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Mit Tomaten & Wein gegen die Mafia

Bauruinen, Prostitution, Feldarbeiter aus Nordafrika. In Apulien vermute ich dahinter die Mafia. Was tun dagegen? Ich treffe Ivano von der landwirtschaftlichen Kooperative Libera Terra, der sich gegen die Mafia engagiert. Haben Mafiosi Angst vor Jungs, die Wein und Tomaten anbauen?

Apulien ist so unglaublich schön. Wiesen voller rotem Klatschmohn. Haine mit uralten Ölbäumen. Kleine herausgeputzte Städtchen mit ehrwürdigen Kathedralen und romantischen Gassen. Wie aus dem Bilderbuch. So unglaublich schön ist Apulien meistens. Und klar, es gibt auch ein hässliches Apulien. Ein Ausschnitt dieses Alptraums erlebe ich mit Franco bei der Fahrt auf der Staatsstraße 96 von Bari nach Altamura.

Ölbaum in Apulien

In der vertrockneten Landschaft zerbröseln die Betonskelette verwahrloster Bauruinen. Parkstreifen sind zu Müllhalden degeneriert. Am Straßenrand sind schrottreife Campingwagen geparkt. Die Fensterscheiben zerbrochen. Die Türen schief in den Angeln. Ferien in diesen Autowracks? Unmöglich. Als Arbeitsplatz taugen sie gleichwohl. Ausgerüstet mit Sonnenschirmen, die vor der heißen Mittagssonne schützen, sitzen Frauen aus Afrika vor den Campingwagen. Sie arbeiten als Prostituierte auf dem Straßenstrich. Kontrolliert von der Mafia.

Die Mafia profitiert von illegaler Einwanderung

Als Franco diese Frauen sieht, raunt er mir ins Ohr: “Zu denen würde ich nie gehen. Da holt man sich nur was!” Dann zuckt er die Schultern und fährt fort: “Ich verstehe nicht, wie Männer zu diesen Frauen gehen können. Die müssen verrückt sein.” Mehr fällt Franco nicht ein. Als Thema geben Frauen auf dem Straßenstrich nicht so viel her.

Anders ist das mit Ausbeutung und Versklavung von männlichen, illegalen Einwanderern. Die Reportage “Io schiavo in Puglia” Ich, Sklave in Apulien, von Fabrizio Gatti 2006 im Magazin Espresso veröffentlicht, stößt auf riesige Resonanz, auch in Deutschland. Die Zeitungen die Welt, der Freitag, die Sächsische Zeitung, die Zeit nehmen das Thema auf. Und darum weiß auch ich, dass auf vielen Tomatenfeldern Apuliens die organisierte Kriminalität das Sagen hat. Einen aktuelleren Bericht aus dem Oktober 2015 über die Sklaven der Tomaten in Apulien findest Du in der TAZ. Matteo Koffi Fraschini ein italienischer Journalist mir togolesischen Wurzeln hat den Artikel über die apulischen Erntehelfer geschrieben.

Ein Weinberg in Apulien

Legal und Lecker – Genuss ohne Reue

Aber es muss auch noch ein anderes Apulien geben. Ich fahre nach Mesagne, dort will ich Ivano kennen lernen. Er arbeitet für die Cooperativa Libera Terra Puglia, die freie Erde Apuliens. Die Kooperative bewirtschaftet von Mafia Clans enteignete Felder und baut dort Wein, Tomaten und Getreide an. Die Lebensmittel werden mit dem hübschen Wortspiel „sapori e saperi della Legalità” vermarktet. Legal und lecker, das verspricht ethisch einwandfreien Genuss ohne Reue.

Ich möchte von Ivano erfahren, wie das ist, sich gegen Mafia und Illegalität zu wehren. Wo hört Legalität auf und wo fängt Mafia an? Ist es gefährlich was Ivano tut? Können er und seine Gefährten ohne Personenschutz auf die Straße gehen?  All diese Fragen geistern mir durch kurz vor unserer Begegnung den Kopf. Ivano wartet auf mich am barocken Stadttor von Mesagne. Tatsächlich bin ich etwas enttäuscht, als er auf mich zukommt. Ivano ist ein schmächtiger, junger Mann mit kurzen Haaren und Brille, Typ alternativer Schluffi. Sehen so Antimafia-Helden und Fighter gegen das Böse aus?

Blick durch das Stadttor von Messagne

Hiso Telary – ein Immigranten Schicksal in Apulien

Ivano läd mich auf ein Gläschen Wein ein. Er bietet mir einen Rosé an mit dem Namen Hiso Telaray. Ein frischer und fruchtiger Wein, der sich gut trinken lässt. Aber wie kommt ein Wein zu diesem Namen? Ivano erzählt die Geschichte eines albanischen Immigranten, der auf den Feldern im Norden Apuliens arbeitet und mit 22 Jahren von den Killern der Mafia ermordet wird. Mord als Warnung an die anderen Wanderarbeiter, sich ja nicht mit der organisierten Kriminalität anzulegen und ja die Regeln zu befolgen.

Der Name eines Mordopfers in der schnöden Warenwelt benutzt als Etikett einer Flasche Rosé. Wo gibts das denn? Das ist ein ziemlich dicker Zeigefinger. Ich frage mich: Ist das ein abartiger Marketing Gag oder steckt da mehr hinter? “Mit diesem Namen erinnern wir an einen Jungen, dessen Schicksal sonst vergessen würde! Über Hiso Telaray würde heute niemand mehr reden” sagt Ivano ernsthaft. “Hiso Telaray erinnert uns daran, wie wir leben wollen, selbstbestimmt und normal.”

Deswegen bewirtschaftet Libera Terra Puglia die 50 Hektar Ackerfläche biologisch, denn die Erde soll nicht ausgebeutet werden. Deswegen werden Menschen mit körperlichem oder gesellschaftlichem Handicap bevorzugt eingestellt. Deswegen haben Frauen die gleichen Chancen wie Männer. In einer beschlagnahmten Villa finden Sommercamps für Jugendliche statt. Auf einem didaktischen Bauernhof unterrichtet Libera Terra über ihrer Aktivitäten. Das alles hört sich wirklich nicht spektakulär an und ich frage mich, was das mit Aufbegehren gegen die Mafia zu tun hat?

Hiso-Telaray-Libera-Terra

Wo hört Legalität auf? wo fängt Mafia an?

Ivano antwortet mit einem Beispiel, dem auch ich in Italien schon häufig begegnet bin. Wie ist das in einer Bar oder in einem Restaurant, wenn Du keinen Steuerquittung bekommst und auch nicht danach fragst? Ist das legal oder ist das illegal? Das ist ein Klassiker! Das kennt jeder, der schon einmal in Italien unterwegs gewesen ist. Alltag. Auch ich kenne das gut. Und ich finde es irgendwie charmant, wenn der Kellner anstelle eines offiziellen, steuerlich gültigen Belegs einen Schmierzettel mit dem Rechnungsbetrag auf den Tisch knallt. Das ist so super Italienisch.

Ich winde mich um eine Antwort und deswegen gibt sie Ivano: Es ist Steuerhinterziehung. Es ist illegal. Und genau darum geht es. Die Mafia das sind nicht die Camorra, die ’Ndrangheta, die Cosa Nostra, die Sacra Corona Unita. Die Mafia, das sind wir, das ist unser Verhalten, das ist unser Verständnis von Regeln. Wir können uns entscheiden, wie wir leben wollen: nach den Regeln der Legalität oder der Illegalität. Und darauf kommt es Ivano an: Wir haben es selbst in der Hand, änder ganz einfach dein Leben. Lebe es nach dem Gesetz. Auch wenn es unbequem ist.

Wir machen nicht mit – es geht auch anders!

So richtig will ich mich nicht mit dem zufrieden geben, was Ivano sagt. Das hört sich für mich zu einfach an. Also frage ich weiter: ob Ivano schon einmal bedroht worden ist? Wie es ist, mit der Mafia zu leben? Aber so richtig interessiert ist Ivano nicht, mir spektakuläre Antworten zu liefern. Klar, es hat schon mal Drohbriefe gegeben, einmal ist ein Feld Getreide kurz vor der Ernte angezündet worden. Aber ihm ist noch nichts passiert. Vor zehn Jahren hätten wir das Stadttor von Mesagne nicht so einfach passieren können, denn das wurde damals von zwielichtigen Gestalten bewacht.

Das wars. Und schon kehrt Ivano zu seinem Thema zurück: ich will einfach normal leben. Ich möchte mich nicht irgendwelchen absurden Regeln unterwerfen. Heute kann ich das. Als die Sacra Corona noch mächtig war, hätte ich das nie gekonnt. Ivano sieht nicht nur nicht aus wie ein Held aus dem Bilderbuch. Er möchte auch gar kein Held aus dem Bilderbuch sein. Er will ein normales Leben. Punkt. Das macht ihn sympathisch. Ich bin erstaunt über Ivanos moralischen Eifer. Ich muss zugeben, er ist mir auch fremd. Auf der anderen Seite ist die Botschaft von Ivano ganz klar: Seht her wir machen nicht mit. Und darum könnten die Jungs und Mädchen der Kooperative Libera Terra der Mafia auch gefährlich werden. Sie beweisen jeden Tag; seht her, es geht auch anders!

PS.: die Produkte der Libera Terra kann man auch in Deutschland kaufen. Hier gibts eine Liste mit Geschäften die Legal und Lecker Produkte führen.