Jugendstil in Riga – Alpträume aus Stuck

Manche Dinge kannst Du auf Reisen nicht ausblenden. Auch wenn Du gerne möchtest. In Riga ist das Jugendstil. Gibt’s an jeder Ecke. Mag ich Jugendstil? Nicht wirklich! Trotzdem musste ich immer wieder fotografieren. Das Ergebnis? Diese Fotogalerie: Alpträume in Stuck.

Alles fließt! Jugendstil! Dekorative Linien, florale Ornamente, Asymmetrie. So lassen sich die gestalterischen, äußeren Merkmale des Jugendstils um 1900 beschreiben. Knapp 20 Jahre lang suchen Künstler, Architekten und Designer aus ganz Europa nach einem neuen Stil für ihre Zeit. Sie wollen weg von den pompösen Geschmacksverwirrungen des Fin de Siècle hin zu mehr Natürlichkeit und Funktionalität.

In der Mode etwa fällt das Mieder. Die Taille wird befreit. Der Rocksaum wird kürzer und der Knöchel wird gezeigt. Auch in der Architektur werden neue Wege beschritten. Die alte, ehrwürdige Hansestadt Riga kann davon ein lustiges Liedchen singen.

Riga ist die unangefochtene Hauptstadt des Jugendstils in Europa. Über 800 Jugendstil Gebäude kannst Du in Riga bestaunen. Die meisten Art Nouveau Gebäude in der Hafenstadt entstanden in einem winzigen Zeitfenster von 1900 bis 1910. Anfang des letzten Jahrhunderts muss die schnell wachsende Boomtown Riga ein wahres Eldorado für die Architekten des Jugendstils gewesen sein. Denn die prosperierende Industriestadt braucht vor allem eines: Häuser!

Deswegen lässt sich in Riga Jugendstil Architektur in der gesamten Stadt bewundern. Vom Stadtzentrum bis hinaus in die Peripherie. Bei jedem Spaziergang durch Riga wirst Du immer wieder Bauten mit den typischen floralen Art Deco Ornamenten entdecken. Üppige Blüten und verschlungene Ranken wuchern an Hauswänden entlang. Dekorative Peitschenhiebe zucken über die Fassaden. Viel sexy, nacktes Fleisch räkelt sich unter den Balkonen.

Schwülstig und schwül. Der Jugendstil des Michael Eisenstein

Art Nouveau Architektur in Riga ist häufig noch schwülstig schwüler als eine abgetakelte Varieté Revue. Gekonnt verdrehen die nackten Girlies unter den Balkonen ihre biegsamen Leiber. Schamlos präsentieren sie dem interessierten Betrachter ihre knackigen Ärsche und die prächtigen Brüste. Die Männer dagegen sind muskulöse Kerle in den besten Jahren. Bekanntlich machen Falten Männer besonders interessant.

Manche Jugendstil Gebäude sind hervorragend restauriert, andere schlummern noch einen angegrauten Dornröschen-Schlaf. Heute ist der Jugendstil in Riga durch das Welterbe Programm der UNESCO geschützt. Die spektakulärsten und durchgeknalltesten Jugendstil Ensemble Rigas findest Du praktischer Weise auf engstem Raum und nah am Stadtzentrum.

Der Architekt Michael Eisenstein hat in einem kleinen Straßengeviert zwischen der Albert Straße, Alberta Iela, und der Elisabeth Straße, Elisabetes Iela, seiner Fantasie ungehemmten Lauf gelassen. Herausgekommen ist dabei eine groteske Kulissenlandschaft, verziert mit Fabelwesen, Dämonen, Masken und barbusigen Schönen. Der Quell der ausufernden eisensteinschen Kreativität? Das Ägypten der Pharaonen und das mythische Griechenland!

Architektur in der Sinnkrise

Könnten Häuser schreien, dann tobte auf der Alberta Iela ein furchtbares Gekreische und Gebrüll. Dämonenfratzen, Fetischmasken, vor Schreck geweitete Augen und aufgerissen Münder beherrschen die Szenerie. Als ob die verzierten Häuserwände die entsetzlichen Lüste, Neurosen und Perversionen, die sich hinter ihren dicken Mauern und dunklen Fensterhöhlen aufstauen, zwanghaft gestehen müssten. Als ob der Druck im grauenhaften Kessel der bürgerlichen Existenz so lange angestiegen ist, bis er vorne an der Fassade explodiert. Zwischen Schauer und Schönheit schäumt er ein letztes Mal auf, kollabiert und ergießt eine klebrige Deko-Sülze bis in die kleinste Fuge und den engsten Winkel.

Der Filmregisseur Sergej Eisenstein, Sohn des alleinerziehenden Michael, ist hinter einer dieser Horror Vacui Fassaden aufgewachsen. Vielleicht haben sich diese alptraumhaften Motive so eingebrannt, dass er sie in seinen Filmen verarbeiten musste. Zum Beispiel im Panzerkreuzer Potemkin. An der berühmten Treppe von Odessa. Ein schlafender, steinender Löwe erwacht. Der Löwe richtet sich auf. Die russische Revolution von 1905 beginnt. Die Belle Époque wird davon gefegt. Die große Zeit des Vaters ist vorbei. Die große Zeit des Sohnes bricht an. Während der Sowjetischen Besatzung waren die Häuser rund um die Albert Straße als dekadent verschrien. Die hochherschaftlichen Wohnungen wurden in Gemeinschaftswohnungen umgewandelt und abgewohnt. Heute ist die Alberta Iela wieder eine 1A Lage.

Verrückter Jugendstil als Tourismus-Magnet

Die Kunstgeschichte bezeichnet Michael Eisensteins Architektur als eklektizistischen Jugendstil. Elemente aus früheren Architekturstilen werden sinnfrei vermischt. Die innovativen, reformerischen Ansätze der Jugendstil Architektur lässt Eisenstein dagegen links liegen. Schon die Zeitgenossen haben den Architekten Michael Eisenstein für seine übertriebenen Jugendstil Ungetüme verspottet und verhöhnt. Aber sie waren eine exzellente Investition in die Zukunft.

Heute ziehen Michael Eisensteins Jugendstil Fassaden besonders am Vormittag eine Unmenge von Reisenden an. Sie wollen diese durchgeknallten Art Nouveau Alpträume in Stuck aus nächster Nähe betrachten und natürlich fotografieren. Die Reisegruppen kommen meistens am Vormittag. Auf den Gehwegen entstehen richtige Staus und Gerangel um die besten Fotospots. Deswegen solltest Du Dich eher am späten Nachmittag auf den Weg in den Ornamenten Zoo des Michael Eisenstein an der Alberta Iela in Riga machen.

Service

Wenn Du mehr über Jugendstil in Riga erfahren möchtest, dann solltest Du Rigas Jugendstil Museum im Eckhaus Alberta Iela 12 besuchen. Auf einer spektakuären Wendeltreppe steigst Du empor zum Museum. Das besteht aus einer prächtigen, original eingerichteten großbürgerlichen Wohnung. Gelebt hat hier Konstantīn Pēkšēns der Architekt des Hauses. Konstantīn Pēkšēns ist ein Vertreter der national romantischen Jugendstil Architektur in Lettland. Unter dem Dach kannst Du zwei weitere lettische Jugendstil Künstler kennenlernen. Der Maler Janis Rosentāls hatte hier sein Atlier und der Schrifsteller Rūdolfs Blaumanis hat in einer schumrigen Mansarde seine Dichtung geschrieben. Absolut sehenswert!

Karte mit dem Jugendstil Viertel um die Albert Straße