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Reality Check – Bethlehem

Bethlehem, die Du nicht die Geringste bist unter den Städten … so kenne ich diese Stadt aus der Bibel. Mit Halbwissen und verquasten Vorstellungen aus dem Neuen Testament fahre ich Richtung Westjordanland. Schon die Fahrt nach Bethlehem wird zum Reality-Check.

Schreibe ich Bethlehem. Denke ich Krippenspiel. in der Hohnekirche. Seit 1929! Immer in der letzten Woche vor den Weihnachtsferien. Ziemlich old school. Meine Karriere begann ich als singender König aus dem Morgenland. Beendet habe ich sie nach vielen Jahren als Herodes. Soloauftritt, Sprechrolle, toll! Vom Good Guy zum Bad Guy. Der Aufstieg als Abstieg sozusagen. Das ist Jahre her.

Es ist so: ich reise nach Bethlehem und habe einen prallen Sack voll biblischer Fantasmen im Kopf. Ich bespiele ein völlig abgedrehtes Kopfkino mit schnulzigen Filmen produziert während meiner kindlichen, kirchlichen Sozialisation. Bethlehem!

Bethlehem! Für mich ist das ein Stall, eine Krippe, Ochs und Esel. Eine romantische Hüttensiedlung auf dem Berg! Es wird sich zeigen: Ich habe wirklich keinen Schimmer von der Realität. Und dabei denke ich von mir, ich sei über die Welt gut informiert.

Bei meiner Reise erlebe ich wie wirkmächtig die guten alten Kinder-Erzählungen sind: die Klischees, die Vorurteile, die Ängste und die Rassismen. Irre, wie sie meine Wahrnehmung foppen. Die Fahrt nach Bethlehem ist eine erstaunliche Operation – am wachen Bewusstsein sozusagen. Hier ein Schnitt und dort ein Schnitt und plötzlich mäandern durchgebrannte Gedanken losgelöst und unverbunden in meinen Kopf.

Autobahn Nr. 1 in Israel Ausfahrt Holyland bei Jerusalem

Autobahn Ausfahrt Holyland

Wir fahren von Tel Aviv nach Bethlehem. Das dauert ungefähr zwei Stunden. Erstaunlich, was sich in zwei Stunden so alles ereignen kann. Die Fahrt beginnt unspektakulär auf der Autobahn 1 Richtung Jerusalem. Flache Landschaft, Trabantenstädte, in der Ferne Industrie. Das ist mir alles sehr vertraut. Mittelmeer-Landschaft eben. Es geht hinauf ins Judäische Bergland vorbei an Baustellen riesiger Infrastruktur-Projekte. Autobahn-Erweiterungen, Brücken und eine Schnellbahn-Trasse, die Tel Aviv mit Jerusalem verbinden soll. Aus der Perspektive der Architektur und der Infrastruktur sieht Israel für mich aus wie ein prosperierendes, optimistisches, der Zukunft zugewandtes Land.

Exit Holyland

Richtig ins Staunen komme ich, als wir an Jerusalem vorbei fahren. Eine moderne Stadt, deren Peripherie in die umgebende Hügellandschaft metastasiert. Mit der Stadt des König Herodes hat der Anblick wenig zu tun. Immerhin an einer Autobahnausfahrt steht tatsächlich “Holyland“. Das finde ich toll.

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Jerusalem – Wohnanlage Holyland

Holyland. Dahinter öffnet sich kein Paradies. Heiliges Land ist ein Euphemismus, um eine der hässlichsten Wohnanlagen Israels zu bewerben. Die Anlage besteht aus dem höchsten Gebäude Jerusalems, dem Holyland Tower: brutale 121 Meter und 32 Geschosse Glas und Beton. Daneben stehen sieben 52 Meter Türme auf terrassenartigen Sockeln. Sie sind durch irrwitzige Brückenkonstruktionen miteinander verbunden. Sieht ein bisschen nach einer Sciences-Fiction Wohnburg aus. Der Investoren-Katalog verspricht einen atemberaubenden Blick auf Jerusalem und das umgebende Judäische Bergland. Glücklich wer drinnen ist, der muss diese gebaute Scheußlichkeit nicht betrachten.

Bethlehem im Westjordanland

Bethlehem liegt in den Palästinensischen Autonomie Gebieten im Westjordanland. Wir müssen einen israelischen Checkpoint passieren, um dorthin zu gelangen. Rein ins Westjordanland geht es schnell. Eine Soldatin steht am Checkpoint und winkt uns lässig durch. Mir fällt ein gelbes Schild auf. Es warnt israelische Autobesitzer davor, ihre Autos im Westjordanland reparieren zu lassen. Das sind keine Wirtschaftssanktionen. Befürchtet wird eher, dass während der Reparatur beim palästinensischen Autoschrauber eine Bombe im Wagen platziert werden könnte. Paranoide Realität.

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Al Khader oberhalb des Cremisan Tals

Die Mauer

Etwas entfernt vom Checkpoint sehe ich dann zum ersten Mal die Mauer. Die Mauer, die Israel vom Westjordanland abtrennt. Sie soll Israel und besonders Jerusalem vor Selbstmordattentätern aus dem Westjordanland schützen. In Zeitungsartikeln mit dem Thema Mauer lese ich, dass sie das auch tut. Bewohner Jerusalems berichten, dass erst die Mauer Sicherheit und etwas Normalität in ihr Leben gebracht habe. Endlich Busfahren, Marktbesuch oder Kaffee auf der Straße, im Freien, mitten unter vielen Menschen ohne Angst vor einer Explosion gleich nebenan.

Die Mauer das ist eine über 700 Kilometer lange Barriere aus Stahl und Beton. Hier schließt die Mauer das palästinensische Al Khader ein, grenzt den Ort von der Nutzung der unterhalb gelegenen modernen Straße aus und bewahrt den Verkehr israelischer Siedler auf der Straße vor eventuellen Steinwürfen aus dem Ort.

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Mauer im Westjordanland

Linker Hand liegt die israelische Siedlung Har Gilo. Auch dieser Ort ist von der Mauer eingefasst. Hier hat die Mauer aber eine andere Funktion. Die Mauer soll eine israelische Siedlung im Westjordanland schützen und territoriale Fakten schaffen. Har Gilo liegt zwar im palästinensischem Westjordanland, die Mauer macht die Siedlung tatsächlich zu einem zukünftigen Teil Israels.

Die Wirkung dieser Mauer finde ich schwer zu fassen. Diese Grenze ist porös und unbestimmt. Trotz der brachialen Vehemenz der Betonwände, die Landschaft, Städte und Dörfer, Felder und Haine, Gesellschaft und Familien im Westjordanland rücksichtslos zerschneiden. Wo hört Israel auf? Wo fängt der palästinensische Staat an? Keine klaren Antworten. Es hängt vom Standpunkt ab, von der Haltung, der Nationalität, der Religion. Israel und Palästina. Zwei Staaten ohne klare Außengrenzen. Deswegen: Mauer!

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Ölhaine auf Terrassenfelder im Cremisan Tal

Weltkulturerbe Cremisan Tal

Die ambivalente Elastizität dieser Barriere lässt sich gut im Cremisan Tal erleben. In der frühen Abenddämmerung fahren wir durch eine zauberhafte, hügelige Landschaft zwischen Jerusalem und Bethlehem. Geprägt von Jahrhunderte alten Ölbaumkulturen auf Terrassenfeldern. Die grünen Blätter der Ölbäume, die rote Erde und die weißen Kalksteine der Trockenmauern bilden einen reizvollen Kontrast. Graue, schwere Regenwolken verdunkeln den Novemberhimmel. Im Cremisan Tal denke ich zum ersten Mal: hier ist biblisches Land. Sogar die UNESCO war beeindruckt. Sie hat diese ehrwürdige Kultur-Landschaft unter Welterbe Schutz gestellt.

Dieses Welterbe ist bedroht. Von der Mauer. Mitten durch das Cremisan Tal. Der genaue Verlauf des Bollwerks ist noch nicht geklärt. Palästinenser und die katholische Kirche haben gegen die Mauer geklagt. Der oberste israelische Gerichtshof hat die Mauer durch das Tal für Recht erklärt. Es wird noch nicht gebaut. Doch die Mauer ist schon längst angekommen in den Köpfen, als Befürchtung, Angst und als Konfrontation.

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Westjordanland Zone A – Eintritt verboten!

Westjordanland – Zonen ABC

Das Westjordanland ist in drei Zonen aufgeteilt Zone A, B, und C. Bethlehem liegt in der Zone A. Zone A, das sind jene zwei bis drei Prozent des Westjordanlandes, die vollständig unter der Kontrolle der palästinensischen Autonomiebehörde stehen. Die Hauptstadt Ramallah und die Wirtschaftsmetropole Nablus gehören auch dazu. Zone B wird von der Autonomiebehörde gemeinsam mit Israel verwaltet. Zone C steht unter der Kontrolle der israelischen Armee.

Das Betreten der Zone A ist für israelische Zivilisten verboten. Große Warnschilder am Übergang in die Zone A weisen ausdrücklich darauf hin. Israelis könnten Opfer von Entführungen und Geiselnahmen werden. Sie müssten dann vom israelischen Staat zu Beispiel gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden. Das soll verhindert werden. Nach dem gelben Warnschild vor Auto-Reparaturen ist das rote eine weitere Warnung, welche das palästinensische Westjordanland dämonisiert und gefährlich macht, welche Palästinenser und Israelis von einander separiert.

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Bethlehem – eine moderne Stadt

Bauboom in Bethlehem

Ein wichtiges Privileg der Autonomiebehörde in Zone A ist die Bauaufsicht. In Zone B und C liegt sie bei den israelischen Behörden. Nur in Zone A kann die palästinensische Autonomiebehörde Baugenehmigungen erteilen. Das hat Folgen, die ich an vielen Stellen sehen kann. Überall in Bethlehem wird gebaut. Auf den Hügeln und in den Tälern rund um das alte Stadtzentrum werden Häuser in immer gleicher Weise hochgezogen. Ein Betonskelett wird mit weißen Kalksteinen verkleidet. In den Obergeschossen starksen häufig nur Betonpfeiler in die Luft oder tragen den Boden für ein weiteres Geschoss. Hier ist schon mal für die nächste Generation vorgebaut. Wenn es unten zu eng wird für Kinder und Kindeskinder, lässt sich das Haus problemlos erweitern.

Bethlehem ist eine moderne, hoch verdichtete Stadt. Irgendwo in der winzigen Altstadt liegt die ehrwürdige Geburtskirche. Drumherum moderne Architektur ohne Charakter und eine Peripherie aus palästinensischen Flüchtlingslagern. Ich bin angekommen in der gebauten Realität des Nahost Konflikts. Trotzdem bin ich bei meiner Ankunft enttäuscht. Ich habe mir Bethlehem schlicht und einfach mal ganz anders vorgestellt. Kleiner, romantischer, altmodischer. Wie in der Weihnachts-Geschichte eben. Das kann nicht die Wirklichkeit sein. Ist mir schon klar. Morgen werde ich mir diese überraschend unbekannte Realität einmal genauer anschauen.

Auf einen Blick

Ca. zwei Stunden dauert die Fahrt von Tel Aviv nach Bethlehem. Von der Küstenebene hinauf ins Judäische Bergland. Vorbei an Jerusalem, israelischen Siedlungen, Checkpoints und palästinensischen Flüchtlingslagern geht es ins Westjordanland. Für mich hält diese kurze Fahrt unglaublich viele verwirrende Eindrücke zur Realität des Nahost-Konflikts bereit. Darum geht es in diesem Artikel.