Refood – Community made in Portugal

Refood – Community made in Portugal

Heiligabend ist ein guter Tag, um von Refood zu erzählen. Refood zeigt eine Seite von Lissabon, die Touristen normalerweise nicht wahrnehmen. Das ist schade, weil immer mehr Lissabonner bei Refood mitmachen. Das Engagement ist ansteckend und macht hungrige Bäuche satt.

„Wenn du Lust hast, komm heute Abend mit“, sagt Rudolfo. Ich komme mit und bin gespannt. Die letzten Male, die wir in Lissabon waren, kam uns die Stadt immer überfüllter vor. Selbst Lieblingsplätze sind davor nicht mehr sicher. Die touristischen Hotspots erkennen wir schon von weitem an den Menschenschlangen. Es hat eben seinen Preis, dass Lissabon zu den schönsten europäischen Metropolen zählt.

Heute werde ich ein Lissabon sehen, das nicht im Rampenlicht steht. Denn trotz aller Highlights, Glitzer-Malls und schicken Restaurants stehen viele Portugiesen wegen der Wirtschaftskrise mit dem Rücken zur Wand. Und weil die gerade abgewählte Regierung keine andere Botschaft parat hatte als die, den Gürtel enger zu schnallen, helfen sich die Menschen selbst. Das ist, wenn man so will, praktizierte Nächstenliebe und gerade zu Weihnachten hochaktuell. Hier in Deutschland erleben wir das momentan in Gestalt der vielen freiwilligen Flüchtlingshelfer. In Portugal hat die Hilfsbereitschaft seit vier Jahren vor allem einen Namen: Refood.

Refood - Community made in Portugal

Das Refood-Lager in Belém, Lissabon. Hinter der Stellwand im Hintergrund rechts findet die Ausgabe der Speisespenden statt.

Was passiert hier? Refood.

Im Refood-Lager herrscht reger Betrieb. Abgepackte Plastiktaschen stehen herum, große Plastiktüten mit Brötchen, Eimer mit Suppe und ohne Suppe. In der Mitte des Raums Metalltische wie in einer Großküche, dahinter eine Spüle, an den Wänden Regale und eine Batterie Kühlschränke.

Kaum sind wir da, legt Rudolfo los, bespricht sich kurz mit den anderen, kennzeichnet abgepackte Essensrationen, packt sie in den Kühlschrank. Währenddessen spült eine Mitstreiterin Berge von Plastikbehältern. Sie spült und spült und spült, zielstrebig, geduldig, effizient – sie tut das nicht zum ersten Mal.

Refood - Community made in Portugal

Großer Abwasch: Gespült werden nur die Behälter, in denen die Speisespenden eintreffen. Die Empfänger der Spenden müssen von ihnen benutzte Gefäße sauber zurückgeben.

Was passiert hier? „Refood“, sagt Rudolfo. Das Prinzip ist schnell erklärt: Nimm ein paar Freiwillige, fahre durch dein Viertel, sammle von Cafés, Restaurants und anderen Stellen Essen ein, das ohne dich im Mülleimer landet, portioniere es und verteile es kostenlos an die, die Hunger haben. Klingt einfach und sieht einfach aus – auch deshalb, weil alle Hand in Hand arbeiten. Jeder hier hat seine Aufgabe, der Betrieb läuft wie geölt.

Der Unterschied zur Tafel in Deutschland besteht darin, dass hier auch Reste gekochter Speisen verteilt werden. Rudolfo erklärt mir das System der farbigen Aufkleber, mit denen jede Essensspende bei der Ankunft im Refood-Lager gekennzeichnet wird – ein Art Haltbarkeitsdatum. Schwarz steht für Montag, schwarzgelb gestreift für Dienstag, blau für Mittwoch und so fort.

Refood - Community made in Portugal

Blick in einen der Kühlschränke: Der weiße Aufkleber bedeutet, dass die Spenden am Donnerstag eingetroffen sind.

Wir helfen, also sind wir

Es gibt noch einen Unterschied zur deutschen Tafel: Portugals Krise betrifft auch viele, die hier helfen. Sie haben ihren Job verloren, mussten aus der Wohnung raus, weil sie die Miete nicht mehr zahlen konnten, und und und… Statt zu jammern, organisieren sie die Refood-Gemeinschaft. Das verändert auch den Blick auf das eigene Viertel. Plötzlich ist es wieder wichtig, etwas zusammen zu tun – und zu erfahren, wie der Erfolg wächst, wenn jeder sein Teil dazu beiträgt.

Frauen sind unter den Freiwilligen in der Überzahl, da unterscheidet sich Portugal nicht von sozialen Initiativen in anderen Ländern. Lehrerinnen sind dabei, Studentinnen, auch Frauen, deren Männer im Ausland arbeiten und die keine oder schon große Kinder haben – „was soll ich zu Hause?“

Probleme werden gemeinsam diskutiert. Es gab Klagen, einige der Suppenportionen seien sauer gewesen. Können wir die Quelle dieser Suppen ausfindig machen? Woran erkenne ich, ob Essen verdorben ist? Wann muss ich Speisespenden wegschütten? Das ist ein Lernprozess nicht ohne Hürden. Die Lebensmittelaufsicht sieht das offenbar genauso und lässt das Experiment Refood bislang zu.

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Manche Bedürftige können nicht selbst kommen, z. B. weil sie krank sind. Ihnen wird das Essen gebracht.

Essen auf Rädern im Mercedes-Geländewagen

Wir verlassen das Lager, um neue Speisespenden zu sammeln – der erste und entscheidende Schritt des Refood-Kreislaufs. Die Tour führt uns durch den gehobenen Teil des Viertels: gutbürgerliche Häuser, in den 1960er Jahren von Diktator Salazar für höhere Beamte gebaut. Am Steuer des Mercedes-Geländewagens, in dem wir unterwegs sind, sitzt eine Frau im besten Alter, die sich – trotz Krise im Land – um Geld offensichtlich keine Sorgen machen muss. Neben ihr sitzt ihr Kind, Typ höhere Tochter, wohlerzogen und ein bisschen schüchtern.

Beide könnten zu Hause vor dem Fernseher sitzen oder mit Freunden durch die Kneipen ziehen. Aber sie sind hier und haben auch keine Angst, sich die Finger schmutzig zu machen. Eben im Refood-Lager haben sie leere Plastikbehälter eingesammelt und die Tour abgesprochen, die wir nun abfahren. Sie machen das ganz routiniert, sind erfahrene Helfer, zumindest die Mutter. Erste Station: eine Bäckerei, das geht schnell – freundliche Begrüßung, Shakehands, man kennt sich. Danach ein Restaurant, die Behälter im Kofferraum werden zusehens voller.

Jetzt passieren wir die Schranke einer Kaserne. In der Kantinenküche erwartet uns schon der Küchenchef. Wir holen ab: eine Kiste Gemüsereis, eine Kiste Bratfisch, einen Behälter mit Rinderbraten, zwei große Eimer Suppe. Ohne Refood würde das alles in die Mülltonne wandern.

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Abpacken der Speisespenden aus der Kantine einer Kaserne: Der Deckel dieses mit Suppe gefüllten Eimers schließt nicht, deshalb muss er in eine Extraplastiktüte.

Zum Schluss halten wir ein paar Straßen weiter an einem rosa gestrichenen Haus. Im baufälligen Obergeschoss wohnt eine Frau mit sechs Kindern, die krank ist und ihr Essen nicht selbst abholen kann. Sie bekommt Suppe, Brot und Huhn. Die Provianttaschen haben wir im Lager schon vorbereitet und liefern sie nun ab.

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Essen auf Rädern: Hauslieferungen sind bei Refood die Ausnahme, gehören aber zum täglichen Ablauf.

Organisation ist alles

Als wir zum Refood-Lager zurückkehren, stehen davor die ersten „Kunden“: Leute aus dem Viertel, die kein Geld für eine regelmäßige Mahlzeit haben. Ihre Zahl wächst – die Krise fordert ihren Tribut. Die Stimmung im Land ist schlecht, das Vertrauen in die Politik gering und die Wut auf die eiserne Lady Merkel groß.

Trotzdem geht bei Refood alles geordnet zu, Drängeleien gibt es keine. Die drei Essens-Ausgabezeiten – 19 Uhr, 19.30 Uhr, 20 Uhr – sorgen dafür, dass sich die Abnehmer nicht auf die Füße treten. Routiniert geben sie an der Ausgabetheke die Plastikbehälter vom Vortag ab – gespült und abgezählt – und empfangen die neuen Essensspenden. Das alles geht erstaunlich diskret über die Bühne.

Am Anfang von Refood war ein Fahrrad

2011 taucht in den Straßen des Lissabonner Stadtteils Nossa Senhora de Fátima immer wieder dasselbe Fahrrad auf. Vorne ein Gepäckkorb, hinten ein Gepäckkorb, in der Mitte Hunter Halder, US-amerikanischer Endfünfziger, seit vielen Jahren in Portugal ansässig und verheiratet, gerade arbeitslos. Sein Sohn ist Hotelangestellter und erzählt ihm von den vielen Mahlzeiten, die dort täglich im Müll landen.

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Mit diesem Fahrrad fing 2011 alles an: In den Gepäckkörben beförderte Refood-Gründer Hunter Halder die ersten Speisspenden.

Hunter Halder knüpft Kontakte zu Restaurants und Bäckereien, sammelt per Fahrrad Speisespenden ein und verteilt sie in einem Raum der lokalen Kirche kostenlos an Bedürftige. Aus dem Ein-Mann-Projekt ist mittlerweile eine riesige Freiwilligenorganisation geworden. Nicht nur in Lissabon, auch im ganzen Land arbeiten heute Refood-Gruppen nach dem einfachen Verteilprinzip. Sogar im Ausland gibt es bereits Nachahmer: in Madrid, Barcelona, Mailand, Amsterdam und Buenos Aires.

Die Grundregeln: Beschränke dich mit deiner Refood-Filiale auf dein Viertel, weise niemanden ab, der bedürftig ist, und arbeite nicht länger als zwei Stunden am Stück, denn es soll ja eine freiwillige Arbeit bleiben. Ansonsten bringe die Fähigkeiten ein, die du hast: Küchenerfahrung, Umgang mit Lebensmitteln, Fundraising, Öffentlichkeitsarbeit, Büromanagement…

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Alles Überschuss: Brötchen vom Morgen zur Weitergabe an Bedürftige.

Community made in Portugal

Erst gegen Mitternacht kommt Rudolfo nach Hause. Er war für die letzte Schicht eingeteilt: spülen, sauber machen, alles für den nächsten Tag vorbereiten. Er ist einer von mehr als 2.000 Freiwilligen aus allen Gesellschaftsschichten, die Refood in Portugal heute tragen. Und es werden immer mehr.

Wenn ihr das nächste Mal in Lissabon seid, haltet nach dem Refood-Logo Ausschau. Und wenn jemand behauptet, die Portugiesen hingen tatenlos am EU-Tropf, erzählt diese Geschichte. Auch, wenn gerade nicht Weihnachten ist.

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In manchen Vierteln mittlerweile ein gewohnter Anblick: Fahrzeug im Dienst von Refood.

Service

Refood hat eine eigene Facebook-Seite, die natürlich auch von Freiwilligen gepflegt wird. Wer Portugiesisch kann, bleibt dort auf dem Laufenden.