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Jazz in Flaschen – Das Weinland Cilento

In der Berglandschaft des Cilento ticken die Uhren anders. Auf der Halbinsel südlich von Neapel lässt sich ursprüngliches Süditalien entdecken. Der große Reichtum des Cilento ist unberührte Natur, die Gastfreundschaft seiner Bewohner und fantastischer Wein. Welcher Wein ist der Beste?

Es spricht sich herum: Reisen an den Golf von Neapel müssen nicht bei Paestum enden. Das Beste kommt ja noch! Der Cilento! Im Süden der Region Kampanien erstreckt sich diese große Halbinsel voller anmutiger Hügel, riesiger Berge und einer einer sensationellen Küste zwischen dem Golf von Salerno und dem Golf von Policastro. Hier lebt das ursprüngliche Süditalien.

Geheimtipp Cilento

Mit über 100 Küstenkilometern muss der Cilento landschaftliche Vergleiche mit der weltberühmten Amalfitana weiter nördlich nicht scheuen. Das Meer ist blitzsauber. Die Umweltverbände verteilen Bestnoten für die Wasserqualität. Von den Ferienmonaten Juli und August einmal abgesehen sind die meisten Strände fast menschenleer.

In zahlreichen Bergdörfern und in den malerischen Hafenstädtchen ist die Zeit zwar nicht stehen geblieben, aber die Tage verlaufen hier noch in einem langsamen, urmediterranen Rhythmus. Der große Reichtum des Cilento ist die intakte Natur und die Gastfreundschaft seiner Bewohner.

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Cilento – das unbekannte Weinland

Am besten lernt man das uralte Kulturland zwischen Bergen und Meer vielleicht durch seine Küche kennen. Was heute als „mediterrane Diät“ – viel Gemüse, Fisch, Hülsenfrüchte und Olivenöl – in aller Munde ist, wurde 1954 zum ersten Mal vom amerikanischen Ernährungswissenschaftler Ancel Keys im Cilento untersucht. Seit jeher bekannt für gutes Olivenöl, macht der Cilento seit einigen Jahren auch als Quelle ausgezeichneter Weine von sich reden.

Der Cilento ist uraltes und neues Rebland zugleich. Schon die griechischen Siedler der Antike nannten das Territorium des Cilento, zusammen mit der heutigen Region Basilikata und Kalabrien: Oinotria. Das Weinland.

Weingut De Conciliis, Prignano

Tradition und Aufbruch des Weinbaus im Cilento verkörpert wohl am besten das Weingut De Conciliis. Es ist Vorbild für zahllose Kleinwinzer. Das vielfach ausgezeichnete Familienunternehmen um den Revolutionär und Bewahrer Bruno De Conciliis hat sich auf den Anbau im Cilento heimischer Rebsorten, auf autochthone Reben, spezialisiert.

Die engagierten Winzer aus Prignano im Cilento setzen nicht auf hohe Erträge. Sie produzieren Qualität im Bio-Anbau. Starke Sonneneinstrahlung und Meeresnähe verleihen dem weißen Fiano Donna Luna so viel Aroma, dass er wie Rotwein in großen Gläsern serviert werden sollte. Dann kann er sich voll entfalten.

Ein bewusst ungezähmter Wilder ist Naima, ein roter Aglianico – entweder er schmeckt oder eben nicht. Das entscheidet der Wein selbst, Jahr für Jahr. Ein Genuss ist auch der Spumante Selim (ein Anagramm für Miles Davis) und der auf Sizilien gebrannte Aglianico-Grappa. Mit Ka!, einem holzfassgereiften Muskat-Malvasia Passito, ist De Conciliis ein Dessertwein allererster Güte gelungen. Die Kellerarbeit wird von Jazz begleitet und Bruno De Conciliis ist einer der tatkräftigsten Unterstützer des Jazzfestivals Laurino.

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Weingut Azienda San Giovanni, Santa Maria di Castellabate

Wie Bruno De Conciliis ist auch Mario Corrado Architekt. Er betreibt mit Hingabe und viel Sachverstand die Restaurierung traditionell cilentanischer Bauernhäuser. Dazu gehört auch die eigene Cantina. Das gleiche Engagement, die selbe Heimatverbundenheit legt er im Weinbau an den Tag. Mit seiner Frau Ida Budetta und drei Kindern lebt er seit 1999 in beneidenswert schöner, naturgeschützter Landschaft inmitten intakter Mittelmer-Macchia. Auf der Halbinsel der Punta Tresino im Süden von Santa Maria di Castellabate betreiben sie gemeinsam das Weingut Azienda San Giovanni.

Auch hier heißen die Protagonisten Fiano und Aglianico. Auf Flaschen werden die Weine mit den fantastischen Namen Paestum, Tresinus, Castellabate und Maroccia gefüllt. All diese Namen haben regionalen Bezug zum Cileneto. Das antike Griechenstadt Paestum liegt nur wenige Kilometer nördlich der Tresinus-Halbinsel. Castellabate heißt der mittellalterliche Bergort im Süden, in dem das Weingut zu Hause ist. Maroccia ist ein Flurname auf dem Weingut – ein glücklicher Zweiklang aus mare und roccia: Fels und Meer.

Von Slow Food, der italienischen Nonprofit Organisation, die sich für regionale Küchen und lokale Lebensmittelproduktion einsetzt, werden diese Weine hochgelobt. Nach Voranmeldung sind die Weine der Azienda San Giovanni an ihrem paradiesischen Entstehungsort zu verkosten. Zu kaufen gibt es sie ab Hof oder in den Enotheken von Santa Maria di Castellabate. Außerdem vermieten Mario und Ida mitten im Weinberg das entzückende, von Mario in Handarbeit errichtete Ferienhaus Vignazzura.

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Weingut Azienda Agricola San Salvatore 1988, Giungano

Avantgarde und Werterhalt verbindet auch die Azienda Agricola San Salvatore 1988 des Hoteliers Giuseppe “Peppino“ Pagano. Die akkurat gepflegten Weinberge liegen in den Gemarkungen von Giungano und Stio. Dünger liefern die eigenen Büffelherden. Die Bodenpflege folgt biologischen, zum Teil sogar bio-dynamischen Richtlinien. Die ultramoderne Kellerei erhält ihren Strom aus Solarzellen. Die Milch der Wasserbüffel verarbeitet übrigens ein Verwandter Peppinos in Paestum zu einer prämierten Bio-Mozzarella.

Weine werden ausschließlich aus den autochthonen Rebsorten Greco, Fiano, Falanghina und Aglianico gekeltert. Riccardo Cotarella, einer der berühmtesten Weinberater Italiens, liefert als Önologe seine gefragte Expertise. Verkauf ab Kellerei im Gewerbegebiet von Giungano. Dort können die Weine nach Voranmeldung verkostet werden. Dazu werden auf Wunsch lokale Spezialitäten gereicht. Giuseppe Pagano ist auch Produzent autochthoner Hülsenfrüchte, wie z.B. der perlweißen Fagioli Regina di Gorga. Außerdem setzt er sich für den Erhalt alter, vom Verschwinden bedrohter Obstsorten ein.

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Weingut Maffini, San Marco di Castellabate und Giungano

Zu den jungen Klassikern zählt das Weingut Maffini mit Rebflächen in den Gemeindegebieten von Castellabate und Giungano. Mit dem Weißwein Cilento Pietraincatenata, einem 100% Fiano, ist Luigi Maffini sicher einer der komplexesten Weißen des Cilento gelungen. Maffini zieht auf seinen Rebflächen im Cilento natürlich auch den roten Aglianico, den er auch als Rosè ausbaut. Der sieben Hektar große Rebgarten bei Giungano wird in Zukunft sicher noch eine wichtigere Rolle spielen. Hier sollen auch die neuen Kelleranlagen entstehen. Architekt ist der Winzerkollege Mario Corrado.

Weingut Cantine Barone, Rutino

Die charakterstarken Weine aus der Kellerei Cantine Barone entstehen im spannungsreichen Feld zwischen bewahrender Tradition und experimentierfreudigem Fortschritt. In steiler und steiniger Lage gedeihen auf 12 ha Rebflächen zwischen 200 und 350 m Höhe Fiano und Aglianico, dazu in geringer Beimengung Malvasia, Trebbiano, Muskat und Santa Sofia, ebenfalls eine alte lokale Rebsorte. Der geologische Untergrund ist Flysch del Cilento.

Weingenossenschaft Tenuta del Fasanella, Sant’Angelo a Fasanella

Ein bemerkenswertes sozial-wirtschaftliches Experiment mit territorialer Bodenhaftung ist die 2003 aus der Traufe gehobene Genossenschaftskellerei Tenuta del Fasanella aus Sant’Angelo a Fasanella.

Auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Michele Clavelli haben sich über 40 Winzer und Neu-Winzer zusammengeschlossen und produzieren zu Füßen der Monti Alburni vorzügliche Bio-Weine ohne jeden Zusatz von Schwefel. Die Rebsorten sind die lokalen Klassiker Fiano, Primitivo, Aglianico und die Wiederentdeckung Aglianicone. Abgefüllt werden nur vier Etiketten: Auso, Manfredi, Alburno und Phasis, letzterer ein rassiger Weißer.

Nach gutem Essen und Trinken ist ein bisschen Bewegung nicht verkehrt. Es trifft sich gut, dass der Cilento auch eines der großen, noch zu entdeckenden Wanderparadiese Süditaliens ist. Doch davon ein anders Mal mehr.

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