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Detroits morbide Immobilienparty

In seinem Gastbeitrag nimmt uns Holger mit in eine Stadt, die sich nach ihrem Niedergang neu erfindet. Die Stimmung ist ruppig und atmet Pioniergeist. Was er in Detroit gefunden hat und wieso eine Reise sich trotzdem lohnt, erzählt er hier.

Seit einigen Jahren höre ich von Freunden in Berlin immer wieder Sätze wie „Ach, hätten wir mal in den 90ern in Berlin eine Wohnung gekauft, oder sogar eins von den unglaublich preiswerten Häusern, die uns damals angeboten wurden …“ Die Situation im jungen Nachwende-Berlin der neunziger Jahren ist vielleicht ein wenig mit der im heutigen Detroit zu vergleichen. Zumindest was den Immobilienmarkt in der Schnäppchenphase weit vor der ersten Gentrifizierungswelle anbelangt.

Detroit, eine Stadt am nördlichen Rand der USA. Auf der anderen Seite, eingebettet in eine imposante Seenlandschaft – Kanada. Detroit, die verfallene Stadt, über viele Jahre wurde hier nicht mehr investiert. Die Immobilienpreise sind auf dem Tiefpunkt, die neue Zeitrechnung befindet sich noch vor dem Wiederauferstehungs-Hype. Eine interessante Gemengelage. Ich will wissen: Was ist dran an der historischen Chance, Immobilien zum Schnäppchenpreis kaufen zu können? Ich will mich nicht in 10-15 Jahren genauso anhören wie meine Berliner Freunde, wenn ich mich dann auch ärgern werde, diese Chance nicht ergriffen oder zumindest ernstgenommen zu haben.

Mehr als ein Koffer in Detroit?

Soll ich mir ein Häuschen in den USA kaufen? Hört sich schräg an. Aber schließlich gibt es ja tatsächlich Häuser ab 1.000 US $ zu kaufen. Von befreundeten ehemaligen Technoklubbetreibern aus Berlin, die sich inzwischen in Detroit neu verortet haben, weiß ich ein bisschen mehr über die Szene vor Ort und hoffe bei einem Besuch der Stadt noch mehr erfahren zu können. Kaum ist der Plan gefasst, fliege ich auch schon los und kucke mich ein bisschen um.

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Das Zentrum Detroits. Viele Brachflächen und verlorene Menschen. Respektive Menschen, die durch den Wandel der letzten Jahre viel verloren haben.

Detroit ist zudem das Herz des sogenannten „Rust Belts“ im Nordosten der USA. Dieser verläuft entlang der großen Seen von Chicago bis nach New York City, auf seinem Weg liegen unter anderem Städte wie Pittsburgh und Buffalo. Detroit – durch die Konzentration der Autoindustrie im 20. Jahrhundert auch Motor City oder Motown genannt – hat durch die Krise der Autoindustrie über die Hälfte seiner Bevölkerung verloren. Von 1,9 Mio. sind es laut aktuellen Zählungen heute gerade noch 700.000 Einwohner. Derart ausgeblutet, ist vor allem das Zentrum der Metropolregion von hoher Arbeitslosigkeit, Kriminalität und urbanem Verfall geprägt.

Eigentlich verwunderlich, denn wenn Detroit auf einer Landkarte als leeres Donut-Loch dargestellt würde, zählt die Stadt mit ihren Vororten, der „greater area“, noch insgesamt über 15 Millionen Einwohner. Auch die Arbeitslosigkeit ist vor allem in der Innenstadt Detroits besonders hoch. Im imaginäre Donutkringel von Ann Arbour bis nach Flint ist von dem Niedergang der alten, viel besungenen Motor City für mich nichts zu spüren. Daher gehe ich davon aus, dass Detroit mit Investitionen und dem entsprechenden Stadtmarketing wieder ein Ort für den Mainstream werden wird.

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Gut bürgerlich wohnen in Detroit. Sieht netter aus als es ist.

Detroits Locals theoretisch – von Verschwörungen und …

Vor dem Masonic Freimaurertempel in Midtown Detroit – immerhin dem größten freimaurerischen Bauwerk der Welt –  treffe ich auf einige Locals. Und die packen erstmal richtig aus. Ihre einhellige Meinung ist, (ich referiere…) dass es sich bei den Freimaurern nicht gerade um eine besonders schwarzenfreundliche Vereinigung handelt. In der überwiegend schwarzen Bevölkerung (2010 waren 82,7 % der Bewohner Afroamerikaner, damit ist Detroit eine der größten schwarzen Gemeinden innerhalb der USA.) hat sich herumgesprochen, dass die Pleite Detroits nicht ganz ohne Absicht von den sehr einflussreichen und überwiegend weißen Freimaurern durchgewunken wurde. Achtung Aluhut aufsetzen?!?

Was an der Geschichte dran ist, ist für Außenstehende wie mich schwer einzuschätzen. Wer die Entwicklung der Quartiere genauer betrachtet, findet neben gänzlich abgerissenen Häusern hier die meisten verlassenen Häuser. Wer also investiert hier in die neue Ära? Laut Aussage der Locals in erster Linie weiße Investoren in den inzwischen zu Hipsterzonen herangewachsenen renovierten Edelstadtteilen der Down- und der Midtown. Nachdem viele der Afroamerikaner die Stadt verlassen haben, bzw. rausgefegt wurden, ist in Quartieren in der Nähe zum Zentrum viel Bauland entstanden, das im Moment noch besonders preiswert für Investoren angeboten wird. Dort entstehen im Moment Loftliving Appartements, die sich ein normalsterblicher Angestellter nicht leisten können wird.

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LoftLiving gefällig? Neue Appartments in Detroits vernachlässigtem Stadtzentrum.

Abgesehen von dem, was sich die verbliebenen Einwohner (nicht) leisten können, was machen eigentlich Besucher, die nicht wie ich „mit Anschluss“ hier sind? Es gibt wenig Hotels und Hostels, die vorhandenen haben den Charme von Coen-Brüder-Filmen, auf deren Rohschnitt sich Charles Bukowski erbrochen hat. Auch AirBnB Werbespots im Heile-Welt-Überall-Zuhause-Stil ließen sich hier gerade nur schwerlich drehen. Wer einen bezahlbaren Mietwagen braucht, mietet ihn entweder mit viel Vorlauf, oder am besten gleich im kanadischen Windsor, das liegt ja gleich auf der anderen Seite der US-kanadischen Grenze.

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Studio, Label und Plattenladen von Jack White (White Stripes) in Detroit.

Als Momentaufnahme und aus einem touristischem Blickwinkel heraus mag sich das vielleicht recht trostlos anhören. Doch ich finde, ist es eine höchst spannende Zeit. Zwischen den Verlierern des industriellen Niedergangs auf der einen und den Gewinnern dieser Entwicklung auf der anderen Seite, die ungerührt auf den Knochen und Ziegelsteinen der Verdrängten, Abgehängten tanzen, ist viel Raum für Improvisation und Ausprobieren. Und wenn Gemüsegärten auf verlassenen Grundstücken wuchern, keimt mit jedem Grün auch neue Hoffnung für eine neue gesellschaftliche Mitte auf.

Ein Indiz für die Rückkehr der reichen Eliten ist das Areal rund um den Plattenladen und die Plattenproduktion von Jack White von den White Stripes, der sich vor einigen Jahren mit Third Man Records gründete und das Plattenstudio Third Man Records betreibt. Seit 2009 hat das Label in Detroit ein Aufnahmestudio, Büroräume, einen Plattenladen sowie einen Veranstaltungsort mit Aufnahmekabine und ein Fotostudio.

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In direkter Nachbarschaft befindet sich das Edel-Label Shinola. Es ist für seine in Detroit von Hand gefertigten Lederwaren und Fahrräder inzwischen über die Grenzen Michigans hinaus berühmt. Preisbeispiele gefällig? Ein Citycruiser Bike: 2.500 US$, ein besonders anschmiegsamer Baseballhandschuh: 490 US$ und zum Beispiel eine Hundeleine aus Leder für 130 US$ sind beliebte Artikel und werden gerne gekauft. Für kaufkräftige Investoren und deren Angetraute findet sich also ein interessantes Rahmenprogramm. Gut zu wissen…

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Die beginnende Gentrifizierung Detroits schickt ihre Schatten schick und teuer voraus. Zum Beispiel bei „Shinola“.

Green Cure Detroit. Eine grüne Apotheke

Für Reisende wie mich, die eine konservative USA erwarten, ist der Besuch in einer Apotheke mit dem grünen Kreuz eine komische Sache. Hier können Leidende sich mit einer THC-haltigen Medizin behandeln lassen. Bei der Vergabe werden aber alle staatlichen Vorgaben eingehalten. Zunächst wird man darauf hingewiesen, dass es sich hier um reines medizinisches Marihuana handele, das verschreibungspflichtig sei. Wenn man nun nicht an einem offiziell behandlungsbedürftigen Gebrechen leidet und trotzdem behandelt zu werden wünscht, wird der Arzt vor Ort bestimmt etwas finden, gegen das die „Medizin“ einem hilft. Gut eignen sich hierfür unter anderem „Rücken“, „Unwohlsein“ oder einfach „Kopfschmerzen“. Ein Rezept ist schnell ausgestellt und die grüne Medizin wechselt gegen grüne Scheinchen den Besitzer. Wer sich jetzt fragt: Der Autor hat sich selbst keine Medizin verschreiben lassen, sieht aber darin für viele Leidende und Kranke eine medizinische Notwendigkeit.

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„Please Doctor, can you help me?“ – „Oh, sure, why not try the „green cure“?

Homestaging auf Detroitisch

Dann hab ich mir noch ein Haus angekuckt. Die ehemaligen Besitzer sind vor kurzer Zeit von der Landbank gegangen worden und hatten offensichtlich nicht mal genug Zeit, ihre komplette Einrichtung nebst Kleidung, Kinderspielzeug usw. mitzunehmen. Der neue Besitzer ist ein stolzer Amerikaner wie er im Buche der Trump-Wähler-Klischees steht. Ich wünschte, die Begegnung wäre weniger holzschnittartig, doch bevor ich mir im Gegenzug Sorgen über meine Wirkung auf ihn machen kann, haut mir der Erfolgstyp schon folgendes um die Ohren:

Er habe in diesem Jahr nach eigenen Bekunden schon fünf Häuser an- und verkauft. Wobei er pro Haus zwischen 500 und 800 % Gewinn gemacht hätte. Auf meine Frage, was denn mit den armen Vorbesitzern geschehe, wurde er recht einsilbig. Woraufhin ich weiterfragte, ob es denn in so einem Fall eine Fürsorge gäbe oder wo man im Fall des Wohnungsverlustes eine Anlaufstelle fände. Daraufhin lässt mich der Häuserdealer ganz charmant durch die Zähne gepresst wissen, dass wir ja so einen milden Sommer hätten und sich bei so tollem Wetter doch wunderbar unter freiem Himmel schlafen ließe… Das hat mir natürlich unmittelbar eingeleuchtet. Puh, nix wie raus hier.

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Wohnlich, appetitlich und einladend präsentieren sich leerstehende Häuser für Interessierte.

Nach einigen Tagen weiterer Recherche bin ich mir sicher. In dieser Stadt gibt es tatsächlich unglaublich viele Immobilien-Schnäppchen, die sich innerhalb kurzer Zeit mit Gewinnspannen von mehreren 100 % weiterverkaufen ließen. Wer sich jedoch wie ich ohne umfassende vorherige Vorbereitung in diese anarchisch anmutende, rest-urbane Weitläufigkeit begibt, findet wahrscheinlich hauptsächlich Schrottimmobilien. Und wenn ich Schrott sage, meine ich, dass sich hier wohl nur noch einmal, nämlich auf der Abrissparty, tanzen ließe.

Das Rätsel um die verbrannten Häuser von Detroit

Die Tram wird gerade bis in die Regionen von Piety Hill gebaut und mit dem Ausbaus des Nahverkehrs werden die Quartiere in dieser Gegend in Kürze sicher ebenfalls zu besonderen Spekulationsobjekten. Allen Lesern, die jetzt bereits eine Flug zur Besichtigung gebucht haben sollten, darf ich aber noch darüber aufklären, dass sich Detroit zu den gefährlichsten Städten der USA zählen lässt. Jeden Tag wird hier mindestens ein Mensch erschossen. Die Morde sollen sich angeblich in den Reihen der Mafia und im organisierten Drogenhandel abspielen, aber auch ohne dass man sich direkt in dieses Milieu begibt, kann es gerade nach Einbruch der Dunkelheit in bestimmten Stadtteilen sehr gefährlich werden.

Daher darf man nie ohne seine Bibel oder sein Kruzifix aus dem Haus gehen, wie uns der in Detroit gedrehte Film „Only Lovers left alive“ von Jim Jarmusch gelehrt hat. War doch ein Dokumentarfilm, oder? Mein Vermieter Chris hat mich auch davon überzeugt, dass die von mir in der Nacht als Gewehrschüsse diagnostizierten Knallgeräusche eigentlich Silvesterböller seien. Aha, die lieben Kids aus der Nachbarschaft zünden also aus Spaß mitten in der Nacht Knaller an? Na dann glaube ich das mal, vielleicht ist es besser so…

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Heißer Protest in Detroit. Zwangsräumung? Streichhölzer!

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Dieses Haus ist nun das Problem der Landbank von Detroit.

Warum sind so viele Häuser fast bis auf die Grundmauern abgebrannt? Nein, es gibt in Detroit kein seltenes Wetterphänomen à la Multiblitzschlag. Es verhält sich einfach so, dass Eigentümer, die ihre Steuerschuld nicht mehr zahlen können und von der Landbank (also dem stadteigenen Finanzinstitut, das die Immobilien-Steuer, die sogenannte „BackTax“ eintreibt) und aus dem eigenen vier Wänden gebeten werden, diesen Umstand nicht immer widerstandslos hinnehmen. Mithilfe von Feuer lassen sich diese Häuser für Landbank und Spekulanten ganz schnell völlig unbrauchbar machen. Aus Sicht der Eigentümer ein nachvollziehbarer Schachzug, der ihnen aber wohl nur kurzfristig psychologisch helfen wird.

Detroit Street Art – Ein Besuch bei dem Heidelberg Project

Nachdem ich gesehen habe, wie in Detroit Properties spekuliert, ge- und verkauft werden, wollte ich gern noch entdecken, wie sich die Streetart-Szene mit dem Thema Stadtentwicklung auseinandersetzt. Das Leuchtturmprojekt, Installations-Ansammlungen in der Heidelberger Street, kenne ich bisher nur aus der Presse. Das Areal liegt nur drei Kilometer von der Downtown entfernt.

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Heidelberg Project – Artist: Tyree Guyton, zentrale Figur der StreetArt Szene Detroits.

Eine der zentralen Figuren ist Tyree Guyton. Seit 25 Jahren arbeitet er als Künstler und Aktivist in seiner Nachbarschaft an einer massiven Installation aus weggeworfenen und enteigneten Gegenständen. Alles Zeug, das er in verlassenen und entmieteten Häusern gefunden hat.

Seine Ansammlungen persönlicher Gegenstände wecken ungemütliche Assoziationen. Das Bild eines im Dreck liegenden Kinderspielzeugs zum Beispiel ist zu einem starken visuellen Symbol geworden, um auf Ungerechtigkeiten und Gewalt an den Schwächsten unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Tyree Guyton macht das, wie ich finde, ganz hervorragend. Aber vielleicht sollte man sich zu dem Heidelberg Project einfach das vierminütige Video auf Youtube ankucken, besser als Tyree selbst kann ich seine Botschaft ohnehin nicht transportieren :

 

 

Die wenigen Augenblicke, die ich hier beschrieben habe sind nur ein kleiner Ausschnitt aus vielen Abenteuern, die ich in Detroit erlebt habe. Ob ich mir eine Immobilie in Detroit kaufen werde (die gebetsmühlenartige Jammerei in der nahen Zukunft, ihr erinnert euch) bleibt vorerst mein Geheimnis. Im Moment kann ich nur sagen: So eine Entscheidung hängt ja von einigen Faktoren ab. Mein Eindruck ist, dass es bestimmt Spaß macht, eine Stadt wie Detroit in den nächsten Jahren aus nächster Nähe zu erleben. Die Menschen sind ausgesprochen freundlich und ich habe nicht das Gefühl gehabt, mit Angst durch die Straßen gehen zu müssen. Gut, die vermeintlich gefährlichen Areas und ganz extrem verfallenen Gebiete habe ich auch nicht besucht. Der Besuch hat mich in jedem Fall neugierig gemacht und ich würde gern noch mehr entdecken, einige Phänomene noch weiter untersuchen. Aber erstmal warten noch Kuba und Myanmar auf meinen Besuch.

Text:
Holger von Hannover und Kirsten Kohlhaw

Service

Ihr denkt vielleicht darüber nach, ein historisches Schnäppchen zu jagen und in Detroit zum Immobilienbesitzer zu werden? Preise für Einfamilienhäusern ab 1.000 US$ sind laut Holgers Recherchen aktuell noch ganz normal. Holgers Tipp: Kuckt euch mal in der Boston Avenue in der Nähe des Henry Ford Hauses um, dort finden sich Stadtvillen mit parkähnlichen Gärten. Wunderschön. Interessante links zum Thema Hauskauf in Detroit.
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