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Berlin, Texas

Fünf Jahre hat Peter Rehberg in Austin, Texas gelebt. Letzten Sommer kehrt er nach Berlin zurück. Hier fehlt ihm außer der texanischen Sonne die amerikanische Freundlichkeit. Im Supermarkt. Im Büro. Überall. Aber wohin? Mit Trump ist sein amerikanischer Traum zerplatzt.

I.

Darauf war ich nicht vorbereitet. Obwohl ich doch in Deutschland geboren bin und auch die Hälfte meines Erwachsenenlebens hier verbracht habe. Die letzten fünf Jahre hatte ich in den USA gelebt, war immer nur einige Wochen während der Sommermonate hier gewesen.

In Texas schien fast immer die Sonne, auch im Winter waren es selten unter 20 Grad, im Sommer 40. Wie lange der Herbst dauert, wie früh es dunkel ist. Dass man sich vor der Kälte schützen muss, wenn man das Haus verlässt. Ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt, wie es den Bewegungsspielraum einschränkt. Der Wunsch die Nachmittage auf dem Sofa zu verbringen. Wie es geht zu leben, wenn von draußen in Form von Sonnenschein nicht ständig die Aufforderung kommt: Laufe, schwimme, lebe!

Ich musste das erst wieder lernen.

Ich glaube Nietzsche war es, der gesagt hat, die Gemütsverfassung der Deutschen, das schlechte Essen, das liegt alles am Wetter. Ohne grauen Himmel keine deutsche Philosophie, keine klassische Musik. Kulturleistungen, die den Innenraum des Menschen ausmessen, die abstrakt, über die Sinne der Distanz funktionieren und nicht übers Tasten, Riechen, Schmecken.

Wie unfreundlich Deutsche sind, merkt man als Deutscher erst, wenn man längere Zeit im Ausland gelebt hat. Warum spricht die Bäckersfrau morgens um acht im Kommandoton mit mir? Als hätte sie eine Aufgabe zu bewältigen, die ihr soviel abverlangt, dass sie sie nur mit äußerster Kontrolle erledigen kann. Oder hat sie in ihrem Leben so wenig Freuden, dass ihre einzige Genugtuung darin besteht, jeden Kunden schlecht zu behandeln?

Wie es geht zu leben, wenn von draußen nicht ständig die Aufforderung kommt: Laufe, schwimme, lebe!

Wie mir das fehlt: Die amerikanische Freundlichkeit. Im Supermarkt. Im Büro. Im Taxi. Das Lächeln und die Gesprächsbereitschaft immer, überall, die doch signalisiert, wir teilen hier diese Zeit, diesen Ort, dieses Leben, und das ist doch ein Glück, oder? Wir kennen uns zwar nicht und werden uns vielleicht nie wiedersehen, aber, du bist doch auch ein Mensch.

Es kommt einem vor wie eine kollektive Pathologie. Als hätten die Deutschen die einfachsten Regeln des sozialen Zusammenlebens nicht drauf. In der Ubahn, in der Umkleidekabine im Sportstudio. Keiner sagt ein Wort, keiner macht Platz. Fremde Menschen fassen einen stumm an, schieben einen beiseite. Ohne Höflichkeit und Respekt versucht jeder zu seinem Recht zu kommen. Man kann die Hoffnung verlieren an solchen Tagen. Dies ist doch ein reiches und freies Land. Doch im Alltag gewinnt man wenig Vertrauen zu den Deutschen.

Gerne würde ich damit fortfahren, wie sehr ich die Freundlichkeit der Amerikaner über die Jahre liebgewonnen habe, und um was für ein Missverständnis es sich handelt, hierin eine Oberflächlichkeit im negativen Sinn zu sehen. Freundliche Oberflächlichkeit gegenüber Fremden ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Was wir von den Amerikanern alles lernen können, und was ihre Kultur unserer voraushat.

Das Nicht-Hierarchische der Begegnungen. Die Lässigkeit, mit der Formalitäten im Sozialen geregelt werden, ohne Autorität behaupten zu müssen. Das Gefühl eines Kollektivs, zu dem jeder und jede sofort dazugehören kann. Dass dachte ich vor 20 Jahren schon bei meinem ersten New-York-Besuch. Es gibt kein einheitliches Bild davon, wie ein Amerikaner aussieht, und das heißt auch: Jeder kann Amerikaner werden. Was für ein Versprechen!

Die Wahl des neofaschistischen Populisten Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA am 9. November hat dieses Bild zerstört. Jetzt ist alles verdächtig geworden. War Amerika denn nichts als eine Illusion? Hatten jene europäischen Nörgler Recht, die im American Way of Life einen ungehemmten Materialismus sahen, der durch die heuchlerische Freundlichkeit im Alltag nur notdürftig verkleidet wurde? Musste ich jetzt auch in das Feld der hartnäckigen Anti-Amerikaner wechseln, die ich bisher immer als einen Ausdruck einer besonders perfiden Art von deutschem Nationalismus verstanden hatte?

II.

Fünf Jahre hatte ich in Austin, Texas gelebt. Ich versuchte die Zeichen zu deuten, die darauf hinwiesen, dass vielleicht auch hier etwas ganz grundsätzlich nicht gestimmt hat. Dass ich etwas übersehen hatte. Dass ich mich in Amerika getäuscht hatte.

Wenn man deutschen Freunden erzählte, dass man in Texas lebt, guckten Sie einen nur mitleidig an. Schusswaffen. Christlicher Fundamentalismus. Der Bush-Clan, Dallas. Was wir als Europäer an den USA lächerlich oder bedrohlich findet, das kommt doch aus Texas. Mein Texas war ein anderes. Es gab drei Gründe, warum ich vor fünf Jahren das Jobangebot der University of Texas at Austin angenommen hatte. Hier schien immer die Sonne. Austin ist nicht Texas. Und Amerika liebte ich sowieso. Einen Teil meiner Ausbildung und bisherigen Berufskarriere hatte ich hier verbracht.

Austin City Limits Music Festival, Zilka Park

In Europa ist Austin hauptsächlich bekannt, weil seit 2012 das Formel-1-Rennen hier stattfindet, und weil in Round Rock, einer Suburb von Austin, Dell Computer hergestellt werden, die auch fast in jedem deutschen Großraumbüro stehen. Außerdem gibt es da noch South by Southwest (SXSW), eine Woche im Frühjahr, die zugleich Musikfestival, Filmfestival und Computer-Konferenz ist. Twitter wurde hier vor zehn Jahren gelauncht. Austin ist das Silicon Valley von Texas.

Wie in den meisten US-Staaten auch, ist Austin als Hauptstadt von Texas nicht die bedeutendste Stadt im Bundesstaat, das sind Houston und Dallas, selbst San Antonio ist größer. Auch wenn die texanischen Regierungsgebäude hier zu finden sind, und das Capitol in Austin, dessen Kuppel mit der in Washington konkurriert, sich immer noch gegen die schnell wachsende Skyline behaupten kann, ist Austin eigentlich ein altes Hippienest. Kiffen, Abhängen, Musikhören. Der Film Slacker porträtiert junge Männer in Austin, ohne Richtung und Ziel, außer vielleicht dem, Musik zu machen. Irgendwie übrig geblieben aus den 1960ern, oder schon die neue Variante eines speziell männlichen Losertums in einer postindustriellen Gesellschaft, in der weiß und männlich zu sein nicht mehr unbedingt ein Privileg darstellt.

Wer aus New York oder San Francisco herausgentrifiziert wurde, macht sich auf den Weg in die amerikanische Provinz. Portland, Oregon, Athens, Georgia und Austin, Texas, sind so in den vergangenen 20 Jahren zu Hipster-Hochburgen geworden. In den USA hat Austin deshalb einen guten Ruf: jeder unter 40, dem du erzählst, dass du hier wohnst, strahlt dich an. Der Ruhm der Stadt ist etwas übertrieben. Austin ist sympathisch, liebenswert, wenn auch nicht wirklich schön.

Hallo Houston, wir haben ein Problem

Trotz fast 1 Million Einwohner ist Austin keine Großstadt. Eine aus den Fugen geratene Ansammlung von Holzhäuschen plus einige Alibiwolkenkratzer. Die schnell wachsende Skyline ist wie eine Fata Morgana: Sie verspricht eine Stadt, wo keine ist. Doch das Verkehrssystem ist eine Katastrophe. Absichtlich sagen einige, um den Zuzug zu stoppen. Auch die Wohnungspreise stellen keine wirkliche Alternative mehr zu Manhattan da. Eine Zweizimmerwohnung in Zentrumsnähe ist ab 1500 Dollar zu haben.

Die digital bohème, die bei Dell oder einer der vielen Computerspiel-Firmen in der Umgebung ihr Geld verdient, treffen sich in local coffee houses wie Houndstooth. Selbstgerösteter Kaffee, selbstgebrautes Bier und urban farming, das sind die Leidenschaften des Hipsters. Die Cafés liegen nicht in Zonen urbaner Verdichtung, sondern verstreut über eine Stadt, in der man sich immer noch am besten mit dem Auto bewegen kann. Auch wenn es längst zum Image des Austinite gehört, ein Fahrrad zu besitzen, durch dessen bunte Farbe und fehlendes Firmenlogo man seine Individualität unter Beweis stellt, und das am Wochenende vielleicht sogar für eine Runde um den Town Lake benutzt wird.

Selbst die Zentrale von Whole Foods, die amerikanische Bioladenkette mit Delikatessen wie in der Lebensmittelabteilung des Berliner KaDeWe (und auch solchen Preisen), die hier in Austin gegründet wurde, gibt einem nicht wirklich das Gefühl, man lebe in einer Großstadt. Besser gesagt: Nur solange man den Biosupermarkt nicht verlässt, kann man der Illusion nachhängen, man befände sich gerade im Zentrum westlicher urbaner Kultur, in Brooklyn oder East London. Unterarmtätowierte Hipster mit gepflegten Bärten und lustigen T-Shirts sitzen an den Kassen. Auch die Kunden sehen unheimlich entspannt und attraktiv aus. Da möchte man gerne dazugehören. Im Laden läuft Rockmusik. Kein Wunder, dass mir meine Ostberliner Bäckersfrauen mit praktischem Kurzhaarschnitt im Vergleich wie aus einem andern Jahrhundert vorkommt, das wir gerne hinter uns gelassen haben.

Aber von außen sieht die Whole Foods- Zentrale aus wie alle anderen Gebäude, die hier in den letzten 20 Jahren errichtet worden sind, egal ob sie eine Versicherungs- oder Telefongesellschaft beherbergen. Beige oder hellbraune Fassaden, oft mit Wänden aus Pappe und Speerholz – amerikanische Leichtbauweise. Austin ist eine junge Stadt. In Austin sieht man die Zukunft Amerikas. Postindustriell, posturban, vegan und divers. In Austin haben 60% demokratisch gewählt. Sich hier nach den Ursachen des Trump-Triumphs umzusehen hat also wenig Sinn, oder?

Berlin, Texas

III.

Im Auto bewege ich mich von der Wohnanlage, in der ich wohne, 15 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, wo nur Menschen wohnen, die soviel verdienen wie ich, im Auto zum Gym, wo nur Menschen trainieren, die so alt sind wie ich, zum Supermarkt mit vorbereiteten Gerichten, Pizza, Sushi, was du willst, wo nur Menschen einkaufen, die so wenig Zeit oder Lust zum Kochen haben wie ich. In Austin sehe ich nie Menschen, die anders leben als ich. Auch ohne die Umzäunung einer Gated Community lebe ich wie in einer Gated Community.

Es gibt vier oder fünf Orte in dieser Stadt, zwischen denen ich mich bewege. Nichts ist zufällig. Alle Strecken werden mit dem Auto zurückgelegt. Es gibt keine Ubahn, die paar Buslinien sind für die 50.000 Studenten der Stadt da. Sonst keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine öffentlichen Plätze. Keine Orte, an denen man planlos Zeit verbringen würde. Jeder Besuch hat eine eindeutige Funktion, sonst geht man wieder nach Hause, wo Netflix und Amazon auf einen warten, wo man nur guckt oder hört, was man selber oder Netflix und Amazon schon für einen ausgesucht haben.

Es stimmt, dass es einem ein Gefühl von Freiheit gibt, dass in Amerika alles auf den individuellen Geschmack abgestimmt ist. Die gefühlten 30 Joghurtsorten und Bodylotions, zwischen denen ich im Supermarkt wählen kann. Überall ein Anreiz zum Kauf. Niemals muss ich mich beschränken. Als habe ich ein Recht darauf, immer und überall individuell versorgt zu werden.

Austins Skyline. Blick am Morgen aus dem Arbeitszimmer.

Stadtplanung, Verkehrssystem und Einkaufsstrukturen sorgen dafür, dass meine Welt mit der Welt jener, die keinen gutbezahlten Job haben, nichts zu tun hat. Ich sehe sie nur selten, vom Auto aus. Wenn ich auf dem Weg zum gentrifizierten Teil von East Austin, wo es hippe Restaurants gibt, durch den nicht-hippen Teil von East Austin fahre, wo man Leute am Straßenrand gehen sieht. Oft gibt es keine Bürgersteige. Viele besitzen hier kein Auto. Ihre Neighborhood verlassen sie fast nie. Die meisten von ihnen sind schwarz. Auch wenn die Rassentrennung vor 50 Jahren abgeschafft wurde, sozioökonomisch funktioniert sie noch immer.

Es sind aber nicht nur Schwarze, die man auf der Straße sieht und die nach Geld fragen. Nicht an der Straßenkreuzung, wie in deutschen Großstädten, wo einem in der Rotphase angeboten wird, dass noch schnell die Scheiben saubergemacht werden. Hier stehen sie, meistens weiße Männer zwischen 40 und 60, manchmal Frauen, an Autobahnausfahrten, mit Pappschildern, auf denen steht: Ich habe mein Haus verloren, oder: Ich habe Krebs. Aber ich kann die Therapie nicht bezahlen, weil ich keine Krankenversicherung habe.

Es kostet nicht viel, ihnen aus dem Weg zu gehen. Das Fenster hochkurbeln, wenn man an der Ampel wartet. Die Musik aufdrehen. Bewusst in den Rückspiegel gucken. Das Traurige an diesen Begegnungen, die ganz leicht zu Nicht-Begegnungen werden: Sie stehen nicht vor dir, gucken dir nicht in die Augen und sprechen dich nicht an, anders als die Obdachlosen in der Berliner Ubahn. Im Auto sitzend ist man schon von ihnen abgeschirmt. Wer nicht will, muss sie nicht sehen oder hören. Die Ampel springt um, man kann schnell weiterfahren.

Ich habe fünf Jahre in Texas gelebt aber Trumps Amerika nie kennengelernt. Mein Leben in Austin fand in einer liberalen Mittelschichtsblase statt. Ich musste den Menschen, die nicht so leben wie ich, gar nicht aus dem Weg gehen. Es war schon so für mich eingerichtet. So funktioniert das Leben in Austin, Texas. Das freundliche, individualisierte, genussreiche Amerika-Leben.