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Bologna: Speed-Dating in 3 Stunden!

Bologna? Schon mal da gewesen? Siehste! Bologna in der Emilia-Romagna ist ein richtiger Geheimtipp. Die berühmte Nudelsoße Ragù alla bolognese kennt jeder, aber in der uralten Universitäts-Stadt schon mal umgeschaut? Nö! Dabei ist Bologna erfrischend jugendlich und quirlig.

So richtig viel Zeit habe ich für Bologna leider nicht. Nur ein Vormittag. Ich bin halt auf der Durchreise. Also rufe ich Massimo an, der weiß ja immer überall, was in Italien geht. “Du kommst bestimmt am Bahnhof an.“ Stellt er ganz nüchtern fest. Er hat recht. Natürlich weiß Massimo, dass ich keinen Führerschein habe, also bin ich auf die Öffentlichen angewiesen. “Wieviel Zeit hast Du in Bologna?“ möchte Massimo noch wissen. Leider nur 3 Stunden.

“Ja“, sagt er nach kurzem Nachdenken, “3 Stunden in Bologna … ja, dann gehst Du ganz einfach die Via Indipendenza hoch, bis zur Piazza Maggiore. Da schaust Du Dich um, und gehst Du durchs Ghetto wieder zurück zum Bahnhof. Das schafft Du locker in 3 Stunden.“ Mehr lässt sich Massimo nicht entlocken. Ahnung habe ich noch keine. Aber immerhin habe ich jetzt so etwas wie einen Plan.

Im Zug nach Bologna recherchiere ich noch schnell, was um die Piazza Maggiore so alles zu entdecken ist: San Petronio, die 5 größte Kirche auf Erden, außerdem die Alma Mater Studiorum, die älteste Universität der Welt, einen gigantischen Neptun erschaffen von meinem Lieblingsbildhauer Giambologna, zwei gewaltige Geschlechtertürme, ein Compianto (was immer das auch ist), tolle, richtig chice Shopping-Straßen, auf dem Weg zum Ghetto das Oratorium der Heiligen Cäcilie und dann unzählige Arkadengänge für die Bologna so außerordentlich berühmt ist. Uff, was für ein Programm. Aber dann weckt das auch meinen Ehrgeiz. Das will ich alles sehen und wenigsten einen schlauen Gedanken dazu haben.

Vier Bögen einer Arkade sind von Sonne beschienen. Unter der Arkade läuft ein Mann. Auf der Straße fährt eine Frau mit einem Fahrrad vorbei.

Montag Morgen auf der Via Indipendenza in Bologna

Eine Kreuzung in Bologna dahinter ein großer Platz. In den Fenstern der modernen Gebäude spiegelt sich die Morgensonne.

Piazza dell‘ 8 Agosto auch am frühen Montag Morgen

Menschen gehen auf einem Bürgersteig unterhalb von Arkaden-Bögen entlang.

Immer noch ein Montag Morgen. Unter den berühmten Arkaden von Bologna

Bologna Speed-Dating in 3 Stunden

Angekommen! Ich springe aus dem Zug und haste los, Richtung Stadtzentrum Bologna. Aber schon als ich den Beginn der Via Indipendenza erreiche, wird mir klar, dieses Tempo halte ich nicht durch, denn die Via Indipendenza ist mindestens 1,5 Kilometer lang. Also langsam angehen lassen. Die Arkadengänge entlang der schnurgeraden Straße sind wirklich toll. Prächtig rahmen sie den breiten Boulevard, der vom Bahnhof Richtung Altstadt führt. Doch schon auf den ersten Metern stellt sich ein verwirrender Eindruck ein. Ich dachte, Bologna sei eine mittelalterliche Stadt. Irrtum! Denn vieles was wie Mittelalter ausschaut, ist einfach nachgemacht und an die Hausfassaden gepappt. Außerdem – und das finde ich richtig ungewöhnlich für eine italienische Stadt – wird auf den ersten Blick klar, wie nachteilig Bombardierungen während des 2. Weltkriegs Bolognas Stadtbild verändert haben.

Auch der globalisierte Konsumwahn hat der Via Indipendza nicht wirklich gut getan, wie überall auf der Welt gibt es in Bologna Modekaufhäuser wie H&M, Zara, Intimissimi und Ende November einen Black Friday.

Das Kirchenschiff der Doms von Bologna. Vergoldete Säulen schmücken große weiße Pfeiler. Auf die Orgel rechts fällt ein Strahl Sonnenlicht.

San Pietro, der Dom von Bologna, super monumentale Barock-Architektur. Muss man mögen …

Christus steht am Kreuz, neben ihm auf der linken Seite die Mutter Maria auf der rechten Seite der Jünger Johannes.

Romanische Kreuzigungsgruppe auf dem Altar von San Pietro irgendwann aus dem 12. Jahrhundert

Alfonso Lombardi zeigt die weinenden Marien ziemlich pathetisch

San Pietro – die Kathedrale von Bologna

Plötzlich stehe ich vor dem Dom, San Pietro, den nehm ich jetzt auch noch mit, entscheide ich innerhalb von Sekunden. Hinter der schlichten Fassade verbirg sich ein monumentaler Raum in einem gewalttätigen Barock. Aber auf dem Hauptaltar eine würdige, romanische Plastik aus dem 12. Jahrhundert. Der gekreuzigte Christus begleitet von Maria und Johannes. Dieser Christus erleidet kein schrecklich, quälendes Martyrium am Kreuz, er steht einfach nur da mit großen, weit aufgerissen Augen und starrt mich an, trotzdem huscht mir der Schauer der Heiligkeit über den Rücken. In einer Kapelle am Eingang wird Christus dann beweint. 3 Marien aus Ton wringen dramatisch die Hände und verziehen die Gesichter. Das ganze – gefühlvoll gut 400 Jahre später inszeniert als der Christus auf dem Altar – lässt mich schrecklich kalt. Immerhin weiß ich jetzt was ein Compianto ist, eine Beweinung.

Das Wahrzeichen von Bologna ist der nackte Meeresgott Neptun aus Bronze. Er steht auf einem hohen Sockel in einer komplizierten Haltung. In einer Hand hält er seinen Dreizack.

Der Meeresgott Neptun geschaffen von Giambologna auf der Piazza Neptuno in Bologna

Vorderansicht des Neptun von Giambologna. Zu Neptuns Füßen hocken zwei Puten.

Giambologna hat sich für diese Wuchtbrumme ein ziemlich extravagantes Standmotiv ausgedacht.

Die Portalrahmung der Kirche San Petronio in Bologna aus weißem und aus rotem Marmor. Neben gotischen Verzierungen sind Adam und Eva dargestellt.

Erschaffung Evas und der Sündenfall am Hauptportal von San Petronio in Bologna. Giacopo della Quercia ist der Meister dieser genialen Reliefs

Unverschämte Erotik in Bologna

Raus aus dem Dom. Links von mir die Piazza Maggiore. Aber erst einmal zieht mich ein prächtiger, grün angelaufener Arsch in seinen Bann. So albern und so verführerisch, wie dieses Gesäß durch den Raum kreist, muss das der Neptun von Giambologna sein.

Der Künstler hat den heroisch muskulösen Körper des Meergottes in eine super absurde Haltung verschraubt und wenn sich Neptun nicht auf seinen Dreizack stützen könnte, müsste er hinstürzen und in 1000 Stücke zerbersten. Zu seinen Füßen lässt der Künstler niedliche Puten zappeln und um den Sockel, auf dem der Neptun steht, hat Giambologna mythische Sirenen montiert. Sie halten mir dreist ihre prallen Brüste entgegen, aus denen köstliches Wasser fließt. Ihre Fischbeine haben sie soweit aufgespreizt, dass der Künstler ihnen Muscheln zwischen die Schenkel schieben muss, damit sein Kunstwerk Saftiges zwar andeutet, die Grenze zur Pornografie aber nicht überschreitet. Wie erfreulich, dass in Zeiten des Neo-Puritanismus, so viel unverschämte und ungezügelte Erotik auf öffentlichen Plätzen zu bestaunen und zu bewundern ist!

Der Neptun wird gerahmt von den mittelalterlichen Ratspalästen Bolognas. Aber auch hier sind die Veränderungen des 19. Jahrhunderts an den Fassaden so deutlich, dass es schwer fällt von mittelalterlich zu sprechen.

Pfeiler aus rotem Backstein tragen weiß verputzte Wände und Gewölbe. Durch große Fenster fällt Sonnenlicht in die Kirche hinein.

Das gewaltige Kirchenschiff von San Petronio. Der 5 größten Kirche der Welt

Fresko Malerei in der Capella di Magi in San Petronio in Bologna. Im Zentrum sitzt Lucifer mit zwei Händen hält er einen kleinen Menschen fest, der er sich gerade ins Maul gestopft hat. Gleichzeitig gebiert einen Menschen in die Hölle hinein.

Das jüngste Gericht gemalt von Giovanni da Modena. Krass, die drastische Wiedergeburt der Sünder in der Hölle.

Eine bemerkenswerte Fenstergestaltung an San Petronio

Im Inferno ist die Hölle los

Und schwupps stehe ich vor der gewaltigen Kirche San Petronio, ein Bauwerk der Superlative. Denn San Petronio ist nicht nur die 5 größte Kirche der Welt sondern auch die größte Backsteinkirche überhaupt; das überrascht mich, die größte Kirche aus Backstein hätte ich irgendwo an der Ostsee vermutet, aber nicht in Bologna.

Wie bei den meisten super Landmark-Projekten – Elbphilharmonie, Stuttgart 21, Flughafen Berlin-Brandenburg – gibt’s auch bei San Petronio einen Haken. Der Bau ist nie ganz fertig geworden. Eigentlich sollte der Backstein hinter einer Schmuckfassade aus weißem und rosa Stein verschwinden. Damit ist man nicht so richtig weit gekommen. Aber das was fertig geworden ist, ist dann bestürzend schön. Der große Meister Giacomo della Quercia hat weißem Mamor die Schöpfungsgeschichte abgerungen und mit Adam und Eva klassische Pin Ups geschaffen, die noch 100 Jahre später Gianbologna zu seinem gewagten Neptun inspirieren.

Der gewaltige Innenraum von San Petronio bläst mich dann einfach weg. Irre wie das Tageslicht durch die großen Fenster fällt und den Raum geheimnisvoll ausleuchtet. Was für ein großartiger Raum. Ich drehe mich schon zögerlich zum Ausgang, da fällt mein Blick auf das jüngste Gericht.

Wie immer ist im Inferno die Hölle los. Krass, wie sich die Wiedergeburt der Seelen in die Hölle vollzieht. Der doppelmündige Luzifer verspeist mit seinem bärtigen Maul die sündigen Seelen, um sie dann durch seinen Muttermund (Vatermund?) zwischen den Beinen Richtung Höllenfeuer auszuscheiden. Dieser bizarre Akt ist möglich, weil der Teufel nicht fruchtbar ist und sowieso über ein wechselndes Geschlecht verfügt. Mir erscheint diese groteske Dämonisierung der Geburt, wie eine geballte Ladung mittelalterlicher Frauenfeindlichkeit.

Ein mit Fresken ausgemalter Arkadengang.

Der Innenhof des Archiginnasio von Bologna. Lange Sitz der ältesten Unisversität der Welt

Ein holzgetäfelter Innenraum. Im Zentrum ein Tisch mit Marmorplatte umgeben von einer Balustrade. An der Rückwand eine Kanzel. Links und rechts Skulpturen an den Wänden.

Das Teatro Anatomico von Bologna. Der älteste Seziersaal der Welt

Schautafel mit Fotos aus der Zeit des 2. Weltkrieges. Sie zeigen eine Luftaufnahme von Bologna und das zerstörte Gebäude der Universität.

Die Zerstörung der Archiginnasio während des 2. Weltkriegs.

Das Teatro Anatomico

Gleich um die Ecke von San Petronio finde ich das Gebäude des Archiginnasio von Bologna. Über 300 Jahre war hier die Universität Bolognas untergebracht. Immerhin Anfang des 11. Jahrhunderts gegründet und damit die älteste Universität der Welt. Allerdings wurde das repräsentative Gebäude des Archiginnasio erst Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet. Auf der Suche nach dem Teatro Anatomico betrete ich einen stimmungsvollen Innenhof – natürlich gesäumt von verträumten Arkaden – und steige eine prächtige Treppe hinauf.

Das Teatro Anatomico ist wieder so ein Superlativ in Bologna; nämlich der erste anatomischen Hörsaal der Welt. Theater und Anatomie passt ja erstmal nicht zusammen, erklärt sich in diesem Fall aber dadurch, dass dieser Hörsaal wie ein Amphitheater aufgebaut ist. Im Zentrum – der Arena – der Seziertisch mit Marmorplatte, hier fand das blutige und wahrscheinlich auch übel riechende Gemetzel statt. Drumherum steigen die Zuschauerränge auf. An der Stirnseite eine Kanzel, von welcher der Dozent verkündete, was auf dem Seziertisch gerade zu bestaunen war. Seine Tätigkeit wurde von den strengen Blicken renommierter Standesgenossen wie Hypokrates oder Galen kritisch überwacht. Sie sind als geschnitzte Skulpturen über den Köpfen der Zuschauer angebracht.

Mich beunruhigt allerdings die Konstellation von Sternen und Sternzeichen an der Decke des Teatro Anatomico. Anscheinend schweben sie deswegen über dem Sektionstische, weil es im 16. Jahrhundert eher ungünstig war, nur dem Wissen der Ärzte zu vertrauen. Sicherer war es, vor einer ärztlichen Intervention oder Operation erstmal die Sterne zu befragen, denn dort stand geschrieben, ob das Schicksal dem Arzt die Hände erfolgreich lenken werde. Soviel zu Thema Die gute alte Zeit und weiter geht es mit Shopping-Straßen.

Shopping-Paradies Bologna

Schon unter den romantischen Arkaden am Archiginnasio ermuntern elegante Schaufensterdekorationen dazu, ins Shopping-Koma zu fallen. Aber richtig krass wird es dann in der Via Clavature und Via Marchesana. Super nice Adidas Sneaker in der Auslage locken mich in eine chice Edel-Boutique. Anstelle mit Sneakern komme ich mit einem quitsche-gelben Schlabberpulli und einem echt coolen Anorak wieder raus. Geld einfach mal dumm verschleudern, was für ein tolles Gefühl … Hält aber nur eine Miniminute.

Deswegen muss ich beichten. Gottseidank finde ich gleich nebenan das Santuario di Santa Maria della Vita. Nichts wie rein. Tief berührt stelle ich meine Shopping-Bag vor dem Compianto sul Christo morto von Niccolò dell’ Arca ab. Niccolò ist ein Bildhauer der Frührenaissance. Seine Skulpturengruppe hat er vor fast 600 Jahren geformt. Die Zeit ist wie Schmirgelpapier über die empfindlichen, bemalten Oberflächen der Terrakotta-Figuren gegangen und hat statt Farbe irgendeinen glänzenden Speck hinterlassen.

Doch trotz dieser Distanz springt mich die Ergriffenheit urplötzlich an. Wie hat der Künstler bloß diese Emotion in den leblosen Ton hinein geknetet? Individuelle Ausdrücke der Trauer als dramatische Bewegung, verhaltener Schmerz und bestürzend stummer Schrei stehen nebeneinander und scheinen doch eine Performance des Trauerns von der ersten Aufwallung des Gefühls bis zum ermatteten Zusammenbruch zu bebildern. Besonders fasst mich der verzweifelte Johannes an. Ich verweile viel zu lange.

Zwei Frauenfiguren aus Terrakotta. Die Eine stürzt mit einem bewegten Gewand nach vorne. Die andere hat die Hände abwehrend erhoben. Beide haben die Münder weit aufgerissen, als ob sie schreien wollten.

Ziemlich dramatisch stürzt Maria Magdalena in der Beweinung von Niccolò dell‘ Arca auf den toten Christus zu

Ein junger Mann hält sich die rechte Hand unter das Kinn. Er hat lockige Haare. Sein Gesicht zeigt den Ausdruck von tiefer Trauer.

Johannes, der Lieblingsjünger, dagegen wie zur Salzsäule erstarrt

Eine alte Frau mit schmerzverzehrten Gesicht. Die Haare sind von einem Schleier umgeben. Die Hände sind wie zum Gebet gefaltet.

Die Mutter Maria hingegen hat schon eine Art Trauergesang begonnnen

Schlussmachen – Kurz und schmerzlos

Deswegen bleiben für die berühmten Geschlechtertürme Bolognas, den Torre Arsinelli und den Torre Garisenda nur zwei Minuten für einen schnellen Schnapschuss.

Auch durch das Oratorio der Heiligen Cecilie haste ich in kurzer Zeit. Ein Frevel? Immerhin soll diese heilige Halle ja die Sixitinische Kapelle der Emilia-Romagna sein. Tatsächlich ist die gewalttätige Geschichte von Cecilie und ihrem Ehemann Valerianus, die beide ein grausames Martyrium erleiden, in so einer langweiligen Bilderbuch-Seeligkeit erzählt, dass ich nicht bereue nur wenige Minuten für diesen Unsinn zu haben. Noch schnell durch das mittelalterliche Ghetto. Im vorbeilaufen sehe ich vor allem Cafés und schnuckelige Restaurants. Schon biege ich in die Via Indipendenza. Da ist auch schon der Bahnhof, der Bahnsteig, der Zug. Ein Pfiff! Und ab nach Ravenna.

Zwei Türme aus rotem Backstein, die schief nebeneinander stehen.

Die schiefen Türme von Bologna. Die mittelalterlichen Geschlechtertürme Garisenda und Asinelli sind ein Wahrzeichen der Stadt

Verschatteter Arkadengang in Bologna. Im Hintergrund blauer Himmel.

Immer wieder Arkaden. Bei schönem Wetter Sonnenschutz. Bei Regen sparst Du Dir den Regenschirm

Gebäude aus rotem Backstein mit Spitzbogenfenster an einem dreieckigen Platz.

Sieht aus wie Mittelalter. Ist aber alles modern. Piazza della Mercanzia in Bologna