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London auf Treibsand. Ein Prä-Brexit Besuch.

London kurz vor dem geplanten Ausstieg aus der EU. „Brexit“ sitzt im Herzen der britischen Metropole wie der rosa Elefant auf dem Sofa. Mit Gin versteht sich. Wie es sich anfühlt, in diesen Tagen dort zu sein? Eine Zustandsbeschreibung.

Ich reise nach London. Erstmals seit 25 Jahren bin ich wieder hier – ausgerechnet im März 2019. Bei meinem letzten Besuch eroberte ich die Stadt noch ohne graue Haare oder andere Gebrauchsspuren des Lebens, auch die Eurozone versprühte Mitte der 1990er Jahre noch mehr jugendlichen Charme – und Einigkeit. Die Erinnerungen an meinen Besuch aus Studententagen sind arg verzerrt, drum hüpfe ich – wenn auch leicht verbeult – beherzt in die Gegenwart. London ist wuselig dieser Tage, sogar die von Engländern angeblich so heiß geliebten Schlangen verformen und verdichten sich. Vielleicht sind es auch nur die ganzen Touristen, die nicht wissen, wie man sich richtig hinten anstellt.

Gegen die Metropole an der Themse ist Berlin echt ein gechillter Ort. Das empfinde ich bereits, nachdem die erste Tube mich auf die Oxford Street in Soho spuckt. Die Straßen sind voll und eng, um den Oxford Circus erschweren Baustellen zusätzlich das Durchkommen. Die Menschen gehen schnell und werfen sich dem Wind, der durch die Straßenschluchten pfeift, betont unbeeindruckt entgegen. Wer einen Hut trägt, hält ihn fest. April-Wetter auch hier, auf Hagel folgt Sonne, dann wieder Wolken, die den Himmel schwefelig grau-gelb färben, Szenen wie aus dem Intro eines Katastrophenfilmes. In den Pubs wird zügig getrunken, das Wetter macht anscheinend durstig.

London im März 2019. Am Trafalgar Square herrscht vermeintlich der normale Wahnsinn. Lord Nelson hat schon vieles kommen und gehen sehen. Der Himmel zeichnet ein düsteres Bild.

Ein rosa Elefant namens Brexit

Wirklich? Das Wetter? Heut und hier wird es fast unmöglich, Stimmungen und Befindlichkeiten aufs Wetter zu schieben. Der bevorstehende Brexit sitzt im Herzen der Stadt wie der rosa Elefant auf dem Sofa. Es wird nicht an jeder Ecke und pausenlos über ihn diskutiert – eher im Gegenteil – zu schmerzhaft und polarisierend sind die Positionen, zu verhärtet die Fronten. Aber er ist da. Die endlosen Debatten und Abstimmungen im Unterhaus dominieren die Schlagzeilen der Tageszeitungen, die Nachrichtensendungen, besonders die Wirtschaftsseiten. Im Zentrum des Debakels, Theresa May, vollständig verkantet, ohne Rückhalt, erschöpft, aber von trotziger Präsenz. Mit einem absurden Ziel, einem festen Plan. Bis zum Austritt. Doch was kommt danach?

Das kleine Hotel, in dem der Mann und ich untergekommen sind, wird von einem international gemischten Team geführt. Mexikaner, Ost-Europäer, Spanier. Sie lassen sich auf kein Gespräch zum Brexit ein, zu exponiert stehen sie hinter ihrem Tisch an der Rezeption, zu fest sitzt die professionelle Teflon-Schicht. Mein Eindruck, die Leute spielen normal. Drücken die Wucht und Absurdität des ganzen Brexit-Debakels von sich weg, das sich auch jetzt noch nicht klar abzeichnet. Verdrängung ist eine Überlebensstrategie, die sich nicht umsonst durchgesetzt hat, denke ich. Sie löst zwar nichts, aber es scheint angenehmer sich zuzusaufen und dem rosa Elefant auf dem Sofa entweder zuzuprosten oder ihn zu ignorieren, als sich in einem fort die Haare zu raufen und mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.

London in Aufruhr – Demonstrationen gegen das Große Ganze

Die aufgewachte Jugend ist in diesen Strategien noch deutlich weniger geübt als die so called „Erwachsenen“. Auf der Straße dominiert (sichtbar) die neue Klimabewegung der jungen wütenden Generation. Wobei sich viele der Botschaften auf den gemalten Plakaten auch in Richtung Brexit-Protest interpretieren lassen. In den Nachrichten zeichnen O-Töne ein entsprechend erweitertes Bild der Wut und Verzweiflung. „They don’t give a shit .. they fuck up our future“, empört sich eine Schülerin im besten Coming-of-Age-Alter in die Kamera. Sie hat Tränen in den Augen. Ich fühle mich matt. Konfrontiert mir meiner eigenen Naivität. Ich war in ihrem Alter noch fest davon überzeugt, dass erwachsene Entscheider mit Macht und Verantwortung sich ihrer Rolle gemäß verhalten und zum Wohle der Allgemeinheit entscheiden müssten. Dass das Teil der Aufgabe wäre, zu deren Übernahme sie sich willentlich und wissentlich bereit erklärt haben.

Nichts wird von Bedeutung sein, wenn alles weg ist. Harte Worte, mit Nachdruck auf ein Plakat gemalt. Sie treffen auf die Klimadebatte zu, die unter #fridaysforfuture um die Welt geht – und auf das höchst ungewisse Post-Brexit-Szenario.

Ein paar Jahre danach hatte ich noch Hoffnung, mit zunehmendem Alter wurde diese immer leiser. Unter die Wut mischte sich die Erkenntnis: Erwachsene sind die gefährlichsten Vertreter der Spezie Mensch. Bei ihnen reagiert die Mischung aus Eitelkeit und Verlustaversion zu einem lächerlich brutalen Cocktail. Sie haben (glauben sie) viel mehr zu verlieren und sind dadurch bereit, alles jenseits ihrer vermeintlich gesicherten Pfründe zu riskieren. In Wahrheit riskieren sie sie alles (= the bigger picture), weil sie nichts riskieren (=in ihrer Komfortzone). Wie frustrierend.

Should they or should the go

Darling, you’ve got to let me knoooow…. (frei nach The Clash. Should I stay or should I go, 1982)

Nun nicht der 29.3.2019, sondern der 12.4.2019. Vielleicht auch Juni? Denn dass in so kurzer Zeit eine brauchbare Einigung erzielt wird, ist schwer vorstellbar. Während sich die Politiker im Parlament die Köpfe heiß reden, gehen über eine Million Briten für ein zweites Referendum auf die Straße. Soll man die Zukunft eines ganzen Land opfern, weil man sein Wort halten und einen unsauber zustande gekommenen Deal von 2016 einhalten will? Wo sind eigentlich Nigel Farage und Boris Johnson dieser Tage? Die Petiton: Revoke Article 50 – Remain in the EU zeichnet ein anderes Bild von der gegenwärtigen Stimmung im Lande. Innerhalb kürzester Zeit schießen die Unterschriftenzahlen nach oben. Am Donnerstag, den 28.3.2019 hat sie bereits 5.9 Millionen Unterzeichnende. Und die Zahlen steigen weiter…

In den Londoner Pubs lassen die Blumen die Köpfe hängen. An der Bar trinken die Briten wacker gegen die Melancholie an.

Wie man aus komplexen politischen Realitäten fluffige Postkarten macht, zeigt das Schausfenster eines Schreibwarenladens. Kurzes Auflachen gilt – leider auch nur kurz.

Ein Kreisverkehr mit auf den Boden gemalten Kreisen. Im Hintergrund das Justizministerium im Architekturstil des Brutalismus.

Jeden Tag eine neue Debatte. Und immer schön im Kreis herum. Das Prä-Brexit Szenario ist absurd brutal.

Und sonst so?

London hat viele Baustellen dieser Tage. Nicht nur im Parlament und am Parlament, auch Big Ben ist eingerüstet. Der öffentliche Raum ist voller Kameras, überall steht Polizei. Ansonsten ist es gut auszuhalten. Der Mann macht das, was in London immer gut geht: Er geht zum Barbier – mit Bier – und shoppen. Immerhin sind das British Museum und die Tate Gallery noch da. Und das London Eye, da kann man sich das ganze Elend und all die Schönheit dieser Stadt nochmal von oben angucken. Aber darüber und über die Flucht in Kunst, Kultur und „gute Aussichten von oben“ mehr im nächsten Text zu meinem Kurztrip nach London im launischen Prä-Brexit-Monat.

Viele Baustellen, viel Polizei. So zeigt sich London im März 2019 seinen Einwohnern und Besuchern.


Zufällig reingehört: Auf RadioEins läuft in der Brexit-Woche das schöne Thema 10 Gründe, warum wir die Briten trotzdem mögen. Mit vielen Klischees, vielen Überraschungen und natürlich viel britischer Musik.