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Gesucht: Smarte Bahn Tools statt Google Flights

Hey Google, wo bleibt Google Trains? Wieso finde ich auf Anhieb jede Menge Flugportale, bekomme aber graue Haare, wenn ich ein internationales Bahnticket buchen will? Wenn wir unser Reiseverhalten wirklich ändern wollen, brauchen wir smarte Bahn Tools statt Google Flights

Die kompakteste, schier unglaublich gut informierte Serviceseite für Zugreisende ist The man in seat 61. Ihr Betreiber ist ein Privatmann und ehemaliger Beamter des britischen Verkehrsministeriums, der sein Hobby Bahnfahren zum Beruf gemacht hat und die Website mittlerweile hauptamtlich betreibt. Einst als Geheimtipp gehandelt, verzeichnet der Infodienst heute mehr als eine Million Besucher pro Monat. Die Suchanfrage auf Google erzielt knapp 30 Millionen Ergebnisse.

Wer die Seite einmal gefunden hat, ist überwältigt und möchte sie nicht mehr missen, wie Autorenkollegin Ellinor Morack, die mit ihrer Hilfe ihren Bahntrip nach Istanbul gebucht hat. Aber ist das nicht seltsam? Eine private Seite, auf der ich nicht mal direkt buchen kann, avanciert zur Referenz schlechthin für Bahnverbindungen, während ich mich auf der Suche nach Flügen kaum retten kann vor kommerziellen Anbietern mit direkt buchbaren (Billig-)Angeboten in allen Variationen.

Google Flights ist nur eines von vielen Beispielen. Kritiker attestieren dem Tool „alles, was man sich von einer Flugsuchmaschine wünschen kann: Eine übersichtliche Darstellung, Tipps für alternative Flughäfen, leichte Bedienung, Beobachten von Preisen, eine hilfreiche Preisgrafik nach Abflugtagen und vieles mehr“. Schön für die, die Fliegen als legitime Form des Reisens ansehen. Ich bevorzuge für Urlaubsfahrten aus verschiedenen Gründen – der Klimawandel gehört dazu – den Zug. Leider investieren Google und andere Player nicht in Bahn Tools – für mich eine krasse Fehlentscheidung, die dazu führt, dass kompliziertere Bahnbuchungen gerne mal mit stundenlangem Frust einhergehen.

Der RENFE-Nachtzug, den man leider noch nicht über coole Bahn Tools buchen kann, steht abfahrbereit am Bahnhof in Lissabon

Der RENFE-Nachtzug, den man leider noch nicht über coole Bahn Tools buchen kann, steht abfahrbereit am Bahnhof in Lissabon.

Zugbuchung mit RENFE – grrrrr!

RENFE ist das genaue Gegenteil von Google Flights. Für alle, denen dieses Akronym noch nicht begegnet ist: RENFE bedeutet Red Nacional de los Ferrocarriles Españoles und steht für die spanische Staatsbahn. Ihre Gründung 1941 geht auf Diktator Franco zurück, und ehrlich gesagt: die Website des Unternehmens wirkt nicht viel jünger – Web 1.0 und dazu völlig unberechenbar. Ein smartes Bahn Tool sieht anders aus

In der Regel sind RENFE-Züge 60 Tage vor Reisebeginn buchbar. „The Man in seat 61“ sagt dazu: „I often find that RENFE loads trains as and when it feels like it, often less than 60 days and sometimes certain trains appear on the system before others.“ Andere äußern sich drastischer: „The easiest fix for RENFE’s stupid website is to just not use it.“

Bisher hatte ich immer Glück gehabt und im Vertrauen darauf alle anderen Tickets für die Strecke Köln-Lissabon-Köln vorher schon gebucht. Thalys- und TGV-Plätze waren also schon gesichert, pünktlich drei Monate vor dem Reisetermin und zu günstigen Preisen. Fehlte nur noch der von RENFE betriebene Nachtzug nach Lissabon

Leider jedoch bietet die spanische Staatsbahn nicht die „übersichtliche Darstellung“ und „leichte Bedienung“ von Google Flights. Am Ende hat mich die Buchung gut fünf Stunden und jede Menge Schweiß und Tränen gekostet – zuletzt saßen wir gar zu zweit vor dem Rechner und konnten es nicht fassen. Mal gab es ein komplettes Vierer-Liegewagenabteil, so wie wir es sonst immer für uns buchen, das nächste Mal wieder nicht. Dann stimmte plötzlich die eingegebene Personenzahl nicht, obwohl wir daran nichts geändert hatten. Oder wir waren im Buchungsprozess kurz davor, den Bezahl-Button zu drücken, als uns RENFE lapidar wissen ließ, dass die Plätze nun leider doch nicht mehr frei seien.

Wir haben schließlich unsere Liegeplätze bekommen, nicht in einem Abteil, aber immerhin Schlafplätze – die hatte das System zwischenzeitlich gar nicht mehr als verfügbar angezeigt. Dass wir dafür mehr als das Doppelte des gewohnten Preises zahlen mussten, war uns da schon fast egal. Fest steht: Der Nachtzug nach Lissabon, der so wunderbar bequem und stimmungsvoll ist, hat definitiv eine bessere Buchungsseite verdient!

Karte des Europäischen Hochgeschwindigkeits-Bahnnetzes (2012): Noch immer sind nicht alle Strecken über Bahn Tools zuverlässig buchbar

Europäisches Hochgeschwindigkeits-Bahnnetz (2012): Farben nach Höchstgeschwindigkeit

Nicht in Sicht: Google Flights für vielreisende Bahn-Traveller

Internationale Bahntickets zu buchen ist also nicht immer ein Spaß. Zugegeben: die Buchung von Flugtickets auch nicht, aber da bekommt man als Belohnung immerhin meist noch den besseren Preis. Zwar sagt die Fluglobby, es sei genau andersherum, aber meine Erfahrungen – nicht zuletzt mit der RENFE-Buchungsseite – sprechen eine eindeutige Sprache.

Der Preis ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Die andere: Der immensen Menge an Flugbuchungsportalen à la Google Flights steht ein auffälliger Mangel an Bahn Tools gegenüber. Und die, die sich in den letzten Jahren etabliert haben, machen keinen guten Job. Wie Omio, ehemals GoEuro, das für das von uns gesuchte Datum – 25.Dezember bis 6. Januar – schlicht keine Zugverbindungen von Köln nach Lissabon und retour findet. Dasselbe gilt für fromAtoB. Rome2rio listet die einzig praktikable Zugverbindung via Paris und Bordeaux erst an vorletzter Stelle auf – und meldet dann in der Buchungsmaske doch nur „No train tickets found“. Liegt es am Datum? Aber es gibt den Zug ja, wir haben ihn doch gebucht. Allerdings woanders…

Smarte Bahn Tools sind nicht smart genug

Mein Favourite für Bahnbuchungen ist eigentlich die App Loco2, die neuerdings RailEurope heißt und „Inspiring Connections“ verspricht. Für die meisten Züge kann sie dieses Versprechen auch halten, nur an RENFE beißt auch sie sich die Zähne aus. Zwar kann ich dort Züge buchen, aber erst Tage später als auf der RENFE-Seite selbst und ohne flexible Sitz- oder Liegeplatzwahl. Buchbar sind nur einzelne Sitzplätze und oder ganze Liegewagenabteile, jedoch keine Einzelliegen. Unschön ist auch, dass die ganzen Abteile angeboten werden, als wären sie noch verfügbar, aber wenn ich die Buchung dann abschließen will, heißt es: „Leider scheint das Bahnunternehmen den Fahrpreis nicht mehr anzunehmen“. RENFE-Praxis eben – dem Bahn Tool RailEurope kann man daraus keinen Vorwurf machen.

Ein Gleisweiche in Nahaufnahme als Symbol dafür, dass immer komfortablere Flug Tools wie Google Flights in die falsche Richtung weisen

In unseren Köpfen hat oft immer noch das Flugzeug Vorfahrt vor der Bahn, wenn es ums Verreisen geht

Es muss sich etwas bewegen

Wenn es um das Ungleichgewicht zwischen einzelnen Verkehrsmitteln geht, ist in erster Linie die Politik gefragt. Allerdings ist hier nicht der Ort, um das aktuelle Klimaschutzpaket der GroKo zu diskutieren. Nur so viel: Gerade haben wesentliche Teile davon den Bundestag passiert – ein wichtiger Schritt, dem weitere folgen müssen.

Bewegen müssen sich jedoch nicht nur die Politiker. Auch die Tourismusindustrie und Tech-Konzerne wie Google, die mit Angeboten wie Google Flights in den Reisemarkt drängen, müssen viel mehr auf die Bahn setzen. Der World Travel and Tourism Council WTTC hinkt ebenfalls hinterher mit seiner windelweichen „Nachhaltig-wachsen“-Parole. Dass das nicht funktionieren kann, zeigt gerade die Luftfahrtbranche: Der rasante Passagierzuwachs frisst die technologische Effizienzsteigerung der Flugzeuge regelmäßig auf und führt etwa alle 20 Jahre zu einer Verdoppelung der Emissionen.

Deutlich mehr Erfolg verspricht die Strategie, am Reiseverhalten ansetzen, und dafür sind smarte Bahn Tools keine schlechten Botschafter. Schließlich gibt es ja Menschen, die lieber mit der Bahn fahren als zu fliegen. Also, RENFE! Also, Google und all die anderen! Bewegt euch!