Erfurter Bier, Bierausrufer

Erfurter Bier: „Schluntz“ vom Fass

Thüringer sind Bierliebhaber. Die Erfurter machen da keine Ausnahme. Früher zeigten Bierausrufer den Weg zum nächsten Lokal. Die sind jetzt wieder unterwegs, preisen Dunkle und Helle an und werfen sich dazu mittelalterlich in Schale. Auf den Spuren des Erfurter Biers

„Es ist ein gutes, junges Erfurter Bier gebraut“, singt Detlef Kabbe mit Nachtwächter-Stimme. „Im Haus zur Pfauen wird es aufgetan.“ Er trägt ein historisches Wams aus rotem Samt mit Bordüren und weißem Spitzenkragen, dazu Kniebundhosen und auf dem Kopf einen breitkrempigen Federhut. Karneval in Erfurt? Nein, Traditionspflege: Detlef Kabbe nimmt Touristen mit auf eine ganz besondere Altstadtführung und mimt für sie einen historischen Erfurter Bierausrufer.

Erfurter Bier ist seit jeher Teil der Stadtkultur. Bereits 1434, gut 80 Jahre vor dem berühmten bayerischen Reinheitsgebot, verordneten die „statuta thaberna“ aus dem nahe gelegenen Weißensee allen ansässigen Brauern höchst offiziell: „dar zeu nicht thun danne hophin malcz und wasser“ (dazu sollt ihr nichts anderes geben als Hopfen, Malz und Wasser). Brauen durften im Mittelalter ohnehin nur vermögende Bürger mit tadellosem Leumund. Biereigen hießen diese Leute und es gab ihrer in Erfurt zeitweise mehr als 200.

Wo gibt’s das nächste Erfurter Bier?

„Seht ihr die Löcher da?“, fragt Detlef Kabbe in die Runde. Er zeigt auf zwei ovale Öffnungen beiderseits eines Haustores. „Daran konnte man früher ein Bierlokal erkennen“. Das Prinzip war ganz einfach: Stellte der Brauer Gerstenbüschel in die Öffnungen, wussten alle, dass hier frisches Erfurter Bier ausgeschenkt wurde. Klar, dass jetzt jeder aus der Gruppe nach diesen Öffnungen sucht. Tatsächlich sind sie an manchen Fassaden der Altstadt noch zu entdecken.

Aber mit Gerstenbüscheln allein gaben sich die Biereigen nicht zufrieden, schließlich war die Konkurrenz groß. Werbung tat also Not. Das war Sache des Bierausrufers oder Viertelknechts, wie er auch genannt wurde. Detlef Kabbe kann das gut vormachen. Aber warum trugen Bierausrufer so vornehme Kleider? Weil sie im Viertel hohes Ansehen genossen, erklärt er: „Sie waren sozusagen die Polizei im Brauereigewerbe“.

Am Bierausrufer kam niemand vorbei

Werbeagentur und Ordnungsamt in einer Person, das wäre heutzutage mehr als heikel. Vom Bierausrufer dagegen wurde genau das erwartet. Die Berufsbezeichnung beschränkt sich – vielleicht nicht umsonst – auf den öffentlichkeitswirksamsten Auftritt: durch lautes Rufen kundzutun, wo und zu welchem Preis es gerade frisches Erfurter Bier gab. Sein Job führte den Bierausrufer jedoch auch ins Hinterstübchen der Brauer. Dort handelte er mit den Biereigen die Mengen aus, die sie jeweils brauen durften. Außerdem sorgte er dafür, dass nicht alle gleichzeitig ihren Gerstensaft unter die Leute brachten.

Zu guter Letzt hatte er auch noch ein wachsames Auge auf die Qualität der Ware. Wer schlechtes Bier ausschenkte, wurde mit empfindlichen Strafen belegt. Zudem lief der Wirt Gefahr, dass ihm die erbosten Zecher den Bierhumpen über den Schädel zogen.

Erfurter Bier: Lokal vor alten Handelshäusern am Fischmarkt

Erfurter Bier vor prächtiger Renaissance-Kulisse: Das Haus „Zum breiten Herd“ am Erfurter Fischmarkt (A. Gaasterland)

Angebranntes Malz als Markenzeichen

Das traditionsreichste Erfurter Bier ist dunkel und heißt „Schluntz“. Lange Zeit wurde hier nichts anderes getrunken. Der Grund dafür war eigentlich ein Malheur. Dunkles Bier wird mit stark geröstetem Malz gebraut – das konnten die örtlichen Biereiger immer gut. Helles dagegen brachten sie nie zustande. Schuld daran waren die Bäcker: Die ließen das Malz immer anbrennen. Ihre „Schluntzerei“ lebt im Namen des Bieres bis heute fort!

So jedenfalls erklärt es Günter Neumann, ein Schwergewicht in Sachen Erfurter Bier. Vor rund zwanzig Jahren kaufte er das ebenso traditionsreiche wie heruntergekommene „Haus zur Pfauen“ in einer der vielen Altstadtgassen. Ihm ist es zu verdanken, dass dort heute wieder „Schluntz“ gebraut wird und auch das helle „Pfauenbräu“ – nach Original-Rezepten, versteht sich.

Auf den Bierdeckeln der Hausbrauerei steht der passende Trinkspruch dazu: „Schluntzius, du schmeckst mir wohl in meinem Muntzius“. Ein gewisser Ludolphus Prigius soll den Holpervers anno 1606 in Erfurt zusammengereimt haben. Dass dabei sehr wahrscheinlich Alkohol im Spiel war, entlastet den Dichter ein bisschen. Entscheidend ist: Der Mann hat Recht!

 

Auf einen Blick

Bier ist für die Erfurter Teil ihrer kulturellen Identität. Besonders die Dunklen haben es ihnen angetan. Eines davon heißt „Schluntz“, wird seit Jahrhunderten gebraut und erlebt derzeit eine Renaissance. Unterwegs mit einem mittelalterlichen Bierausrufer auf einem Stadtspaziergang der besonderen Art…