühlen vor Panorama-Fenstern zum Staunen ein. Weiten den Blick und das Herz. Einige Mitreisende dösen. Das müssen Insulaner sein. Die kennen das schon. Die meisten Fahrgäste schießen ein Foto nach dem anderen und knuffen sich in die Seiten. Hast Du das gesehen? Der Himmel ist schon wieder schöner als vor 5o Sekunden. In der Tat. Der diesjährige Oktober scheint zu seinem Auftakt Licht-Regisseure engagiert zu haben. Sie tauchen das Eiland, das 22km vor dem Festland liegt, in einem fort in wunderbare Lichtstimmungen. Von neblig diesig am Morgen über klares Blau mit erstaunlichen Hinguckern zur Tagesmitte bis, ja bis hin zu romantisch-kitschigen Farbspielen am Abend.

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Amrum. Oktoberhimmel über Steenodde, einem Ortsteil von Nebel.

Mit 20.5 qkm und ca. 2.300 Einwohnern ist Amrum im Gegensatz zur Nachbarinsel Föhr (82.82 qkm und über 8.000 Einwohner) deutlich kleiner, aber faktisch schon ausgewachsen. Doch seit neuestem wird die Region als Glückswachstumsgebiet beworben. Als bräuchte es das noch. Alle Urlauber, denen ich auf meinen Entdeckungstouren begegne, strahlen um die Wette. Und Superlative gibt es auf der kleinen Großen auch genug: größter Sandstrand Europas, höchster Leuchtturm der Nordseeküste, beste Whiskybar Deutschlands. Echt. Doch dazu später mehr.

Ich bin in Norddorf untergebracht, im Hotel Seeblick. Mit Spa und feinheimischer Küche verwöhnen die Seeblicker ihre Gäste vom Allerfeinsten. Zu den Mahlzeiten sitze ich am liebsten im Wintergarten des Restaurants Seeblick und probiere regionale Köstlichkeiten wie Sylter Auster und Amrumer Salzwiesen-Lamm-Curry, Tartar und Carpacchio vom Galloway-Rind mit Wachtelei. Allein über die Krabbensuppe könnte ich ein Gedicht schreiben, doch Sirenen und Heuler ist ja kein Food Blog.

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Ich bleibe dabei: Himmel-Porn statt Food-Porn! Auch wenn das Essen im Seeblick ****Genuss und Spa Resort Amrum in Norddorf einfach himmlisch ist.

Am Norddorfer Strand spüre ich persönlich die Gegensätze und Besonderheiten der Insel am stärksten. Ausgeprägte Nehrungshaken an den nördlichen und südlichen Spitzen der Westseite geben Amrum eine Bumerangform und trennen einen flacheren Teil des Wassers vom offenen Meer. Diese sandigen Landstreifen, die die Insel vor dem blanken Hans schützen, sind über einen sehr langen Zeitraum hinweg durch ein Einflüsse von Stürmen und Strömung entstanden. An der Spitze des Hakens befindet sich das Naturschutzgebiet Odde. Von hier aus ist es nicht mehr weit bis nach Hörnum auf der Nachbarinsel Sylt. Menschen haben hier wenig zu melden. Es sei denn, sie sind (Hobby)Ornithologen und wollen nur gucken. Oder wandern. Denn entlang der Küstenlinie der Nordspitze gibt es einen ausgewiesenen Wanderweg.

Amrumer Inseltour von Norddorf bis Großdün

Man soll Amrum innerhalb von sieben Stunden komplett zu Fuß umrunden können. So gern ich laufe, das hebe ich mir für einen zukünftigen Besuch auf. Heute will ich mich treiben lassen, kreuz und quer über die Insel tingeln. Das geht am besten mit dem Fahrrad. Und Fahrrad-Verleiher gibt es wirklich viele hier. Von Norddorf aus sind zwei Wege ausgeschildert, um zu den Gemeinden Nebel und Wittdün zu gelangen. Ein Weg führt durch den Wald. Er verläuft mittig, von Nord nach Süd, auf dem Rücken des Geestkerns, der andere führt Spaziergänger und Radwanderer entlang der Wattkante im Osten. Ich fahre erstmal durch den Wald.

Da radelt man so durch den Wald und denkt sich nichts dabei – und passiert ein schönes Friesenhaus nach dem nächsten. Auch diese hübsche kleine Mühle habe ich hinter dichtem Baumbewuchs entdeckt.

Da radelt man so durch den Wald und denkt sich nichts dabei – und passiert ein schönes Friesenhaus nach dem nächsten. Auch diese hübsche kleine Mühle habe ich hinter dichtem Baumbewuchs entdeckt.

Der Waldweg gibt mich am Ortseingang Nebel wieder frei. Nebel ist irritierend schön. Museal und malerisch, lebendig und frisch. Die Reetdächer sehen aus, als wären Goldfäden in sie eingewebt. Ist das hier das „Kampen“ von Amrum? Natürlich nicht, aber die Fülle an schicken reetgedeckten Häusern ist schon auffällig. Gerade im Gegensatz zu Norddorf. Viele der Norddorfer Friesenhäuser fielen 1925 einem großen Brand zum Opfer. Seither wurde teils – auch ohne Reet – sehr schön, teils mit nüchternem Pragmatismus gebaut. Was den Brand angeht, hatte Nebel mehr Glück. Und scheint auch für jüngere Häuser andere Maßstäbe zu setzen.

Die Neubauten sollten sich, so lese ich, möglichst am Look der historischen Friesenhäuser orientieren. Optisch geht das Konzept in jedem Fall auf. Wie glücklich die Amrumer wohl darüber sind, dass Nebel mittlerweile die Gemeinde mit den meisten Zweitwohnsitzen Deutschlands ist, sei dahin gestellt. Immerhin gehört jedes zweite (!) Haus hier einem Nicht-Insulaner. Ich möchte auch eins. Allein der Gedanke ist mir ein bisschen peinlich. Zum Glück habe ich die Mittel nicht.

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Man kennt sich. Hier in Nebel auf Amrum. Ich kenne Holger (noch) nicht. Aber der Humor gefällt mir!

Auf Empfehlung einer lieben Freundin kehre ich im Dörnsk an Köögem ein. Hier lerne ich mit Dörnsk (Wohnstube) und Köögem (Küche) zwei neue friesische Wörter. Was ich noch lerne, ist, dass ich viel mehr auf niedlichen Schnickes stehe als gedacht. Außer herzhaften und süßen Speisen gibt es in dem charmant verwinkelten und detailverliebten Café jede Menge Dinge zu entdecken und natürlich auch zu kaufen. Hilfe! Ich reiße mich zusammen und leiste mir nur eine Postkarte. Die aber in zweifacher Ausführung. Was drauf ist? Dreimal dürft ihr raten. Ein Seehund natürlich.

Nach einer kleinen Stärkung geht es in die alte Amrumer Mühle im Nebeler Ortsteil Süddorf. Hier befindet sich das Heimatmuseum. Der achteckige Holländer hatte sich seit seiner Erbauung 1771 eigentlich recht wacker gehalten, bis ihn ein Sommersturm vor einigen Jahren übel zurichtete. Doch die Amrumer machen keine halben Sachen. Sie nahmen eine Viertelmillion in die Hand und restaurierten das zweite Wahrzeichen neben dem Leuchtturm so originalgetreu wie möglich. Das Reetdach heute wird sogar wieder durch Bindfäden zusammengehalten, nicht durch Drähte. Im fürchterlichen Falle eines Feuers verbrennen die Fäden flott und das Reet rutscht hinab, bevor der Brand auf den Rest des Baus übergreifen kann. Wieder so eine schlaue Erfindung der Nordlichter, die mich ein Stückweit an die Drifthusen auf Spiekeroog erinnert, von denen ich im Rahmen meines Inselhoppings über die ostfriesischen Inseln berichtet habe.

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Sogar die Amrumer St. Clemens Kirche in Nebel ist reetgedeckt. Bis auf den Turm.

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Hollandrad vor achteckigem Holländer. Die Amrumer Mühle leuchtet in der Oktobersonne. Das Fahrrad leuchtet mit Himmel und Rasen um die Wette.

Weiter geht es nach Steenodde. Der Ortsteil von Nebel liegt an der Ostseite der Insel. Ich gehe auf Vogelkiek, statte auch dem Amrumer Segel- und Regattaverein A.S.R.V. einen Besuch ab und zähle 10 Liegeplätze für Schiffe bis zu 12m. An diesem schönen Wochenende sind sogar noch ein paar Jollensegler unterwegs. Ich beneide sie glühend und mache mir eine kleine Notiz „Nächstes Jahr mit Skipper Gerd die nordfriesischen Inseln absegeln“, bevor ich wieder auf mein Fahrrad steige.

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Der Wattweg, hier auf Höhe Steenodde, führt an der Landungsbrücke und dem Steenodder Kliff vorbei, weiter über Nebel, nahe des Öömrang Hus (s. Titelbild), bis hoch nach Norddorf.

Manches sieht man jetzt, und manches später. Leuchtturm und Wittdün

Den Amrumer Leuchtturm, das Inselwahrzeichen und eigentlich ein Muss für jeden Besucher der Insel, habe ich bereits am Vortag besucht. Das hängt mit den Öffnungszeiten zusammen. Diese sind Montags bis Freitags vormittags bis mittags. Punkt. Obwohl das aktive Leuchtfeuer eine Touristenattraktion ist und die Insel viele Wochenend- und Tagesgäste hat, macht sie auf „willste gelten, mach dich selten“ und öffnet (gefühlt) nur im Schaltjahr bei abnehmendem Mond. Auch an diesem sonnigen Freitag mittag begegnen mir nach dem Abstieg, es ist gerade einmal 10 Minuten nach Ende der regulären Öffnungszeit, mehrere Inselgäste, die knapp zu spät dran waren und sichtlich frustriert zum Fahrradstellplatz zurück schlurfen. Ob sie die Chance haben, am Montag einen neuen Anlauf zu nehmen? Ich werfe ihnen einen mitfühlenden Blick zu. Denn heute war es wirklich ganz besonders schön. Stimmt, das habe ich ja noch gar nicht erzählt. Also…

Primärdünen, Weißdünen, Graudünen, Wanderdünen? Mir grad egal, in jedem Fall voll schöne Dünen. Hier der Blick auf den Kniepsand aus knapp 40m Höhe, vom Leuchtturm Amrum aus.

Primärdünen, Weißdünen, Graudünen, Wanderdünen? Mir grad egal, in jedem Fall voll schöne Dünen. Hier der Blick auf den Kniepsand aus knapp 40m Höhe, vom Leuchtturm Amrum aus.

Die Treppen sind steil und schmal, wie man das von Leuchttürmen so kennt. Vereinzelt höre ich Leute schnaufen oder kichern. Oben auf der Aussichtsplattform drängeln sich die Fotografen. Der Umlauf ist schmal, wir schieben uns aneinander vorbei. Einige ältere Paare tragen teures Equipment vor sich her und frönen ihrem Hobby, der Fotografie, mit größter Ernsthaftigkeit. Mit den Objektiven, die ich hier sehe, könnten sie problemlos Seehunds-Schnurrhaare auf der Nachbar-Hallig Langeneß fotografieren. Oder vielleicht das Wrack der Pallas, die 1998 dramatisch vor Amrum sank. Vier Tage trieb das Frachtschiff, das Holz geladen hatte, damals führerlos und brennend umher, bevor es schließlich 6 Seemeilen südwestlich vor Amrum sank. Ich mache ein paar Schnappschüsse, halte mein Gesicht in die Sonne und lausche. Ein Herr ist als Tagesgast von der Nachbarinsel Föhr herübergekommen. Dass er das mit den Öffnungszeiten vorab recherchiert hat, macht ihn richtig stolz.

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Am letzten Abend teste ich das Amrumer Nachtleben. Da mich die frische Luft immer so schön fertig macht, geht das nur mit vorherigem Diskoschläfchen. Überhaupt bin ich nicht so die Diskomaus. Aber gucken kann man ja mal. Das schönste an der ehemaligen Strandkorb-Lagerhalle, auch Kniepsandhalle genannt, bleibt für mich der Name „54°“. Auch irgendwie logisch, dass man eine Tanz- und Trinkhalle eher nach dem Breiten- als nach dem Längengrad benennt. Ich bleibe dabei, das Kirmestechno-Tanzbein sollen andere schwingen. Aber die Blaue Maus, in der wir vorher waren, hat mir gefallen. Diese urig eingerichtete, über und über mit Kitsch und Nippes behangene Lokalität liegt an der Inselstraße in Wittdün. Inhaber Jan von der Weppen schenkt hier nicht nur den super starken, super scharfen Strandhafer aus, sondern auch noch eine riesige (!) Auswahl an Malt Whiskys. Für alle Menschen, die Inseln und Whisky mögen nicht weniger als ein Paradies im Paradies, regelmäßig sogar mit Live-Musik. Unlängst wurde die „Blaue Maus“ sogar mit der Auszeichnung „Beste Whiskybar Deutschlands“ bedacht. Nicht schlecht, finde ich.

Wieso dieser lustige Laden – abgesehen vom Fährhafen – das einzige ist, was ich dieses Mal von Wittdün gesehen habe? Nachdem ich die Insel von Norden aus erkundet habe, war ich spätestens auf Höhe Großdün und Steenodde so erfüllt von der überbordenden Schönheit und Fischer-Romantik der besuchten Ortschaften, dass mich die größte Inselgemeinde im Süden nicht mehr locken konnte. Aber da ja bekanntlich alles schön wird, was man mit Liebe betrachtet, bin ich sicher. Bei meinem nächsten Besuch schaue ich noch einmal genauer hin.

Sonnenuntergang in Norddorf. Tschüß, Amrum, bis zum nächsten Mal.

Sonnenuntergang in Norddorf. Tschüß, Amrum, bis zum nächsten Mal.

Service

Ob vom Festland aus, von einer anderen Nordseeinsel, mit der Wyker Dampfschiffs Reederei (W.D.R.) kommt ihr gut nach Amrum.

Wer mit dem Auto anreist, parkt seinen Wagen am besten auf dem Inselparkplatz in Dagebüll.

Erkundigt euch in jedem Fall nach den Öffnungszeiten des Amrumer Leuchtturms, für spontan mal hinfahren sind sie leider zu spärlich. Auch vor der Amrumer Windmühle stand ich beim ersten Versuch vor verschlossener Tür.

Naturliebhaber können sich schon vor der Anreise über Ausstellungen, Führungen und andere Veranstaltungen im Amrumer Naturzentrum informieren.

Also ich bin Fan der Seeblicker. Falls ihr das Vier Sterne Genuss und Spa Resort noch nicht kennt, schaut doch bei eurem nächsten Besuch auf Amrum einmal rein. Falls sich jetzt jemand wundert: Ich sage das aus rein persönlicher Überzeugung, nicht aus kommerziellem Anreiz.