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NZ: (M)ein Irrenhaus in Hokitika

Neuseeland. Fernes Land, Sehnsuchtsland, sagenhaftes Land! Neben Zielen für Extremsportler und Outdoor-Fans bietet die Südinsel auch Schräges und Verwunschenes. In Hokitika, dem Ort des Wild Food Festivals, kann man in einer ehemaligen Irrenanstalt übernachten und über sie hinweg fliegen. Verrückt, oder?

Meine letzte Reisegeschichte über Segeln in der neuseeländischen Bay of Islands zur Weihnachtszeit hat so viele Erinnerungen an Aotearoa, das Land der langen weißen Wolke, zurückgebracht. Besonders an die wilde, bis auf wenige Ausnahmen dünn besiedelte Südinsel. An Westland und die Gegend der „Roaring 40s“, wie die starken Westwinde südlich des 40. Breitengrades genannt werden. Nun drängen immer mehr Erinnerungen und Geschichten aus dieser Zeit ans Licht.
Die heutige Geschichte beginnt hier. In Hokitika. Einem Küstenort zwischen den berühmten und viel bestaunten Punakaiki Pancake Rocks, die ich, von Norden kommend, zuvor besucht hatte, und …

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Die Pancake Rocks in Punakaki sind ein „must see“ für alle, deren Tour über die Südinsel Neuseelands sie an der Westküste entlang führt. Den Namen verdanken sie der Tatsache, dass sie wie geschichtete Pfannkuchen aussehen.

… Mount Cook und die beiden Gletscher (Fox Glacier und Franz Josef Glacier), die meine nächsten Ziele sein werden. Doch jetzt ist erst einmal Pause angesagt, die letzten Tage habe ich viele Kilometer gefressen. Und dafür scheint mir Hokitika der richtige Ort. Wie außergewöhnlich es dort sein wird, wie aufregend und entspannend zugleich, weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

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Die klarste, wunderschönste Luft und ein Himmel, der das lockende Leuchten der schneebedeckten Bergipfel noch intensiviert. Willkommen in Hokitika, New Zealand.

Hochsommer auf der Südhalbkugel. Sommer auf Neuseelands Südinsel

Es ist Januar. Hochsommer auf der Südhalbkugel. Eigentlich. Denn das Jahr hat selbst für neuseeländische Verhältnisse wild begonnen. Regengüsse, die wahre Sturzbäche auf die Straßen bringen, Fahrbahnen unterspülen, ganze Campingplätze wegschwemmen. Einmal mehr bin ich dankbar für meine rollende Behausung. Mehrmals gabele ich am Wegesrand bis auf die Haut durchweichte Tramper auf. Nach Tagen des All-eins-Seins genieße ich die tropfnasse Gesellschaft. Dass sie Rudolfs Inneres binnen Sekunden in eine Dampfsauna verwandeln – geschenkt. Rudolf? Verzeihung, ich habe euch noch gar nicht vorgestellt: Rudolf ist der Toyota Diesel-Bus mit Vierradantrieb. Warum ich ihn Rudolf genannt habe? Na wegen seiner leuchtend roten Nase natürlich.

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Für drei Monate mein Zuhause: Rudolf, der wackere Toyota Diesel 4WD mit der leuchtend roten Nase. Der könnte auch Geschichten erzählen…

Die Seaview Lodge – Ein irres Haus für mich allein

Jetzt ist es raus, ich mag rote Autos. Doch mehr noch mag ich Unterkünfte mit Meerblick. Klar, dass ich mich bei einer kurzen Rast und Recherchepause in Greymouth von dem Namen Seaview Lodge angesprochen fühle. Bilder sehe ich zu dem Zeitpunkt keine. Dass die Unterkunft neben den Hostelbetten auch einen eigenen Campingplatz hat, finde ich in jedem Fall super.

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Auf dem Gelände des ehemaligen Seaview Asylums, Hokitika, New Zealand, heute „Seaview Lodge & Kotuku Hostel“.

Ich finde die Seaview Lodge sofort. Sie liegt am nördlichen Rand von Hokitika auf einer Anhöhe. Ich mache den Motor aus, klettere nach draußen und muss mich nach der langen Fahrt erst einmal strecken. Meine Nase wittert das Meer. Als ich mich umdrehe, haut es mir buchstäblich die Luft raus. Die Aussicht auf die Tasmanische See ist atemberaubend und nach den Regengüssen der letzten Tage zeigt sich der Himmel nun wieder in „neuseeländisch blau“. Glück muss man haben! Fast hüpfe ich in die Rezeption, wo mir zum zweiten Mal der Atmen stockt. Im Halbdunkel sehe ich nicht viel, doch das, was sich aus der funzeligen Innenbeleuchtung schält, sieht ein bisschen unheimlich aus. Antiquiert, nicht richtig verstaubt, aber irgendwie eingefroren.

Mittlerweile bin ich schon zwei Monate in diesem Land unterwegs und habe viel Kurioses gesehen. Häuser in den unmöglichsten Lagen, Größen und Ausstattungen. Exzessive Hippie Festivals. Ellenlange Zäune, dicht behängt mit Radkappen, Schuhen und BHs, allerlei Dinge, die wohl nur am anderen Ende der Welt so entspannt durchgehen. Nicht zuletzt für diesen Witz, diese innere Freiheit und Gelassenheit lieben wir „die Kiwis“. Also zahle ich meine 15 NZD für eine Nacht, wünsche dem Wesen hinterm Tresen einen schönen Tag und gehe wieder zurück ins Tageslicht.

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Das Gelände ist weitläufig genug für Wegweiser, die ehemaligen Patientenhäuser tragen eigene Namen.

Am Abend sitze ich draußen vor der Lodge am Hang und genieße die Aussicht. Welch eine Überraschung, als es auf einmal im Gebüsch raschelt und eine Familie, Papa, Mama, Kind, ganz dicht vor mir auftaucht. Sie wohnen im Ort und haben, so sprudelt es aus ihnen heraus, bei ihrem Abendspaziergang eine Höhle voller Glowworms entdeckt. „Glowworms“ kenne ich schon aus den Waitomo Caves auf der Nordinsel. Das sind keine Glühwürmchen, wie wir sie kennen, sondern Pilzmückenlarven. Diese Dinger hängen im Dunkeln von der Decke, leuchten mit dem Popo, um Insekten anzulocken und fangen diese dann mithilfe eines langen Fadens, der an ihnen herab- oder aus ihnen heraushängt. Da die Drei von ihrem kleinen Abenteuer etwas zerzaust und außer Atem sind, spendiere ich Saft und Bier und lade sie ein sich zu mir zu setzen. Nach einem kleinen Schnack nehmen Sie mich auf dem Rückweg – quer durchs Geäst den Steilhang hinunter – mit und zeigen mir die Höhle. Ich bin begeistert.

Hokitika – Von Goldgräbern und Greenstone-Jägern

Am nächsten Morgen gehe ich den Ort. Er ist überschaubar und sieht aus wie eine ehemalige Goldgräberstadt. Erst später lese ich, dass es hier im Westland im 19. Jahrhundert, um 1860 herum, tatsächlich einen Goldgräberrausch gab. Doch das ist Geschichte. Der heutige Ortskern besteht aus einigen Straßenzügen, die von flachen Häusern gesäumt sind. Und touristischen Highlights, die ich allesamt übersehe. Und die mir auch in der Rückschau spektakulär unspektakulär erscheinen.

Ein Greenstone-Schmuckladen neben dem nächsten. In eines der Geschäfte zu gehen und sich selber einen Anhänger zu kaufen, erscheint mir merkwürdig. Ein Maori-Bildhauer, der mir zum Abschied einen Anhänger schenkt, erzählt, dass man sich „Pounamu“, wie die neuseeländische Jade auf Maori genannt wird, eigentlich nicht selber kauft. Meine Freundin Amanda, ebenfalls eine Maori, bestätigt seine Geschichte. Für die Maori ist die neuseeländische Jade weit mehr als nur ein bloß ein Schmuckstein.

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Es ist ein „taonga“, ein Schatz, der über eigenes „mana“ verfügt, also über Lebenskraft. Weshalb er als Geschenk mit besonderer Symbolik aufgeladen ist. Mythos, Kraftquelle, Ausdruck der Verbundenheit mit den Elementen. Als Amanda und ich in Marokko waren, ermutigte sie mich, meinen Pounamu-Anhänger in dem Wasserfall des Atlas-Gebirges zu waschen. Noch besser, ihn an jedem Ort, den ich besuche, mit fließendem Wasser in Berührung zu bringen. Was ich in Deutschland vielleicht als esoterisches Gerede abtun würde, leuchtet mir down under sofort ein. Die Weisheit der indigenen Völker, ihr intuitives Wissen und ihre Verbundenheit mit ihrer „Heritage“, also ihrer Herkunft und der Kraft der Schöpfung, ihr Selbstverständnis als Gärtner und Bewahrer der Natur, macht mich immer wieder staunen.

Hokitika – Hüpfende Betten und flüsternde Wände

Bei meinem Streifzug durch den Ort entdecke ich einen Hinweis auf Wilderness Wings. Ein Rundflug über Mount Cook und die Gletscher ab Hokitika Airport? Anstatt mich darüber zu wundern, dass das kleine Hokitika einen eigenen Flugplatz hat, gehe ich im Kopf kurz mein Budget durch. Was soll’s, das gönn ich mir. Da ich nach etlichen Kilometern auf dem Bock und unzähligen Nächten auf Rudolfs dünner Schaumstoffmatratze große Lust habe, mich einmal wieder in einem richtigen Bett auszustrecken, miete ich mich für eine weitere Nacht in der Lodge ein. Und bekomme ein Einzelzimmer. Wenn schon, denn schon.

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Die Vergangenheit von Hokotikas Mental Asylum mischt sich mit Gegenwart, der ganze Ort flirrt und changiert zwischen kristallklarer Schönheit und leicht morbider Gruselshow.

Das Bett, auf das ich mich zum Probeliegen als erstes werfe, wirft mich fast umgehend wieder ab. Krasse Sprungfedern, das kenne ich von dem dünnen Schaumstoffstreifen aus meinem Bus natürlich nicht. Der zweite Versuch. Wenn ich mich vorsichtig bette, ist es durchaus bequem. Doch an was bin ich da gerade eben vorbeigelaufen? Wie zum Geier sieht das hier eigentlich aus? Das ganze Etablissement wirkt heute genauso schräg wie bei meiner ersten Stippvisite an der Rezeption.

Konserviert in einem Stil, den ich vorsichtig auf die späten 1960er, frühen 1970er datiere. Seither ist hier offensichtlich nichts mehr erneuert worden. Die langen Korridore, die ganzen kleinteiligen Gegenstände an den Wänden und in den Regalen, die leicht muffigen Duschräume, die Teppiche! Des Nachts schrecke ich ein paar Mal auf, die Wände ächzen, winseln und stöhnen. Vor lauter Gegrusel und Gelausche vergesse ich selbst am nächsten Tag, die Innenräume zu fotografieren. Glücklicherweise habe ich im Netz ein Video gefunden, das einen Rundgang durch das „spooky house“ beschreibt. Traut ihr euch? Dann hereinspaziert:

Video by Donna & Gareth, borebags In den Kommentarfeldern des YouTube-Filmchens finden sich weitere Horrorstories à la „Einer flog übers Kuckucksnest“ und Schlimmeres. Gerüchte eines Gärtners oder steckt doch mehr dahinter?

Vielleicht ist es auch die Aufregung über meinen bevorstehenden Gletscher-Flug, die mich nach einer unruhigen, durchwälzten Nacht schon vor Sonnenaufgang erwachen lässt. Der morgendliche Spaziergang über das alte, weitläufige Klinikgelände wird zu einer faszinierenden Entdeckungstour. Langsam verstehe ich den Zusammenhang zwischen Hostel und Hospital. Zu seinen Hochzeiten war das Seaview Asylum, ein psychiatrisches Krankenhaus, der größte Arbeitgeber in Hokitika. Das ehemals 60 Hektar große Grundstück beherbergte zeitweise über 500 Patienten, dazu kamen Unterkünfte für Bedienstete sowie Tennisplätze und Swimming Pool und allerlei andere zum Hospitalkomplex gehörende Gebäude.

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Das Schwimmbad auf dem Gelände des ehemaligen Mental Asylums in Hokitika, New Zealand. Niemand im Wasser, doch der Mond schaut zu.

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Der „Huia“, ein bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ausgestorbener Vogel, der nur auf Neuseeland vorkam, ist Namenspate für diese verlassene Patienten-Villa auf dem Gelände des Mental Asylums in Hokitika.

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Obwohl die Patientenhäuser der Irrenanstalt schon eine Weile leer stehen, denke ich mehrmals, Schatten durch die Räume huschen zu sehen. Oder ist es nur mein eigener?

Laut meiner Recherche wurden die letzten verbliebenen Patienten in 2009 verlegt und das Grundstück parzelliert verkauft. Wie es dort wohl mittlerweile aussieht? Zu gern wüsste ich, was seit meiner Abreise aus den verbliebenen Häusern der ehemaligen Irrenanstalt geworden ist. Für mich war dieser Zufallsfund in jedem Fall der helle Wahnsinn.

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Ich bin kein Arzt, aber vielleicht macht auch dieses Blau einen ein bisschen irre?

Wenig später, auf dem Cessna-Rundflug über Mount Cook und die Gletscher überfliegen wir das Areal des ehemaligen Seaview Asylums. Ich erhasche noch einen guten Überblick, bevor die schneebedeckten Berggipfel, zum Greifen nah, meine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Doch das ist wieder eine andere Geschichte.

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Diese Luftaufnahme vom Seaview-Gelände lässt erahnen, wie groß die Einrichtung einmal war. Immerhin avancierte die Irrenanstalt zum größten Arbeitgeber im Ort, nachdem die Goldgräberzeiten vorüber waren.

Service

Ein Flug mit Wilderness Wings, 30min Glück ab Hokitika Airport.

Die Seaview Lodge hat keine eigene Website, aber auf der offiziellen Website von Hokitika ist es gelistet.
seaviewlodge(AT)xtra.co.nz, PH: (03) 755 5230

Alle Jahre wieder, zum nächsten Mal am 12. März 2016, findet DER kulinarische Gruselspaß Neuseelands in Hokitika statt. Das Wildfoods Festival.

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