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Nachhaltig reisen – ein „Masterplan“

Masterpläne sind ja gerade schwer in Mode. Wie man damit aus alten Hüten den heißesten Scheiß macht, hat Immernochinnenminister und Chefpopulist Horst Seehofer eindrucksvoll vorgeführt. Das Thema „Nachhaltig reisen“ interessiert Politiker weniger, dabei wäre ein Masterplan gerade da überfällig. Voilá

Der Sommer ist da, die Urlaubszeit auch, die Deutschen sind raus aus der WM – klar, dass alle nur noch weg wollen. Das heißt wie jedes Jahr: Blechlawinen auf den Autobahnen, Hochbetrieb an den Flughäfen und gerammelt volle Züge. Jeder hat ein Recht auf Urlaub, keine Frage, und das ist gut so. Unschön wird’s, wenn wir uns oder anderen in die Quere kommen, weil wir so viele sind. Und wenn das Klima von den ganzen Abgasen Pickel bekommt.

Tipps dazu, was wir selbst dagegen tun können und wie wir bessere Touristen werden, gibt es in Hülle und Fülle, auch hier bei uns im Blog. Aber zusätzlich brauchen wir klare Ansagen aus der Politik – wenn möglich ohne Theater à la Seehofer. Was muss politisch geschehen, damit wir leichter nachhaltig reisen können? Die elf Punkte im folgenden Masterplan sind ein erster Schritt.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Flugzeug am Himmel über einer Fabrik

Für Industrieabgase gibt es Filtersysteme, für Flugzeuge nicht.

1. Ohne Umweltsteuer auf Kerosin geht gar nichts

Deutschland erreicht seine Klimaziele nicht. Schuld ist neben der Kohle vor allem der Autoverkehr, dessen Emissionen steigen, statt zu sinken. Schlimm genug. Und der Flugverkehr? Floriert, und mit ihm die Emissionen. Ein Grund für das Wachstum: Auf Flugbenzin entfällt kein Cent Mineralölsteuer, und das fast weltweit. Das Umweltbundesamt hat einmal ausgerechnet, wie viel Steuergelder die Airlines dadurch hierzulande sparen. Für das Jahr 2012 kam die Behörde auf eine Summe von über 7 Milliarden Euro. Das ist fast so viel, wie Deutschland für Entwicklungshilfe ausgibt. Dazu kommt noch die Befreiung von der Mehrwertsteuer für internationale Flüge – noch mal 4,76 Milliarden Euro.

Frage: Warum wird die Flugbranche gepampert und Autos und Bahnen nicht? Antwort: Das fällt unter die Kategorie Gewohnheitsrecht. Wer als Politiker eine Kerosinsteuer fordert, kann bei den nächsten Wahlen einpacken. Dem Klima sind Wahlen allerdings egal, es bekommt immer mehr Pickel. Und wir auch. Mit nachhaltig reisen hat das nichts zu tun.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Eine Spielzeugbahn aus Streichholzschachteln

Verkehrte Welt: Flugbenzin ist steuerfrei, die umweltfreundlichere Bahn dagegen muss den vollen Steuersatz zahlen.

Deshalb steht die Kerosinsteuer in diesem Masterplan ganz oben. Durch die Besteuerung steigen zwar die Flugpreise, aber für 40 Euro nach Griechenland oder Spanien zu jetten ist ja nun wirklich kein Menschenrecht und obendrein extrem unwirtschaftlich. Ohne Preiserhöhung steigen wir im Übrigen nie auf umweltfreundlichere Alternativen um. Außerdem brauchen die Airlines einen gehörigen Tritt in den Hintern, damit sie endlich spritsparende Flugzeuge und alternative Technologien entwickeln. Mit den zusätzlichen Steuereinnahmen könnten stattdessen Bahn und Bus steuerbefreit fahren. Und selbst dann bliebe jede Menge Geld übrig für ein paar weitere Ideen, zum Beispiel die…

2. Subventionierung des öffentlichen Nah- und Regionalverkehrs

Urlaub geht auch ohne lange An- und Abreise. Viele Urlaubsziele liegen direkt um die Ecke– es muss ja nicht immer gleich ein Tagesausflug nach Paris sein. Kurze Wege sind nachhaltig reisen pur und würden noch mehr Spaß machen, wenn die Tickets umsonst wären.

In Estland funktioniert das ganz gut. Seit 2013 ist die Benutzung von Bussen und Bahnen in der Hauptstadt Tallinn kostenlos. Jetzt wird diese Praxis auch auf Überlandstrecken ausgeweitet. Selbst Deutschland beginnt jetzt mit ersten Tests in ausgewählten Städten. Mit den Steuermilliarden aus der überfälligen Kerosinabgabe (s. o.) könnten noch viel mehr Städte teilnehmen – und sich ein Stück vom Boom des Tagestourismus sichern.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Historische Straßenbahnen im Straßenbahnmuseum Porto

Diese Straßenbahnen von Porto stehen zwar im Museum, aber manche von ihnen tun noch regelmäßig Dienst.

3. Steuerliche Förderung nachhaltiger Reiseangebote und Buchungsportale

Wo wir schon bei Steuern sind: Wer mir als verantwortungsbewusstem Tourist sozial- und umweltverträgliche Reisen vorschlägt, sollte dafür belohnt werden. Nachhaltig reisen ist ja immer auch eine Angelegenheit von Angebot und Nachfrage. Diverse Umfragen belegen, dass viele Deutsche durchaus willig sind, es mal mit mehr Nachhaltigkeit im Urlaub zu versuchen, aber sie klagen regelmäßig darüber, dass sie nichts Passendes finden. Zum Glück ändert sich das gerade. Ein ganz neues Portal für „kleine Wege und große Erlebnisse“ bietet zum BeispielKatzensprung, ein Spezialist für alles, was um die Ecke liegt. Eine steuerliche Förderung würde solchen Newcomern kräftig unter die Arme greifen.

4. Tourismusanbieter legen Sozial- und Umweltdaten offen

Mal angenommen, wir würden in einem Hotelzimmer für 200 Euro übernachten und wüssten, dass das Reinigungspersonal zwei Euro in der Stunde verdient: Würde uns das ruhig schlafen lassen? Ist das nachhaltig reisen? Nein, sagen Spaniens Zimmermädchen und gehen auf die Barrikaden gegen Hungerlöhne und miese Arbeitsbedingungen. Aber sie wehren sich nicht nur, indem sie streiken, sondern mit einer sehr intelligenten Kampagne: Sie haben ein Qualitätssiegel kreiert, mit dem sie Hotels mit hohen Sozialstandards auszeichnen und schwarze Schafe der Branche anprangern wollen. Das versuchen sie nun auf Plattformen wie Tripadvisor zu platzieren, um uns Nutzer und Touristen zu sensibilisieren. Wenn sie damit Erfolg haben, könnte sich tatsächlich etwas bewegen.

Nebenbei passt die Idee bestens in diesen Masterplan: Warum verpflichten wir nicht Hotels, Kreuzfahrtanbieter, Reiseveranstalter usw. offenzulegen, wie sie ihr Personal und die Umwelt behandeln? Der Verband nachhaltiger Reiseveranstalter, das forum anders reisen, macht das schon: Wer Mitglied bleiben oder werden will, muss seine Performance in Sachen Umwelt- und Sozialverträglichkeit regelmäßig auf Herz und Nieren prüfen lassen. Das ist keine Garantie gegen miese Löhne und Umweltsünden, aber solche Praktiken fliegen schneller auf und können entsprechend rasch abgestellt werden.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Einsames bretonisches Haus unterm Abendhimmel

Was steckt eigentlich hinter den Postkartenmotiven der Reisebranche? Wer zahlt am Ende die Zeche?

5. Einschränkungen für die private Wohnungs- und Zimmervermittlung

Berlin und Barcelona machen es vor: Wer eine Privatwohnung an Touristen vermieten will, darf das nur unter Auflagen und mit Genehmigung des Bezirksbürgermeisters. Damit soll verhindert werden, dass massenhafte private Vermietungen via Airbnb und Co. die Mieten verteuern und Ortsansässige vertreiben. Zur Kontrolle setzen beide Städte neuerdings Detektive ein. Die verhängten allein in Kreuzberg Strafgebühren in Höhe von 1,7 Millionen Euro. Barcelona wiederum hat seit 2014 keine neuen Genehmigungen mehr erteilt. In derselben Zeit sind die Mieten um 29 Prozent gestiegen – nicht nur, aber auch der Touristen wegen.

Wo Wildwuchs herrscht, muss reguliert werden. Wir können noch so nachhaltig reisen – mit Bahn, Slowfood und Respekt im Koffer –, doch das hilft alles nichts, wenn wir jemandem damit die Wohnung wegnehmen. Es braucht keinen Masterplan, um das zu verstehen.

6. Nachhaltig reisen im Schulunterricht

Wie pflanzen wir Nachhaltigkeit in die Köpfe? Indem wir sie mit der Muttermilch aufsaugen. Es ist ja kein Naturgesetz, dass wir beim Verreisen gleich ans Flugzeug denken. Warum also nicht das Thema Nachhaltig reisen in die Schulen bringen? Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich dadurch etwas an unserer beschränkten Perspektive änderte – weg von Last-Minute-Zwang, Schnäppchenfieber und Statuswahn.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Historischer Schiffskoffer im Museum Casa de Memória in Guimarães, Portugal

So reiste man früher: Arrangement mit Schiffskoffer im Museum Casa de Memória in Guimarães, Portugal

7. Nachhaltig reisen als Schulwettbewerb

Damit Nachhaltig reisen als Schulthema nicht zu trocken wird, kann ein Schulwettbewerb für kreative Ablenkung sorgen. Etwas Ähnliches gibt es schon im Zusammenhang mit Entwicklungspolitik – Alle für Eine Welt – Eine Welt für Alle – unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Der lädt alle zwei Jahre Schülerinnen und Schüler aller Schulformen der Klassen 1 bis 13 dazu ein, sich zu einem bestimmten Thema auszutoben. Am Ende gibt es eine feierliche Preisverleihung in Berlin mit viel Ruhm und Ehre einer Menge guter Ideen. Das spornt an: Wer es beim ersten Mal nicht geschafft hat, will es beim nächsten Mal erst recht wissen.

8. Ernennung eines Bundesbeauftragten für nachhaltiges Reisen

Die Reisebranche regt sich regelmäßig über die späte Ernennung des Tourismusbeauftragten der Bundesregierung auf (wenn es überhaupt einen gibt). In diesem Jahr war es wie üblich: Minister, Staatssekretäre und Beauftragte für alle möglichen Aufgabenbereiche werden mit großem Pomp ernannt und eingeführt, der Bundesbeauftragte für Tourismus wird einen Monat später „nachnominiert“. In der Regel ist er nicht vom Fach und erledigt seine Aufgabe als Nebenjob.

Nachhaltig reisen ist unter diesen Umständen schon gar kein Thema. Dabei könnte ein Bundesbeauftragter, aktuell angedockt im Wirtschaftsministerium, einiges anstoßen: zum Beispiel einen Masterplan wie diesen. Oder wenigstens eine einheitliche europaweite Zertifizierung nachhaltiger Reiseangebote – derzeit wuchert dort ein Label-Dschungel – oder öffentlichkeitswirksame Kampagnen zum verantwortlichen Reisen. Oder sogar die…

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Ein Wirrwarr von Schiffstauen

Nachhaltigkeitszertifikate in der Reisebranche sind wie ein unentwirrbares Knäuel

9. Einrichtung eines europäischen Fonds zur Förderung nachhaltiger Initiativen im Tourismus

Nach Jahren der Diskussion hat es eine wunderbare Idee endlich in die Praxisphase geschafft: Die EU verschenkt 15.000 Interrail-Tickets an 18-Jährige in ganz Europa. Damit können sie vier Wochen lang den Kontinent bereisen und kennenlernen – mit all der Vielfalt, die ihn ausmacht. Dass zu dieser Vielfalt auch die politische Zerrissenheit in Asylfragen gehört, mag das Bild für manchen Bewerber trüben. Andererseits sehen das junge Menschen möglicherweise vorurteilsfreier und schaffen es mit dieser Reise wirklich, ein Gefühl für „ihr“ Europa zu entwickeln.

Zwölf Millionen Euro stellt die EU-Kommission dafür bereit. Mit dem Budget erreicht sie nur einen Bruchteil der 18-Jährigen, aber bei erfolgreichem Verlauf ist wohl noch sehr viel mehr drin. Mit einem europäischen Fonds für nachhaltigen Tourismus, wie sie dieser Masterplan vorschlägt, könnten solche Initiativen gezielt entwickelt und gefördert werden. Das Interrail-Projekt zeigt, wie politisch nachhaltig reisen sein kann.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Der Nachtzug von Lissabon steht abfahrbereit im Bahnhof.

Zugfahren fördert die europäische Identität, hofft die EU-Kommission und verschenkt Interrail-Tickets an 18-Jährige.

10. Obligatorische Umwelt-Kennzahlen in Flugzeugen und Buchungsstrecken

Wo sind die Schwimmwesten, wie streife ich sie über, was mache ich bei plötzlichem Luftdruckabfall? Vor jedem Flug demonstriert die Crew, was in einem Notfall zu tun ist. Dazu sind die Airlines verpflichtet. Das Sicherheits-Briefing ließe sich ohne weiteres um ein obligatorisches Umwelt-Briefing ergänzen, zum Beispiel: Welche Abgase bläst der bevorstehende Flug in welchen Mengen in die Luft? Klar, an vielen Passagieren würde das vorbeirauschen. Trotzdem wäre die Startroutine unmittelbar vor dem Abflug der richtige Rahmen dafür.

Dasselbe gilt für Online-Flugbuchungen. Auch hier müssten die Umweltdaten der gewählten Flugverbindung in die Buchungsstrecke integriert werden, verbunden mit einem Link zu Organisationen wie atmosfair, die eine freiwillige CO2-Kompensation anbieten.

11. Gesundheitskennzeichnung von Flugreisewerbung

Die Bilder und Aufschriften auf Tabakwerbung sollen abschrecken. Alle sind sich einig, dass das nötig ist. Bei Flugreisen ist das anders. Warum? Die schädigende Wirkung einer einzigen Flugmeile ist um ein Vielfaches größer als die einer Zigarette – im globalen Maßstab. Weil der aber das normale Vorstellungsvermögen übersteigt und weil es oft gar nicht die Flugpassagiere sind, die die Folgen für Leib und Leben zu spüren bekommen, wird der Schaden verdrängt, verniedlicht oder sogar bestritten.

Damit sich das ändert, schlägt dieser Masterplan eine verpflichtende Kennzeichnung jeglicher Werbung für Flugreisen vor, die den Beitrag zum Klimawandel ebenso drastisch beschreibt, wie wir das von der Tabakwerbung kennen. Idealerweise bringt sie auch gleich die Alternative ins Spiel: nachhaltig reisen.

Nachhaltig reisen – ein Masterplan – Bild einer abflugbereiten Cessna mit der Aufschrift „Flugreisen gefährden die Gesundheit von 7,5 Mrd. Menschen“

So könnte Werbung für Flugreisen aussehen