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KUMU – Tallinn Tipp 3/3

Museum? Einfach mal eine Auszeit von der trubeligen Gegenwart. Und die Welt mit anderen Augen sehen. Find ich toll! Im KUMU dem KUnstiMUseuumi in Tallinn gibt es estnische Kunst aus 200 Jahren. Fantastisch was sich da so alles entdecken lässt!

Tallinn ist eine sehr schöne Stadt. Ich habe schon häufiger ihr Loblied gesungen. Eine klitzekleine Einschränkung muss ich leider machen. Das Wetter. Besonders dessen Unbeständigkeit. Auch im August – der perfekten Reisezeit für das Baltikum – wechseln heftiges Schwitzen, Aufspannen des Regenschirm, Frösteln im kühlen Wind in atemberaubender Geschwindigkeit. Was also tun, wenn sich das Wetter nicht entscheiden kann?

Mein Tipp für diese schwierige Situation: ein Ausflug nach Kadriorg. Hier lassen sich Outdoor und Indoor perfekt kombinieren. Kadriorg ist ein Stadtteil Tallinns. Vom Zentrum einfach mit der Straßenbahn der Linie 3 zu erreichen. Direkt am weißen und windigen Ostsee Strand.

Schloss Kadriorg. Bauherr: Zar Peter der Große

Gab dem Stadtteil an der Ostsee den Namen. Schloss Kadriorg

Ein großer Park läd zum flanieren ein. Romantische Holzhäuser säumen die Straßen. Mitten im Park steht ein barockes Schloß umgeben von ornamentalen Blumenschmuck. Ok, das muss man nicht mögen. Fünf Minuten spazieren und schon ist das KUMU – das Eesti KUnstiMUuseumi erreicht. Es gibt also richtig viel zu tun in Kadriorg. Ich war einen Sonntag Vormittag da. Irgendwo habe ich gelesen, Tallinn sei eine Stadt, die Sonntags richtig lange schläft. Für Kadriorg stimmt das nicht.

Am späteren Sonntag Vormittag ist im Park echt was los. Familienzeit eben. Eltern, Kinder, Kinderwagen, Fahrräder. Blumen im Park fotografieren. Durchstarten bei einem absurden Stationen-Wettlauf. Läufer sprinten querfeldein durch die Blumenrabatten. Sie halten verknitterte Karten in der Hand, die ihnen den Weg zur nächsten Station weisen. Sie legen den Kopf schief und starren immer wieder auf die Karten. Sie werden langsamer, halten an, klatschen so komische Knöpfe in der Landschaft ab und starten durch. Kann so ein Geruckel gesund sein?

Brunnen im Park von Kadriorg im Vordergrund Bronzeplastik einer nackten Frau im Wasser

Wasserspiel im Park von Kadriorg

Das estnische KUnstiMUseumi – KUMU

Ich bin unterwegs zum KUMU. Es ist so drückend im Park, dass ich mir ausmale, klimatisierte Säle eines Kunstmuseums seien eine gute Alternative zur sommerlichen Schwüle. Als ich vor dem KUMU stehe, reißt eine junge Frau im orangen T-Shirt die Eingangstür auf. Das ist Service, schießt mir durch den Kopf. Doch schon werde ich von einer Horde keuchender Jogger, die in sehr knappen Höschen durch die Tür nach draußen stürmen, an die Betonmauer gedrängt.

Uff, denke ich, so sieht also ein modernes Museum aus, das sich als lebendiger Ort intellektueller Aktivität, versteht. Auf der geschwungenen Rampe, die sich erhaben nach oben in die Kassenhallen biegt, haben die Läufer Stöckchen, modrige Blätter und dunkle Bröckchen Blumenerde hinterlassen. Solche drittklassigen Details fallen mir auf. Sofort ärgere ich mich über meinen typisch deutschen Putzfrauen-Blick.

Blick in das Foyer des KUMU. Viel Glas und Kupfer.

Das KUMU Foyer. Edle Materialien. Viel Glas, Beton und Kupfer

Kunst und Nation

Das KUMU ist ein außergewöhnlich interessantes Gebäude. Es ist in einer Art Halbkreis in den felsigen Untergrund hinein gefräst. Viel Glas. Edle Materialien. Vornehme Farben. Eröffnung war 2006. Dieses Jahr, 2016, feiert das KUMU seinen 10 Geburtstag. Das KUMU verspricht einen Überblick über die estnische Kunst vom frühen 18. Jahrhundert bis heute.

In den ausgestellten Bildern und Skulpturen spiegelt sich die Entwicklung der estnischen nationalen Identität während der letzen 200 Jahre. Interessant was für eine Rolle die Kunst so spielen kann. Landschaften. Ländliche Szenen. Mythologische Erzählungen. Unglaublich viele Porträts. Die Idee einer National-Kunst bleibt mir allerdings recht fremd. Im Jahr 2016 kommt mir dieses Konzept völlig aus der Welt gefallen vor. Besonders deswegen, weil in fast allen Kunstwerken starke Einflüsse aus aller Welt zu finden sind. Expressionismus. Neue Sachlichkeit. Kubismus. Abstraktion. Surrealismus. Pop Art. Realismus in unterschiedlichsten Facetten.

Das KUMU gliedert sich in 3 Abteilungen. Davon zwei Dauerausstellungen. Die erste zeigt die estnische Kunst vom 18. Jahrhundert bis 1940. Die zweite stellt unter dem Titel Conflicts and Adaptions die estnische Kunst der Sowjet Zeit von 1940 bis 1991 vor. Gegenwartskunst wird in Wechselausstellungen präsentiert. Ich habe mir die beiden Dauerausstellungen angeschaut.

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Begeistert mich immer wieder, die Schöne und das Biest, hier beim obzönen Austausch von Flüssigkeiten. Diese Italienische Frau am Brunnen malte Carl Timoleon von Neff

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Stilsicher kombiniert. Nackter Arsch und Engel.

Ganz ehrlich. Durch die Säle mit den alten Sachen bin ich ziemlich schnell durchgerauscht. Einige Male habe ich noch “Huch!“ oder “Oh je!“ gekreischt. Manches Kunstwerk schwitzt mindestens so schwül und schwiemelig wie der drückende Augusttag draußen vor der Tür. Skulpturen und Bilder sind dabei so geschmackvoll arrangiert, dass sich immer wieder bestürzend komische Durchblicke öffnen. Das estnische Bürgertum des 19. Jahrhundert muss eine ziemlich verfriemelte Gesellschaft gewesen sein. Das lässt mich außerordentlich kalt.

National-Romantik im KUMU

Dann wird es merklich wärmer. Um 1900 beginnen die estnischen Maler national-romantisch zu pinseln. Faszinierend ist der junge Oskar Kallis. Er wird 26 Jahre alt. Dann vergeht er an der Tuberkulose. Sein großes Thema ist der estnische Nationalepos Kavelipoeg. Immer wieder malt er Szenen aus dieser Erzählung.

Der Held Kavelipoeg beim Holzschleppen. Der Held Kavelipoeg in der Hölle. Linda, die Mutter des Kavelipoeg, wuchtet Steine auf das Grab ihres Mannes. Glühende Farben. Landschaften aus geschwungenen Ornamenten. Oskar Kallis ist vom Jugendstil inspiriert. Ich stelle mir vor, dass einer wie Kallis heute seine Fantasie in Comics oder in PC-Games austoben würde.

Linda

Linda, die Mutter des Kavelipoeg schleppt einen Stein. Oskar Kallis 1917

Die estnische Landschaft

Kiefern, Fichten, Birken. Sanfte und flache Hügel. Seen, Teiche und Moore. Das sind die reizvollen Zutaten zur estnischen Landschaft. Die sensible Ausdeutung dieser etwas eintönigen nordischen Landschaft zu poetischen Bildwerken ist eine besondes vornehme Aufgabe der estnischen Kunst um 1900. Konrad Mägi bewältigt sie mit zarten Farben und weichen Linien, die wieder an den Jugendstil erinnern. Mägi ist der erste moderne Landschaftsmaler Estlands.

Magis

Konrad Mägi, Norwegische Landschaft

Karl Pärsimägi

Eine großartige Entdeckung sind für mich die Werke des Malers Karl Pärsimägi. Dahinter steckt ein bewegtes Leben und ein grausamer Tod. Als junger Mann kämpft Pärismägi in den Befreiungskriegen gegen die russischen Revolutionstruppen. Er studiert an der neugegründeten Pallas Kunstschule in Tartu. Geht in den späten 20er Jahren nach Paris. Seine Landsleute nennen ihn nun den estnischen Matisse. Wahrscheinlich wegen seiner klaren, lichten Farben.

1940 nach der Besetzung Paris durch die Wehrmacht wird Pärismägi von der Gestapo verhaftet. Warum? Vielleicht weil er die französischen Résistance unterstützte, oder weil er eine jüdischen Freundin vor der Verschleppung durch die deutschen Mörder bewahren wollte, oder weil er schwul war. Weiß niemand so genau. 1942 wird Pärismägi in Auschwitz ermordet. Wegen seiner Beteiligung an den Befreiungskriegen sind seine Bilder während der sowjetischen Besatzung tabu. Ausgestellt werden sie erst nach der Wende 1991.

Das Bild im KUMU in Tallinn zeigt einen jungen Mann, mit einer Perlenkette um den Hals vor weißem Hintergrund.

Karl Pärsimägi, Selbstporträt mit Perlen

Karl Pärsimägi unglaublich schönes und queeres Selbstporträt mit Perlen ist so präsent und so lebendig, dass mich die Frage: “Wer bin ich? Was bin ich?“ geradezu anspringt. Sind die Perlenkette, der kräftig bemalte Mund, die gebogene Augenbraue ein Spiel mit der sexuellen Identität, oder sind sie ein Verweis auf den Pärlijõgi, den Perlenfluss, in Võrumaa der Heimat des Malers?

Conflicts and Adaption – Kunst der Sowjet Zeit im KUMU

Heroische Posen. Starke Männer. Suggestive Kompositionen. Die staatlich verordnete Kunst der Stalin Zeit geht mir schon unter die Haut. Ich stehe erst einmal davor und denke: tolle Malerei. Mir scheint es fast so zu sein, als sei der Formenschatz dieser totalitären Kunst schon lange in die heutige Alltagskultur eingesickert. Deswegen fühle ich mich auch gleich wohl. Aber wie lässt sich die ideologisch aufgeladene so verführerische Wohlfühl-Kunst, denn nun kritisch und erkenntnisträchtig präsentieren?

Im KUMU haben sich die Kuratoren dazu entschlossen verschiedene Perspektiven für die Interpretation dieser Kunst anzubieten. Einmal wird ihre offizielle Funktion als Vermittlerin der frohen sozialistischen Botschaft ausgeleuchtet. Dann wird die Rolle des Künstlers als Befehlsempfänger dargestellt. Er hatte Bilder zu malen, deren Botschaft, Stimmung und Komposition politisch gewünscht waren. Außerdem wird Kunst im Untergrund oder in der Opposition, die sich an westlichen Kunstströmungen orientiert, ausgestellt. Dazu gibt es dann noch eine Portion Ironie. Zum Beispiel Witze:

Während des Sprachunterrichts:
“Gott schickt einer Krähe ein kleines Stück Käse.“ diktiert der Lehrer.
“Aber Lehrer, Du hast gesagt, dass Gott nicht existiert,“ sagt Volodya.
“Nun, es gibt auch keinen Käse, was sollen wir tun, den Unterricht beenden?“

Soviet Pop von Tonis Vint. Milch als ein Getränk und eine Zutat in verschiedenen Essen. Links: Jeder mag Käse. Mitte: Trinkt mehr Mich. Rechts: Butter auf jedem Esstisch</em

Soviet Pop von Tonis Vint. Milch als ein Getränk und eine Zutat in verschiedenen Lebensmitteln. Links: Jeder mag Käse. Mitte: Trinkt mehr Mich. Rechts: Butter auf jedem Esstisch

Eine Art Witz macht der Sowjet Pop Künstler Tonis Vint mit seiner Arbeit Mich als Getränk und Zutat in verschiedenen Lebensmitteln von 1970. Er ironisiert den strikt regulierten und häufig leergefegten Lebensmittelhandel der Sovietunion mit schlichten Aufforderungen zum gesunden Konsum. Er öffnet eine negative Soll- und Haben-Rechnung. Auch Sowjet Pop kreist um das Thema Konsum. Allerdings nicht in der Form der Überproduktion und des Consumismo. Eher in der Form von Konsumbegehren und realem Mangel.

Stalinistischer Impressionismus

Etwas ganz anderes verspricht eine Ikone der stalinistischen Propaganda Kunst in der Sammlung des KUMU. Getreide für den Staat von Viktor Karrus. Wie lässt sich profitable Landwirtschaft heroisieren? Karrus nutzt dazu die Ästhetik eines Filmstills. Aus einem sonnenbeschienen, goldgelben Getreidefeld lässt er einen Laster, beladen mit Getreidesäcken, aus uns zubrausen. Auf dem Laster schwingen glückliche Menschen eine rote Fahne. So suggestiv erfolgreich und glücklich kann industrielle Landwirtschaft sein.

Getreide für den Staat Magischer Sozialistischer Realismus von Viktor Karrus.

Getreide für den Staat Magischer Sozialistischer Realismus von Viktor Karrus.

Inneres Exil

Besonders berühren mich die Gemälde von Kaja Kärner. Es sind kleinformatige Arbeiten, hergestellt mit einfachen Mitteln. Alltags Szenen. Oder Szenen des Privaten. Einfache, schlichte Themen, die in der offiziellen Sowjet Kunst keinen Platz fanden. Während der Soviet Zeit war Kaja Kärner kein Teil des öffentlichen Kunstbetriebs. Sie arbeitete als Marketingspezialistin in einer Handelsgesellschaft.

Der Haarschnitt von Kaja Kärner.

Der Haarschnitt von Kaja Kärner.

Andere Möglichkeiten künstlerisch tätig zu sein und der politischen Kunstdoktrin zu entkommen, bot der Hyperrealismus. Schon erstaunlich welchen Aufwand Künstler betrieben haben, um Leuchtreklamen oder Sicherungskästen zum Anfassen echt nachzumalen.

Licht auf dem Sicherungskasten Urmas Pedanik

Licht auf dem Sicherungskasten von Urmas Pedanik

Ich fand die Ausstellung Conflicts and Adaptions sehr unterhaltsam und informativ. Ich habe tolle Bilder gesehen und viel über die Künstler*innen und ihre Arbeitsbedingungen erfahren. Außerdem fand ich die Kontextualisierung der ausgestellten Werke durch Dokumente und Kommentare im kleinen Ausstellungskatalog sehr gelungen. Die Propaganda Kunst der Stalin Zeit hat so ihre wuchtige Bedrohlichkeit verloren. Sie ist auf Normalmaß zurecht gestutzt. Außerdem ist es gut zu wissen, dass es neben der offiziell verordneten Kunst so viele künstlerische Untergrundbewegungen gab, in denen Künstler unabhängig und frei arbeiten und produzieren.

Roggen, Rothirsch & Meringue

Mensch, schon 12 Uhr 30, Mittagszeit. Schon ist der Hunger da. Ich fahre mit der Straßenbahn zurück Richtung Zentrum. Seit Tagen schon möchte ich das Restaurant Farm ausprobieren. Im Schaufenster sitzt eine lustige Versammlung wilder Tiere, Biber, Wolf, Fuchs … zu Tisch. Außerdem wird moderne estnische Küche versprochen. Schaut sehr einladend aus. Geh ich mal rein. Naja, eingerichtet ist das ganze in einem ziemlich uncoolen Landhaus-Stil mit so Rüschen und Kristall drum herum. In der Mitte die transparente Küche. Da lassen sich die fleißigen Köche hinter Glas beim Messer schärfen und Kräuter hacken beobachten und belauschen. Aus der Küche riecht es leider ein bisschen zu stark.

Der Service ist unheimlich schnell. Wie das in Estlands Restaurants so häufig ist. Kaum ist der Teller leer, wird er vom aufmerksamen Kellner schon vom Tisch gezogen und durch den nächsten Gang ersetzt. Die Speisen sind verführerisch auf Holzbrettern angerichtet. Schmecken tut es auch. Ich lass mal die Bilder sprechen.

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Schlicht und einfach! Roggenbrot mit Butter und Salz. Ein leckerer Einstieg.

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Rothirsch auf einem Graupen Pilz Risotto mit knusprigen Zwiebeln. Fantastisch

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Meringue auf duftiger Frischkäse Creme mit verführerisch süßen Beeren und röschen Körnern. Schmeckt nach MEHR …