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Helgoland. Langsam erleben oder flott umrunden?

Ich habe das letzte Bett auf Helgoland erwischt. Für Oktober. Wieso ich Vorfreude auf die Mutter aller deutschen Inseln hier auch als banges Gefühl schildere? Das klärt sich gleich. Und – ein informativer Blick auf den roten Felsen ist auch dabei.

Die Unterkunft gebucht habe ich Ende Februar. Das war keinen Moment zu spät. Denn auf Ende September folgt ein langes Wochenende mit Feiertag und Brückentaglustigen. Ich ergattere das letzte Bett auf Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland. Zumindest lese ich auf den Buchungsplattformen danach nur noch das Wort „ausgebucht“. Ich freue mich auf die 1,7 qkm-kleine Insel, die ich zuletzt vor genau drei Jahren besucht habe. Im Wonnemonat Mai.

Helgoland. Ein roter Feld in der Nordsee. Mit würzig duftenden Wiesen, steilen Klippen und der kleinen sandigen Schwester namens Düne.

Helgoland als Tagesausflug

Ich kann mich noch genau dran erinnern, wie der Mann und ich in einem ähnlich sommerlichen Mai wie diesem vom Büsumer Hafen aus mit der gut besetzten Lady von Büsum gestartet sind. Für einen Tagesausflug. Und wie wir nach 3 Stunden Fahrt – mit einem Umweg über die schmuck pragmatischen Bördeboote – an Land ausgekippt wurden.

Zumindest kommt mir das rückblickend so vor, weil ich mich an einen sich über die Insel ergießenden, aufgeregt schnatternden Schwall erinnert fühle. Der sich dann alsbald in den kleinen Straßen verlief. Um sich in den Restaurants und auf dem Rundweg zum Lummenfelsen wieder zu verdichten. Alles Tagesgäste wie wir, auf ihrem Rundweg über die Insel. 60km entfernt von der Nordseeküste, mitten in der Nordsee.

Einmal ausbooten bitte. Helgoland – für alle, die vom Wasser aus kommen, nur über die hochseetauglichen, massiven Börteboote zu erreichen.

Exkurs: Overtourism. Oder, wenn’s für keinen mehr das Glück ist

Wir Touristen mögen ein Segen sein in Gegenden, in denen sonst wenig Wirtschaftszweige Fuß fassen können. Doch sind wir immer häufiger auch Fluch. Am Pfingstmontag, den 21. Mai 2018 läuft im ZDF die Doku Sommer, Sonne, Urlaubsglück? Nach einem Tag im Garten von Freunden bleibe ich am Titel hängen. Ein Fragezeichen nach „Urlaubsglück“? Ich schalte ein. Das fragende Satzzeichen ist berechtigt. Binnen kürzester Zeit verwandelt sich die 45-minütige Sendung in eine kleine Horrorshow. Overtourism at its worst. In eindrucksvollen Bildern.

Mir fällt ein, wieso ich keine Lust mehr habe, meine Freundinnen in Barcelona oder Amsterdam zu besuchen. Dass ich mir immer weniger heimlich wünsche, sie kämen mich einmal wieder besuchen. Oder wir träfen uns mal zur Abwechslung in Bielefeld im Winter. Ich stelle fest, dass ich in meiner Vorfreude auf den nächsten Besuch in meiner Herzensstadt Lissabon ein wenig gebremst bin, denn Lissabon leidet mit 6 Millionen Touristen bei 500.000 Einwohnern ebenso wie Barcelona und Amsterdam. Und ist kurz davor, auf ähnliche Weise zu kippen.

Island geht es mittlerweile ähnlich, auch Dubrovnik und Venedig, sicher das bekannteste und älteste Overtourism-Opfer Europas, leiden unter der ungestümen Zuwendung externer Besucher. Frankfurt Römer, Berlin Friedrichshain, ich könnte endlos so weiter machen.

Die ZDF-Doku nimmt inzwischen Thailand ins Visier. Ein ehemals einsamer Strand in Thailand ist seit seinem Auftritt in einem prominent besetzten Kinofilm rund um die Uhr knallvoll. Hier zu ankern kostet umgerechnet 10 Euro „Eintritt“. Bis auf ein paar Insta-Selfie-Mädchen in knappen Bikinis schauen alle, die sich das ZDF vornimmt, auf die Frage: So, how do you like it? – Wie gefällt es euch?“ eher bedröppelt aus der Wäsche.

So entspannt wie hier auf Helgoland Düne geht es in den in der Doku beschriebenen touristischen Hotspots schon lange nicht mehr zu. Foto: (c) Helgoland Touristik

Meine Gedanken werden illustriert von Menschenmassen, die sich durch (ehemals) malerische Gässchen wälzen. Mittlerweile sind die Macher der Doku in Italien angekommen.

Auch der Ansturm auf die Blaue Grotte bei Capri ist nicht mehr schön. Das Filmteam war noch nicht mal in der Hauptsaison da. Auch Lars schreibt in seinem Bericht Capri und die Zeit dazwischen, dass täglich unvorstellbar 15.000 Tagesgäste die Insel aller Inseln entern… Ich frage mich, wie es auf Helgoland während der Sommerferien zugeht – in der Zeit von 12-16h. Denn das ist die Zeit der Tagesgäste.

Ich habe gelesen, im Sommer zählt selbst das kleine Helgoland über 10.000 Tagesgäste pro Tag. Jetzt will ich es genau wissen und hole mir aus der super freundlichen und hilfsbereiten Kurverwaltung frische Zahlen. Hier scheint noch alles im Lot. Aber ich fahre ja auch nciht während der Sommerferien hin, sondern im Herbst. Äh, aber an ’nem Wochenende, das viele mit 2 Brückentagen bis zum 3. Oktober feierlich verlängern.

Helgoland in Zahlen
Einwohner rund 1.515, inklusive Saison-Arbeitskräfte. Im Winter 1.300
Besucher und Gäste in 2017: 333.266 über Südhafen und auf Reede, zzgl. Flughafen und Kreuzfahrtgästen 347.881
2825 Betten. Dazu zählen Hotels und Fewos, Campingplatz und Jugendherberge
Quelle: Helgoland Touristik.

Helgoland in den Sommermonaten. Blick auf den Südhafen. Die Ausflugsdampfer geben sich die Klinke in die Hand.

Beziehung Tourist und Einheimischer? Es bleibt kompliziert.

Wir kamen uns doof vor, nach der flotten Zirkuspony-Runde über den Roten Felsen wieder in die Bördeboote zu klettern und davon zu brausen. Es war so schön. Und wir… den Blick immer wieder auf der Uhr. Während hinter uns die Insel ihren wahren Zauber zu entfalten schien. Nun, wo wir Tagesgäste sie nicht mehr eilig überrannten. So erwachte der Wunsch, beim nächsten Mal mindestens (!) eine Nacht hier zu verbringen. Ja, auch Entschleunigung will gelernt sein…

Spätnachmittag und Abend zu erleben, den frühen Morgen zu genießen. Wenn dieser Flecken Land in der Nordsee noch in seinem eigenen Rhythmus atmet. Nicht im Takt derer, die das Geld bringen, den Parcours laufen, rasch noch zollfrei einkaufen und weit vorm Abendessen wieder verschwinden. Zeit für Strandspaziergänge auf der „Düne“ und – mit viel Glück, auch Robben beobachten. Ganz vorsichtig.

Es ist zum Heulen mit den vielen Tagesgästen, die sich gar nicht richtig Zeit nehmen, die Schönheit der roten Insel zu erleben, oder? Foto: (c) Helgoland Touristik

Wie hält man die Balance zwischen den Interessen der Einwohner und dem Wunsch der Tourismustreibenden, Geld zu verdienen? Wie kommt man dem Moment zuvor, bevor eine Destination kippt wie ein fauliges Gewässer, sich von einer lebenswerten und beliebten Stadt in ein überfülltes Freiluftmuseum verwandelt?

Dem Guide in Thailand, der mittlerweile selbst 200 Euro für ein winziges Zimmer zahlt, sind es immer noch nicht genug. Seine Rechnung ist ganz einfach: Mehr Touristen, mehr Geld für ihn. Umso besser laufen die Geschäfte. In den Niederlanden gehen sie drastische Wege, erfahre ich in der Doku. Ein Freizeitpark ist in Planung. Keine 5 Kilometer von Schipol entfernt. „Holland World“ – wie absurd. Oder nicht? Kann es so gelingen, Leute umzuleiten, die nur der Illusion erliegen wollen und spätestens nach dem 3. Bier ohnehin nicht mehr wissen, wo sie gerade feiern.

Helgoland langsam entdecken

Orte wie Helgoland werden ihren Zauber – hoffentlich – noch lange behalten. Vielleicht – so ja auch die zarte Hoffnung der Destinationsmanager und Tourismus Marketing-Spezialisten – entzerren wir Reisewütigen unsere überbordene Präsenz ein bisschen. Entdecken in den Regionen, in denen nicht rund ums Jahr Sommerfeeling herrscht, Nach- und Nebensaisons.

Helgoland. Hart umkämpfter Felsen mit aufregender Geschichte. Vorne die Nebeninsel „Düne“, hinten die Hauptinsel. Seit einer Sturmflut 1721 sind sie getrennt.

Auf den Klippen des Oberlandes vom Pinneberg versammeln sich Scharen von Vögeln und lassen sich von den Besuchern bestaunen. Besucher, die je nach Saison ebenfalls in Scharen auf die beliebte „Hochseeinsel“ strömen.

Bleiben einfach mal über Nacht, dort, wo eine eher hastige Stippvisite mit vorgegebenen Foto-Spots dazu verleitet, nur auf ein paar Stunden einzufallen … oder – wenn wir das alles gar nicht hinbekommen, müssen wir uns bald wahrscheinlich immer öfter mit echten Freizeitparks abspeisen lassen. Eingezäunt und abgesichert, mit Eintrittsgeldern und Security. Und überlassen die schönen Orte einfach den letzten Menschen (und den Tieren), die dort leben.

Die – wie ich finde – coolsten Schrebergärten der Welt. Mit Meerblick. In dem oft steifen, immer salzigen Wind zu gärtnern ist die hohe Kunst. Sie entstanden 1968, während in den Großstädten Deutschlands die Studentischen Unruhen tobten. Inseln haben halt ihren eigenen Takt.

Basstölpel im souveränen Anflug. Auch für Birdwatcher und „richtige“ Ornithologen ist Helgoland ein Fest. Wir Laien bestaunen einfach das lebendige Treiben und die vollgekackten Felsen.

Service

Eine Übernachtung auf Helgoland am besten frühzeitig buchen. Und bitte mindestens eine Nacht einplanen, um alle Tageszeiten-Stimmungen zu erleben.
Dann ist in jedem Fall auch Zeit für eine Überfahrt zur „Düne“.

Foto: (c) Helgoland Touristik

Die Doku Sommer, Sonne, Urlaubsglück? ist noch bis zum 21.5.2019 in der Mediathek vom ZDF zu sehen.

Für die Bereitstellung zusätzlichen Bildmaterials (im Text jeweils in den Bildunterschriften kenntlich gemacht) geht ein Dank an die Kurverwaltung von Helgoland. Toller Service, flott und freundlich.

Disclaimer: Dieser Beitrag wurde aus eigenem Interesse verfasst und gibt lediglich die Meinung der Autorin wieder. Entsprechend sind die gebuchten Übernachtungen privat bezahlt und nicht Bestandteil einer Kooperation.

Über Inseln als Lebensraum und Wohnorte habe ich mir an anderer Stelle hier auf Sirenen und Heuler schon Gedanken gemacht.