Nachts im Museum

Nachts im Museum: Archäologie der Moderne in Köln Der Berliner Skulpturenfund in Köln

Das sind ungewohnte Perspektiven. „Entartete Kunst“ aus Berlin in einem Kölner Antikenmuseum. Daneben verschüttete Bodenfunde aus dem zerbombten Köln. Im Hintergrund der dunkle Domplatz mit spärlichen Lichtpunkten. Wir sind fast allein mit den Objekten. Das geht nur nachts im Museum…

Archäologie der klassischen Moderne

Die Ausstellung ist klein, sie hat Platz im Foyer. Gut vorstellbar, dass sie tagsüber ein wenig untergeht. Dann tummeln sich auf dem Roncalliplatz gleich jenseits der Glaswände die Touristen, und im Museum selbst herrscht der übliche römisch-germanische Betrieb.

Jetzt am Abend: kaum Stimmen, kaum Besucher. Der Roncalliplatz liegt im Dunkeln. Davon heben sich die angestrahlten Skulpturen deutlich ab. Nachts im Museum werden sie von einer flüchtigen Ablenkung zur Hauptsache. Und sie zeigen, dass Archäologie auch junge Vergangenheiten aufdecken kann – in diesem Fall Skulpturen der klassischen Moderne.

Nachts im Museum: Archäologie der Moderne in Köln.
Edwin Scharff, Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes (1917)

Berliner Skulpturenfund: „Entartete Kunst“ im Bombenschutt

Wie so oft kommt der Zufall zu Hilfe, in diesem Fall auf einer U-Bahn-Baustelle vor dem Schöneberger Rathaus, 65 Jahre nach Kriegende. Etwas fällt von der Baggerschaufel. Ein Grabungshelfer wird stutzig und sieht genauer hin. Er entdeckt eine Messingfigur. Weitere Skulpturen folgen. Die meisten von ihnen galten bis dahin als verschollen. Nun tauchen sie aus dem historischen Dunkel auf.

Manchmal heben Ausstellungen Objekte hervor, indem sie gezielt Licht und Schatten einsetzen. Heute trägt die Tageszeit ihren Teil zur Dramaturgie bei: Nachts im Museum wirken diese Figuren noch isolierter, als wären sie aus der Zeit gefallen.

Reiter, Skulptur des Bildhauers Fritz Wrampe.
Fritz Wrampe, Reiter (1933/34). Im Spiegelbild links das 15 Meter hohe Grabmonument des Legionsveteranen Lucius Poblicius (1. Jh. n. Chr.), eines der Highlights des Museums.

Aus der Zeit gefallen – das kommt der Wahrheit sehr nahe. Erst wurden die Kunstwerke von den Nazis verfemt, dann landeten sie im Bombenschutt. Nun wandern sie durch deutsche Museen, so wie sie schon einmal in verschiedenen Städten zu sehen waren, in den späten 1930er Jahren. Damals verunglimpfte Nazi-Deutschland sie als „entartete Kunst“, heute soll ihre Rehabilitierung versucht werden. Doch so einfach lässt sich Verschollen-Sein nicht ungeschehen machen.

Nachts im Museum, Emy Roeders Fragment der Schwangeren.
Emy Roeder, Schwangere (1918, Fragment)

Nachts im Museum lesen wir Künstlerbiografien, die ihrer Zukunft beraubt wurden. Emy Roeder. Edwin Scharff. Karel Niestrath. Fritz Wrampe. Richard Haizmann. Otto Freundlich. Marg Moll. Molls Tänzerin war es, die die Aufmerksamkeit des Berliner Grabungshelfers erregte. Heute ist sie das Leitmotiv der Ausstellung „Der Berliner Skulpturenfund. ‚Entartete Kunst‘ im Bombenschutt“.

Nachts im Museum: Archäologie der Moderne in Köln
Wanderausstellung verschollen geglaubter Skulpturen der klassischen Moderne
Tänzerin, Skulptur von Marg Moll.
Marg Moll, Tänzerin (um 1930)

Die bittere Ironie dieser Museumsschau: Es ist immer noch die Nazi-Ideologie, die ihr Thema und ihre Zusammensetzung bestimmt.

Archäologie der Moderne in Köln

Gleich nebenan Funde aus der gleichen Zeit, aber in einem völlig anderen Kontext. Sie werfen ein Schlaglicht auf den Alltag im Vorkriegsköln, so, wie er sich zufällig im Bombenschutt erhalten hat. Wer das anschaut, bekommt eine Ahnung von der zerstörerischen Gewalt der Bombennächte – und davon, was Archäologen einmal von unserer Vergangenheit ausgraben werden.

Bombenschutt im Museum.
Bad-Armaturen mit Miniaturbadewanne

Bad-Armaturen, Kölnisch-Wasser-Flakons, Tiegel und Cremedosen, eine verschmorte Schreibmaschine, ein Kasten Bier, ja sogar ein Tontopf mit Soleiern kam unter den Trümmern hervor. Auch diese Objekte waren gewissermaßen verschollen – in vergessenen Kisten im Museumsfundus.

Ein Bierkasten als archäologischer Fund.
Bierkasten der Akt.-Brauerei zum Hasen, Augsburg, mit zum Teil noch unversehrten Flaschen

Sie füllen einen ganzen Saal, den wir nachts im Museum für uns allein haben. So bleibt Zeit für Details. Die Tatsache zum Beispiel, dass der Bierkasten kein Kölsch, sondern Augsburger „Hasenbräu“ enthielt. Oder der Umstand, dass zu den Bad-Utensilien kostspielige Importe wie Zahnpaste aus Manchester gehören. Für heutige Augen ungewöhnlich sind auch Zahnbürsten aus Knochen.

Ausgegrabene Bad Utensilien.
Badutensilien mit englischer Zahnpaste von Jewsbury & Brown und beinerner Zahnbürste ohne Borsten

Zwischendrin erzeugen großformatige Fotobahnen ein seltsam echtes Raumgefühl. Zu sehen ist ein Kölsch-Brauhaus oder die Hohe Straße – das eine steht noch am selben Ort, die andere ist heute eine gesichtslose Fußgängerzone.

Nachts im Museum: Archäologie der Moderne in Köln
Kölsch-Brauhaus in Domnähe. Die großen Fenster im Erdgeschoss prägen auch die heutige Fassade.

Das Nebeneinander der beiden Ausstellungen ist diskussionswürdig – bis auf ihre Herkunft aus dem Bombenschutt des Zweiten Weltkriegs haben sie nicht viel miteinander zu tun. Das macht nichts, wenn man sich für beide Zeit nimmt. Das geht am besten nachts im Museum.

Service

Die Sonderausstellungen „Der Berliner Skulpturenfund“ und „Archäologie der Moderne in Köln“ sind noch bis zum 26. April 2015 zu sehen. Geführte Rundgänge bietet das Römisch-Germanische Museum jeden Dienstag um 15.30 Uhr an. Wer die Ruhe nachts im Museum schätzt, findet diese jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr. Das Museum liegt unmittelbar neben Hauptbahnhof und Kölner Dom und ist nicht zu verfehlen. Weitere Infos zu den Ausstellungen gibt es hier.