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Nackt zum Wrack. Norderney im Sommer

In der Hauptsaison betört Norderney mit üppiger Sinnlichkeit. Die beliebte Ostfriesische bietet Meermeditationen in unendlichen Varianten. Und Party. Der Kontrast zwischen Thalasso- und Geselligkeits-Hotspot ist jetzt so stark wie der Duft der Dünenrosen. Abseits feiernder Gruppen bleiben Einsiedler für sich.

Norderney ist eine meiner Lieblingsinseln im Wattenmeer der deutschen Nordsee. Neben Amrum. Und jeder kleinen Sandbank, auf der salzig und saftig das Leben tanzt. Im Rhythmus von Ebbe und Flut. So oft ich kann, lasse ich mich in Norddeich vom Schlund einer der modernen Fähren schlucken. Und schon eine knappe Stunde später im Hafen von Norderney wieder ausspucken. Meistens in der Nebensaison oder gar im Winter. Darüber, wie charmant eine leere Insel sein kann, habe ich in Norderney – Die Ruhe vor dem Sturm bereits erzählt.

Norderney im Winter. Zu Kälte und Wind gibt es oftmals strahlend blaue Himmel. Die Strandkörbe sind weg, der Weststrand ist leer.

Norderney im Winter. Es mag kalt und windig sein, doch dazu gibt es häufig strahlend blauen Himmel. Die Strandkörbe sind weg, der Weststrand ist leer.

Ankommen auf Norderney im Sommer

Erstmals verschlafe ich die Überfahrt. Gibt’s doch nicht. Doch macht einen das allein nicht gleich zum routinierten Insel-Hasen. Noch haben die Sommerferien nicht begonnen. Die Fähre ist gut gebucht, doch nicht überfüllt. Ein neues Fahrgast-Terminal ist in der Entstehung, der Molenkopf eine einzige Baustelle. Auf Bildern sieht das vom Leeraner Architekturbüro Lorek entworfene Gebäude aus wie eine Mischung aus Raumschiff mit Anklängen von Sanddüne an Fernbedienung. Geschwungene Linien und ein spielerischer Wechsel von innen- und geschützten Außenräumen für jeden Wind und jedes Wetter. Noch lässt sich die zukünftige Form nur erahnen.

Es ist 7h morgens. Ich sitze nach einem ausgedehnten Morgenspaziergang mit einem Kaffee in der Hand auf einer kleinen Treppe am Weststrand. Schaue dem Tag beim Wachwerden zu. Die Strandkörbe sind leer. Zwei Jogger, ein paar übermüdete Muttis, die früh-quengelige Kinder an der frischen Luft ratzfatz zurück ins Land der Träume geschoben haben und nun zufrieden vor sich hin trabend ihren Gedanken nachhängen, eine Handvoll Hund-Herrchen-Kombis auf Rädern. Noch keine Nackten am FKK Strand. Auch keine Wilden mehr. Die Letzten der Beachparty schnarchen jetzt auf ihren Jugendherbergsmatratzen.

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Am historischen Denkmal ist der Duft der Dünenrosen besonders betörend. Hier erinnert ein Stockanker aus der Zeit der Hanse an die Männer, die ihr Leben auf See ließen. Gefunden und geborgen wurde das gut erhaltene Stück 1974 vor Den Helder / Niederlande.

Wohlgenährte Möwen gleiten schwerelos durch den Wind. Haben sie mehr Muckis und eine größere Spannweite als die Festlandmöwen vor der Küste Dithmarschens? Oder ist es eine andere Art? Sturmmöwe, Mantelmöwe, Heringsmöwe? Nächstes Mal nehme ich ein Bestimmungsbuch mit. Jedenfalls kommen sie mir heute ganz besonders majestätisch und elegant vor. Die kleinen roten Flecken am Schnabel erinnern an Klebepunkte, die in Galerien den Beziehungsstatus eines Bild als „verkauft“ markieren.

„Ich muss Sie mal verscheuchen“, höre ich eine klare Stimme hinter mir. Weder theatergeflüstert, noch extra gegen den Wind gerufen, „Können Sie mal aufstehen, bitte?“ Im Aufstehen drehe ich mich um. Und erblicke eine schlanke, kleine Person, die energisch auf mich zukommt.
„Schon wieder Menschen“, schnauft sie, als sie sich auf der schmalen Metalltreppe an mir vorbeidrängt, „ich hatte gedacht, jetzt noch nicht.“ Ich muss lachen. „Da müssen Sie früher aufstehen, vor 6 Uhr haben Sie den Strand für sich allein. Zumindest ging es mir so.“ Sie wirft mir einen gehetzten Blick zu. Ich muss an „Die Geschichte von Herrn Sommer“ denken. Ein Buch von Patrick Süskind, in dem es um einen Mann geht, der nicht zur Ruhe kommt. Und immerzu laufen muss. Und einen Jungen, der sich an ihn erinnert.

Die Frau trägt braune Wanderschuhe zu einer Hose in Beerensorbet-Tönen und einer rosa Jacke mit Kapuze. Dazu ein feines Gesicht mit weißem, leicht gewelltem Haar. Der Schwung ihrer schmalen Lippen ist forsch, ihr Gang etwas unrund, doch energisch. Zielstrebig stürmt sie am unteren Treppenabsatz des Deiches die wenigen Schritte zur Wasserkante, trippelt dann ein paar Meter nach rechts und schreitet bedächtig, fast so als befände sie sich auf einer begehbaren Bodenplastik von Carl Andre, über die nächste Zungenbuhne. Erst Minuten später verschwindet sie langsam aus meinem Blickfeld.

Zwischen Strandkörben und Sonnendeck

Überfüllte Urlaubsorte sind anstrengend. Finden fast alle. Die ältere Dame von eben anscheinend auch. Und doch fährt (fast) jeder gern im Sommer hin und will dann insgeheim das Paradies für sich allein. Die Realität sieht natürlich anders aus. Eine fröhlich gestreifte Strandkorb-Armada säumt die Sandstrände. Rosiges oder wahlweise ledrig-gebräuntes, strammes oder wogendes Fleisch wirkt von Ferne wie in die ansonsten sommerblaue, wölkchenfluffige Sandstrandlandschaft getupft. Aus der Nähe trägt der leichte Wind Sprachfetzen in unterschiedlichen Dialekten an die Ohren, wo sie sich mit Sonnencremegeruch vermischen. Die Dünenrosen stehen in voller Blüte. Alles duftet. Sogar das Dünengras.

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Wie stark uns doch Gerüche prägen. Inmitten dieser Pracht aus Dünenrosen und Dünengras katapultiert mich einmaliges Einatmen an die Nordseeküste Jütlands. Im dänischen Blåvand, am Hennestrand und in den Dünen bei Børsmose riecht es ganz genau so. Wunderbar!

Mittags, nach einem ausgedehnten Frühstück im Kurpalais des Conversationshauses, schlendere ich mit dem Mann zum Norderneyer Yachthafen. Da ertönt eine Fahrradklingel. Wir schwenken an den Rand des Bürgersteigs. Die Stimme vom frühen Morgen dringt von seitlich hinten an mein Ohr: „Das ist ja toll, dass Sie so schnell Platz machen. Also wirklich, eine Seltenheit. Die meisten Leute hören nix und sehen nix. Laufen einfach bräsig nebeneinander. Mit ihren Hunden, ihren Kinderwagen und ihrem ganzen Gelump.“

Ich erkenne sie sofort. „Ach, wir haben uns doch heute früh schon gesehen“, rufe ich ihr zu. Sie erkennt mich nicht. In die Pedale tritt sie hingegen genau so unrund aber souverän, wie sie zuvor gelaufen ist. Spricht einfach weiter mit dieser bemerkenswerten, keineswegs unangenehmen Stimme vor sich hin. Selbstvergessen selbstbewusst wie jemand, der weiß, dass er gehört wird. Weil er überzeugt ist, dass er recht hat mit dem, was er beobachtet, empfindet und bemerkt. Dann ist die Frau wieder weg, hinter der nächsten Kurve verschwunden. Das letzte was ich von ihr höre, ist ihre Fahrradklingel. Schade. Hätte zu gerne gewusst, was eine solch ausgemachte Misanthropin in der Hauptsaison auf einer der beliebtesten Nordseeinseln überhaupt sucht.

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Norderneyer Meermeditation in zarten blau- und rosa Farbtönen mit Blick auf die Fahrrinne. Die Horizontlinie schmilzt jede Zeitschiene. Blinzeln nicht vergessen.

Der Yachthafen von Norderney

Letztes Jahr kamen wir hier an, nicht am Fährhafen. Nachdem ich – unter den wachsamen Blicken von Skipper Gerd – die Kyle of Lochalsh in den Hafen lenken und in eine freie Parkbucht einfädeln durfte. (Zu den beiden Geschichten über Segeln im Wattenmeer der Nordsee geht es hier und hier.) Die Sonne brennt, die Scheitel brutzeln. Wenn kein Wind weht, gibt es nicht einmal eine Illusion von Schutz. So ist das auch im Sommer auf der Insel. Neben uns seufzt ein anderes Paar. Er reckt sich der Sonne entgegen, sie sucht Schatten und fächelt sich Luft zu. Same here… Zur Abkühlung genehmigen wir uns eine Limonade im Ney’s Place, der Restauration im Yachthafen, die seit dieser Saison in neuem Glanz erstrahlt.

„Hitze hat se, sagt se, hätt se; Kühlung, sagt se, braucht se, möcht se.“

Abends an der Milchbar begegne ich der alten Dame erneut. Eine Riesentraube Menschen bevölkert die Außenterrasse und den Deich. Alle schwatzen, halten kühle Drinks in den Händen und sehen wahnsinnig lässig aus. Noch ein Spektakel, das in ideser Form der Sommersaison vorbehalten ist. Ein bisschen Sylt, ein bisschen La Gomera. Auch „bei Maria“, wie die „Casa Maria“, ein ehemaliger Hotspot auf der Kanarischen Aussteiger-Insel von seinen Fans liebevoll genannt wurde, versammelten sich allabendlich Menschen zum Trommeln und Tanzen bei Marihuanaduft, während die Sonne im Meer versinkt. Die alte Maria ist 2015 verstorben. Und hier und heute auf Norderney riecht die Luft nur nach Salz.

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Kitschpostkartenmotive werden hier minütlich, was sag ich, sekündlich fotografisch eingefangen. Es ist auch einfach zu schön. In letzter Sekunde schiebt sich an jenem Abend ein Wolkenband zwischen Himmel und Meer und verdeckt den Plumps des Taggestirns. Puh. Na Gott sei Dank ;-)

Auf dem Weg zu den Waschräumen sehe ich sie. Sie steht allein, an die windgeschützte Wand der Milchbar gelehnt, die Hände entschlossen in den Jackentaschen vergraben. Ich bin mir sicher, sie hat sie zu Fäusten geballt. Hochkonzentriert beobachtet sie den Sonnenuntergang, so weit weg von der fröhliche Blase vor der Milchbar wie möglich, die Augen fest auf den Horizont geheftet. Ich denke mir, auf dem Rückweg von der Bar spreche ich sie an. Als ich zurückkomme, sehe ich sie noch den Deich in Richtung Weststrand laufen. Jetzt sehe ich, dass sie den Fuß leicht eindreht, das Knie wirkt instabil.

Morgen gehe ich in die FKK-Strandsauna und, wenn ich schon einmal da bin, gleich weiter, am besten noch einmal 7km weiter ostwärts, am besten einfach nackt zum Wrack, ganz am nordöstlichen Ende der Insel, mitten im Naturschutzgebiet. Ich bin so gespannt, ob ich der alten Dame wieder begegne. Spätestens wenn sie wieder beginnt ihre Umgebung zu kommentieren, werde ich wissen, wer sie ist. Auch ohne Klamotten.

Service

Ich empfehle die Anreise mit der Bahn, am besten über den Sparpreisfinder. Wer mit Vorlauf buchen kann und ein Sparticket erwischt, ist von Berlin aus schon mit knapp 80 Euro pro Person dabei (Hin- und Rück inklusive Hin- und Rückticket für die Fähre wohlgemerkt!). Auf der Insel braucht man echt kein Auto. Es sei denn, man ist mit großem Gepäck auf dem Weg zu einem der Campingplätze, zum Beispiel „um Ost“

Ein Tipp, wenn ihr mit der Bahn anreist, bucht in jedem Fall bis Norderney, nicht nur bis „Norddeich Mole“! Falls ihr durch Verspätungen die letzte Fähre verpasst, ist die Übernachtungsfrage durch die Bahn zu klären. Bucht ihr nur bis zur Küste, müsst ihr eine außerplanmäßige Übernachtung auf dem Festland im Zweifelsfalle selbst bezahlen.

Das eigene Rad mitnehmen hört sich erstmal gut an. Doch kann man im ICE bislang noch keine mitnehmen. Einen Versand über die Bahn finde ich nur sinnvoll, wenn man mehrere Wochen bleibt. Sonst ist es mit 37 Euro pro Strecke doch recht teuer und das Handling nicht unkompliziert, das Fahrrad muss ja einige Tage vor Abreise eingecheckt und dann vor der Rückreise wieder aufgegeben werden und einem in dieser Zeit nicht zur Verfügung steht. Fahrradverleiher gibt es auf Norderney zuhauf. Bei RadToni in der Winterstraße finde ich vom Preis über das Bike bis hin zur Klingel alles super.

Mehr Lieblingsorte

Norderneyer Brauhaus. Das kleine Brauhaus macht sich. Nach Aufbau der Weststrandbar und dem Umbau des Stammhauses ist die Brauerei wegen der großen –Nachfrage umgezogen. Sogar bei Edeka ist der edle Hopfentropfen jetzt schon in 0,33 Flaschen zu bekommen. Mit 2,80 Euro pro Fläschchen nicht ohne, doch die Leute lieben den Stoff.

Goode Wind, Michael Kleimann macht einfach die besten Cocktails auf der Insel. Mit Sanddorn, mit Queller, und ganz besonders fein auch mit Gin.

Das Esszimmer im Inselloft: Ganz schön hipp kommt das neue Inselloft am Damenpfad daher. Irgendwie scheint sich ein gewisser Insel-Look etabliert zu haben. Ney’s Place, Weiße Düne sieht für mich mittlerweile alles ähnlich aus. Hier steht Katzengras auf den Tischen. Kann man machen. Das Essen ist schon sehr sehr fein. Muss man loben.

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Mit vor Wonne zittriger Hand fotografiert: Rote Beete Risotto mit Wachtelbrust.

Ein kleiner Schock: Das Badehaus ist schon wieder teurer geworden. 30 Euro kostet jetzt ein Tagesticket für die Feuerebene (Spa-Sauna-Bereich) inkl. Wasserebene, mit NCard 27 Euro. Happig.

Zum Wrack: Wer nicht warten will, bis ich wieder im Sommer auf die Insel fahre und diese Aktion nachhole, kann sich ja ruhig tüchtig zur Geschichte des vor Norderney gestrandeten Wracks belesen.