Kapstadt – Multikulti ohne Tamtam

Kapstadt – Multikulti ohne Tamtam 3/3

Heute kommt der letzte Teil der Kapstadt-Trilogie. Die Attraktivität der Stadt verführt vielleicht zur Schönfärberei, aber Fakt ist: Die Anziehungskraft ist auch für Südafrikaner groß – und niemand tut so, als herrsche Friede, Freude, Eierkuchen. Darin liegt der eigentliche Charme.

Was bisher geschah: Unsere Kapstadt-Experience (Teil 1) fing an mit strömendem Regen, der sich aber bald verzog und Platz für eine erste Stadtbesichtigung machte. Wir bekamen schnell ein Gefühl für diese Stadt, und das Gefühl war gut. In Teil 2 haben wir herausgefunden, was an Kapstadt eigentlich das Auffälligste ist (außer dem Tafelberg natürlich) und wie es die Kapstädter schaffen, den Alptraum der Apartheid und ihr neues Leben so unaufgeregt unter einen Hut zu bekommen.

„Es ist verboten, hier zu fotografieren“, raunt plötzlich eine Stimme neben mir. Verdutzt blicke ich in das Gesicht eines Security Guards. „Aber das sind doch nur Kaufhausfenster“, sage ich. „Die Firma will das nicht“, antwortet er. „Aber ein Foto habe ich dich ja machen lassen.“ Wir lachen beide. Ein flüchtiger Händedruck und die Welt dreht sich weiter.

Kapstadt - Multikulti ohne Tamtam 1/3

Blitzsaubere Scheiben. Der Herr in der neongelben Weste ist der Security Guard.

Leben und leben lassen

Die Lässigkeit im Umgang mit Normen gibt’s in Kapstadt also nicht nur bei roten Fußgängerampeln – „Ampeln müsst ihr nicht beachten“, hatte uns unsere wunderbare Stadtführerin Ursula Stevens gesagt, „geht einfach rüber, wenn ihr euch sicher fühlt“. Nein, diese Lässigkeit ist, wenn man so will, Ausdruck eines urdemokratischen Prinzips: leben und leben lassen. Dazu gehört auch die Verantwortung für den öffentlichen Raum. Überall sehen wir Ordnungskräfte mit der Aufschrift „Public Safety“ auf der Weste. Noch zahlreicher sind die Kollegen von der Stadtreinigung, die „Cleaning“-Teams. Das sind nicht nur Arbeitsbeschaffungsprogramme, das hat System: Die Stadt ist supersauber, und niemand muss sich unsicher fühlen, solange er nicht bei Dunkelheit zwielichtige Winkel aufsucht.

Natürlich gibt es auch hier die üblichen Probleme einer Großstadt: einerseits hochpreisige Viertel und Gentrifizierung, andererseits Bettelei und Drogenmissbrauch – besonders ausgeprägt auf der Long Street, Zentrum der Backpacker- und Clubszene. Doch die Leute nehmen das nicht einfach hin. Zweimal erleben wir, wie Passanten laut „Dieb, Dieb!“ schreien und damit potentielle Täter in die Flucht schlagen.

Kapstadt - Multikulti ohne Tamtam 1/3

Viktorianische Balkone in der Long Street

Kapstadt mit doppeltem Boden

Manche „Südafrikakenner“ finden Kapstadt zu europäisch. Wenn du Südafrika kennenlernen willst, sagen sie, musst du nach Johannesburg fahren. Die Südafrikaner selbst sehen das offenbar anders: Sie siedeln sich scharenweise in Kapstadt an. Das liegt vor allem daran, dass die Qualität der öffentlichen Dienstleistungen – vor allem Stromversorgung und Verkehr – in den übrigen Landesteilen immer katastrophaler wird. In Kapstadt dagegen – Hauptstadt der einzigen Provinz, die nicht von der korruptionsgeschüttelten Regierungspartei African National Congress (ANC) regiert wird – funktioniert alles noch ziemlich gut. Die Straßen sind gut in Schuss, das Stadtbild ist gepflegt und Jobs gibt es auch.

Kapstadt - Multikulti ohne Tamtam

Sorgfalt und jede Menge Manpower: Straßenarbeiter beim Aufmalen eines Parkstreifens.

Trotzdem: Die Vergangenheit schwingt immer mit. Daran erinnert nicht zuletzt die berüchtigte Gefängnisinsel Robben Island direkt vor Kapstadts Küste. Wie dünn der doppelte Boden der Gegenwart manchmal ist, erleben wir auch beim Besuch der National Gallery. Gleich im Eingangssaal stoßen wir auf die alptraumhaften „Butcher Boys“ – drei furchtbar entstellte Bestienmenschen, die zeigen, wie das Apartheids-System die Gesellschaft deformiert hat. Die südafrikanische Künstlerin Jane Alexander schuf die lebensgroße Plastik in den 1980er Jahren, als der Rassismus im Land noch Staatsdoktrin war. Kein Foto kann die aggressive Ausstrahlung der Butcher Boys auch nur annähernd einfangen.

Auch der berühmte Tafelberg wurde einst als Bollwerk der Apartheid missbraucht. Er trennte das Stadtzentrum von den schwarzen Townships. Das tut er auch heute noch, aber nicht, weil es noch rassistische Verbotszonen gäbe, sondern weil 20 Jahre nicht ausreichen, um die räumliche Rassentrennung rückgängig zu machen. Ein Kapstadt-Besuch ohne Ausflug auf den Tafelberg ist undenkbar. Der Blick von oben macht die komplizierte Topografie der Stadt überhaupt erst verständlich und ist auch sonst ein Erlebnis, das wirklich mal das Attribut „atemberaubend“ verdient. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Kapstadt - Multikulti ohne Tamtam

Tourismus-Marketing in Kapstadt: Der Tafelberg als Postkartenmotiv. Rechts die Spitze des Lion’s Head

Service

Nach zehn intensiven Tagen Kapstadt hatten wir immer noch das Gefühl einer Stippvisite. Die Tipps sind deshalb völlig willkürlich, wenig repräsentativ und daher bewusst spärlich. Trotzdem könnt ihr euch, wenn ihr wollt, stundenlang damit beschäftigen (es lohnt sich!).

Eine wahre Fundgrube für historisch Interessierte ist Southafrican History Online. Unendlich viele Themen werden ausführlich beleuchtet. Egal, ob ihr etwas über Gandhis Aufenthalt in Durban wissen wollt oder über die Rolle von Kunst und Kultur im Anti-Apartheids-Kampf, hier bekommt ihr unerschöpfliche Hintergrundinfos. Auch die zum Teil haarsträubende Geschichte der offiziellen südafrikanischen Anti-AIDS-Politik hat hier ihren Platz.

Wenn ihr einen touristisch aufgemachten Online-Guide sucht, guckt mal beim Kapstadt-Magazin rein. Da gibt’s einen guten Event-Finder, und sehr nützlich sind auch Tipps wie „Kapstadt mit Kindern entdecken“ oder „Wie finde ich den Richtigen? – Hinein in den Wein-Dschnungel“.

Wanderlust ist die Website von Ursula Stevens, auf der sie ihre spezialisierten Reiseführer vorstellt.

Weitere empfehlenswerte Reiseveranstalter für Kapstadt und Umgebung – beide in der Vergangenheit als Förderer eines nachhaltigen Tourismus ausgezeichnet – sind Awol Tours und coffeebeans routes.

Zuletzt ein Hinweis auf ein Buch, das mich vor meiner Abreise auf sehr sensible Weise auf Südafrika vorbereitet hat: Mischlingsherz – Eine Rückkehr nach Afrika. Der Autor des Prosabands, Breyten Breytenbach, ist vor allem durch seine Gedichte bekannt geworden und war ein engagierter Apartheid-Gegner, was ihm Hochachtung, aber auch sieben Jahre Gefängnis einbrachte. Das Buch ist eine Sammlung von sehr persönlichen, selbst in der Übersetzung sprachgewaltigen Eindrücken.