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Go wie Madrid

1. Lauf einfach drauf los, dann lernst Du Madrid am besten kennen! 2. Nicht auf der Straße essen, setzt dich mit Freunden an einen Tisch! Geniale Madrid Tipps von Alejandro machen meinen Kurztrip durch Spaniens Hauptstadt trotz Hindernissen super entspannt.

Ich klappe gerade meine Reisetasche zu. Morgen düse ich mit meinem Ex-Boyfriend schick nach Madrid. Unter dem Sofakissen zirpt es “pling, pling”. Da piepst mein Phone. SMS. “Ich bin nicht sicher, ob ich es schaffen werde, das Office zu verlassen, um nach Madrid zu kommen.” Es ist 23:17. Gute Reise dann!

Nicht die zauberhafte Mandelblüte in Andalusien oder die sonnige Costa del Sol. Nicht die mittelalterliche Brücke von Toledo. Meine frühste Erinnerung an Spanien ist die Garotte. Mitte der 70er Jahre berichteten deutsche Zeitungen ziemlich ausführlich über dieses schauerliche Würgehalsband. Damit wurden im faschistischen Spanien Verurteile bestialisch zu Tode gefoltert.

Als kleiner Junge fand ich das ungeheuerlich, dass Menschen sich so ein schlichtes Instrument, ein fester Strick mit zwei Holzgriffen zum drehen, ausgedacht hatten. Dass so ein grausames Objekt benutzt wurde, ging in mein kleines Köpfchen und besonders in mein kleines Herz nicht rein. Der spanische Diktator Franco war einfach ein Super-Arschloch. Gerade mal 40 Jahre her.

Spaß haben

Schon Mitte der 60er Jahre war Spanien auch der Deutschen ihr Lieblings-Reiseziel. Trotz Franco, Faschismus und Garotte. War halt billig. Sonnig auch. Konnte man fern der Heimat oben ohne gehen. Gute Gründe nicht so genau hinzuschauen!

Warum fällt mir das alles gerade in Madrid wieder ein? Weil ich im Museo Reina Sofia eine Collage mit dem Titel Naturama von Joan Rabascall aus dem Jahr 1964 bestaunt habe. Nackedeis aus dem hohen Norden räkeln sich mit gertenschlanken Leibern, festen Busen und prächtigen Hintern an den bezaubernden Stränden des rückständigen und eben faschistischen Spaniens. Die haben Spaß. Joan Rabascall wundert sich über diese hermetisch voneinander abgeschotteten Parallel-Universen, die der Tourismus erzeugt. Reisen kann eben schrecklich apolitisch sein.

Eine Collage aus Fotos und Postkarten, auf denen nackte Körper abgebildet sind. Aus dem Museum Reina Sofia in Madrid.

Naturama. Joan Rabascall, 1964, Madrid Museo Reina Sofia. Hier findest Du Naturama in hoher Auflösung

Was mich besonders in Madrid verwundert: alle reden vom Arbeiten. Meine Vorstellung: Spanien sei einer dieser wirtschaftlich kriselnden Wackelkandidaten in der EU mit hoher Arbeitslosigkeit, passt  ganz und gar nicht zur erlebten Realität. Schon mein hipster Host Alejandro, Ringelsöckchen, superslime Jeans, die über den Knöcheln endet, Wildleder Mocassins, blauer Dufflecoat und wuschelige Haare fängt von der Arbeit an.

“Madrid ist eine entspannte Stadt. Aber mach Dir mal keine falschen Vorstellungen, Siesta gibt es in Madrid nicht. Wir müssen alle arbeiten.“

Die 2 super wichtigsten Madrid Tipps.

Als sich Alejandro zum Gehen wendet, gibt er mir die beiden wichtigsten Tipps für meinen Aufenthalt.

“Übrigens essen wir in Madrid nicht auf der Straße. Wir sind da nicht so eilig wie in London oder Berlin. Zum Essen treffen wir uns mit Freunden oder Familie im Restaurant. Alleine essen geht gar nicht. Ah, und am besten läufst Du einfach rum. Dann lernst Du Madrid richtig gut kennen. Mach ich auch so.“

Und schwupps, weg ist er. Wahrscheinlich Arbeit. Geh ich also auch los. An Alejandros Ratschläge halte ich mich die ganze Woche brav. Zum Essen setze ich mich an einen Tisch oder an eine Bar. Rumlaufen finde ich immer super. Macht auch viel mehr Spaß, ohne sich ständig belegte Brötchen oder süße Teilchen zwischen die Kiemen zu schieben.

Straßenpflaster in Madrid, auf dem ein kleiner Zettel mit der Aufschrift "Go" liegt.

„Lauf einfach drauf los, dann lernst Du Madrid am besten kennen!“ Ein toller Tipp von Alejandro

Spanische Sprachbarrieren

Noch mehr als der Arbeitseifer verwundert mich allerdings wie wenig Madrid Englisch spricht. Doch dann wird mir schnell klar, woran das liegt. Spanien ist international ganz anders ausgerichtet als Deutschland. Nicht nach Norden. Nach Süden! Politisches und kulturelles Erbe des untergegangenen riesigen Kolonialreiches in Südamerika, Asien und Afrika.

Spanisch ist im Gegensatz zum Deutsch ganz einfach mal eine Weltsprache, die von über 450 Millionen Menschen rund um den Erdball gesprochen wird. Da ist Englisch nicht so wichtig.

Mit Italienisch komme ich auch nicht weit. Ich dachte Italienisch und Spanisch sind doch so nah verwandt, da geht bestimmt was. Irrtum. Alles, was ich auf Italienisch sage, wird in Madrid ganz einfach überhört. Irgendwie komme ich auch mit Englisch durch.

Am Ende meiner Reise wird es allerdings eng. Als ich versuche an einem Automaten, der kaum englisch spricht, eine Fahrkarte zum Flughafen zu lösen. Ich verstehe den Automaten nicht. Der Kauf gestaltet sich so schwierig, dass ich panisch werde, weil ich fürchte meinen Flug zu verpassen. Das nächste Mal werde ich für den Ticketkauf am Automaten mehr Zeit mitbringen. Aber jetzt erstmal zurück auf Los!

Schaufenster eines Einlagenmachers in Madrid. Einlagen nach Farben und Formen zusammengestellt.

Feuchter Traum jedes Surrealisten: Perfekte Perversion. In Madrids Schaufenstern gibt es sie noch

Flanieren durch Chueca

Ganz außerordentlich verwundert mich, dass Madrid eine Stadt auf lauter Hügeln ist. In meiner Fantasie war Madrid ganz und gar flach. Aber Madrid schlägt Wellen wie ein sanft wogender Teppich. Es geht immer ein bisschen auf oder ein bisschen ab. Zauberhaft. Die Stadt bewegt sich dynamisch an mir vorbei. Immer wieder öffnen sich neue Perspektiven und Sichtachsen.

Ich wohne in Chueca. Dem angesagten Hipster- und Homoviertel von Madrid. Das ist super zentral und ich mache fast alles immer zu Fuß. Lohnt sich! Mitte November ist die Sonne an manchen Tagen noch so warm, dass propere junge Männer rudelweise ihre Jacken ausziehen und in schlabber-weiten T-Shirts oder Tops über die Plätze und die Straße schnurren. Super sexy.

Reflexion eines grünen Regenschirms in einem angelaufenen Spiegel in Madrid.

Zusammen geschmolzen. Urban Decay in Madrid

Mein erster Spaziergang führt über eine trashige Einkaufsstraße Richtung Puerta del Sol. Viele schreddelige Geschäfte. Da fällt mir dann doch auf, wie viele alte Männer auf der Straße sitzen. Mit einem Pappkarton unter dem Hintern. In einem Hauseingang oder auf einem schmalen Mauervorsprung. Umgeben von einem Meer poröser Einkaufstüten. Vielleicht sind das die stummen Mahner der Wirtschaftskrise.

Auf der anderen Seite wird in der Innenstadt unglaublich viel gebaut und renoviert. Das sieht für mich dann wieder wahnsinnig prosperierend aus. Aber komme ich auf einem kurzen Spaziergang der sozialen Realität einer Stadt wirklich nah? Oder fügen sich diese visuelle Puzzleteile in ein schon ausgeworfenes Netz von mitgebrachten Vorurteilen?

Manchmal ist es geradezu bekloppt, was meine Aufmerksamkeit erregt. Besonders fallen mir die Einfahrten in Tiefgaragen auf. Es gibt so viele! Unter jedem Platz scheint eine Tiefgarage zu liegen. Da werden die Autos einfach weggeparkt und machen in der Innenstadt überhaupt nur wenig Stress. Unglaublich viele Straßen sind sogar autofrei. Das Zentrum Madrids erlebe ich als Fussgänger ganz entspannt. Absolutes Plus. Überhaupt ist der Umgang auf den Straßen außergewöhnlich höflich. In den Metro-Stationen halten sich die Menschen doch tatsächlich die Türen gegenseitig auf! Sehr gewöhnungsbedürftig.

Blick auf ein Eckhaus auf der Gran Via in Madrid. Das weiße Eckhaus ist mit Säulen geschmückt und wird von einer Kuppel gekrönt. Auf dem Gebäude steh Metropolis

Zierliche Säulen, vergoldete Kuppeln und fliegende Knaben. Das ist die Gran Via in Madrid

Die Gran Via – Gotham City im Süden

Von der Puerta del Sol schlendere ich zur Gran Via hinunter. Hier tobt eine hitzige Konkurrenz um die auffälligste Fassade und die spektakulärste Häuserecke. Das bedeutendste aller Gestaltungsgesetze: Mehr ist Mehr wird hier eindrücklich auf Schritt und Tritt bestätigt. Vor Begeisterung treten die Augäpfel aus den Höhlen. Auf der Gran Via in Madrid reiht sich tatsächlich ein fantastisches Märchenschloss an das nächste. Ein Palast prunkvoller und protziger als der andere. Ganz wunderbar.

Carlos hat es mir ja schon erklärt: “In Madrid machen wir alles mit Leidenschaft!“ Auf der Gran Via erzählt jeder Stein von dieser feurigen inneren Glut. Toll!

Zierliche Säulen, güldene Kuppeln, geflügelte Pferde, fliegende Knaben, üppige Damen, muskulöse Kerle, vergoldete Kugeln, geheimnisvolle Masken. Auf der Gran Via braust einfach alles Edle und Schöne über die Köpfe hinweg. Und zwar monumental. Im reichen Überfluss. Kann ich nicht meckern! Hier wird großzügig ausgeteilt! Erinnert an die Straßen von Gotham City oder an eine rüschige Revue-Kulisse.

Madrid und seine Märchenschlösser

Hinter dem wahnsinnigen Fassaden-Make-Up dieser Märchenschlösser verbirgt sich meist eine ganz schnöde Stahl-Beton-Konstruktion. Die Gran Via ist noch nicht mal 100 Jahre alt. Stadtplaner aus New York durften sich hier austoben. In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts sollte Madrid ein neues Gesicht bekommen. Ein ordentlicheres.

Dafür wurden ein verwuseltes Rotlicht-Viertel niedergelegt und breite Boulevards in die engmaschige Altstadt hinein gefräst. Links und rechts wucherten bis in die 50er Jahre heißblütige Hochhausfronten in den Himmel. Das szenographische Potential der Hügel in Madrid kann sich an der Gran Via optimal entfalten. Denn mit großem theatralischen Effekt sind die Protz-Türme gekonnt hintereinander gestaffelt. So lässt sich immer wieder ein überraschend kitzeliges Detail neu entdecken und bewundern.

Der absolute Höhepunkt dieser architektonischen Aufschneiderei ist der Palacio de Cibeles. Ehemals als Hauptpostamt eine Kathedrale der Kommunikation. Heute ein riesiges Kunst- und Kulturzentrum. Von der Aussichtsterrasse des Hauptturms gibt es einen schönen Blick über die Plaza Cibeles die Gran Via hinauf. Bei blauem Himmel unbedingt empfehlenswert.

Schnitt durch rote Hohlziegel

Ein schneller Blick hinter die prächtigen Kulissen

Freundliches Abend Idyll

Die Sonne britzelt nur noch schwach über die goldenen Dächer der Gran Via. Es dämmert schon so früh. Das ist der Nachteil, wenn man erst im November reist. Die Cervecerias, Bierkneipen, in den engen Nebenstraßen der Gran Via sind bereits rappelvoll. Die Leute plappern mit Bierglas und rauchend auf der Straße. Das war mein erster Tag in Madrid. Allein! Plötzlich merke ich, dass die Hügel Madrids mich ganz schön mitgenommen habe. Ich schlendere langsam nach Hause.

Vor meiner Haustür pisst ein junger Mann gerade in die Ecke zwischen Tür und Hauswand. Das kenn ich noch aus Hamburgs Sankt Pauli. Fiese Hasutürpinkler. Ist aber auch schon lange her. Der junge Mann entschuldigt sich ganz freundlich, dass er mich hat warten lassen, bevor ich die Haustür aufschließen kann. Das gab es in Sankt Pauli nie. Eine Entschuldigung von einem Haustürpinkler. Also höflich ist man wirklich in Madrid. Und Morgen wird ganz bestimmt wieder ein super schöner Tag.

Vor dem Cafe