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Kattowitz – vom Aschenputtel auf dem Weg zur Cinderella

Kattowitz, das Ruhrgebiet des Ostens, befindet sich im Wandel. Aufgrund großer Kohle- und Erzlagerstätten war und ist Kattowitz einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte Polens. Allerdings ist die Abwicklung von Bergwerken und Schwerindustrie in vollem Gange. Dienstleistungsbranche, Elektroindustrie und Informationstechnik dagegen boomen.

Zwei Dinge fallen mir beim Besuch von Kattowitz sofort ins Auge. Diese Stadt ist dabei, ihr schwarzes, verrußtes Mäntelchen auszuziehen und seine Schönheit gepaart mit einer Art pragmatischem Charme zu zeigen. Es ist eine junge Stadt, die tagsüber etwas menschenleer wirkt und dafür nachts umso lauter feiert. Uns bleibt bei unserem Besuch im Mai 2018 bis zum Schluss verborgen, was die Bewohner – unter ihnen viele Studenten – am Vormittag so treiben. Am Abend sitzen sie in einer der vielen Bars, lauschen Musikern oder singen selbst Karaoke, schauen Sport, diskutieren über das Leben. Eines ist allen gemein:

Es wird viel gelacht und getrunken. Eine tolle Stimmung breitet sich in der abendlichen Fußgängerzone Mariacka im Zentrum aus und wieder einmal überraschen mich die Polen, auch wenn sie damit eigentlich nur ihrem zugedachten Klischee gerecht werden. So ein fröhliches und geselliges Feiern in den frühen Abendstunden kenne ich nur aus Polen. Auch wir kamen nicht umhin, uns auf dem Weg ins Hotel der Stimmung hinzugeben und noch einen (oder zwei oder drei) Absacker zu nehmen. Bier geht immer. Wodka auch. Noch so ein schönes Klischee.

Kattowitz entdecken. Jenseits von Klischees

Wir kommen in der Mittagszeit an und genießen eine fast verwunschene Stille. Die Mariacka liegt etwa 100m vom Hauptbahnhof entfernt und bietet nicht nur Kneipen und Bar für die Abendstunden, sondern auch kleine gemütliche Cafés wie das Coffee Ways auf Höhe des Platzes mit der neugotischen Kirche (plac szramka). Für die Hungrigen ist der Golden Donkey (Zloty Osiol), ein vegetarisches Restaurant mit großer Auswahl an kalten und warmen Speisen für wenig Geld, zu empfehlen.

Gut und günstig essen kann man auch in einer der wenigen noch original erhaltenen Milchbars. Die Idee der massenhaften und preiswerten Verpflegung breiter Bevölkerungsschichten entstand 1896 und ähnelt in seiner Aufmachung den heutigen Kantinen. Dort werden ganztägig nichtalkoholische Getränke und Speisen angeboten, die aus der traditionellen polnischen Küche stammen. Der Name Milchbar stammt aus der Zeit, als dort vorwiegend Speisen aus Milch, Milchprodukten und vegetarische Gerichte angeboten wurden.

Schönes grau in grau

Kattowitz ist keine Stadt, die repräsentieren will. Schmucklos und zweckmäßig sind viele Häuser gestaltet und verbreiten damit einen ganz eigenartigen Charme. Eine Arbeiterstadt. Mir gefällt dieser Stil und auch an das Grau habe ich mich schnell gewöhnt.

Eine der vielen grauen Häuserfassaden, die ihren Charme erst auf den zweiten oder dritten Blick versprühen. Das Reisebüro ist geöffnet.

Mich hat besonders gefreut, dass es in der Stadt auch eine aktive Streetart-Szene gibt. Viele kleine und große Kunstwerke schmücken die Stadt, sind an den grauen Fassaden aber nicht immer leicht zu entdecken. Der aufmerksame Blick wird aber schnell belohnt. Offensichtlicher kommt da die Fußgängerunterführung im Zentrum daher und nimmt den sonst düsteren Gängen seinen Schrecken.

Der kunstvoll gestaltete Fußgängertunnel lädt zum Unterqueren der Bahngleise ein.

Am Rondo, einem bebauten Kreisverkehr, liegt eine moderne Kunstgalerie vor dem großen Hochhauskomplex Superjedhostka im sozialistischen Stil. Ein Wahrzeichen und Orientierungspunkt für die Stadt. Gegensätze aus Vergangenheit und Zukunft liegen stets nah beieinander.

Die Kunstgalerie unter einem modernen Bogen direkt an einer Straßenbahnhaltestelle vor dem größten sozialistischen Hochhaus der Stadt.

Gegenüber wird mit dem Denkmal zu Ehren der Teilnehmer an den drei Schlesischen Aufstände zwischen 1919 und 1921 gedacht. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die Republik Polen gegründet. In den Aufständen ging es darum, dass Oberschlesiens ebenfalls Polen zugesprochen werden sollte. 1922 wurde dann als friedensstiftender Kompromiss Ost-Oberschlesien, u.a. die Region um Kattowitz, abgetreten. Wie lange der Frieden hielt, ist hinlänglich bekannt.

Blick auf die Hochhäuser rund um den Rondo mit dem Denkmal zu Ehren der Teilnehmer der drei Schlesischen Aufstände 1919-1921. Im Vordergrund ein Zitat von Dieter Rams: „Gutes Design ist bis ins kleinste Detail konstant.“

Bergarbeiter-Wohnsiedlung „Nikiszowiec“

Etwas außerhalb, südöstlich von Kattowitz Innenstadt wurde Anfang des 20. Jhd. in unmittelbarer Nähe zu den Bergwerken und Stahlhütten die Bergarbeiter-Wohnsiedlung „Nikiszowiec“ als soziales Wohnprojekt von den Zechenbetreibern in Auftrag gegeben. Man darf den Betreibern einen gewissen Eigennutz unterstellen, da die Bergarbeiter bis dahin knapp 10 km zu Fuß gehen mussten, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen.

Dennoch gelang es den Architekten Georg und Emil Zillmann nicht nur Wohnraum zu schaffen sondern auch für eine besondere Wohnqualität zu sorgen. Auf einer Fläche von 200.000 m² entstanden neben rund 1.000 Wohnungen auch ein großer Park, eine Kirche, ein Krankenhaus, eine Schule, Einkaufsmöglichkeiten sowie Restaurants und Bars.

Das besondere war aber das öffentliche Waschhaus mit einem eigenen Kesselhaus, um für warmes Wasser zu sorgen. Für jeden Besucher noch heute von weitem gut sichtbar sind die mit roten Ziegeln umrandeten Fenster der Häuser. Dieses Gestaltungselement wird durch einen roten Anstrich sogar noch betont. Die gesamte Siedlung steht seit 2011 unter Denkmalschutz.

Trotz einheitlicher Gestaltungselemente sehen die Häuser mit den roten Fensterrahmen nicht nach Kasernen aus. Das Wohnen in den dreigeschossigen Bauten war äußerst komfortabel und bis in die 1990er Jahre den Bergarbeitern vorbehalten.

Aus der Grube zum Schmuckstück

Das Schlesische Museum wurde 1929 gegründet, dann aber im Zweiten Weltkrieg so stark beschädigt, dass es anschließend abgerissen und „vergessen“ wurde. 1984 gab man dem Bevölkerungsdruck nach und eröffnete das Museum erneut jedoch im ehem. Grand Hotel Wien, welches dazu parallel umgebaut werden musste, um überhaupt ausreichend Platz zu bieten. Das Schlesische Museum zählt heute über 75.000 Exponate, die mit der Stadt und Region Oberschlesien zusammenhängen. Darüber hinaus gehören eine Gemäldegalerie der polnischen Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts sowie wechselnde Sonderausstellungen dazu.

2014 zog das Schlesische Museum in das umgebaute ehem. Bergwerk „Zeche Kattowitz“.

Der Umbau ist meiner Meinung nach großartig geworden, da räumlich nichts von der beklemmenden Enge Untertage geblieben ist und trotzdem ein guter Eindruck über die damaligen Lebensumstände gewonnen werden kann. Mich hat vor allem inhaltlich der polnische Blick auf die Geschichte Anfang des 20. Jhd. beeindruckt. Dachte ich bisher, die Geschichte um den ersten und zweiten Weltkrieg herum gut zu kennen, so wurde ich hier eines Besseren belehrt und lernte wirklich viel dazu. Der Region Oberschlesien kam dabei eine besondere Bedeutung zu, die im Museum auf sehr anschauliche Weise dargestellt wird. Ein Besuch ist aus meiner Sicht unbedingt ein Muss. Schon allein auch wegen der Architektur.

Blick vom oberirdischen Eingang in die Tiefen des Schlesischen Museum.

Damit aber nicht genug. Die 24. Klimakonferenz war im Dezember 2018 zu Gast im Schlesischen Museum und hat nicht zuletzt durch die packende Rede von Greta Thunberg und einem eher schlechten als rechten Kompromiss Geschichte geschrieben. Dabei habe ich Kattowitz als Stadt mit Willen zum Aufbruch in eine bessere Zukunft für alle in positiver Erinnerung. Der Geist hätte den Beteiligten der Klimakonferenz sicher auch gut getan…

Eine Zusammenfassung des 24. Klimatreffens findet sich auch hier.

Hier gibt es weiterführende Informationen zu einem Besuch der Arbeitersiedlung Nikizowiec.