Kapstadt – Multikulti ohne Tamtam 1/3

Kapstadt - Multikulti ohne Tamtam 1/3

Damit hatten wir nicht gerechnet. Was wir erwarteten, war ein touristischer Hotspot mit toller Umgebung. Das erfüllte sich auch. Aber wie selbstbewusst und unaufgeregt die Stadt mit ihrer bleischweren Vergangenheit umgeht, ist eine Überraschung. Bühne frei für Kapstadt, die Vielvölkerstadt.

Wenn ich Maler wäre, würde ich Kapstadt nach einem Gewitterregen malen. Die Sonne bricht durch die Wolkendecke und spiegelt sich auf dem nassen Asphalt, das Unwetter verebbt in gurgelnden Rinnsalen am Straßenrand. Rotschwingenstare und Möwen trocknen ihr Gefieder auf den Köpfen der Statuen im Stadtpark, die Luft dampft wie ein Wasserkessel auf dem Herd und eine Brise vom Meer weht alle Dunkelheit fort und lässt die Konturen scharf und klar hervortreten. Die Welt glänzt wie ein frisch gewichster Schuh, und wer jetzt vor die Tür tritt, saugt mit dem würzigen Duft nach Regen das prickelnde Gefühl des Neuanfangs ein.

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Jan Christiaan Smuts, zweimaliger Premierminister Südafrikas. Das bis heute umstrittene Denkmal ist ein beliebter Vogelrastplatz.

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Apropos Regen: Als wir in Kapstadt ankommen, gießt es aus Kübeln. Es ist Winter. Macht nichts, dachten wir, als wir die Reise planten, so kalt wie bei uns wird’s da unten nicht. Stimmt auch. Trotzdem ist der erste Tag vor allem nass, da kapitulieren irgendwann auch Regenjacken und feste Schuhe. Wir stolpern durch die Pfützen, versuchen, uns ein bisschen zu orientieren, aber ein strahlender Anfang sieht anders aus.

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Bei Ankunft Regen: Tristesse am Flughafen in Kapstadt

Wir sind froh, dass es in der Wohnung eine kleine Heizung gibt. Die Vermieterin erzählt uns, dass das Balkonfenster genau auf den Tafelberg blickt. Heute können wir kaum zum Company’s Garden hinüberblicken, dem Park auf der anderen Straßenseite. Am Abend hellt sich unsere Stimmung etwas auf: Wir besorgen uns in einem geräumigen Imbiss an der Long Street ein ausgezeichnetes Curry – unsere erste Begegnung mit der asiatischen Kochkunst Kapstadts.

Während der nächsten Tage lernen wir, dass nichts in Kapstadt unberechenbarer ist als das Wetter im Winter. Da fallen auch schon mal alle vier Jahreszeiten auf einen Tag, wie bei uns im April. Zum Glück wechselt der Wind von Nordwest nach Südost. Von da kommt das gute Wetter, besonders im Sommer. Jetzt bringt der Wind den Vorfrühling mit Temperaturen bis 25 Grad und unser Balkon zeigt uns endlich den Tafelberg!

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Tafelbergblick von unserem Balkon: vorher

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nachher

Durchs Stadtzentrum am besten zu Fuß

„Ampeln müsst ihr nicht beachten. Geht einfach rüber, wenn ihr euch sicher fühlt“, sagt Ursula Stevens und stapft los. Wir sind durch Zufall auf sie gestoßen, in der deutschen Buchhandlung Naumann. Das Traditionsgeschäft lebt von den vielen deutschen Touristen und rund 50.000 deutschsprachigen Residents. Im afrikanischen Sommer kommen noch mal so viele „Schwalben“ dazu – Deutsche, die es sich leisten können, ihren Wohnsitz während der kalten Jahreszeit nach Kapstadt zu verlegen.

Die Buchhandlung liegt praktischerweise gleich schräg gegenüber der Touristeninformation. Hier startet Ursula Stevens fast täglich zu einer zweistündigen geführten Stadterkundung zu Fuß. Das hält offensichtlich fit: Sie ist nicht mehr die Jüngste, schlägt aber gleich ein forsches Tempo an. Dass wir heute ihre einzigen Kunden sind, macht ihr nichts aus – im Gegenteil! Wir freuen uns über eine Privatführung und die Gelegenheit, alle Fragen ungehindert loszuwerden.

Wie wir bald erfahren, ist sie in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihre Familie kommt aber aus Südafrika. In Kapstadt lebt sie seit einer gefühlten Ewigkeit, entsprechend gut kennt sie die rasante Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

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Das älteste erhaltene Gemäuer Kapstadts: Reste eines Wasserreservoirs aus den 1660er Jahren, entdeckt beim Bau einer Shopping Mall

Unterm Pflaster liegt der Strand

„Könnt ihr euch vorstellen“, fragt sie uns auf der Strand Street, „dass hier einmal ein Sandstrand war?“ Können wir nicht – wir stehen auf einer der Hauptverkehrsachsen Kapstadts. Die folgt der alten Strandlinie, aber das ist auch alles, was von der historischen Bucht übriggeblieben ist. Warum? Die wachsende Metropole brauchte einen größeren Tiefseehafen, also machten es die Kapstädter wie die Holländer – die haben die Stadt 1652 gegründet – und bugsierten Tonnen von Sand vom Meeresboden an die Küste. Das Ergebnis ist ein etwas wild bebautes Küstenvorland mit Bahnhof und Kongresszentrum, diversen Geschäftshochhäusern und zwei großen modernen Hafenbecken.

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Kein Plan erkennbar: Der Foreshore, das aufgeschüttete Küstenvorland, wirkt ziemlich zusammengewürfelt.

Auch die Victoria & Alfred Waterfront liegt hier, ein modernes Shopping- und Amüsierviertel um den Yachthafen und den viktorianischen Clock Tower. Gerade am Wochenende ist jede Menge los, viele Familien sind dann unterwegs, flanieren über die Quais und durch die Malls, machen vielleicht eine Fahrt auf dem Riesenrad und leisten sich ein Essen in einem der zahlreichen Restaurants.

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Abendstimmung an der V & A Waterfront mit dem historischen Uhrenturm. Gleich daneben starten die Fähren zur Gefängnisinsel Robben Island.

Teil 2 folgt demnächst mit der Frage, was an Kapstadt eigentlich das Auffälligste ist (außer dem Tafelberg natürlich) und wie es die Kapstädter schaffen, den Alptraum der Apartheid und ihr neues Leben so unaufgeregt unter einen Hut zu bekommen.