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Libanon Reisetipp Rayak: Arabiens erste Eisenbahn

Wer Libanon googelt, stößt gleich auf das Stichwort „Krieg“. Krass! Aber es gibt auch die römischen Ruinen von Baalbek. Und die erste Eisenbahn Arabiens – in Rayak. Deren Reste führen zurück in das Goldene Zeitalter des Landes. Ein Libanon Reisetipp

Samuel E. Ratchett macht sich zu Recht Sorgen um sein Leben. Der windige Geschäftsmann bietet dem belgischen Detektiv Hercule Poirot viel Geld, damit der ihn beschützt. Aber Poirot will nicht, unter anderem weil ihm die Nase des Klienten nicht gefällt. Am nächsten Morgen liegt Ratchett, der in Wirklichkeit der gesuchte Gangster Cassetti ist, tot in seinem Zugabteil, ermordet durch zwölf Messerstiche.

So beginnt Agatha Christies Krimiklassiker Mord im Orient-Express. Er lebt ganz entscheidend vom Ambiente seines Settings: des berühmten Luxuszugs zwischen Paris und Konstantinopel, der seit 1890 auf dieser Strecke verkehrte. Aus europäischer Sicht war der Schienenweg in Konstantinopel zu Ende. Dass im Nahen Osten, damals Teil des Osmanischen Reichs, seit 1889 ein eigenständiges Schienennetz entstand, entging den meisten Zeitgenossen.

Das Gebiet des heutigen Libanon stand dabei schon früh im Zentrum der osmanischen Verkehrsplaner. Allen voran der ehemalige Bahnknotenpunkt Rayak. Der ist heute eine überwucherte Ruine. Sie erzählt vom Aufstieg und Niedergang eines Landes, das mit seiner Eisenbahn Geschichte geschrieben hat. Wer das nahegelegene Baalbek besucht, sollte sich diesen Libanon Reisetipp nicht entgehen lassen.

Libanon Reisetipp: Blick in die überwucherte Maschinenhalle der alten Eisenbahn Fabrik in Rayak

Die Scheiben sind zerbrochen, aber die Maschinen stehen noch da: Blick in die Maschinenhalle von Rayak

Erste Eisenbahn der arabischen Welt

Am 13. August 1895 verlässt die erste Dampflokomotive die Hafenstadt Beirut und macht sich schnaufend an den Aufstieg zum Kamm des Libanongebirges auf 1.487 Höhenmetern. Die Steigung – meistens um die 70 Prozent – ist so steil, dass die Lok zwischenzeitlich auf Zahnradantrieb umschalten muss. An zwei besonders schroffen Abschnitten helfen Spitzkehren beim Überwinden des Höhenunterschieds. Nach einem kurzen Tunnel geht es bergab zur Bekaa-Ebene auf rund 900 Höhenmetern, dann noch einmal hoch auf einen Bergsattel des Anti-Libanon – 1.413 Höhenmeter – und anschließend, nach 146 Kilometern, hinunter zum Zielbahnhof Damaskus in Syrien.

Gebaut hatte diese erste Eisenbahn der arabischen Welt die französische Société des Chemins de fer Ottomans economiques de Beyrouth-Damas-Hauran. Wichtigster Bahnhof an der Strecke war unser heutiger Libanon Reisetipp Rayak, und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Hier zweigte ab 1906 die Strecke über Homs nach Aleppo ab. Und weil die eine andere Spurweite hatte, mussten in Rayak alle Güter umgeladen werden und alle Fahrgäste umsteigen – bis in die 1970er Jahre. Außerdem bauten die Osmanen die Bahnstation mit französischer Hilfe zu einer modernen Drehscheibe aus und errichteten eine der ersten Lokfabriken weltweit.

Blick über die Bekaa-Ebene, Kornkammer des Libanon. Bahnhof und Eisenbahn Fabrik von Rayak befinden sich in der linken Bildmitte, gleich hinter der hellen Fläche des benachbarten Militärflughafens. Jenseits der Berge im Hintergrund liegt Syrien.

Panorama der Bekaa-Ebene, Kornkammer des Libanon. Bahnhof und Eisenbahnfabrik von Rayak befinden sich in der linken Bildmitte, gleich hinter der hellen Fläche des benachbarten Militärflughafens. Jenseits der Berge liegt Syrien.

Libanon Reisetipp: Technikruine statt Römertempel

Heute ist der Bahnhof Rayak eines der letzten Relikte der libanesischen Eisenbahn. Das Gelände ist riesig. Allein der Bahnhof umfasste ehemals neun Gebäude, darunter ein Hotel, ein Militärlager und eine Poststation. Beindruckend sind vor allem die Überreste der angeschlossenen Fabrik: Hallen, Maschinen und Loks trotzen tapfer dem Verfall, während die Natur das Terrain längst zurückerobert hat. Wo früher gehämmert, gegossen und geschraubt wurde, sprießen heute Disteln, Büsche und ausgewachsene Bäume und bieten Lebensraum für Schlange, Fuchs und Eule. Das macht diesen Libanon Reisetipp zum regelrechten Entdeckertrip. Toll!

Und was hier nicht alles gebaut wurde. Die ersten Dampfloks stammten noch aus der Schweiz, doch spezialisierte sich die Fabrik schon bald darauf, Dampfloks auf Dieselantrieb umzurüsten. Damals war das Spitzentechnologie! Auf einer Fläche von über 13 Hektar verteilen sich Montage- und Maschinenhallen, Gießereien, Ersatzteildepots, ein Kesselraum, eine Tischlerei und sogar eine Klinik. Und noch immer rosten hier mehr als 30 Lokomotiven und an die 100 Waggons vor sich hin.

Libanon Reisetipp: Verrostete Lok in der Montagehalle von Rayak

Dornröschenschlaf: Verrostete Lok in der Montagehalle von Rayak

Auch  militärisch war der Libanon Reisetipp Rayak von zentraler Bedeutung. Im Ersten Weltkrieg avancierte der Bahnhof zum wichtigen Umschlagplatz für Waffen und Truppen, im Zweiten Weltkrieg gingen die örtlichen Bahningenieure sogar in die Luft: Zusammen mit Ingenieuren eines benachbarten Fliegerhorsts konstruierten sie erfolgreich Kampfflugzeuge für die französische Luftwaffe.

Der Höhenflug endet im Libanesischen Bürgerkrieg

Die Eisenbahn entwickelte sich schnell zur Grundlage der wirtschaftlichen und später auch politischen Bedeutung des Libanon. Rayak profitierte davon. Aus dem kleinen Ort wurde eine pulsierende Stadt im Rhythmus des Zugverkehrs. Sie war berühmt für ihr Nachtleben, besaß eines der ersten Kinos im Nahen Osten und verfügte über erstklassige Schulen. Hauptarbeitgeber war die Lokfabrik mit zeitweise mehr als 3.000 Beschäftigten. Obendrein bot sie Ausbildungsplätze für Schmiede, Klempner, Schlosser, Tischler und andere Handwerksberufe.

All das endete schlagartig mit dem Ausbruch des Libanesischen Bürgerkriegs 1975. Die daran beteiligte syrische Armee besetzte Rayak und nutzte Fabrik und Bahnhof als Militär- und Gefangenenlager. Davon zeugen noch zahlreiche Bunker und Verteidigungsanlagen. Als der Krieg 1990 endete, gab es bis auf wenige Reste keine libanesische Eisenbahn mehr. Das macht Rayak als Libanon Reisetipp umso bedeutsamer. Ein 2009 gegründeter Verein wollte diesen historischen Schatz heben und arbeitete Vorschläge zur Umwandlung in ein Museum aus. Bislang sind diese Pläne an den notorisch verzankten politischen Kräften im Libanon gescheitert.

Hier wurde schon freigeräumt und gerodet: gestapelte Baumstämme in der Gießerei der ehemaligen Eisenbahn Fabrik

Hier wurde schon freigeräumt und gerodet: Die Gießerei war früher ein zentraler Bestandteil der Eisenbahnfabrik

Eisenbahn-Revival im Libanon?

Allerdings erlebt das Thema Eisenbahn neuerdings wieder ein Revival. Dahinter steckt die Behörde für Eisenbahn und öffentlichen Nahverkehr, die sich das Land immer noch leistet, obwohl es seit mehr als drei Jahrzehnten keinen Schienenverkehr und kaum öffentliche Busse gibt. Das Ergebnis dieser Verkehrspolitik: Autos, Taxis und Kleinbusse sind das einzige Transportmittel für eine wachsende Bevölkerung und weit mehr als eine Million Flüchtlinge aus dem kriegsgeschüttelten Nachbarland Syrien. Kein Wunder also, dass Beirut kurz vor dem Verkehrsinfarkt steht und auch die wichtigsten Highways unter permanenter Verstopfung leiden – Luftverschmutzung inklusive.

Deshalb gibt es etwa zwei Jahren Überlegungen, die Eisenbahn wiederzubeleben. Um den Großraum Beirut zu entlasten, geht es zunächst vor allem um die Strecke von der Hauptstadt in die gut 25 Kilometer entfernte Küstenstadt Tabarja. Für die Planung des Bauprojekts hat die Europäische Investitionsbank bereits einen Zuschuss gewährt, die Gelder für die Umsetzung fehlen bislang. Wenn aus den Plänen etwas werden sollte, könnte das der Eisenbahn im ganzen Land Auftrieb geben. Und die Chancen dafür erhöhen, dass der Libanon Reisetipp Rayak vielleicht doch eines Tages aus seinem Dornröschenschlaf erwacht.

Dieser junge Mann, der gerade von einem Loktender springt, hat uns herumgeführt

Dieser junge Mann hat uns herumgeführt – artistische Einlagen inklusive!

Info

Rayak liegt nur 30 Kilometer von den berühmten römischen Tempelruinen in Baalbek entfernt. Seit kurzem ist das Gelände um Bahnhof und Fabrik nicht mehr offiziell zugänglich, wir haben es trotzdem besichtigen können. Gleich neben dem historischen Bahngelände liegt das empfehlenswerte Raymond Restaurant. Zum Libanon als Reiseland allgemein siehe auch Libanon – kann man dahin reisen?