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Beer Sheva – Betonburgen in der Wüste

Beer Sheva im Süden Israels ist die Hauptstadt der Negev Wüste. Die Reiseführer berichten von einer Altstadt aus osmanischer Zeit und von einen Beduinen-Markt. Vergiss die Altstadt und den Markt! Schau Dir das moderne Beer Sheva an. Sensationell: Brutalismus pur!

“Was willst Du denn in Beer Sheva?” fragt mich Yaron. Er ist ein bisschen entsetzt und gleichzeitig amüsiert. “Beer Sheva ist total langweilig und hässlich.” Stellt er fest. “Die Stadt liegt mitten in der Wüste. Lass uns doch an den Strand und chillen.”

Yaron ist kein Einzelfall. Alle, denen ich in Tel Aviv von meinem Plan erzähle, zwei Tage nach Beer Sheva zu fahren, schauen mich ungläubig an. Sie raten ab. “Verplemper doch nicht deine kurze Zeit in Israel. Guck Dir lieber was Schönes an.“ Rät mir Nir. “Ich arbeite in Beer Sheva. Ich bin froh, wenn ich abends im Zug nach Tel Aviv sitze.” Nir unterrichtet in Beer Sheva Informatik an der Ben Gurion Universität. Und er kommt wirklich jeden Abend zurück. Mit dem Zug. Es scheint so zu sein: Niemand fährt freiwillig nach Beer Sheva.

Nur einmal gibts eine positive Reaktion, als ich von meinen anscheinend sehr ungewöhnlichen Reiseplänen berichte. Im Bauhaus Center in Tel Aviv. Dort teilen sie meine Begeisterung für Beer Sheva. Denn bei meiner Reise in den Süden Israels, an den Rand der Negev Wüste geht es um Architektur. Genauer um Brutalismus und Neo-Brutalismus. Mit gemischten Gefühlen setze ich mich am Morgen in den Zug und fahre Richtung Süden in die Negev Wüste. Werde ich mich gut unterhalten in Beer Sheva?

Rathaus von Beer Sheva. Im Hintergund der Rathausturm. Die Fassade aus Beton Gardinen

Brutalismus pur: Rathaus von Beer Sheva. Architekten: Michael und Shulamit Nadler, Shmuel Bikson, Moshe Gil; 1962. Das Rathaus mit dem Antennen-Turm und der markanten Gardinen Fassade ist das Wahrzeichen von Beer Sheva

Stadt-Maschinen aus Beton

Brutalismus ist ein internationaler Architektur Stil der Nachkriegszeit. Architektur Stil darf ich eigentlich nicht sagen. Denn Brutalismus ist eine Art Architektur Ethik auf der Suche nach der Wahrheit; zum Beispiel der eines Gebäudes, eines Materials, eines Bauplatzes. Das ist irgendwie sehr kompliziert. Einfacher lässt sich Brutalismus über das wichtigste Baumaterial erklären: Sichtbeton. Im französischen: béton brut. Daher der Name Brutalismus. Das im Begriff mitklingende Wortspiel gibt der Bezeichnung einen negativen und manchmal nur zu wahren Doppelsinn.

Brutalismus kennt jeder. Sichtbeton veredelte als Baumaterial die 70er Jahre. Beliebt war grauer Speis auf den Baustellen für Sparkassen, Schulen, Park- oder Krankenhäuser, Universitäten und Parkanlagen, den sozialen Wohnungsbau. In Berlins Regierungsviertel wurden in der Nachwendezeit Kubikkilometer Sichtbeton in Neo-Brutalismus Regierungsgebäude gegossen.

Selten sind diese Gebäude wirklich richtig schön. Häufig sind sie brutal hässlich, dafür ehrlich und wahrhaftig. Manchmal verwirren sie wegen ihrer Größe, ihrer Massivität und ihrer Unübersichtlichkeit. Kontrovers werden sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Für viele sind Sichtbeton-Architekturen Schandmale im öffentlichen Raum. Für wenige sind sie schützenswerte Baudenkmale. Ich finde Brutalismus klasse. In Berlin wohne ich sogar in einer Brutalismus Platte aus den 80ern. Super!

Straßenkreuzung in Beer Sheva

Beer Sheva wurde in den 50er Jahren als großzügige Gartenstadt geplant. An manchen Orten grünt es noch. Doch meist wachsen in den verdorrten Gärten moderne Hochhäuser in den Himmel

Beer Sheva, eine Stadt aus dem Architektur-Labor

Beer Sheva habe ich auf meiner ersten Israel Reise kennen gelernt. Auf dem Weg nach Mizpe Ramon habe ich dort den Bus gewechselt. Am Rand der Negev Wüste verwirrten mich die vielen Baustellen, die breiten aber ziemlich autoleeren Straßen, die unglaubliche Masse von verbautem Beton. Dazwischen schlichen vereinzelte Kreaturen, verloren in der Weite der Stadtlandschaft ihrem unbekannten Ziel entgegen. Kein Sciences Fiction Film hätte die verzweifelte Atmosphäre einer gescheiterten Stadt-Utopie besser einfangen können. Ich fand diese kurze Fahrt durch die Stadt und den kurzen Aufenthalt so spannend, dass ich beschloss bald wieder zu kehren. Diese zugestaubte, industrielle Stadt-Maschine Beer Sheva hatte meine Neugierde geweckt.

Wohnblock aus den frühen 60er Jahren in Beer Sheva

Solche mehrgeschossigen Wüstenburgen enstanden in den 60er Jahren. Im Zentrum eine Gartenanlage für die Hausgemeinschaft von der Stadt abgeschirmt durch die massiven Gebäude drumherum

KLeine Einfamilienhäuser mit Satteldächern aus roten Ziegeln.

… Heute wird in Beer Sheva auch gerne mal individuell gebaut. Gartenzaun, rote Ziegel und Satteldach auch in Israel der Traum jedes Häuslebauer.

Beer Sheva ist biblischen Ursprungs. Die Legende erzählt: Abraham habe hier einen Brunnen gegraben. Die bedeutende Via Maris führte in der Antike an der alten Stadt vorbei. Heute ist das eine archäologische Zone unter UNESCO Schutz. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das moderne Beer Sheva von den Osmanen neu gegründet.

In den fünfziger Jahren war es in Israel nationales Ideal die Negev Wüste in eine blühende Landschaft zu verwandeln. Im Zentrum dieser Bemühungen Beer Sheva als staatlich geförderte und finanzierte Entwicklungsstadt. Auf dem Reißbrett federführend entworfen vom Architekten Arieh Sharon. Ein Paradies für junge, idealistische Architekten. Ihr Baumaterial Beton. Ihr “Stil“ Brutalismus.

Ein ornamentlare Totenkopf in schwarz/weiß auf einer Sichtbetonwand in Beer Sheva

Sichtbeton mag vielleicht nicht jeder. Urbanart in Beer Sheva

In Beer Sheva experimentieren israelische Architekten seit den 50er Jahren mit unterschiedlichen Theorien und Konzepten wie in einem großen lebendigen Architektur-Labor:

Was braucht ein Mensch, um sich zuhause zu fühlen?
Wie sollen unsere Städte der Zukunft aussehen?
Wie wollen wir zusammen leben?

Solche Fragen schießen mir in Beer Sheva durch den Kopf. Vielleicht sind das Gedanken, die die jungen, enthusiastischen Architekten in Beer Sheva bearbeiten wollten. Manche ihrer Experimente sind geglückt. Andere Sind ziemlich in die Hose gegangen. Diese Mischung aus Erfolg und Scheitern macht einen Besuch in der Beer Sheva so faszinierend. Die ersten Bewohner, die kamen waren ehemalige Soldaten und Beamte. Um die Stadt schneller zu bevölkern, schickte die israelische Regierung Immigranten. Heute leben 200.000 Menschen in diesem Architektur-Labor. 600.000 sollen es mal werden. Deswegen wird gebaut, gebaut, gebaut.

Wichtigste Institution vor Ort ist die Ben Gurion University of the Negev. Gut 20.000 Studenten lernen hier. Aber gemütliche Studentenkneipen oder Spuren des sorglosen Studentenlebens habe ich in Beer Sheva nicht gefunden. Bestimmt ist die Ben Gurion Universität eine effektive Hochschule, an der die Studenten in kürzester Zeit ein riesieges Pensum büffeln. Ablenkung gibt es nicht. Einzige Unterhaltung: Besuch der Lehrveranstaltungen und Lektüre in der Bibliothek.

Bushaltestelle in Beer Sheva. Im Hintergrund ein Schuppen aus farbigem Wellblech

In der Altstadt Beer Shevas wird weniger neugebaut als angebaut oder kreativ angestückt.

Wellblechwand. Bank. Bushaltestelle. Straßenszene aus Beer Sheva

Der malerische Rhythmus von Wellblech und Neonröhren. Fragmenten einer Poesie der verfallenden Stadt

Die Hauptstadt des Negev

Auch wenn ich wegen der modernen Architektur gekommen bin, habe ich die Altstadt nicht links liegen lassen. Die Osmanen haben in die Wüste eine rationale Stadt gebaut. Die Straßen verlaufen schnurgerade und kreuzen sich im rechten Winkel. Niedrige, höchstens zweistöckige Häuser. Die Gebäude sehen ziemlich verzweifelt aus. Manche haben sich mit einer Art Western-Look aufgrüscht.

Es gibt einen Markt mit unglaublich vielen Plastikprodukten. Eine Hauptstraße mit zwei Falafel Buden. Die Bewohner der Altstadt scheinen wirtschaftlich ziemlich abgehängt zu sein. Ein trauriger, ein absurder Wüstenplanet, auf dem ich gelandet bin. Altstadt ist eigentlich nicht der richtige Begriff, um den älteren Teil von Beer Sheva zu bezeichnen. Denn richtig alt ist hier mal gar nichts.

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Teppichgeschäft oder Western Saloon?

Restaurant in einem Eckhaus

Unlösbare Rätsel der Gegenwart. Warum braucht ein kleines Haus eine so große Kühlung? … Der abgemilderte Komplementärkontrast Grün und Rosa ist allerdings der Hammer!

So geht Brutalismus!

In der “Old Town“ stoße ich schon auf die erste spektakuläre Brutalismus Perle. Ein Hausobjekt importiert von einem fremden Stern. Ein richtiger Fremdkörper. Ein Bürobau. So eine Art Waben-Architektur auf achteckigem Grundriss. Mitten in der osmanischen Stadt rücksichtslos aufgebockt auf einer brachialen Beton Terrasse.

Die Fenster kragen schräg aus dem Baukörper hervor. Die Idee dahinter ist wahrscheinlich, das kräftige Sonnenlicht nicht direkt in die Räume strahlen zu lassen. So werden die Innenräume verschattet. Außerdem gliedern die Schrägen die Fassade in ein spektakuläres Relief. Dieses Relief wird heute durch die außen montierten Lüftungsapparate empfindlich gestört.

Detailaufnahme der Fassade eines Büroshauses in Beer Sheva

Sensationell dieses Relief aus Glas, Beton und Metall! Klimaanlagen besiedeln die Lüftungsschlitze der Fassade wie saugende Space Invader

Damit gibt dieses Gebäude den Ton vor, den ich an fast allen Brutalismus-Bauten in Beer Sheva finden werde. Der Entwurf geht ein auf die besonderen Anforderung des Bauplatz Wüste. An Schatten, Kühlung, Lichtreduktion wird gedacht. Aber die Planung bleibt hinter den Bedürfnissen der Realität zurück. Also wird angestückt. Verändert. Vernachlässigt oder verschlimmbessert.

Beer Sheva war ursprünglich als Gartenstadt geplant. In Tel Aviv war diese städtebauliche Reformidee made in Great Britain schon erfolgreich ausprobiert. Terrassen, Grünflächen, Straßen wurden in der Wüste sehr großzügig angelegt. Platz gab es ja. Bei der Weite der Stadt braucht es darum das Auto für die Fortbewegung. Auch an die Folgen des Autoverkehrs wurde bei diesem Bau gedacht. Die Terrasse, auf der sich der Büroturm nach oben wellt, sieht aus wie das unvollendete Teilstück einer Fußgänger-Plattform, die sich über den Autoverkehr schwingen sollte. Umsetzung eines Credos der Moderne, die Verkehrswege von Mensch und Maschine zu trennen.

Büro-Gebäude in Beer Sheva. Die Fassade ist wabenartig aufgebaut.

So grau sieht Zukunft aus. Dieser Büroturm schwebt wie ein Raumschiff über der Altstadt von Beer Sheva.

Die Gartenstadt ist nie weit gediehen. Es war wohl zu kompliziert, mitten in der Wüste das Wasser zu besorgen, um die Grünflächen und Gärten zu pflegen und zu erhalten. In in letzten Jahren wurde damit begonnen, den Stadtraum zu verdichten. So blühen in den verdorrten Parks und Gärten nun weitere Betongewächse. Was mich in Beer Sheva besonders begeistert hat, ist die Kombination aus Wüste und Beton. Denn Beton und Wüste, das geht wirklich gut zusammen. Auf den ersten Blick sehen beide tot und langweilig aus. Der nähere Blick auf die Wüste enthüllt dann, dass sie lebt. Genauso verhält es sich mit dem Beton. Der lebt auch! Er altert, wirft Falten, reißt ein.

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Fassadenputz und Beton. Auf der rauhen Obfläche waren ursprünglich Kacheln verklebt. Jetzt sieht es aus wie eine verfurchte Wüstenlandschaft

Spaziergang durch Beer Sheva

Bei meinem ersten Spaziergang durch das moderne Beer Sheva laufe ich den Yitzhack I. Rager Boulevard entlang. Ich möchte zur Ben Gurion Universität. Auf dem Campus soll es die schönsten und prächtigsten Beispiele für Brutalismus Architektur geben. Mein Weg führt mich am Rathaus vorbei, am Yad Lebanim, einem Mahnmal für israelische Soldaten und Soldatinnen.

Wie beim ersten Besuch sind die Straßen ziemlich leer. Nur vereinzelt sind Menschen, so wie ich, zu Fuß unterwegs. Ausgespuckt auf den Asphalt erschließt sich die Unwirtlichkeit der Stadt und deren uferlose Dimension sofort. Nirgends ein Halt. Nirgends eine Bucht, in der ich anlegen könnte. Die große Stadt erschlägt. Einen Schutzraum bietet sie nicht. Für meinen Freund Sagi ist Beer Sheva “ein typisches Beispiel für nicht existierende Stadtplanung in einem großen Flüchtlingscamp mit dem Namen Israel.“

Baustelle für neue Hochhäuser im Zentrum von Beer Sheva. Blauer Himmel und vier Kräne

Die weite Stadtlandschaft Beer Shevas wird mit Hochhäusern zu einem Zentrum verdichtet.

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Das neue Kulturzentrum

Ich passiere eine riesigen Baustelle, auf der sich Beer Sheva gerade neu erfindet. Verglichen mit den Brutalismus Perlen der 50er und 60er Jahre wachsen hier gesichtslose Hochhausbunker in die Höhe. Ich mache einen kurzen Stop auf dem Campus des Soroka Klinikums und besuche dort die medizinische Bibliothek.

Auf dem Campus der Ben-Gurion Universität beeindrucken mich besonders die Gebäude für die geisteswissenschaftlichen Fachbereiche und für die naturwissenschaftlichen Fakultäten. Die  Universitätsbibliothek besitzt eine überraschend gestaltete Fenster-Dachlandschaft. Das hohe Gut Bildung inspiriert Architekten hier in Beer Sheva zu erstaunlich schönen Entwürfen und Gebäuden. Überhaupt entfesseln die Architekten bei den öffentlichen Bauten die enormen plastische und skulpturalen Gestaltungspotentiale des Materials Beton. Auch wenn viele Gebäude aussehen wie Festungen in der Wüste. Die Wohnhäuser schneiden da meist schlichter ab.

Am nächsten Tag schaue ich mir Wohnarchitektur an. Ich wundere mich über den Drawer Tower. Der Schubladen Turm macht seinem Namen alle Ehre. Ich gucke mir das Wohnhaus mit dem Namen Quarter Kilometre House an. Es ist tatsächlich 250 Meter lang. Außerdem streife ich durch die Model Hei Nachbarschaft. Ehemals ein Wohnviertel für Mitarbeiter der Universität und für Wissenschaftler. Heute ist die etablierte Mittelschicht ausgezogen. Gekommen sind Einwanderer.

Mehr habe ich in zwei Tagen nicht geschafft. Schade! Die Stadt ist so groß. Mehr ließ sich zu Fuß in Beer Sheva nicht entdecken. Also muss ich noch mal hin. Denn es gibt so viele Häuser und Brutalismus Perlen, die ich nicht gesehen habe. Da können sich Yaron und Nir noch so viel wundern, wie sie wollen. Bei meiner nächsten Israel Reise bin ich bestimmt wieder in Beer Sheva. In diesem Foto-Post findest Du Bilder von allen Gebäuden, die ich in diesem Post erwähnt habe und noch mehr Brutalismus in Beer Sheva.

Das Viertel Kilometer Haus