Freiheitsdenkmal Riga, Lettland

Lettland – Crashkurs Besatzung

Im Sommer 2014 ist Krieg das Topthema in Lettland. Seit der russischen Invasion in der Ukraine geht die Kriegsangst um. Wo kommt die her? Ich suche nach Antworten in drei Museen in Riga und mache dabei den Crashkurs Geschichte Lettlands.

„Diese 100 Filme solltest Du noch sehen vor dem Krieg.“ So beginnt ein Facebook Post eines lettischen Freundes. Im lettischen Facebook geht es im August 2014 immer wieder um Krieg. Auch wenn der Post vielleicht zynisch oder abgebrüht rüberkommt, die russische Invasion in der Ukraine macht den Letten richtig Angst.

Die Invasion weckt Erinnerungen an die bleierne Sowjet Zeit und die Russifizierung vor der Unabhängigkeit Lettlands 1991. Sie mobilisiert die Erinnerung an den zweiten Weltkrieg. Dreimal wurde Lettland besetzt. Erst von Russen, dann von Deutschen, schließlich wieder von Soldaten der Roten Armee.

Krieg – In den Köpfen ist er schon angekommen

Die russische Invasion in der Ukraine und die zögerlichen Reaktionen des Westens lassen Befürchtungen keimen, Russlands nationalistischer Appetit sei noch nicht gestillt. Steht auch Lettland auf dem Speisezettel? Immerhin fast 30% der lettischen Staatsbürger sind Russen.

Der Krieg hat noch nicht begonnen. Aber er ist schon den Köpfen der Menschen angekommen. Der Krieg ist ein Dauerbrenner. In fast jedem Gespräch, auf vielen Facebook Seiten Anspielungen auf die russische Aggression.
Detail aus dem Friedensdenkmal in Riga, Lettland
Ich lebe im behüteten Deutschland. Ich mache Urlaub in Lettland. Die Kriegsangst erscheint mir übertrieben und aufgeblasen. Da wird schon nichts passieren, denke ich. Warum bloß sind meine lettischen Freunde so beunruhigt? Die Antwort liefert mir der Crashkurs: Geschichte Lettlands vom Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit 1991.

Das 20. Jahrhundert in 3 Lektionen

Auf meinem Kursplan stehen drei Museen in Riga: Das Museum der Besatzung Lettlands, das KGB Haus und das Žanis Lipke Memorial.

  • Im Besatzungs-Museum bekomme ich einen guten und ziemlich bedrückenden geschichtlichen Überblick über die drei Okkupationen zwischen 1940 und 1991.
  • Im KGB Haus erfahre ich in sechs unterschiedlichen Ausstellungen mehr über Menschen und deren individuelle Schicksale.
  • Im Žanis Lipke Memorial begegne ich Žanis Lipke, der gemeinsam mit seiner Frau Johanna und einem Netzwerk von Verbündeten während der Nazibesatzung über 50 Juden vor der Ermordung rettete.

Im Museum der Besatzung Lettlands

Das Besatzungs-Museum liegt zentral in Rigas Altstadt. Untergebracht ist es in einem dunklen, sargartigen Kasten aus der sowjetischen Zeit. Schon von außen ahne ich, die erste Lektion lettischer Geschichte das wird kein Spaß.

Markt von Riga mit Schwarzkopfhaus und Neubauten

Im Museum verschaffe ich mir einen Überblick über die turbulente Ereignisse im Lettland des 20. Jahrhundert. Kurz nach dem ersten Weltkrieg wird die lettische Republik gegründet. Sie existiert knapp 20 Jahre. 1940 wird Lettland von sowjetischen Truppen besetzt. 1941 kommen die deutschen Besatzer, die bis 1944 bleiben. Danach Rückkehr der Roten Armee.

Lettland wird als Lettische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der UDSSR. Bis 1991. Jede Besatzung bringt Terror, Vertreibung und Deportationen mit dramatischen Folgen für die Bevölkerung. Über 200.000 Letten, Frauen, Männer und Kinder werden in dieser Zeit in Arbeitslager verschleppt. Das wird im Museum der Besatzung Lettlands detailreich und informativ dargestellt.

Die Ausstellung ist chronologisch. Am Anfang steht der Molotow – Ribbentrop Pakt. Er besiegelt das Schicksal der Baltischen Staaten. Mit einer aggressiven Salami-Taktik leitet Stalin die Besatzung Lettlands ein. Stalin inszeniert Konflikte. Sie sollen ein militärisches Eingreifen notwendig und unabwendbar erscheinen lassen, bis die Besatzung ohne Alternative ist. Wie geht die russische Regierung heute in der Ukraine vor?

Im Anschluss wird das System des sowjetischen und des deutschen Terrors während der drei Besatzungen Lettlands erklärt. Themen sind das stalinistische Gulag System, der Antisemitismus und die Judenverfolgung der deutschen Besatzer, Deportation und Zwangsarbeit. Ganz zum Schluss widmet sich die Ausstellung dem Kampf um die Unabhängigkeit.

Das Freiheitsdenkmal in Riga der Hauptstadt Lettlands

Lettlands stürmische Geschichte wird mit Videos, Fotografien und Dokumenten detailliert ausgebreitet. Es gibt unglaublich viel zu lesen. Zum Glück auch auf Deutsch. So kann ich das enorme Pensum bequem bewältigen. Ein Essnapf aus dem Gulag, eine primitive selbstgemachte Gesichtsmaske, die vor sibirischer Kälte schützt, und viele andere persönliche Erinnerungsstücke bereichern die Erklärungen und füllen sie mit Leben.

Diese erste Lektion hat sich gelohnt. Ich habe viel über die Zeit der Besatzung Lettlands gelernt. Außerdem habe ich eine neue Perspektive auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs bekommen. Nach dem Besuch des Museums kann ich besser verstehen, warum sich viele Letten so sehr vor einem Krieg fürchten. Die ehemalige Zugehörigkeit zur UDSSR ist in schlechter Erinnerung. Niemand möchte diese Zeiten zurück.

Der KGB im Haus auf der Ecke

Das nächste Kapitel meines Crashkurs’ Geschichte Lettlands ist das KGB Haus. Hier will ich mehr über den sowjetischen Überwachungsstaat erfahren. Das KGB Haus liegt stadtauswärts an der Brīvības iela. Die Freiheitsstraße, ist eine der prächtigen Straßen Rigas. Sie beginnt am monumentalen Freiheitsdenkmal und führt schnurrgerade Richtung Nordosten durch die Neustadt. Hier steht das luxuriöse Radisson Hotel. Im Sockelgeschoss hat sich ein edler Footcourt einquartiert. Überhaupt gibt es auf der Brīvības iela viele Geschäfte mit üppigen Auslagen in den Schaufenstern.

Das KGB-Haus in Riga, Lettland von Außen

Kurz nach der Getrudis Kirche ändert sich das. Ich komme an einem verwahrlosten Haus mit verschmutzen Fenstern aus trüben, schlierigem Glas vorbei. Hinter den Fenstern schemenhafte Bewegung. Was ist das? Diese Fenster sind geheimnisvoll und gleichzeitig bedrohlich. Ich stehe vor dem Haus Brīvības iela 61, einem ehemals prächtigen Apartmenthaus. Erbaut Anfang des 20. Jahrhunderts, Neoklassizismus. Heute ist die Fassade angegammelt, an manchen Stellen bröckelt der Putz. Das gesamte Gebäude steht seit Jahrzehnten leer.

Das also ist Stūra māja, das Haus auf der Ecke. Hier war seit Beginn des zweiten Weltkrieges bis 1991 eine der geheimnisumwitterten Institutionen der Sowjetunion untergebracht: das Komitee für Staatssicherheit, der KGB.

Ein Museum im Haus des Schreckens

Keiner ging während der Besatzung gerne an der Stūra māja vorbei, erzählt man mir. Denn hinter der charmanten Fassade lauerten Unheil und Willkür. Im Keller ein Foltergefängnis. In den Obergeschossen Verhörräume. Das Eckgebäude ist ein Haus des Schreckens, ein Monument der Terrorherrschaft. Erinnerung ist unauflöslich mit Architektur verzahnt.

2014 ist Riga europäische Kulturhauptstadt. Das KGB Gebäude ist ein zentraler Veranstaltungsort. Im Erdgeschoss ist eine Ausstellung des Besatzungs-Museums eingerichtet. Die Folterkeller sind mit einer Führung zu besichtigen. Dafür gibt es Wartelisten! Im Rest des Hauses verteilen sich fünf Ausstellungen. Die alle um das Thema, Terrorstaat und Überwachung, Deportation und Verlust der Heimat kreisen.

KGB Haus in Riga, Lettland. Hinweis auf Ausstellungen im Obergeschoss

Die Ausstellung “Ein lettischer Koffer” zeigt mit Emotionen und Gedanken aufgeladene Objekte. Lettische Auswanderer haben sie aus ihrer Heimat mit in die Emigration genommen. Da ist zum Beispiel ein Roggenbrot. Aus dessen Krumen und Brosamen ein Sauerteig produziert wurde. Noch heute, nach über 60 Jahren, wird aus diesem Sauerteig jede Woche ein Roggenbrot. Eine andere Ausstellung erzählt anhand von Alltagsdingen wie Armeeboots, Zigarettenetuis oder einem Anzug die “Geschichte von Menschen und Macht in 10 Objekten”.

Als ich das Gebäude betrete, fühle ich mich an Berlin erinnert. Zum Beispiel an die jüdische Mädchenschule in der Auguststraße während der Berlin Biennale vor vier Jahren. Abgerockte Treppenhäuser, Flure, Wände und Zimmer. Lampen und Deckenverkleidungen, deren Design mit Ostblock gebrandet ist.

Flur im KGB Haus in Riga, Lettland

Ich steige die Treppe hinauf und fühle mich ziemlich unwohl. Mit all dem Vorwissen aus dem Besatzungs-Museum ist das Stūra māja ein unheimliches und gruseliges Haus. Es ist, als ob mich ein böser Geist durch diesen Originalschauplatz der staatlichen Willkür begleitet. Was ist in diesen verwahrlosten Zimmern schreckliches passiert? Das schaurige Gebäude macht einen viel stärkeren Eindruck auf mich als die Ausstellungen, die es beherbergt. Deswegen frage ich mich am Ende der Lektion KGB-Haus, was passiert mit dem Haus des Schreckens, wenn das Kulturjahr in Riga vorüber ist. Wie lässt sich dieser Erinnerungsort bewahren?

Zanis Lipkes Memorial

In meinem Intensivkurs Geschichte Lettlands vom Zweiten Weltkrieg bis zur Unabhängigkeit fehlt noch das Kapitel deutsche Besatzung und Holocaust. Vor 1941 lebten über 75.000 Juden in Lettland. Fast alle wurden bis 1943 während der Nationalsozialistischen Herrschaft ermordet. Deswegen besuche ich Das Žanis Lipke Memorial. Es ist das am besten versteckte Museum in Riga. Ganz bestimmt. Es liegt auf Kipsala, einer Insel in der Daugava, genau gegenüber der Altstadt Rigas.

Eingang Zanis Lipkes Memorial in Riga, Lettland

Das Museum erinnert an einen mutigen Mann und seine Helfer. Žanis Lipke hat während der deutschen Besatzung über 50 Juden vor der Deportation gerettet. Uneigennützig. Ohne einer besonderen Ideologie anzuhängen. Aus Abenteuerlust. Aus Überzeugung, dass Menschen in Not Unterstützung verdienen. Niemand weiß es genau. Lipke hat immer über seine Motivation geschwiegen. Er hat einfach gehandelt.

Kipsala sah in den 40er Jahren ganz anders aus. Auf der Insel wohnten Fischer und Hafenarbeiter in einfachen Häusern und Bootsschuppen. In großen Gärten standen Obstbäume, wurden Hühner, Gänse und Enten gehalten. Heute ist Kipsala sehr schick und sehr teuer. Die Häuser am Fluss sind aufwändig renoviert. An eleganten Bootsanlegern liegen schnittige Yachten. Die niederländische Botschaft hat hier ihren Sitz.

Aber damals: ein großer Garten, die einsame Lage, Zugang zum Bootsanleger, das perfekte Versteck. Unter einem Schuppen, in einem selbst gegrabenen Bunker hat Lipke Juden versteckt und Leben gerettet. Die Nazi Schergen haben diesen Bunker nie entdeckt.

Nur wenige Meter neben dem Schuppen, also fast am Originalschauplatz, ist das Erinnerungshaus entstanden. Die Architektin Zaiga Gaile hat es entworfen. Alte Fischerhäuser und die Erzählung von Noahs Arche inspirierten sie zu einem dunklen Holzhaus aus schwarz geteerten Kieferhölzern.

Leben im Versteck – Zukunft ungewiss

Als ich das Museum endlich gefunden habe, stehe ich vor einem dunklen Holzzaun. Ein aufgesprühter Name verrät: ich bin am richtigen Ort. Nur, das Museum sehe ich nicht. Ich öffne die Tür und betrete einen fensterlosen Gang. Durch Ritzen der Holzwände fällt etwas fades Licht. Wo bin ich?

Ganz klar, in einer unbekannten Welt. Orientierung gibt es nicht. Das Museum entpuppt sich bei jedem Schritt durch diesen dunklen Gang als Metapher oder Mediation über Lebenswege. Ziel und Ausgang ungewiss! Diese Architektur führt mich: hier geht es lang! Aber wohin sie mich führt, verrät sie nicht. Ungewissheit! Das ist bedrohlich. Immerhin dunkles Holz, schummriges Licht, der Geruch von Teer. Das ist beruhigend. Geborgenheit?

Im Museum erhalte ich einen Audioguide. Hörtexte und Musik erläutern Fotos und Dokumente in Schaukästen. Ich erfahre viel über Žanis Lipke, seine engagierte Frau Johanna, seine Kinder und Freunde, die alle mitgeholfen haben, Menschen vor den deutschen Besatzern zu verstecken.

Den Bunker, das eigentliche Versteck, sehe ich nur aus der Ferne. Im Zentrum des Museums ist er tief unten aus der Erde ausgehoben und stilisiert nachgebaut. Ich kann ihn nicht betreten. Ich schaue nur von oben hinein. Diese Distanz erspart mir die Identifikation mit den Menschen, die sich dort bang versteckten. Das ist gut so. Denn ich kann mir nicht ausmalen, was es bedeutet, sich unter Lebensgefahr zu verbergen. Monatelang. Auf engstem Raum. Mit fremden Menschen. In einem Erdloch. Ich kann mir nicht vorstellen, was es heißt, in ungeheurer Gefahr zu handeln, wie Žanis und Johanna Lipke.

So endet mein Intensivkurs Geschichte mit einem Lichtblick. Trotz der erschütternden Ereignisse, die im Žanis Lipke Memorial dokumentiert sind, geschieht etwas ganz erstaunliches. Ich verlasse das Museum tief beseelt von Gedanken über Menschlichkeit, Humanität, Nächstenliebe. Die besondere Atmosphäre, die das Gebäude, das Licht, der Geruch von Holz und der Audioguide entstehen lassen, öffnet den Raum für Optimismus, Weltzugewandheit und Zukunft.

Kann ich nach diesem Crashkurs Geschichte Lettlands zwischen Zweitem Weltkrieg und Unabhängigkeit die Kriegsangst meiner lettischen Freunde besser verstehen? Ja, das kann ich auf jeden Fall. Denn die turbulenten und gewaltsamen Zeiten nach dem Hitler-Stalin-Pakt, als Lettland zur Beute zweier skrupelloser Schurkenstaaten wurde, haben sich tief in die lettische Erinnerung eingegraben. Die Ukraine Krise rührt an diesen Erinnerungen und mobilisiert die alten Traumata. Die Leben von Žanis und Johanna Lipke zeigen mir, dass es möglich ist auch in grausamen Zeiten Mensch, Mitmensch, menschlich zu bleiben. Das ist für mich die wichtigste Lektion dieser ziemlich traurigen Geschichts-Lektion!