Kapstadt – Multikulti ohne Tamtam

Kapstadt – Multikulti ohne Tamtam 2/3

Ich bin immer noch voll von Kapstadt – so voll, dass ich mehr Platz brauche, um alles aufzuschreiben. Der zweite Teil erzählt, warum wir uns so schnell heimisch fühlten und wie eine behutsame Erinnerungskultur versucht, die verschiedenen Volksgruppen zu versöhnen.

Was bisher geschah: Unsere Kapstadt-Experience (Teil 1) fing an mit strömendem Regen, der sich aber bald verzog und Platz für eine erste Stadtbesichtigung machte. Wir bekamen schnell ein Gefühl für diese Stadt, und das Gefühl war gut.

Zurück in der Victoria & Alfred Waterfront. Das Ambiente gefällt uns gut, weil hier versucht wurde, Altes und Neues in Einklang zu bringen. Manche der Malls sind in renovierten Lagerhallen untergebracht und in der ehemaligen Hafenmeisterei gibt es heute afrikanisches Kunsthandwerk in allen Variationen zu kaufen.

Kapstadt - Multikulti ohne Tamtam

Die V & A Waterfront mit dem Tafelberg im Hintergrund

Unbekümmerte Bauwut

Ansonsten ist Kapstadt architektonisch ziemlich wirr. Verschnörkelte viktorianische Veranden, klassizistische Fassaden, ganze Hochhäuser im Art déco vermischen sich wahllos und oft unvermittelt mit brutaler Parkhaus-Ästhetik. Ist das Unbekümmertheit, Korruption, vielleicht sogar Ausdruck einer turbulenten und oft gewalttätigen Geschichte? Wahrscheinlich von allem etwas. Das Durcheinandergewürfelte ist neben dem Tafelberg das wichtigste Merkmal der Stadt, und je länger wir da sind, desto weniger nehmen wir beides wahr.

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Architektur-Kuddelmuddel im Stadtzentrum. Links die Fassade der Slave Lodge (Skalvereimuseum)

Anders ausgedrückt: Wir fühlen uns schnell heimisch. So heimisch, dass wir aus allen Wolken fallen, als uns nach einer Woche jemand auf der Straße im Guten rät, doch bitte die Kamera nicht so offen herumzutragen. Sind wir zu naiv, fragen wir uns hinterher, hatten wir Glück, dass nichts passiert ist? Fakt ist, dass wir kaum mehr auf unsere Sachen aufgepasst haben als zuhause und so gut wie nie ein Gefühl der Bedrohung empfanden. Wir verbuchen das jetzt mal als Pluspunkt für Kapstadt und seine Menschen – ungeachtet all der Sicherheitswarnungen, von denen die einschlägigen Reiseführer traditionell voll sind.

Kapstadt Vielvölkerstadt

Noch bunter als die Architektur sind die Menschen. Was ist der einfachste Weg, Kapstadt kennen zu lernen? Du läufst durch die Straßen und schaust in die Gesichter der Passanten. Es sieht fast so aus, als hätte jemand versucht, alle Hautschattierungen der Welt, alle Gesichtsformen und -schnitte zusammenzutragen. Afrika, Asien und Europa fließen hier auf tausenderlei Weise ineinander, oft in ein- und derselben Biografie. Denn Kapstadt war jahrhundertelang eine Sklavenhalterstadt, der globalisierte Sklavenhandel hat den Hafenort reich und groß und berüchtigt gemacht – ein Schmelztiegel der Kulturen.

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Die wahrscheinlich längste Theke Kapstadts: der Eastern Food Bazaar am Mittag.

Heute, etwas mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid, verstehen sich die Südafrikaner als „Regenbogennation“. Die rassistische Vergangenheit ist Teil der gemeinsamen Identität. Anders als in Deutschland kommt der Umgang damit allerdings recht pragmatisch und ohne weihevolles Getue aus.

Das heißt nicht, dass die Verarbeitung weniger schmerzhaft wäre. Insbesondere die sogenannten Coloureds (Farbigen) beklagen die anhaltende Diskriminierung. Früher, sagen sie, waren sie zu schwarz, heute sind sie zu weiß. Anders als im restlichen Südafrika stellen sie in Kapstadt und der Westkap-Provinz die Bevölkerungsmehrheit.

Gerade deshalb ist ihre Identitätsfindung hier besonders schwierig – und die Enttäuschung darüber, dass sie die Früchte des Anti-Apartheid-Kampfes nicht ernten können, besonders groß. Ihr Problem: Sie sind keine homogene Volksgruppe wie die meist erst im 20. Jahrhundert zugewanderten schwarzen Xhosa oder die weißen Ex-Kolonialherren. Unter ihren Vorfahren sind weiße Eroberer, Arbeitssklaven diverser asiatischer Herkunft und auch San und Khoikhoi, deren Familien hier schon lebten, lange bevor Südafrika auf europäischen Landkarten auftauchte.

Dennoch finden wir die Atmosphäre im Stadtzentrum erstaunlich entspannt. Denn trotz aller Probleme schätzen die Menschen ihre neu gewonnenen Freiheiten und nutzen sie auch. Gerade städtische Angebote – von öffentlichen Grünflächen bis zur Bibliothek – werden gern wahrgenommen, und viele sind stolz auf das Erreichte. Das gilt wahrscheinlich selbst für die Obdachlosen, die sich auf den Bänken im Company’s Garden häuslich eingerichtet haben.

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Die Zentralbibliothek in einem ehemaligen Garnisonsgebäude. Für viele Menschen, die in der Innenstadt arbeiten oder zur Schule gehen, ist die Central Library ein fester Bestandteil ihres Lebens.

Unaufgeregt geschichtsbewusst

Auffällig sind auch die vielen Erinnerungsorte, die es in Kapstadt gibt. Dabei nimmt die Erinnerung ganz unterschiedliche Wege. Auf dem Church Square etwa stehen elf schlichte schwarze Steinquader. Erst als wir nahe genug herantreten, können wir die Inschriften darauf lesen. Es sind aneinandergereihte Namen – Paul van Malbar, Maria van Bengalen, Titus van Macassar, Anthoni van Madagascar, Douwe van Timor. Sklavennamen, vergeben von Kapstädter Sklavenhaltern, die sich nicht die Mühe machten, die Geburtsnamen der Unglücklichen zu lernen, sondern ihnen kurzerhand neue Namen überstülpten, Herkunftsbezeichnung inklusive. Ein eindringliches Denkmal, gerade weil es so unspektakulär daherkommt.

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11 schwarze Steine mit Namensinschriften: das Slavery Memorial auf dem Church Square

Museen wie die Slave Lodge, in der ehemals die Staatssklaven untergebracht waren, versuchen akribisch, Lebensläufe von Sklaven zurückzuverfolgen. Aber es geht nicht nur um Leid und Unterdrückung, es geht auch darum, sich trotz Versklavung kulturell zu behaupten. In der Slave Lodge überrascht uns eine ziemlich große Abteilung zum Blaudruck, einer aus Deutschland importierten Textildrucktechnik, die es erlaubte, auf recht einfache Art vielfältige Muster zu erzeugen. Die stießen besonders bei den Sklaven auf Begeisterung und finden sich bis heute auf vielen traditionellen Kleidern Südafrikas. Auch der Kapstädter Karneval hat überlebt und wird hier mitsamt seinen multikulturellen Wurzeln gewürdigt.

Apartheid mit Vorgeschichte

Architektonisch erleben wir die ehemalige Rassentrennung besonders im Bo-Kaap. Das Viertel liegt am Hang des Signalbergs, auf dem seit alters her jeden Tag um Punkt 12 Uhr die Mittagskanone gezündet wird, als Orientierung für die Schiffe. Das Bo-Kaap ist traditionell muslimisch geprägt und wurde vom Apartheid-Regime den so genannten Kap-Malaien zugewiesen. Wer nicht dem Rassenschema entsprach, musste ausziehen.

Ganz Kapstadt wurde so „entmischt“, ein Erbe, das immer noch deutliche Spuren hinterlässt, auch in der Sprache – das Bo-Kaap wird noch heute gern als Malaienviertel bezeichnet. Das war es jedoch nie, die Familiengeschichten der Bewohner führen in alle Teile Asiens. Lediglich die vielen Moscheen sind ein Hinweis darauf, dass der Islam hier immer noch eine bedeutende Rolle spielt.

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Typische Straße im muslimisch geprägten Bo-Kaap. Die bunten Farbanstriche der Häuser kamen in den 1970er Jahren in Mode.

All das zeigt, dass das Verbrechen der Apartheid eine lange, leidvolle, brutale Vorgeschichte hatte. Umso bewundernswerter ist der Mut, mit dem sich die Menschen der Rassendiktatur entgegenstellten. Im Kapstädter Dom erzählt uns die Stadtführerin Ursula Stevens, die zu jedem Ort eine – oft sogar selbst erlebte – Geschichte erzählen kann, von den Predigten des damals dort amtierenden Erzbischofs Desmond Tutu. Er nahm kein Blatt vor den Mund – das tut er übrigens auch nicht gegenüber der heutigen schwarzen Regierung – und zog damit viele Regimegegner in die Kirche. Tutu ließ sich nicht einmal einschüchtern, als die Polizei die Kathedrale stürmte und die Leute unter seinen Augen an den Haaren nach draußen schleifte. Er folgte ihnen einfach vor die Tür und setzte dort seine Predigt fort.

In Teil 3 geht es um lässige Security Guards, doppelte Böden und Kapstadts Anziehungskraft für Südafrikaner.